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Françafrique

Frankreich unterhielt jedoch danach weiter sehr enge politische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Beziehungen zu seinen ehemaligen Kolonien, die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und zentrale Merkmale
  2. 2. Entstehung und Entwicklung seit der Kolonialzeit
  3. 3. Militärische Interventionen und politische Netzwerke
  4. 4. Währung, Entwicklungshilfe und Handel
  5. 5. Kulturbeziehungen und zunehmende Kritik

Begriff und zentrale Merkmale

Françafrique bezeichnet die Einflusssphäre Frankreichs im frankophonen Subsahara-Afrika. Obwohl Frankreich den meisten seiner afrikanischen Kolonien in den 1960er Jahren die Unabhängigkeit gewährte, blieben enge politische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Beziehungen bestehen. Diese Beziehungen wirkten sowohl auf offizieller als auch auf informeller Ebene und hatten häufig den Charakter von Klientelbeziehungen: Lokale autoritäre Herrscher und verbundene Eliten wurden von Frankreich unterstützt und gewährten im Gegenzug politische oder wirtschaftliche Vorteile.

Zu den wichtigsten Merkmalen gehörten die Afrikazelle, die französische CFA-Franc-Zone und das Konzept der Coopération. Die Afrikazelle bestand aus dem französischen Präsidenten und engen Beratern, die wichtige Entscheidungen zur Afrikapolitik trafen, oft gemeinsam mit Unternehmensnetzwerken und dem französischen Geheimdienst. Die CFA-Franc-Zone band die Währungen der meisten frankophonen afrikanischen Staaten zunächst an den französischen Franc und später an den Euro. Kooperationsabkommen ermöglichten enge Beziehungen in Politik, Wirtschaft, Militär und Kultur.

Frankreich verstand sich außerdem als Garant für Stabilität und griff wiederholt militärisch ein. Von 1960 bis Mitte der 1990er Jahre kam es durchschnittlich etwa einmal pro Jahr zu einer französischen Militärintervention. Häufig sollten dabei französische Interessen oder die Macht verbündeter Herrscher geschützt werden. Nach 1990 schwächte sich die besondere Beziehung unter anderem durch den Tod wichtiger Akteure und die europäische Integration Frankreichs ab. Zugleich wuchs der Einfluss von Mächten wie der Volksrepublik China und Russland. In mehreren afrikanischen Staaten wurde der französische Einfluss als Bevormundung und Neokolonialismus kritisiert.

Entstehung und Entwicklung seit der Kolonialzeit

Frankreichs Engagement in Afrika reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. 1659 gründete Frankreich den Handelsposten Saint-Louis im heutigen Senegal. Im 19. Jahrhundert verstärkte Frankreich seine Eroberungen: Algerien wurde 1830 erobert und später zu einem integralen Teil Frankreichs. Die Bahnstrecke Dakar–Niger wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. 1895 entstand Französisch-Westafrika, 1910 Französisch-Äquatorialafrika. In beiden Weltkriegen kämpften zahlreiche Soldaten aus afrikanischen Kolonialgebieten auf französischer Seite.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den Kolonien in der Union française mehr Autonomie zugesagt. Als Charles de Gaulle 1958 erneut französischer Staatspräsident wurde, war Frankreich durch den Zweiten Weltkrieg sowie die Konflikte in Indochina und Algerien geschwächt. 1960 gewährte er den verbliebenen französischen Kolonien südlich der Sahara die Unabhängigkeit. Die Übergabe verlief dort im Vergleich zu Französisch-Indochina und Algerien größtenteils friedlich. Frankreich wollte dadurch kostspielige Kolonialkriege vermeiden und zugleich enge kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen erhalten.

1958 wurde die Französische Gemeinschaft als Staatenunion geschaffen. In einem Referendum vom 28. September 1958 bedeutete ein „Ja“ den Beitritt zur Gemeinschaft und einen Weg in die Unabhängigkeit; ein „Nein“ führte zur sofortigen Unabhängigkeit. Alle Staaten stimmten mit „Ja“, außer Guinea unter Ahmed Sékou Touré. Guinea erklärte am 2. Oktober 1958 seine Unabhängigkeit. Frankreich schloss das Land aus der CFA-Franc-Zone aus und leitete 1959 unter anderem die „Operation Persil“ ein, bei der gefälschte Banknoten in Umlauf gebracht wurden, um Inflation und wirtschaftliche Störungen auszulösen. Guinea näherte sich daraufhin dem Ostblock an; Sékou Touré blieb mit Unterstützung der UdSSR und Chinas bis zu seinem Tod 1984 an der Macht.

