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Christlicher Fundamentalismus
Unter dem Begriff christlicher Fundamentalismus werden vorwiegend solche Denkrichtungen im Christentum verstanden, die sich ausdrücklich auf die Bibel als …
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Begriff und Grundmerkmale
Christlicher Fundamentalismus bezeichnet vor allem Denkströmungen im Christentum, die sich ausdrücklich auf die Bibel als Fundament berufen. Sie verstehen sie als wörtlich inspiriertes Wort Gottes und schreiben ihr absolute Irrtumslosigkeit auf allen Gebieten zu – nicht nur in religiösen Fragen, sondern auch in Geographie, Geschichte und Biologie. Daneben kann der Ausdruck kirchlichen Struktur-Fundamentalismus meinen, besonders im Bezug auf die katholische Kirche.
Grundlagen des Glaubens gelten aus dieser Sicht als gegeben: Sie sollen nicht durch vernunftgeleitete Auseinandersetzung entwickelt werden, sondern sind bekannt und zu verkünden. Der Ausdruck ist selten eine Eigenbezeichnung; protestantische Fundamentalisten nennen sich meist „bibeltreu“. Der Theologe Christoph Urban beschreibt ihn als Abgrenzungsbegriff, mit dem in Diskussionen auf als gefährlich wahrgenommene Grenzüberschreitungen hingewiesen wird.
Dabei gibt es verschiedene konfessionelle Ausprägungen. Häufig grenzen sich Gruppen gegenüber allen Strömungen ab, die ihre Lehre nicht vollständig teilen, auch gegenüber anderen fundamentalistischen Gruppen. Das öffentliche und wissenschaftliche Bild des christlichen Fundamentalismus ist deshalb vielfältig.
Glaube, Moral und Abgrenzung
Fundamentalistische Christen vertreten meist konservative, als biblisch verstandene Werte, etwa zur Treue und zur Sexualethik. Dazu gehören ablehnende Positionen gegenüber Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe und Abtreibung. Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden entschieden abgelehnt; bei Allianz-Evangelikalen sind auch differenzierende Stellungnahmen bekannt.
Die Evolutionstheorie wird in der Regel abgelehnt. Als Gegenmodelle werden Kreationismus und Intelligent Design vertreten. Im bibelhermeneutischen Diskurs – also bei der Auslegung der Bibel – wird Fundamentalismus eine Ablehnung der historisch-kritischen Methode zugeschrieben. Diese Methode untersucht biblische Texte unter anderem nach ihrer Entstehung und ihrem historischen Zusammenhang.
Urban unterscheidet außerdem einen modernitätstheoretischen Diskurs, in dem Fundamentalismus mit Gewalt, Ablehnung weltanschaulichen Pluralismus und einer Rücknahme gesellschaftlicher Differenzierung verbunden wird, sowie einen kirchenpolitischen Diskurs über das Verhältnis zu Evangelikalen, Pfingstlern, Charismatikern und Muslimen.
Protestantische Ausprägungen
Der protestantische Fundamentalismus entstand in den USA als Reaktion auf eine Krise des Protestantismus nach dem Sezessionskrieg. 1878 bekannten konservativ-protestantische Theologen auf der Niagara Creed-Konferenz die göttliche Inspiration und Irrtumsfreiheit der Bibel. Einen wichtigen Anstoß gab die Schriftenserie The Fundamentals von 1910 bis 1915, von der mehr als drei Millionen Exemplare verteilt wurden. Sie verteidigte Grundlehren des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, grenzte sich gegen Evolutionstheorie und Sekten ab und propagierte den Dispensationalismus.
Der Scopes-Prozess von 1925, der die Bekämpfung der Evolutionstheorie betraf, verstärkte die öffentliche Kritik und die Trennung konservativer von liberalen Christen. Fundamentalisten und Evangelikale lehnen beide die liberale Theologie ab. Sie unterscheiden sich jedoch im Bibelverständnis: Fundamentalisten halten die Bibel für irrtumslos, Evangelikale für von Gott inspiriert und absolut vertrauenswürdig, Liberale für ein Buch, das Gottes Wort bezeugt. Evangelikale lassen zum Teil Ergebnisse der historisch-kritischen Methode, etwa der formalen Textkritik, gelten.
Radikale Fundamentalisten vertreten eine „doppelte Trennung“: Sie verweigern nicht nur die Zusammenarbeit mit Menschen, die sie für falschgläubig halten, sondern auch mit Rechtgläubigen, die mit solchen Menschen zusammenarbeiten. Daraus entwickelte sich eine organisatorische Trennung von gemäßigten Evangelikalen. In den USA gründeten Fundamentalisten 1941 den Dachverband ACCC, Evangelikale 1942 den NAE. Die Mottos lauteten jeweils „keine Zusammenarbeit und keine Kompromisse“ sowie „Zusammenarbeit ohne Kompromisse“ in wichtigen Lehrfragen. Fundamentalistische Kirchen sind tendenziell hierarchischer, während Evangelikale stärkeren innerkirchlichen Pluralismus, Laien-Priestertum und freie Meinungsäußerung aufweisen.
