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Neokolonialismus

Neokolonialismus (von altgriechisch νέος néos, deutsch ‚neu' und Kolonialismus) ist eine Bezeichnung für das Verhältnis zwischen den Staaten und Konzernen …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Formen der Abhängigkeit und Kontrolle
  3. 3. Politische Entwicklung und Beispiele
  4. 4. Kritik an internationalen Finanzinstitutionen

Grundidee und Bedeutung

Neokolonialismus bezeichnet ein Verhältnis, in dem formal unabhängige Länder des Globalen Südens weiterhin von Staaten und Konzernen der Industrienationen abhängig sind oder durch sie kontrolliert werden. Der Begriff bezieht sich besonders auf die Zeit nach der Auflösung der Kolonialreiche im 20. Jahrhundert. Anders als beim klassischen Kolonialismus besteht dabei gewöhnlich keine direkte politische Kolonialherrschaft mehr. Die Kritik lautet vielmehr, dass wirtschaftliche, finanzielle, politische oder kulturelle Einflussnahme die tatsächliche Souveränität der betroffenen Staaten einschränkt.

Eine frühe wirtschaftswissenschaftliche Analyse legte 1965 der erste ghanaische Präsident Kwame Nkrumah mit „Neocolonialism – The Last Stage of Imperialism“ vor. Er verstand seine Untersuchung als Fortführung von Lenins Imperialismustheorie und dessen Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Für Nkrumah ist Neokolonialismus ein systemisches Problem des postkolonialen Staates: Ehemalige Kolonien besitzen zwar formal ihre Unabhängigkeit, haben aber keine vollständige tatsächliche Souveränität erreicht.

Der Begriff ist vom Kolonialrevisionismus zu unterscheiden. Dieser trat beispielsweise in der Weimarer Republik und in der NS-Zeit auf und zielte auf die Wiederherstellung früherer Kolonialreiche. Neokolonialismus beschreibt dagegen neue Formen fortbestehender Abhängigkeit nach der formalen Entkolonialisierung.

Formen der Abhängigkeit und Kontrolle

Als zentrale Ursache neokolonialer Abhängigkeit gilt nach Nkrumah die fortlaufende einseitige Kontrolle von Wirtschaft und natürlichen Ressourcen durch externe Akteure. Als Instrumente werden unter anderem finanzpolitischer Einfluss auf die Wechselkurse nationaler Währungen sowie monopolistische Strukturen westlicher Konzerne genannt. Monopolistisch bedeutet hier, dass einzelne Unternehmen oder wenige Anbieter einen Markt beherrschen. Dadurch können Importabhängigkeiten entstehen. Als mögliche Akteure neokolonialer Politik gelten frühere europäische Kolonialmächte, die Vereinigten Staaten und seit einigen Jahren auch China.

Kritisiert werden außerdem Investitionen multinationaler, also in mehreren Staaten tätiger, Konzerne. Diese Unternehmen erhalten häufig steuerliche oder arbeitsrechtliche Vorteile. Nach der dargestellten Kritik profitieren davon nur wenige Menschen in den betroffenen Ländern, während die Mehrheit keinen Nutzen hat. Unternehmen können niedrige Löhne und geringe Sozialstandards ausnutzen oder ökologische Schäden verursachen. Genannt werden die Folgen der Erdölförderung in Nigeria, die Abholzung tropischer Wälder zur Gewinnung von Edelhölzern, die Förderung von Bodenschätzen und die Lagerung von Giftmüll.

Die betroffenen Länder dienen demnach als Quelle billiger Arbeitskräfte und Rohstoffe, während nachhaltige Entwicklung sowie der Zugang zu modernen Technologien und Produktionsmethoden behindert werden. Die Welt-Ernährungsorganisation FAO warnt vor neokolonialen Zuständen, wenn reiche Staaten mit wenig eigenem Ackerboden, beispielsweise Saudi-Arabien, Plantagen in verarmten Ländern suchen.

Auch die Einrichtung oder Unterstützung von Regimen und Diktaturen in Afrika sowie früher in Lateinamerika kann als Neokolonialismus gelten, wenn diese den Interessen multinationaler Konzerne statt der dort lebenden Bevölkerung dienen. Als Beispiel verweist der Artikel auf die Operation PBSUCCESS. Hinzu kommt die mögliche Kontrolle der Berichterstattung über die betroffenen Länder.

Teilweise wird auch christliche Missionsarbeit in Entwicklungsländern mit Neokolonialismus verbunden. Toby Luckhurst verweist auf imperialistische Formen der Mission, die Fortsetzung kolonialer Traditionen und die Zusammenarbeit evangelikaler Missionare mit Rohstoffunternehmen im Amazonasgebiet. Die Abkehr von traditionellen Werten indigener Gruppen könne ihre Selbstständigkeit schwächen und neue Abhängigkeiten von der neuen Religion und der westlichen Kultur schaffen. Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt für die große Mehrheit der „Dritten Welt“ deutliche weltwirtschaftliche Parallelen zwischen der ökonomischen Globalisierung des späten 20. und 21. Jahrhunderts und der Kolonialzeit fest.