Unter de Gaulles Berater Jacques Foccart wurde die Grundlage der Françafrique gelegt. Er schloss zahlreiche Kooperationsabkommen, baute persönliche Netzwerke auf und förderte zentralistische politische Systeme. Frankreich stellte verbündete Herrscher militärisch unter seinen Schutz und sicherte französischen Unternehmen bevorzugten Zugriff auf afrikanische Rohstoffvorkommen.

Georges Pompidou setzte von 1969 bis 1974 die gaullistische Tradition fort; unter Foccart wurden die Netzwerke zwischen Frankreich, französischen Unternehmen und afrikanischen Eliten weiter ausgebaut. Valéry Giscard d’Estaing wollte ab 1974 die Beziehungen modernisieren, doch die Netzwerke blieben unter René Journiac bestehen. Frankreich intervenierte unter anderem im Tschad und in Zaire. Die 1979 bekannt gewordene Affäre um angebliche Diamantgeschenke Jean-Bedel Bokassas an Giscard d’Estaing beschädigte dessen Ansehen; die Geschenke sollen verkauft und der Erlös an Nichtregierungsorganisationen gespendet worden sein.

François Mitterrand machte von 1981 bis 1995 öffentliche finanzielle und materielle Hilfe stärker von der Demokratisierung abhängig und distanzierte sich vom Apartheidregime in Südafrika. Jacques Chirac setzte von 1995 bis 2007 die besonderen Beziehungen fort, lehnte eine Abwertung des CFA-Franc und eine grundlegende Reform der Zusammenarbeit ab. Menschenrechte hatten in seiner Afrikapolitik keine Priorität. Nicolas Sarkozy erklärte 2007, die alten offiziellen und inoffiziellen Foccart-Netzwerke zugunsten regulärer zwischenstaatlicher Beziehungen beenden zu wollen; seine Äußerungen über Afrika und den Kolonialismus lösten jedoch Empörung aus. François Hollande kündigte 2012 das Ende der Françafrique an, intervenierte aber militärisch in der Sahelzone und pflegte Beziehungen zu autoritären Herrschern wie Paul Biya und Idriss Déby.

Emmanuel Macron gründete im August 2017 den Präsidialrat für Afrika, dessen Mitglieder vor allem aus der Zivilgesellschaft und der afrikanischen Diaspora stammen. Befürworter sehen darin eine neue Form der Beratung, Kritiker eine mögliche Verbindung zwischen afrikanischen Eliten, Diaspora und französischen Interessen. In den frühen 2020er Jahren kündigten die Militärjuntas in Burkina Faso, Mali und Niger Militärabkommen mit Frankreich. Mali schaffte Französisch als Amtssprache ab. 2023 schlossen sich die drei Regime zu einer antifranzösischen Allianz der Sahelstaaten zusammen. Macron kündigte daraufhin eine „gleichberechtigte Kooperation“ an.

Militärische Interventionen und politische Netzwerke

Seit 1958 lag die Afrikapolitik weitgehend bei den französischen Präsidenten und der Afrikazelle. Die Entscheidungen wurden oft ohne breite parlamentarische Diskussion oder Kontrolle durch die Zivilgesellschaft getroffen. Über persönliche Elitenbeziehungen entstanden Klientelbeziehungen zu Herrscherfamilien wie den Bongos in Gabun und den Débys im Tschad. Die lange fehlende parlamentarische Kontrolle begünstigte Korruption.

Frankreich schloss nach der Entkolonialisierung mit vielen frankophonen Staaten formelle Verteidigungsabkommen. Dadurch konnte es sich als Garant für Stabilität und als regionale Hegemonialmacht etablieren. Insgesamt führte Frankreich von 1960 bis Mitte der 1990er Jahre 40 militärische Interventionen durch. Gründe waren unter anderem der Schutz französischer Staatsangehöriger, die Niederschlagung von Rebellionen, die Verhinderung von Staatsstreichen, die Wiederherstellung der Ordnung oder die Unterstützung bestimmter afrikanischer Führer.

Zu den genannten Einsätzen gehören Operation Verdier in Benin 1991, Barracuda in der Zentralafrikanischen Republik 1979 und Almandin 1996, Bison 1968–72, Tacaud 1978, Manta 1983 und Épervier 1986 im Tschad, Léopard 1978 und Baumier 1991 in Zaire beziehungsweise der Demokratischen Republik Kongo sowie Artemis 2003. Weitere Einsätze waren unter anderem Noroît 1990–93, Amaryllis 1994 und Turquoise 1994 in Ruanda, Licorne 2002 in der Elfenbeinküste, Serval 2013–14 in Mali und Barkhane 2014–21 in der Sahelzone.

