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Friedrich Maximilian Klinger
Sein Drama Sturm und Drang, eines der „merkwürdigsten Werke der Weltliteratur“, wurde namensgebend für die gesamte literarische Strömung der Geniezeit.
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Bedeutung und literarisches Profil
Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831) war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Sein Schauspiel Sturm und Drang von 1776 gab der literarischen Strömung Sturm und Drang, auch Geniezeit genannt, ihren Namen. Das fünfaktige Drama erschien zunächst unter dem Titel Der Wirrwarr. Erst auf Vorschlag Christoph Kaufmanns erhielt es den Titel Sturm und Drang.
Klingers frühe Dramen gehören zu den bedeutenden Werken des Sturm und Drang. Sie greifen dramaturgische Eigenheiten William Shakespeares und philosophische Ansichten Jean-Jacques Rousseaus auf. Typisch sind gesellschaftskritische Inhalte und eine starke Betonung von Gefühlen. Zu den weiteren Werken der Geniezeit zählen Die Zwillinge und Simsone Grisaldo. Zusammen mit anderen Schriften der 1770er Jahre kündigte Klingers Schauspiel die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik an.
Klingers literarische Entwicklung verlief in mehreren Phasen. Ab etwa 1778 schrieb er aus finanzieller Not auch triviale Romane und Dramen mit Anklängen an die Rokoko-Literatur. Seit etwa 1785 orientierte er sich stärker an den Regeln des französischen Klassizismus, die er mit den Idealen seiner Jugend zu verbinden suchte. Wichtige Werke dieser Periode sind Konradin, Der Günstling, die beiden Medea-Dramen und Damokles (1788).
Ab 1791 plante Klinger eine Dekade philosophischer Romane. Acht davon wurden vollendet, ein weiterer blieb als Fragment erhalten; sie entstanden zwischen 1791 und 1798. Der bekannteste ist Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt. In diesen Romanen verband Klinger zeitgenössische Tendenzen der Literatur, Anthropologie und Philosophie. Daher gilt er als wichtiger Vertreter der Spätaufklärung. Seine kritische Betrachtung von Geschichte und Gesellschaft wurde besonders von Rousseau, aber auch von Voltaire und Immanuel Kant beeinflusst.
Den Abschluss seines literarischen Schaffens bilden Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur (1803–1805), eine Sammlung von Aphorismen zu zeitaktuellen Themen. Klinger beeinflusste unter anderem Friedrich Schiller und Georg Büchner; nach Einschätzung des Germanisten Fritz Martini wirkte sein Einfluss über Büchner letztlich auch auf Bertolt Brecht. Trotz seiner literaturgeschichtlichen Bedeutung geriet Klinger als gesellschaftlich wahrgenommener Schriftsteller weitgehend in Vergessenheit.
Herkunft und frühe Jahre
Klinger wurde am 17. Februar 1752 in Frankfurt am Main geboren. Er war das zweite Kind von Johannes Klinger (1719–1760) und Cornelia Margareta Dorothea Fuchs (*1728–1800). Die Familie des Vaters stammte aus Pfaffen-Beerfurth im Odenwald und gehörte zu einem seit 1483 in Beerfurth belegten Müllergeschlecht. Johannes Klinger kam als Jäger in adeligen Diensten nach Frankfurt und wurde Konstabler bei der städtischen Artillerie. Im März 1750 heiratete er in zweiter Ehe Cornelia Margareta Dorothea Fuchs, die Tochter eines mittellosen Sergeanten.
Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1760 musste die Mutter Klinger und seine beiden Schwestern allein versorgen. Sie arbeitete als Kammerfrau am landgräflichen Hof zu Homburg sowie als Krämerin und Wäscherin. Trotz der bescheidenen Verhältnisse konnte Klinger durch die Förderung des Professors Zink das Frankfurter Gymnasium besuchen.