Politische Entwicklung und Beispiele

Der Begriff verbreitete sich besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, als die früheren Kolonialreiche aufgelöst wurden. Zunächst wurde er meist auf afrikanische Länder bezogen. Politiker und Aktivisten in gerade unabhängig gewordenen Staaten beklagten, ihre Länder seien Opfer einer neuen Form des Kolonialismus geworden. Diese werde von ehemaligen Kolonialmächten, aber auch von anderen wohlhabenden Staaten ausgeübt.

Besonders Frankreich wurde und wird teilweise bis heute eine neokolonialistische Politik vorgeworfen. Der Vorwurf schließt ein, Frankreich sichere seine Interessen bei Bedarf sogar durch Militäreinsätze. Der Artikel stellt dies als politische Kritik beziehungsweise Vorwurf dar, nicht als unumstrittene Einordnung.

Auch Unabhängigkeitsbewegungen in Gebieten, die noch unter europäischer Kontrolle standen, übernahmen den Begriff. Beispiele sind die marxistischen und antikolonialistischen Organisationen FRELIMO und MPLA in Mosambik und Angola. Beide Länder wurden bis in die 1970er Jahre von Portugal kontrolliert.

In neuerer Zeit werden auch chinesische Investitionen in afrikanische Infrastruktur, vor allem in Nigeria, von einigen westlichen Politikern abwertend als Neokolonialismus bezeichnet. Ein weiteres Anwendungsfeld entstand im digitalen Bereich: In der Anfangszeit des Internets beanspruchten Unternehmen Top-Level-Domains kleiner Staaten für sich. Besonders bekannt sind .tv, .nu und .io. Weil solche Domains heute als wichtige Ressourcen gelten, wird hierfür teilweise von Neokolonialismus oder digitalem Kolonialismus gesprochen.

Kritik an internationalen Finanzinstitutionen

In den 1980er Jahren entwickelten der westlich dominierte Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank ein System von Strukturanpassungsmaßnahmen. Dabei wurden Kredite oder Schuldenerlasse an marktorientierte Wirtschaftsreformen gebunden. Diese Maßnahmen werden auch als Washington Consensus bezeichnet. Dazu gehörten die Privatisierung öffentlicher Unternehmen, die Lockerung von Handelsbeschränkungen und eine allgemeine Deregulierung der Märkte für Investoren. Deregulierung bedeutet den Abbau staatlicher Regeln und Beschränkungen.

Nach der im Artikel dargestellten Kritik führten diese Vorgaben zum Verkauf staatlicher Betriebe und Infrastruktur an ausländische Unternehmen. Die betroffenen Länder verloren dadurch weiter an Eigenständigkeit; zugleich konnten öffentliche Dienstleistungen wie das Gesundheits- und Bildungswesen verfallen. IWF und Weltbank wird vorgeworfen, Staaten zu Maßnahmen zu zwingen, die vor allem reichen Ländern und deren Unternehmen dienten, aber die Entwicklung der betroffenen Volkswirtschaften kaum berücksichtigten. Als mögliche Folge wird eine weitere Zunahme der Armut genannt. Beispiele sind die Argentinien-Krise von 1998 bis 2002 und die bis 2004 weitgehend ergebnislosen Verhandlungen über die Öffnung der Märkte der USA und der EU für Agrarprodukte aus afrikanischen Ländern.

Zu Beginn der 2000er Jahre galt auch die Verschuldung vieler afrikanischer Staaten gegenüber IWF und Weltbank als Beleg für neokoloniale Abhängigkeit. Diese Länder zahlten demnach jährlich mehr an beide Institutionen zurück, als sie von ihnen als Darlehen erhielten. Dadurch würden wirtschaftliche Entwicklung und der Aufbau von Gesundheits- und Bildungssystemen weitgehend unmöglich. Der Bedarf an weiteren Krediten und Schuldenerlassen zwinge die Staaten wiederum zur Zustimmung zu den vorgegebenen Strukturanpassungsprogrammen.

Jeffrey Sachs, Berater des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan für Wirtschaft und Entwicklung, forderte 2004 einen vollständigen Schuldenerlass von rund 200 Milliarden US-Dollar für afrikanische Länder. Falls IWF und Weltbank nicht zustimmten, sollten die Regierungen nach seiner Auffassung ihre Zahlungen einstellen und das Geld stattdessen für Gesundheit, Bildung, Trinkwasser, die Bekämpfung von AIDS und andere dringende soziale Aufgaben einsetzen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft Währungsabwertungen. Der IWF verlange teilweise die Abwertung nationaler Währungen als Voraussetzung für neue Darlehen, während die Rückzahlung in vergleichsweise harten Währungen wie US-Dollar, britischem Pfund, Euro oder Yen erfolgen müsse. Kritiker argumentieren, dass dadurch die Schuldenlast steige, eine Rückzahlung erschwert werde und die Länder in dauerhafter Verschuldung sowie neokolonialer Abhängigkeit verblieben.

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