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Frühkapitalismus

Der Frühkapitalismus (auch als Handelskapitalismus bezeichnet) ist ein von dem deutschen Soziologen und Ökonomen Werner Sombart in seiner Geschichte Der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Einordnung
  2. 2. Wirtschaftliche Kennzeichen
  3. 3. Übergang vom Feudalismus
  4. 4. Handel, Entdeckungen und Bürgertum
  5. 5. Patriziat und Patronage
  6. 6. Ausbreitung und Beginn des modernen Kapitalismus

Grundidee und Einordnung

Der Frühkapitalismus, auch Handelskapitalismus genannt, bezeichnet eine frühe volkswirtschaftliche Gesellschaftsform auf dem Weg zum modernen Kapitalismus. Der Begriff wurde von dem deutschen Soziologen und Ökonomen Werner Sombart in Der moderne Kapitalismus von 1902 geprägt. Frühkapitalismus entstand noch innerhalb einer weiterhin stark feudalen Gesellschaft, unterschied sich vom Feudalismus aber grundsätzlich dadurch, dass Geld und Privateigentum an Produktionsmitteln wichtiger wurden als der Besitz von Grund und Boden.

Der Wandel begann im Spätmittelalter, also etwa von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, und setzte sich in der Frühen Neuzeit, etwa von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, fort. Er war noch kein moderner Kapitalismus, sondern ein Übergang: Es wurde weiterhin vorwiegend mit handwerklicher Technik produziert, doch Handel, Geldwirtschaft, Banken und Kreditwesen gewannen immer mehr Bedeutung.

Wirtschaftliche Kennzeichen

Ein zentrales Kennzeichen des Frühkapitalismus war der Wechsel von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft. Tauschwirtschaft bedeutet, dass Waren direkt gegen andere Waren getauscht werden. Geldwirtschaft bedeutet, dass Geld als allgemeines Zahlungsmittel genutzt wird. Dadurch konnte Kapital entstehen, also Vermögen, das eingesetzt wird, um weitere Einkünfte zu erzielen. Möglich wurden Einkünfte durch Zinsen, Gewinne oder Pacht. Das kirchliche Zinsverbot schränkte solche Geschäfte zunächst ein, konnte aber auf verschiedenen Wegen umgangen werden.

Der Frühkapitalismus entwickelte sich aus einfacher Warenproduktion und Handelskapitalismus. Besonders wichtig war das in Italien aufkommende Bankwesen, das sich in ganz Europa und darüber hinaus verbreitete. Ebenso wuchs die Bedeutung des Fernhandels, also des Handels über große Entfernungen. Dieser hing von internationalen Märkten ab. Europäische Seehäfen wurden dabei zu wichtigen Umschlagplätzen und zu Zentren dieser Märkte.

Die Herausbildung von Handelskapital, neuen Formen des Geldverkehrs und institutioneller Absicherung wird auch als Kommerzielle Revolution bezeichnet. Neben Banken entstanden Kredit- und Versicherungsunternehmen sowie das Verlagswesen. Insgesamt entwickelte sich eine stärker am Markt orientierte Wirtschaftsstruktur.

Übergang vom Feudalismus

Der Frühkapitalismus war ein Zwischenstadium zwischen feudaler Wirtschaft und Kapitalismus. Im Feudalismus war Grundbesitz die wichtigste Quelle von Reichtum. Die Produktion war stark von Naturalwirtschaft geprägt, also von einer Wirtschaftsweise, in der viele Abgaben und Leistungen nicht in Geld, sondern in Naturalien oder Arbeit erbracht wurden. Der größte Teil der Bevölkerung bestand aus Bauern. Diese bewirtschafteten Land, das ihnen meist nicht gehörte, sondern Eigentum eines Grundherrn war.

Mit dem Frühkapitalismus verlor Grundbesitz als wichtigste Reichtumsquelle an Bedeutung. Zugleich wurde die Finanzierung des Staates zunehmend vom Bankenwesen abhängig. Unternehmer konnten eine Monopolstellung erreichen, nicht nur über Märkte, sondern auch durch Kredite an staatliche Herrscher, zum Beispiel zur Finanzierung stehender Heere. Zunächst waren vor allem Bankwesen und Bergbau besonders erfolgreiche Branchen. Massenproduktion in Manufakturen wurde erst mit der industriellen Revolution ab Mitte des 18. Jahrhunderts besonders lukrativ.

Wichtige gesellschaftliche Voraussetzungen waren vertragsbasierte freie Lohnarbeit, Pachtverträge für Bauern statt Leibeigenschaft und Hörigkeit sowie die Zurückdrängung von Geburtsrecht und Privilegien des Adels. Solche Veränderungen setzten sich zuerst im Zuge frühbürgerlicher Revolutionen an den westlichen Rändern Europas durch.

Auch neue Organisationsformen wurden wichtiger, etwa Gesellschaften wie Handelskompanien. Der private und der berufliche Bereich trennten sich stärker. Finanzrechnung gewann an Bedeutung, erkennbar am Aufkommen der doppelten Buchführung sowie von Handlungs- und Kaufmannshandbüchern. Außerdem stiegen Effizienz in der Produktion und die finanziellen und sozialen Abhängigkeiten, die durch den Geldverkehr entstanden. Der Artikel verbindet diese Entwicklung auch mit Karl Marx’ Beschreibung einer ökonomischen Gesellschaftsformation in seiner Kritik an der politischen Ökonomie, soweit sie dieses Zeitalter betrifft.