Radikale Gruppen können strenge Regeln zu Kleidung und als „weltlich“ geltendem Verhalten haben, etwa zu Kino, Tanz, Kartenspiel, Make-up, Alkohol, weltlicher Musik, Fernsehen oder Medien; diese Regeln unterscheiden sich je nach Gruppe und können sich verändern. Charakteristisch ist außerdem die Ablehnung der Ökumene. Der ICCC wurde 1948 gegründet, findet wegen seines Separatismus aber keine breite Anerkennung in der evangelikalen Bewegung; im deutschen Sprachraum gehören ihm keine Kirchen oder Gemeinden an.
Die „geistliche Kriegsführung“ nach C. Peter Wagner behauptet, die Welt sei von „Dämonen“ besetzt und müsse durch christliches Handeln gereinigt werden. Trotz militärischer Sprache meint dies friedliche Märsche oder Gebete, keine gewalttätigen Ausschreitungen. Der Dominionismus fordert eine politische Reformation auf Grundlage alttestamentlicher Gesetze und will die Bedeutung des Staates verringern. Kleine rechtsextreme US-Gruppen wie Aryan Nations und die Christian-Identity-Bewegung werden dagegen ausdrücklich nicht dem traditionellen protestantisch-konservativen Fundamentalismus zugerechnet.
Katholische und orthodoxe Formen
Die Bezeichnung „katholischer Fundamentalismus“ wurde 1985 von Gabriel Daly erstmals akademisch in einer US-amerikanischen Schrift verwendet, ist aber theologisch und innerkirchlich umstritten. Wolfgang Beinert nennt sie eine „contradictio in adiecto“ und hält Fundamentalismus grundsätzlich für strukturell häretisch. Dennoch werden fundamentalistische Elemente im Katholizismus gesehen: Antimodernismus, Ablehnung der historisch-kritischen Methode und Integralismus prägten um 1900 ein abgeschottetes Milieu. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden traditionalistische Gruppen innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche. Kennzeichen sind die Absolutsetzung eines Teils der kirchlichen Lehre sowie ein ahistorisches Verständnis von Schrift, Lehramt und Tradition. Als mögliche Tendenzen werden fundamentalistisches Schriftverständnis, Traditionalismus und Moralismus genannt.
Katholische Stimmen warnen zugleich davor, den Begriff leichtfertig gegen Menschen zu verwenden, die ihren Glauben ernst nehmen. Es sei im Einzelfall nötig, unterschiedliche Positionen sorgfältig zu unterscheiden.
Der Abschnitt zum orthodoxen Fundamentalismus ist laut Artikel nicht hinreichend belegt. Beschrieben wird eine kleine Gruppe von Athos-Mönchen, die Begegnungen und Gespräche orthodoxer Vertreter mit dem Papst, westlichen Kirchen oder altorientalischen Kirchen vehement bis militant ablehnt, aber tatsächlich weniger bedeutend sei, als ihre öffentliche Lautstärke vermuten lasse. Auch einzelne irreguläre orthodoxe Bischöfe und Anhänger werden dazu gezählt. Als typisches Kennzeichen gilt ein ins Extrem gesteigerter und absolut gesetzter Traditionalismus. Griechische Altkalendarier, russische Raskolniken und Teile der Russischen Auslandskirche seien eher extrem konservativ als fundamentalistisch, obwohl es Überschneidungen gebe.
Verwendung in Medien und Politik
Auch dieser Abschnitt ist laut Artikel nicht hinreichend belegt. Säkulare Medien und Politiker verwenden den Ausdruck „christlicher Fundamentalismus“ häufig ungenau. Er wird teils auf Gruppen angewandt, die theologisch nicht dazugehören, weil sie traditionelle Familienwerte vertreten, Kreationismus befürworten oder Gender-Mainstreaming, Schwangerschaftsabbrüche und praktizierte Homosexualität ablehnen. So wird auch die Ex-Gay-Bewegung, die vor allem die umstrittene Konversionstherapie zur Veränderung einer homosexuellen in eine heterosexuelle Orientierung anbietet, teilweise dem fundamentalistischen Umfeld zugerechnet.
Oft verwechselt wird Fundamentalismus mit der amerikanischen christlichen Rechten. Diese verbindet konservatives Christentum mit Kapitalismus, traditionellen Familienwerten, Waffenbesitz und der Vorstellung von Amerika als Gelobtem Land. Politisch lehnt sie besonders Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und staatliche Regulierungen wie eine staatliche Krankenversicherung ab. Die Religiöse Rechte ist ein großer Teil der republikanischen Wählerschaft und besteht hauptsächlich aus Evangelikalen, Katholiken und Mormonen. Sie ist daher nur teilweise dem religiösen Fundamentalismus zuzuordnen. Christliche Fundamentalisten in den USA wählen mehrheitlich republikanisch; Evangelikale sind politisch breiter ausgerichtet.