Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gaben des Heiligen Geistes
Als Gaben des Heiligen Geistes werden im Christentum besondere, vom Heiligen Geist verliehene Begabungen bezeichnet. Gleichbedeutende Begriffe sind …
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und biblische Grundlage
Als Gaben des Heiligen Geistes bezeichnet das Christentum besondere Begabungen, die vom Heiligen Geist verliehen werden. Gleichbedeutend werden die Begriffe Charismata oder Charismen verwendet. Gemeint sind also nicht nur natürliche Fähigkeiten, sondern Gaben, die im Glauben als Wirkung des Heiligen Geistes verstanden werden.
Die biblische Grundlage ist breit. Im Alten Testament nennt Jesaja 11,1–2 sechs Wesenszüge des Geistes: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis und Gottesfurcht. Weitere alttestamentliche Beispiele sind die Gabe der Prophetie, die Gabe, Wunder zu tun, die Gabe der Weisheit sowie Glaube und Gebet.
Im Neuen Testament stehen mehrere Listen der Geistesgaben, unter anderem in Röm 12,6–8, 1 Kor 12,8–10, 1 Kor 12,28–31, Eph 4,7 und 4,11f. sowie 1 Petr 4,10–11. Nach 1 Kor 12,8–10 gehören dazu: Mitteilung von Weisheit, Vermittlung von Erkenntnis, Glaubenskraft, Krankheiten heilen, Wunderkräfte, prophetisches Reden, Unterscheidung der Geister sowie Zungenrede und deren Deutung. Paulus betont dabei, dass der Gebrauch solcher Gaben ohne Liebe, also Agape, nicht ausreicht. Besonders erstrebenswert nennt er die prophetische Rede: „Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede!“
Sieben Gaben in Mittelalter und katholischer Tradition
In der römisch-katholischen Tradition werden im Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1831 sieben Gaben des Heiligen Geistes genannt: Weisheit, Verstand/Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis beziehungsweise heilige Wissenschaft, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Durch sie wird das Wirken des Heiligen Geistes bei den Menschen zum Ausdruck gebracht.
Diese Siebenzahl wird aus Jesaja 11,2–3 abgeleitet. Im hebräischen Urtext ist nur von sechs Gaben die Rede. In der griechischen Septuaginta und der lateinischen Vulgata entstand jedoch eine siebte Gabe, weil der Begriff „Gottesfurcht“ im folgenden Vers erneut erscheint und in den Übersetzungen mit zwei verschiedenen Wörtern wiedergegeben wurde: eines für „Frömmigkeit“ und eines für „Gottesfurcht“.
Die Siebenzahl wurde symbolisch mit anderen Siebenergruppen verbunden: mit den Kardinaltugenden und göttlichen Tugenden, also Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung; mit den sieben Todsünden Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit; sowie mit den sieben Sakramenten Taufe, Firmung, Eucharistie, Bußsakrament, Ehe, Priesterweihe und Krankensalbung. Auch zu den Sieben Freien Künsten Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie wurde ein Bezug hergestellt, etwa in einer Darstellung aus dem Hortus Deliciarum um 1180, in der der Heilige Geist als „inventor“, also Erfinder, Begründer oder Urheber, erscheint.
Theologie und Hymnen des Mittelalters
Im Mittelalter wurden die Gaben des Heiligen Geistes besonders häufig als siebenfältig dargestellt. Der von Rabanus Maurus überlieferte Pfingsthymnus Veni, creator spiritus aus dem 9. Jahrhundert nennt den Heiligen Geist „septiformis“, also siebenförmig oder siebenfältig. In deutscher Übertragung heißt es: „O Schatz, der siebenfältig ziert, o Finger Gottes, der uns führt, Geschenk, vom Vater zugesagt, du, der die Zungen reden macht.“
Auch Stephen Langton von Canterbury besingt im 13. Jahrhundert in der Pfingstsequenz Veni, Sancte spiritus die „Gaben Siebenzahl“. Der Text bittet den Heiligen Geist, den Gläubigen dieses „sacrum septenarium“, also die heilige Siebenzahl, zu geben.
