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Forschungsgeschichte der indianischen Kulturen Nordamerikas

Die Forschungsgeschichte der indianischen Kulturen Nordamerikas reicht bis in die Phase der ersten Kontakte zwischen Indianern und Europäern zurück.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und grundlegender Wandel
  2. 2. Von praktischen Aufzeichnungen zur Wissenschaft
  3. 3. Gesellschaften, Museen und Universitäten
  4. 4. Forschungsrichtungen und Methoden
  5. 5. Indigene Kritik und Neuorientierung

Gegenstand und grundlegender Wandel

Die Forschungsgeschichte der indianischen Kulturen Nordamerikas beschreibt, wie Wissen über indigene Völker gesammelt, geordnet und wissenschaftlich gedeutet wurde. Sie begann mit den ersten Kontakten zwischen Indigenen und Europäern. Anfangs dienten Beobachtungen vor allem der Missionierung, der Erschließung von Gebieten und der wirtschaftlichen Nutzung der „Neuen Welt“. Auch später bestimmten meist europäische und amerikanische Vorstellungen die Forschung. Indigene Menschen kamen vorwiegend als historische Quellen oder ethnologische Informanten vor, selten als Forschende mit eigenen Begriffen und Deutungen.

Erst die genauere Untersuchung der Geschichte einzelner Ethnien und der politische Widerstand gegen kulturelle Assimilation – die Anpassung an die vorherrschende Gesellschaft bis hin zum Verlust eigener kultureller Merkmale – stärkten indigene Perspektiven. Zugleich gerieten die Wissenschaften selbst in die Kritik: Ihre Methoden und Institutionen werden zunehmend als Bestandteile kolonialer Beziehungen untersucht.

Von praktischen Aufzeichnungen zur Wissenschaft

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sammelten besonders Missionare, Naturwissenschaftler und antiquarisch Interessierte Informationen. Jesuiten zeichneten umfangreiches Sprachmaterial auf, weil Missionierung ohne Sprachkenntnisse kaum möglich war. Frühe Autoren verglichen indigene und europäische Gesellschaften: Louis-Armand de Lahontan ließ 1703 einen huronischen Philosophen die europäische Doppelmoral kritisieren. Joseph-François Lafitau verglich 1724 die Kultur der Irokesen und anderer amerikanischer Völker systematisch mit Gesellschaften der europäischen Antike.

Der um 1700 von Louis Nicolas verfasste Codex canadiensis war ungewöhnlich, weil er weder moralisch noch religiös ausgerichtet war. In 180 Illustrationen stellte Nicolas Pflanzen, Tiere sowie auf 19 Seiten indigene Menschen und ihre Werkzeuge dar. Das bis 1930 verschollene Werk blieb zunächst ohne Wirkung.

Die Lewis-und-Clark-Expedition von 1804 bis 1806 untersuchte im Auftrag von Präsident Thomas Jefferson den amerikanischen Nordwesten und sollte noch zu erobernde Gebiete erkunden. Dabei entstanden zugleich urgeschichtliche und sprachwissenschaftliche Aufzeichnungen; die Expedition sammelte Sprachproben und grub einen Mound aus. Spätere Armeeexpeditionen und das Wissen von Pelzhändlern erweiterten die Kenntnisse über einzelne Gruppen.

1787 befürwortete Alexandre-César Chavannes den Begriff „Ethnologie“ für die Erforschung der Entwicklungsstufen menschlichen Fortschritts. 1802 hielt Arnold Heeren die erste Vorlesung über allgemeine Länder- und Völkerkunde. Henry Rowe Schoolcraft veröffentlichte von 1851 bis 1856 die sechsbändige erste große Übersicht History, Condition and Prospects of the Indian Tribes of the United States.

Lewis Henry Morgans League of the Ho-de-no-sau-neeor Iroquois von 1851 war die erste monographische Beschreibung eines nordamerikanischen Volkes. Sie entstand mit Hilfe des Seneca Ely Parker. Morgan verstand Verwandtschaft erstmals nicht nur als genetische Abstammung, sondern als kulturell bestimmten Bereich. In Ancient Society von 1877 erklärte er die Verwandtschaftsorganisation zu einem Schlüssel der menschlichen Entwicklungsgeschichte und vertrat die Vorstellung einer aufsteigenden kulturellen Entwicklung.

