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Ganzkörpertaufe

Die Ganzkörpertaufe ist die ursprüngliche Form der christlichen Taufe. Sie wird durch Untertauchen (Immersionstaufe) oder durch Übergießen (Infusionstaufe) …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wesen und Bedeutung
  2. 2. Biblische und antike Praxis
  3. 3. Täufer, Mennoniten und Baptisten
  4. 4. Ganzkörpertaufe in der Gegenwart
  5. 5. Taufbecken und Wandel der Formen
  6. 6. Kirchliche Praxis heute

Wesen und Bedeutung

Die Ganzkörpertaufe ist die ursprüngliche Form der christlichen Taufe. Sie wird entweder durch Untertauchen (Immersionstaufe) oder durch Übergießen des Körpers beziehungsweise des Kopfes (Infusionstaufe) vollzogen. Die Wasserhandlung ist nur eine Sequenz des gesamten Taufrituals.

Ihre Bedeutung wird besonders in Röm 6,3–4 deutlich: Wer getauft wird, hat durch das Untertauchen Anteil am Sterben Jesu Christi und durch das Auftauchen Anteil an seiner Auferstehung. Die Taufe stellt dadurch eine Schicksalsgemeinschaft mit Jesus dar. Ulrich Wilckens deutet das Untertauchen als elementare Erfahrung des Versinkens und der anschließenden Rettung. Daraus könne ein lebenslanges Vertrauen auf Gottes Rettungskraft entstehen.

Orthodoxe Kirchen und viele Freikirchen praktizieren die Ganzkörpertaufe. In der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen Landeskirchen war sie in der Frühen Neuzeit ungebräuchlich geworden, ist heute aber wieder möglich. Dort bleibt meist eine reduzierte Form der Infusionstaufe üblich: Wasser fließt hörbar und sichtbar, doch nur eine geringe Menge gelangt auf den Kopf des Täuflings.

Biblische und antike Praxis

In der Urgemeinde wurde vorzugsweise in „lebendigem Wasser“, also in fließendem Wasser, getauft. Die Didache, eine christliche Schrift vom Ende des 1. Jahrhunderts, nennt jedoch mehrere Möglichkeiten: Zuerst sollte im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes in fließendem, möglichst kaltem Wasser getauft werden. War dies nicht möglich, durfte anderes, warmes Wasser verwendet werden. Fehlte auch dieses, sollte dreimal Wasser auf den Kopf gegossen werden. Vor der Taufe sollten der Taufende, der Täufling und möglichst weitere Beteiligte fasten; der Täufling sollte ein oder zwei Tage vorher fasten.

Nach Christian Strecker wurde entweder dreimal untergetaucht oder der Täufling stand im niedrigen Wasser, während sein Kopf dreimal mit Wasser übergossen wurde. Justin beschrieb im 2. Jahrhundert, dass die Täuflinge zu einem Ort mit Wasser geführt würden und dort „in einer Art von Wiedergeburt“ ein Bad nähmen. Der Barnabasbrief erwähnt das Hinabsteigen in das Taufwasser und das Wiederhinaufsteigen. Tertullian hielt den Ort für unerheblich: Getauft werden könne im Meer, Sumpf, Fluss, an einer Quelle, in einem See oder in einem Wasserbecken. Entscheidend sei nicht das Gewässer, sondern die Taufe selbst.

Im 8. Jahrhundert taufte Bonifatius bei seiner Mission Erwachsene durch Untertauchen in Flüssen. 988 fand eine Massentaufe der Kiewer Rus im Dnepr statt. Bei der Missionierung Pommerns im 12. Jahrhundert ließ Otto von Bamberg drei große Fässer eingraben und mit Zelten überdachen, weil die Menschen unbekleidet getauft wurden.

Täufer, Mennoniten und Baptisten

Die Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts wollte die urchristliche Gläubigentaufe wiedergewinnen. Für viele Täufer war die äußere Form weniger wichtig; häufig wurde der Kopf einer knienden Person mit Wasser besprengt oder übergossen. Menno Simons erwähnte eine Taufe mit „einer Handvoll Wasser“.

Eine Ausnahme bildete die frühe Schweizer Täuferbewegung um Konrad Grebel. 1525 taufte Grebel Wolfgang Ulimann auf dessen Wunsch durch Untertauchen im Rhein nahe Schaffhausen. Am Palmsonntag, dem 9. April 1525, taufte Grebel außerdem viele Personen aus Sankt Gallen in der Sitter. Die Polnischen Brüder, eine unitarisch ausgerichtete Gemeinschaft, forderten und praktizierten regelmäßig die Immersionstaufe. Die Vertreibung der Polnischen Brüder 1658 trug zur Verbreitung dieser Praxis in anderen täuferischen Gemeinschaften bei.