Der Kirchenlehrer Johannes Bonaventura veröffentlichte 1267 das Werk Über die sieben Gaben des Heiligen Geistes, lateinisch Collationes de septem donis Spiritus sancti. Dieses Werk beeinflusste die weitere Lehrentwicklung der Kirche und die franziskanische Spiritualität. Im 15. Jahrhundert schuf Heinrich Kaufringer ein deutsches geistliches Gedicht, in dem er den sieben Gaben des Heiligen Geistes die sieben Todsünden gegenüberstellte.
Evangelische Sichtweisen
In der evangelischen Tradition spielt Martin Luther eine wichtige Rolle. In seinem Kleinen Katechismus von 1529 schreibt er: „Der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen und mit seinen Gaben erleuchtet“. Für das Wittenberger Gesangbuch von 1524 übertrug Luther den lateinischen Hymnus von Rabanus Maurus ins Deutsche und hielt dabei an der Siebenfaltigkeit der Geistesgaben fest. Diese Tradition begegnet auch im Evangelischen Gesangbuch von 1996.
In der lutherischen Orthodoxie des 17. Jahrhunderts wurden die Gaben des Heiligen Geistes systematisch entfaltet. Johann Conrad Dannhauer und Johann Andreas Quenstedt beschrieben sieben Funktionen des Heiligen Geistes: Berufung, Wiedergeburt, Bekehrung, Rechtfertigung, Buße, Vereinigung mit Gott und Heiligung. Diese Begriffe beschreiben einen geistlichen Weg: Der Heilige Geist ruft den Menschen zu Gott, erneuert ihn, wendet ihn Gott zu, bewirkt Rechtfertigung trotz Sünde, ermöglicht Umkehr, verbindet ihn mit Gott und schenkt Kraft zur Erneuerung des Lebens.
Im 19. Jahrhundert verzichtete Friedrich Schleiermacher darauf, einzelne bestimmte Gaben zu unterscheiden. Er betonte stattdessen, dass der Heilige Geist insgesamt im wiedergeborenen Menschen Wohnung nimmt. Im 20. Jahrhundert folgt Gerhard Ebeling formal dieser Linie: Die wichtigste Gabe des Heiligen Geistes sei nicht diese oder jene Einzelgabe, sondern der Heilige Geist selbst und damit die Gegenwart Gottes beim Menschen. Wilfried Joest fragt dagegen ausdrücklich nach den außerordentlichen Wirkungen solcher Gaben und ob sie dem kirchlichen Leben fremd geworden seien. Die Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche in Deutschland greift nach dem Sola-Scriptura-Prinzip auf die Gabenlisten des Neuen Testaments zurück und lehrt darüber in Seminaren und Büchern.
Charismatische Bewegungen und weitere Gaben
Die Pfingstbewegung und die charismatische Bewegung knüpfen besonders an die Briefe des Apostels Paulus im Neuen Testament an. Sie gehen davon aus, dass jeder Christ Gaben des Heiligen Geistes hat. Diese Gaben sind mehr als natürliche Begabungen, stehen ihnen aber nicht entgegen. Ihr Ziel ist der Aufbau der Gemeinde, die als Leib Jesu Christi verstanden wird. Dazu wird 1 Kor 14,12 angeführt: Wer sich um die Gaben des Geistes bemüht, soll danach streben, dass die Gemeinde erbaut wird.
Üblicherweise zählen charismatische Bewegungen zu den Geistesgaben: Prophetie oder Weissagung, Zungenrede, Auslegung der Zungenrede, Krankenheilung, Wundertaten, Weisheit und Erkenntnis, Unterscheidung der Geister, Lehren oder Predigt, Gemeindeleitung, Hirtendienst oder Seelsorge, Evangelisation, Gebet und Ermahnung.
Manchmal werden noch weitere Gaben des Geistes genannt. Dazu gehören Dienen, auch Diakonie genannt, Geben, Barmherzigkeit, Glaube, Leidensbereitschaft, Keuschheit, Ehelosigkeit, freiwillige Armut, Gastfreundschaft, Dämonenaustreibung, Apostelamt, Handwerk, Musik, Mission und Kreativität.