Handel, Entdeckungen und Bürgertum

Die europäischen Handelswege veränderten sich stark. Das Vordringen der Osmanen nach Kleinasien und besonders die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 behinderten europäische Kaufleute zunehmend auf ihren Handelsrouten nach Asien. Auch deshalb weiteten portugiesische und spanische Seefahrer ihre Unternehmungen aus. Christoph Kolumbus entdeckte 1492 das spätere Amerika, und Vasco da Gama fand 1497 den Seeweg nach Indien um die Südspitze Afrikas herum über den Indischen Ozean.

Auch der Buchdruck spielte eine indirekte Rolle. Johann Gutenberg erfand um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Dadurch konnten neue Erkenntnisse und Ideen schneller verbreitet werden, was indirekt die Alphabetisierung förderte.

Das zu Reichtum gelangte Bürgertum drängte nach und nach die seit dem Mittelalter bestehende Vorherrschaft von Adel und Geistlichkeit zurück. Beispiele sind die Fugger in Augsburg, die als Bankiers von Päpsten indirekt am Ablasshandel beteiligt waren und 1517 sogar die Wahl des deutschen Kaisers Karl V. finanzierten. Weitere Beispiele sind die Welser in Augsburg und Nürnberg sowie die Medici in Florenz. Die Ursprünge der kapitalistischen Produktionsweise lagen besonders in mittelalterlichen Städten, in denen die Macht der Fürsten durch Privilegien oder durch ein wirtschaftlich starkes Bürgertum eingeschränkt war. Wichtig waren Messestädte und italienische Handelsstädte, wo viele Händler und Waren zusammentrafen und das Wirtschaftsgeschehen nur wenig reguliert wurde.

Patriziat und Patronage

Eine wichtige soziale Gruppe des Frühkapitalismus war das Patriziat, also die städtische Oberschicht. Patrizier schlossen sich in Städten zu Gilden zusammen, um ihre Interessen gegenüber dem Stadtrat, einem Lehnsherrn oder Territorialherrn durchzusetzen. Insgesamt förderte der Geldverkehr die Herausbildung des Bürgertums als eigenständige soziale Schicht.

Patrizier hatten auch politischen Einfluss. Häufig verbanden sich Unternehmensführung und politische Herrschaftsambitionen. Die Bank der Medici trat etwa als päpstliche Bank auf und finanzierte Konzilien, zum Beispiel das Konzil von Basel/Ferrara/Florenz. Die Fugger in Augsburg fungierten als kaiserliche Hausbank. Unternehmerdynastien wie Peruzzi, Bardi, Medici, Ango, Fugger, Welser, Tucher, Imhoff und die Familie Taxis stehen im Artikel für langfristigen politischen Einfluss wirtschaftlich mächtiger Familien.

Aus dem Aufstieg von Kaufleuten über Gilden und Zünfte in politische Ämter entstand ein Beziehungsgeflecht zwischen wirtschaftlicher Macht und politischer Herrschaft. Dieses wird als Patronagesystem bezeichnet. Besonders bekannt war das Patronagesystem der Medici in Florenz, die in wichtigen europäischen Finanz- und Handelsplätzen Filialen hatten. Auch das Mäzenatentum, also die Förderung von Kunst, Wissenschaft oder Kultur durch wohlhabende Unterstützer, wird als Teil dieses Patronagesystems beschrieben.

Ausbreitung und Beginn des modernen Kapitalismus

Der Frühkapitalismus breitete sich zunächst vor allem in übernationalen und städtischen Zusammenhängen Europas aus. Gleichzeitig blieb auf dem Land der Feudalismus mit Lehnswesen und der Abhängigkeit der Bauern vom Lehnsherrn weiterhin prägend. Diese Gegensätze gehörten zu den Ursachen des Deutschen Bauernkrieges und weiterer sozialer Unruhen.

Die Entdeckungen in der Neuen Welt durch Christoph Kolumbus und die Weltumsegelung Magellans waren wichtige Voraussetzungen für einen frühmodernen Welthandel. Sie führten aber auch zu Spekulationen und finanziellen Risiken. Staatsbankrotte Spaniens, der Niederlande und Frankreichs trugen zum finanziellen Ruin des Unternehmens der Welser bei, das selbst eine Kolonie in Venezuela besaß. Durch europäische Kolonialreisen entstanden Kenntnisse über entfernte Märkte und Handelsrouten, wodurch sich eine stärker am globalen Markt orientierte Wirtschaftsstruktur entwickelte. Der Artikel nennt in diesem Zusammenhang auch den „Versklavungshandel als erste Welle einer unausgewogenen Globalisierung“ und führt einen großen Teil heutiger weltweiter ökonomischer und politischer „Dominanzstrukturen“ auf die Zeit des Kolonialismus zurück.

Der moderne Kapitalismus setzte sich erst später durch: mit der Überwindung der Feudalgesellschaft, dem Beginn der Moderne um den Jahrhundertwechsel vom 18. zum 19. Jahrhundert, der von England ausgehenden industriellen Revolution ab etwa 1750 und den bürgerlichen Revolutionen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Dazu gehörten auch Bauernbefreiung und Beseitigung des Zunftzwanges. Das Bürgertum, zuvor der dritte Stand der europäischen Gesellschaft, löste innerhalb vergleichsweise weniger Jahrzehnte Adel und regierende Fürstenhäuser nach und nach auch in ihrer politischen Vormachtstellung ab.

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