Mennoniten in Waterland, die auch Kollegianten genannt wurden, praktizierten im frühen 17. Jahrhundert die Gläubigentaufe durch Untertauchen. Nach traditioneller Ansicht empfing Richard Blunt dort die Taufe und gab sie an englische Baptisten weiter. Die sogenannten Dompelaars besaßen unter anderem seit 1708 in Hamburg-Altona eine eigene Kirche und nutzten einen Teich bei Barmbek. Ein Teil der Krefelder Dompelaars wanderte 1719 nach Pennsylvania aus; aus ihnen gingen die Schwarzenauer Brüder oder Dunkers hervor.

Bei einem Teil der britischen Baptisten, besonders den Particular Baptists, wurde im 17. Jahrhundert die Taufe nach dem biblischen Vorbild wichtig. Richard Blunt taufte im Januar 1642 eine Gruppe von 53 Gläubigen durch Untertauchen. Unter den frühen Baptisten gab es aber weiterhin verschiedene Taufformen, darunter das Übergießen. Eine Taufe in Whittlesford von 1767 zeigt den typischen Ablauf: Nach einem Gottesdienst am Fluss zogen sich Männer und Frauen getrennt um, die Täuflinge trugen besondere weiße Kleidung, und der Prediger sprach die trinitarische Formel, bevor er jeden Gläubigen einmal im Fluss untertauchte. Assistenten halfen anschließend beim Verlassen des Wassers. Wegen gesellschaftlicher Vorbehalte, besonders gegenüber dem Untertauchen von Frauen, wurde auf angemessene Kleidung und Schicklichkeit geachtet.

Ganzkörpertaufe in der Gegenwart

In orthodoxen Kirchen sind Taufen in Flüssen, Seen oder im Meer grundsätzlich möglich. Davon zu unterscheiden sind Zeremonien, bei denen Menschen zur Erinnerung an die Taufe Jesu im Jordan in Wasser untergetaucht werden. In Russland finden seit dem Ende der Sowjetunion häufig Taufen in Flüssen statt. Am 28. Juli, dem Gedenktag der Taufe der Kiewer Rus, werden dabei oft Hunderte Menschen jeden Alters von Priestern oder Bischöfen dreimal vollständig untergetaucht. Das Moskauer Patriarchat unterstützt diese neu entstandene Tradition.

In der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche findet die Erwachsenentaufe möglichst morgens an einem Fluss oder Teich statt. Der Priester taucht den Täufling dreimal im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes unter. Ist kein geeigneter Ort erreichbar, wird der Täufling dreimal mit Wasser übergossen; ein vollständiges Übergießen kann das Untertauchen ersetzen.

In vielen Freikirchen wird nur einmal untergetaucht. Die Taufe kann in einem Fluss, See, Meer, Schwimmbad oder Taufbecken stattfinden. Eine für Freikirchen wichtige Auslegung von Gilbert Burnet aus dem Jahr 1694 beschreibt, dass der Täufling wie ein Toter rückwärts in das Wasser gelegt, anschließend aufgerichtet und aus dem Wasser gehoben wird. Beim Bund Freier Evangelischer Gemeinden geht der weiß gekleidete Täufling ins Wasser. Der Täufer legt eine Hand auf seinen Kopf, spricht die trinitarische Formel, taucht ihn kurz rückwärts oder senkrecht unter und hebt ihn wieder empor, häufig mit dem Zuspruch „Friede sei mit dir!“

Auch evangelische Landeskirchen öffnen sich wieder für diese Form. Der Entwurf der neuen Taufagende von VELKD und UEK aus dem Jahr 2018 sieht Tauffeste in der Natur vor. Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene können in einem Fluss oder See bis zu den Knien im Wasser stehen und übergossen oder untergetaucht werden. Die Württembergische Landeskirche änderte 2018 als erste Gliedkirche der EKD ihre Kirchenordnung; ab Januar 2019 wurde die Ganzkörpertaufe für Jugendliche und Erwachsene ermöglicht. Sie soll besonders bei Taufen im Freien an fließenden Gewässern verwendet werden. Zugleich bestand die Sorge, das Sakrament könne zu einer „Eventisierung“ werden.