Klinger hatte Verwandte, die nach Pennsylvania ausgewandert waren, und wollte ursprünglich in die Vereinigten Staaten gehen, um dort eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Für seine spätere Entwicklung wurde jedoch zunächst die Frankfurter Literaturszene entscheidend.
Vom Schriftsteller zum russischen Staatsdiener
Ab 1772 knüpfte Klinger in Frankfurt Kontakte zu einer jungen Autorengeneration, die sich um Goethe sammelte. Zu diesem Kreis gehörten Jakob Michael Reinhold Lenz und Heinrich Leopold Wagner. Klingers Wohnung im Rittergässchen diente als Treffpunkt der Schriftsteller. Mit finanzieller Unterstützung Goethes begann er 1774 an der damaligen Ludwigs-Universität in Gießen ein Studium der Rechtswissenschaften.
Nach ersten Erfolgen als Theaterautor verließ Klinger 1776 die Universität und ging zunächst nach Weimar. Im selben Jahr kam es zu einem bis heute nicht aufgeklärten Bruch mit Goethe. Als mögliche Ursache wird Goethes Unzufriedenheit mit Klingers Studienabbruch und dessen unangemeldetem Erscheinen in Weimar genannt. Klinger schloss sich daraufhin mit dem Manuskript von Sturm und Drang als Dramaturg der Schauspieltruppe Abel Seylers an.
Da der finanzielle Erfolg ausblieb, ließ er sich von Goethes Schwager Johann Georg Schlosser im Bayerischen Erbfolgekrieg zum Militär anwerben. Von Sommer 1778 bis Frühjahr 1779 zog er durch Böhmen. Nach dem Krieg kehrte er zu seinem Freund nach Emmendingen zurück. 1779 wurde er auf Fürsprache des Komponisten Philipp Christoph Kayser in die Zürcher Freimaurerloge Modestia cum libertate aufgenommen.
Die Verbindungen Schlossers und das persönliche Engagement Friedrich Eugens von Württemberg ermöglichten Klinger schließlich eine Laufbahn in kaiserlich-russischen Diensten. Diese begann im Marinebataillon und ab 1780 als Ordonnanzoffizier des russischen Thronfolgers, des Großfürsten Paul, in Petersburg. Zugleich war Klinger Vorleser von dessen Gattin Sophie Dorothee von Württemberg, der Tochter seines württembergischen Förderers. Mit ihr, der späteren Kaiserin Maria Fjodorowna von Russland, verband ihn zeitlebens eine aufrichtige Freundschaft.
Von 1781 bis 1782 reiste Klinger im Gefolge des Großfürsten durch Wien, Italien, Paris und Deutschland. Ein Versuch, im Feldzug gegen die Türken militärische Erfolge zu erzielen, scheiterte wegen der raschen Friedensverträge. 1785 wurde er als Kadettenoffizier in das Petersburger Landkadettencorps, das spätere 1. Kadettenkorps, aufgenommen und machte dort Karriere als Militärpädagoge.
1787 heiratete Klinger die russische Adelige Elisabeth Alexandrowna Alexejewa. Über ihre Abstammung gibt es unterschiedliche Angaben: Laut dem Genealogischen Handbuch der estländischen Ritterschaft war sie eine uneheliche Tochter des Fürsten Grigorij Orlow und Katharinas II.; dies steht im Gegensatz zu einer Angabe der Neuen Deutschen Biographie. Der Sohn Alexander war Stabskapitän und Adjutant des Kriegsministers Barclay de Tolly. Er starb 1812 unverheiratet und kinderlos im Alter von 21 Jahren.
1801 wurde Klinger Generalmajor der Armee und Leiter des Kadettenkorps. 1802 übernahm er zusätzlich die Leitung des Pagenkorps und arbeitete beim Ministerium für Volksbildung. Er hatte maßgeblichen Anteil an der Reform der Elementarschulen im Baltikum. Ab 1803 war er Kurator des Schulbezirks und der Universität Dorpat im heutigen Tartu in Estland. Dort stand er unter anderem mit Karl Morgenstern und August Thieme in Kontakt. 1811 erreichte er den Rang eines Generalleutnants.