Franz Boas entwickelte nach seiner Reise ins Baffinland 1883/84 Konzepte der teilnehmenden Beobachtung und der stationären Feldforschung. Teilnehmende Beobachtung bedeutet, dass Forschende längere Zeit am Leben einer untersuchten Gemeinschaft teilnehmen. Frank Hamilton Cushing entwickelte zur gleichen Zeit eine solche Arbeitsweise bei den Zuñi. An der Nordwestküste sammelten indigene Mittelsmänner Texte in ihren eigenen Sprachen als kulturelle Primärquellen. Daraus entwickelte sich die Vier-Felder-Anthropology, die Ethnologie, Prähistorie, Linguistik und physische Anthropologie als zusammengehörige Wissenschaften vom Menschen auffasste.

Gesellschaften, Museen und Universitäten

Wissenschaftliche Gesellschaften förderten die Institutionalisierung und Professionalisierung des Fachs. Die 1839 in Paris gegründete Société d’Ethnologie wurde zum Vorbild. Früh dominierte eine evolutionistische Vorstellung, nach der sich Gesellschaften vom vermeintlich „Primitiven“ zum „Höheren“ entwickelten. Albert Gallatin und John Russell Bartlett gründeten 1842 die American Ethnological Society (AES). Da nur wenige Mitglieder Feldforscher waren und über den Nutzen der Forschung für die Missionierung gestritten wurde, stand sie nach etwa zwanzig Jahren beinahe vor der Auflösung. Später band sie sich stärker an die Columbia University; 1916 wurde sie zur American Ethnological Society, Inc. Seit 1972 gibt sie den American Ethnologist heraus, seit den 1980er-Jahren ist sie in die American Anthropological Association (AAA) eingegliedert. Die AAA war 1899 gegründet worden.

Weitere wichtige Einrichtungen waren das 1879 von John Wesley Powell gegründete Bureau of (American) Ethnology an der Smithsonian Institution, die Anthropological Society of Washington von 1883 und die Women’s Anthropological Society of Washington von 1885. Gegen eine lange vorherrschende, ahistorische Völkerkunde richtete sich die 1954 gegründete American Society for Ethnohistory. 1980 entstand der interdisziplinäre, auf Nordamerika konzentrierte American Indian Workshop.

Museen waren bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutende Forschungszentren und eng mit den Naturwissenschaften verbunden. Dazu gehörten das U.S. National Museum of Natural History und das American Museum of Natural History. Franz Boas leitete von 1897 bis 1902 die Jesup North Pacific Expedition zur Untersuchung kultureller Beziehungen zwischen dem nordwestlichen Nordamerika und Nordasien.

Das 1866 gegründete Peabody Museum der Harvard University bereitete unter Frederic Ward Putnam die anthropologische Abteilung der Weltausstellung von 1893 in Chicago vor. Rund 100 Mitarbeiter beschafften 50.000 Exponate für Anthropology: Man and His Work. Aus den Sammlungen der Weltausstellung entstand das spätere Field Museum, das sich seit seiner Umbenennung 1905 auf Naturwissenschaften und Völkerkunde konzentrierte. Ab etwa 1920 nahm die ethnologische Sammel- und Forschungstätigkeit der Museen ab. Das aus der Sammlung George Heye hervorgegangene National Museum of the American Indian gehört seit 1989 zur Smithsonian Institution; 2004 entstand daraus das größte Museum für indianische Kultur mit rund 800.000 Exponaten und 125.000 Fotos.

An Universitäten bildeten sich unterschiedliche Forschungsschwerpunkte. An der Columbia University prägten Franz Boas und seine Schüler das Fach. Julian Steward entwickelte die Kulturökologie und eine multilineare Evolution, also die Vorstellung mehrerer möglicher kultureller Entwicklungswege. In Berkeley wirkten Alfred Kroeber und Robert Lowie. Fred Eggan verband an der University of Chicago britischen Funktionalismus mit historischem Partikularismus beziehungsweise Kulturrelativismus. Leslie White untersuchte an der University of Michigan Gesellschaften diachron, also in ihrer zeitlichen Entwicklung, und wollte ihre formale Struktur sowie die funktionalen Beziehungen ihrer Bestandteile erklären.

