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Friedrich Wilhelm Kritzinger (Ministerialdirektor)
Friedrich Wilhelm Kritzinger (* 14. April 1890 in Grünfier, Kreis Filehne, Provinz Posen; † 25. April 1947 in Nürnberg) war ein deutscher Staatsbeamter.
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Überblick und Ausbildung
Friedrich Wilhelm Kritzinger (* 14. April 1890 in Grünfier, Kreis Filehne, Provinz Posen; † 25. April 1947 in Nürnberg) war ein deutscher Jurist und Staatsbeamter. Historisch bedeutsam ist vor allem seine Tätigkeit als Ministerialdirektor und später als Staatssekretär in der Reichskanzlei während der nationalsozialistischen Herrschaft. Er war an der Ausarbeitung antijüdischer Vorschriften beteiligt und nahm 1942 als Vertreter der Reichskanzlei an der Wannseekonferenz teil.
Kritzinger war der Sohn eines Pfarrers. Nach drei Jahren Privatunterricht besuchte er von 1899 bis 1904 Schulen in Posen und anschließend bis 1908 das Königliche Gymnasium in Gnesen. Danach studierte er Rechtswissenschaft an den Universitäten Freiburg, Berlin und Greifswald. Im Oktober 1911 bestand er das Referendarexamen und begann den juristischen Vorbereitungsdienst bei Gerichten und einer Staatsanwaltschaft.
Von 1914 bis 1918 kämpfte Kritzinger im Ersten Weltkrieg, zuletzt als Leutnant der Reserve. Er wurde mindestens einmal leicht verwundet und geriet gegen Kriegsende in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Februar 1920 zurückkehrte. Ausgezeichnet wurde er mit beiden Eisernen Kreuzen und dem Hausorden der Hohenzollern. Danach setzte er seinen Vorbereitungsdienst fort und bestand im Mai 1921 das Assessorexamen.
Laufbahn in der Weimarer Republik
Von Juli bis September 1921 arbeitete Kritzinger als Assessor beim Amtsgericht Striegau. Danach wechselte er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in das Reichsministerium der Justiz und beschäftigte sich dort bis 1925 mit Völkerrecht, also den Rechtsbeziehungen zwischen Staaten. Bis 1926 war er im Preußischen Handelsministerium als Assessor beziehungsweise Landgerichtsrat für „Depositenbanken und Aufwertung“ zuständig.
Anschließend kehrte er in das Reichsjustizministerium zurück, dem er bis 1938 angehörte. Dort bearbeitete er zunächst erneut Fragen des Völkerrechts und ab 1928 Angelegenheiten des Staatsrechts, das die rechtliche Ordnung und Organisation eines Staates regelt. Im Verlauf seiner Laufbahn wurde er zum Regierungsrat, Oberregierungsrat und 1929 oder 1930 zum Ministerialrat befördert; das genaue Jahr ist nicht eindeutig angegeben.
Während der Weimarer Republik gehörte Kritzinger keiner politischen Partei an. Nach eigenen Aussagen bei Vernehmungen nach dem Zweiten Weltkrieg wählte er bei den Reichstagswahlen bis 1933 die Deutschnationale Volkspartei (DNVP).
Tätigkeit im Nationalsozialismus
Anfang 1938 forderte Hans Heinrich Lammers, der Leiter der Reichskanzlei, Kritzinger zum Wechsel aus dem Reichsjustizministerium auf, weil die Reichskanzlei einen Fachmann für Staatsrecht benötigte. Nachdem Lammers die Aufforderung wiederholt und Reichsjustizminister Franz Gürtner Kritzinger auf seine „Pflicht“ hingewiesen hatte, wechselte er im Februar 1938 als Ministerialdirektor in die Reichskanzlei. Dort leitete er die Abteilung B. Zum 1. Januar 1938 war er der NSDAP beigetreten; seine Mitgliedsnummer lautete 4.814.517.
Anfang 1942 wurde Kritzinger Unterstaatssekretär. Am 21. November 1942 beförderte Hitler ihn gleichzeitig mit Gerhard Klopfer zum Staatssekretär in der Reichskanzlei.
Kritzinger bearbeitete auch den Sachbereich „Judenprobleme“ und war unmittelbar an der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik beteiligt. 1939/40 erarbeitete er die sogenannte Verordnung gegen Volksschädlinge und die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz. Letztere bildete die Grundlage dafür, bei der Deportation deutscher Juden deren Vermögen einzuziehen. 1942/43 erarbeitete er außerdem Verordnungen, welche die Möglichkeiten von Juden beschränkten, Rechtsmittel einzulegen.
Am 20. Januar 1942 nahm Kritzinger als Vertreter der Reichskanzlei an der Wannseekonferenz teil. Bei dieser Besprechung koordinierten Führungskräfte verschiedener Reichsministerien, des Sicherheitsdienstes (SD) und der Parteikanzlei die Ermordung der Juden im nationalsozialistischen Herrschaftsgebiet. Nach einem Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte hatte Kritzinger zu diesem Zeitpunkt noch kein gesichertes Wissen über den Völkermord. Ende des Frühjahrs 1942 bot er Lammers seinen Rücktritt an. Der Historiker Hans Mommsen deutet dies als erfolglosen Versuch, Konsequenzen zu ziehen, nachdem Kritzinger ein vollständigeres Bild vom Holocaust erhalten hatte.
Kriegsende, Haft und Tod
Ab dem 20. April 1945 war Kritzinger damit beauftragt, die Evakuierung der verbliebenen Minister und Ministerialbeamten zu leiten. Am 23. April verließ er Berlin kurz vor der Eroberung der Stadt durch die Rote Armee. Im Mai 1945 wurde er noch Staatssekretär in der Regierung Dönitz im Sonderbereich Mürwik. Dort verhafteten ihn britische Soldaten am 23. Mai 1945.
Nach einem Aufenthalt im Kriegsgefangenenlager Nr. 32, dem Camp Ashcan in Bad Mondorf in Luxemburg, wurde Kritzinger nach Bruchsal gebracht. Er wurde mehrfach vernommen, unter anderem von Robert Kempner, einem amerikanischen Ankläger bei den Nürnberger Prozessen. Als einziger Teilnehmer der Wannseekonferenz gab Kritzinger seine Teilnahme von sich aus zu und bestätigte den verbrecherischen Charakter der Konferenz. Er erklärte zudem, sich „der deutschen Politik […] während des Krieges“ geschämt zu haben, und stimmte der Bezeichnung Hitlers und Himmlers als „Massenmörder“ zu.
Im April 1946 wurde Kritzinger aus der Haft entlassen, im Dezember jedoch erneut inhaftiert. Wegen seines Gesundheitszustands kam er später wieder frei. Er starb am 25. April 1947 in Nürnberg.
Familie, Darstellungen und Quellen
Am 30. Mai 1923 heiratete Kritzinger Walti Luise Agnes Gräfin von Schwerin (1897–1996), die Tochter eines Großgrundbesitzers. Das Ehepaar hatte drei Kinder.
Kritzinger wurde in den Fernsehfilmen Die Wannseekonferenz von 1984, 2001 und 2022 dargestellt. Außerdem erscheint er als literarische Figur in Robert Harris’ Alternativweltgeschichte Vaterland von 1992, deren Handlung in einem fiktiven Deutschen Reich spielt, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.
Im Bundesarchiv Berlin befinden sich unter anderem Kritzingers Personalakte aus seiner juristischen Ausbildung und seiner Tätigkeit in der Justizverwaltung, Parteikorrespondenz der NSDAP sowie ein Bogen der Parteistatistischen Erhebung von 1939.