Im Zuge der Restauration wurde Klinger 1816 seiner Ämter enthoben und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Er starb am 25. Februar 1831 nach julianischem Kalender beziehungsweise am 9. März 1831 nach gregorianischem Kalender in Dorpat, acht Tage nach seinem 79. Geburtstag. Begraben wurde er auf dem Alten Smolensker Lutherischen Friedhof in Sankt Petersburg. Seine seit 1780 aufgebaute umfangreiche Privatbibliothek mit überwiegend humanistischer Literatur übergab seine Witwe 1844 der Universität Dorpat. 1811 hatte Klinger die alte Freundschaft mit Goethe wieder aufgenommen.
Werke und Schaffensphasen
Klingers Werk umfasst Ritterdramen, Trauerspiele, Schauspiele, Lustspiele, Komödien, Romane, Satiren, Fragmente und Aphorismen. Zu den frühen dramatischen Arbeiten gehören Otto (1775), Das leidende Weib (1775), Die Zwillinge (1776), Die neue Arria (1776), Simsone Grisaldo (1776) und Sturm und Drang (1776). Außerdem entstanden Szenen aus Pyrrhus Leben und Tod (1776–1779) und Der verbannte Göttersohn (1777) als dramatische Fragmente.
In den folgenden Jahren schrieb Klinger unter anderem Orpheus (Roman in 5 Teilen, 1778–1780), Stilpo und seine Kinder (1780), Prinz Seidenwurm (1780), Der Derwisch (1780), Die falschen Spieler (1782), Der Schwur beziehungsweise Der Schwur gegen die Ehe (entstanden 1782/83), Elfride (1783), Die Geschichte vom Goldnen Hahn (1785), Konradin (entstanden 1784), Der Günstling (entstanden 1785) und Medea oder Das Schicksal, später Medea in Korinth (entstanden 1786).
Zur klassizistischen Phase zählen Aristodemos (1787), Roderico (1788), Damokles (1788), Die zwo Freundinnen (1788) und Oriantes (1790). Danach folgten unter anderem Medea auf dem Kaukasus (1791), Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt (1791), Geschichte Giafars des Barmeciden (1792–1794), Geschichte Raphaels de Aquillas (1793), Reisen vor der Sündfluth (1795), Der Faust der Morgenländer, oder Wanderungen Ben Hafis (1797), Geschichte eines Teutschen der neuesten Zeit (1798), Sahir, Eva’s Erstgeborener im Paradiese (1798) und Der Weltmann und der Dichter (1798).
Spätere Schriften sind Das zu frühe Erwachen des Genius der Menschheit (Romanfragment, 1803) sowie Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur (1803–1805). Zwischen 1809 und 1816 erschienen in Königsberg Klingers gesammelte Werke, herausgegeben von Nicolovius. 1810 wurden in Wien Sämmtliche philosophischen Romane in jeweils zwölf Bänden veröffentlicht.
Orden und Auszeichnungen
Als kaiserlich-russischer Staatsdiener und Militär erhielt Klinger mehrere hochrangige Verdienstorden. Er war Ritter des kaiserlich-russischen Ordens des Heiligen und Rechtgläubigen Großfürsten Alexander Newski, des Ordens der Heiligen Anna 1. Klasse, des Ordens des Heiligen Wladimir 2. Klasse und des Ordens des Heiligen Georg 4. Klasse.
Die Verleihung jeder Klasse der Orden des Heiligen Georg und des Heiligen Wladimir war mit der Erhebung in den erblichen Adelsstand verbunden. Im Russischen Zarenreich handelte es sich dabei stets um Dienstadel. Mit der 4. Klasse des Ordens des Heiligen Georg war außerdem der Rang eines Obersten verbunden.