Taufbecken und Wandel der Formen

Die Traditio Apostolica, eine wahrscheinlich ägyptische Kirchenordnung des 4. Jahrhunderts, setzt ein stufenförmiges Taufbecken voraus. Nach der Salbung stiegen Priester, Täufling und Diakon in das Wasser. Der Priester stellte drei Tauffragen; nach jeder bejahenden Antwort übergoss der Diakon den Täufling mit Wasser. Wie die teils etwa einen Meter tiefen Becken genau genutzt wurden, ist nicht sicher. Rekonstruktionen reichen vom Untertauchen im Seitenarm eines kreuzförmigen Beckens bis zum rückwärtigen Hinlegen des Täuflings. Frühchristliche Darstellungen zeigen meist einen im niedrigen Wasser stehenden Menschen, dessen Kopf aus einem Gefäß übergossen wird.

Ab dem späten 7. Jahrhundert kamen Bodenpiscinen außer Gebrauch, weil die Kindertaufe zum Normalfall wurde. Seit dem 13. Jahrhundert galt das dreimalige Untertauchen für viele führende Theologen nicht mehr als notwendig; dreimaliges Übergießen genügte. Kälte in den Kirchen und die Gefährdung von Säuglingen waren wichtige praktische Gründe. In der Reformationszeit bestanden beide Formen weiter. Martin Luther schrieb 1526 im Taufbüchlein, der Täufer solle das Kind in die Taufe tauchen, und betonte im Großen Katechismus die Symbolik des Versenkens und Heraushebens. Die Bremer Kirchenordnung von 1534 erlaubte, Kinder ins Wasser zu stecken oder Wasser so über den Kopf zu gießen, dass es über den Rücken lief. Johannes Brenz erklärte 1553, Untertauchen und Übergießen seien für den Glauben gleichgültig, empfahl bei Säuglingen aber aus Sicherheitsgründen das Übergießen. Das Rituale Romanum sah die Immersion weiterhin als regional übliche Form vor und beschrieb das dreimalige Untertauchen von Kindern und Erwachsenen.

Kirchliche Praxis heute

Die orthodoxen Kirchen haben die spätantike Taufordnung besonders getreu bewahrt. Im byzantinischen Ritus wird vollständig untergetaucht; dabei lautet die Formel: „Der Diener Gottes N. wird getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Im armenischen Ritus wird Wasser auf die Stirn gegossen und das Kind anschließend dreimal mit dem Kopf untergetaucht. Im syrischen und maronitischen Ritus wird dreimal Wasser über den Täufling gegossen. Im chaldäischen Ritus befindet sich der Täufling bis zum Hals im Wasser und wird dreimal untergetaucht. Im koptischen Ritus erfolgt ebenfalls dreimaliges Untertauchen, jeweils verbunden mit einem Anhauch und der dreigeteilten trinitarischen Formel.

Der römisch-katholische Kindertaufritus von 2008 betont, dass die Immersion die Teilnahme an Tod und Auferstehung Christi deutlicher ausdrückt als das Übergießen. Das Übergießen bleibt jedoch der Normalfall. Für eine Kindertaufe durch Untertauchen wird ein ausreichend großes, würdiges Taufbecken benötigt; ein beschriebenes Becken ist 60 cm hoch, hat einen oberen Durchmesser von 51 cm, einen unteren Durchmesser von 38 cm und fasst etwa 75 Liter Wasser. Das Kind wird dreimal untergetaucht, während die trinitarische Formel gesprochen wird. Wünschenswert ist ein Zu- und Abfluss, damit die Symbolik des „lebendigen Wassers“ sichtbar wird.

Beispiele moderner katholischer Taufbecken sind St. Maria Magdalena in Bochum-Höntrop mit einem seit 2000 bestehenden, kreuzförmigen Becken, St. Agnes in Hamm mit einem runden Becken von 2,90 Metern Durchmesser und St. Petrus in Wolfenbüttel, wo am 31. Mai 2022 ein für die Ganzkörpertaufe geeignetes Becken eingeweiht wurde. In der evangelischen St. Petri-Pauli-Kirche in Lutherstadt Eisleben gibt es seit 2012 ein rundes, in den Boden eingelassenes Becken mit ständig bewegtem Wasser. In fünf Jahren wurden dort mehr als fünfzig Taufen gefeiert, meist von Jugendlichen und Erwachsenen.

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