Frankreich soll sich zur Wahrung eigener Interessen auch an Putschen und Wahlfälschungen beteiligt haben; dies wurde in den 1990er Jahren bekannt. Französische Söldner wirkten ebenfalls an Kriegen und Umstürzen mit. Bob Denard war auf den Komoren in den 1970er Jahren an drei Putschen beteiligt, wurde dort zum inoffiziellen Herrscher und kontrollierte die Wirtschaft. Später verringerte Frankreich seinen militärischen Fußabdruck durch multilaterale Abkommen und eine stärkere Einbindung der Sicherheitskooperation in europäische oder NATO-Strukturen.

Währung, Entwicklungshilfe und Handel

Die CFA-Franc-Zone entstand 1945, als der CFA-Franc als Kolonialwährung für mehr als ein Dutzend französischer Kolonien geschaffen wurde. Sie bestand nach den Unabhängigkeiten Anfang der 1960er Jahre weiter. Nur drei afrikanische Staaten verließen sie; Mali trat 1984 wieder bei. Der CFA-Franc war zunächst an den französischen Franc und später an den Euro gekoppelt. Seine Konvertibilität wird vom französischen Schatzamt garantiert.

Tatsächlich gibt es zwei CFA-Franc-Währungen: den zentralafrikanischen CFA-Franc BEAC und den westafrikanischen CFA-Franc BCEAO. Sie werden von den jeweiligen Zentralbanken in Zentral- und Westafrika verwaltet. Die Devisenreserven der Mitgliedsländer werden zusammengelegt; beide afrikanischen Zentralbanken halten jeweils die Hälfte ihrer Währungsreserven beim französischen Schatzamt. Das System fördert Preisstabilität und beseitigt Währungsrisiken für französische Unternehmen. Gleichzeitig begrenzt es die Möglichkeit der beteiligten Staaten, eine eigenständige Geldpolitik zu betreiben. Deshalb wird der CFA-Franc wiederholt als Relikt der Kolonialzeit kritisiert.

Frankreich ist ein wichtiger Geber von Entwicklungshilfe. Das vor 1990 geltende Hilfesystem machte viele Staaten wirtschaftlich von Frankreich abhängig. Danach wurde es durch ein System ersetzt, das Selbstversorgung sowie politischen und wirtschaftlichen Liberalismus fördern soll. Nach der Abidjan-Doktrin müssen afrikanische Staaten zunächst eine Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds treffen, bevor sie französische Hilfe erhalten.

2022 betrug das Handelsvolumen mit den Ländern der CFA-Franc-Zonen acht Milliarden US-Dollar. Französische Unternehmen haben besonders in Bergbau, Öl und Gas, Telekommunikation und Landwirtschaft eine starke Position. Afrika ist für Frankreich außerdem bei der Versorgung mit Erdöl und Uran für die Atomindustrie wichtig. China und Indien fordern diese wirtschaftliche Stellung zunehmend heraus; Frankreich verlor Marktanteile. Der Handel mit Ländern außerhalb der ehemaligen französischen Kolonialgebiete, etwa Nigeria, Angola und Südafrika, gewann relativ an Bedeutung.

Kulturbeziehungen und zunehmende Kritik

Die Kolonialzeit verbreitete die französische Sprache und Kultur in Afrika. 2023 gab es in Afrika über 160 Millionen Französischsprecher; damit lebte dort die Mehrheit aller Sprecher des Französischen weltweit. Ein wichtiges Forum der Kulturbeziehungen ist die Organisation internationale de la Francophonie (OIF). Frankreich nutzt außerdem zahlreiche Kulturvertretungen, um kulturelle Präsenz und Soft Power auszuüben. Eine weitere Verbindung bildet die mehrere Millionen Menschen umfassende afrikanische Diaspora in Frankreich, die Kontakte zu ihren Herkunftsländern unterhält.

Diese Beziehungen geraten durch die zunehmende Verbreitung des Englischen unter Druck. Ruanda ersetzte beispielsweise 2009 Französisch durch Englisch. Seit den 1990er Jahren wächst in vielen ehemaligen französischen Kolonien die antifranzösische Stimmung, besonders unter jüngeren Menschen. In der Sahelzone kam es in den 2020er Jahren zu antifranzösischen Ausschreitungen und zur Machtübernahme antifranzösischer Regime, die den französischen kulturellen Einfluss zurückdrängen wollten. Im Senegal zerstörten Demonstranten 2021 Symbole französischen Einflusses wie Auchan-Supermärkte, Orange-Läden und Total-Tankstellen. Damit ist Françafrique heute zugleich ein historisches System enger Verbindungen und ein umstrittenes Modell französischer Einflussnahme.

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