Forschungsrichtungen und Methoden

Die frühe amerikanische Ethnologie blickte häufig auf vermeintlich vergangene, unveränderte Kulturen zurück. Sie nutzte Schriftquellen und Gedächtnisethnographie, also Erinnerungen an frühere Lebensweisen, und beschrieb vergangene Zustände oft im „Ethnographischen Präsens“. Dadurch entstand der irreführende Eindruck, traditionelle Kulturen seien unveränderlich.

Die Parallelisten nahmen überall gleiche Entwicklungsanlagen an und ordneten Kulturen unterschiedlichen Entwicklungsstufen zu. Diffusionisten erklärten Gemeinsamkeiten dagegen durch die historische Verbreitung und Übernahme von Kulturelementen. In den 1930er-Jahren rückten Akkulturation – Veränderungen durch dauerhaften Kulturkontakt – und die Regelmäßigkeiten historischer Kontaktprozesse in den Mittelpunkt. Damit stellte sich auch die Frage, ob Kulturkontakt jemals als abgeschlossen gelten könne.

Bronislaw Malinowski vertrat den Funktionalismus. Danach lässt sich ein kulturelles Phänomen nur verstehen, wenn seine Wirkungen auf andere Erscheinungen innerhalb derselben Kultur berücksichtigt werden. Die miteinander verbundenen Elemente beruhen auf funktionellen Strukturen; der Vergleich mit einem magnetischen Feld lieferte eine Begründung für den Ausdruck „Feldforschung“.

Der Strukturalismus, besonders Claude Lévi-Strauss in Les structures élémentaires de la parenté von 1949, suchte unter sichtbaren kulturellen Erscheinungen verborgene Strukturen. Einige Vertreter hofften, Kultur auf mathematisch formulierbare Regeln zurückführen zu können. Im Mittelpunkt standen Mythen und Verwandtschaftssysteme. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde zunehmend gefragt, welche Verantwortung die Ethnologie trägt, ob sie als Sprachrohr einer Ethnie auftreten kann und wie sie zur Erhaltung ethnischer Vielfalt beitragen soll.

Indigene Kritik und Neuorientierung

Als die Indian Claims Commission 1946 mit ihren Forderungen öffentlich hervortrat, wurden indigene Menschen stärker als handelnde Subjekte ihrer eigenen Geschichte wahrgenommen. Unter diesem äußeren Impuls gewann die Ethnohistory an Bedeutung. Sie verbindet ethnologische und historische Methoden, um die Geschichte und Perspektive einzelner Ethnien zu untersuchen.

Indigene Forschung und Geschichtsschreibung hatte es spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, war jedoch lange weitgehend ignoriert worden. Zu ihren Vertretern gehörten Francis La Flesche, John Napoleon Brinton Hewitt, Arthur C. Parker, Ella Cara Deloria, Edward Dozier und Alfonso Ortiz.

Viele indigene Menschen verstanden Wissenschaft zunehmend als koloniale Technik der Assimilation. Werke wie Vine Deloria juniors Custer Died for Your Sins von 1969 formulierten Kritik aus der Perspektive der jeweiligen ethnischen Gruppe. Die Beforschten verlangten mehr Kontrolle über Forschungsergebnisse und fragten nach dem konkreten Nutzen der Forschung für ihre Gemeinschaften. Zugleich setzte sich die Einsicht durch, dass große Teile indigener Kulturen ohne die Deutungen der Indigenen selbst nicht verständlich sind.

Seit den 1980er-Jahren wurden verstärkt sakrale und andere Gegenstände sowie menschliche Überreste zurückgefordert. Der Native American Graves Protection and Repatriation Act (NAGPRA) schuf einen Rechtsanspruch auf Rückgabe. So wurde die als Buhl Woman bekannte Tote nach Abschluss der Untersuchung feierlich beigesetzt.

Indigene Forschungsprogramme lehnen heute häufig das euroamerikanische Wissenschaftsmodell ab. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit indigenen Kulturen gilt nun selbst als Teil fortdauernder interethnischer Beziehungen und wird deshalb ebenfalls erforscht. Damit rücken unterschiedliche kulturelle Formen und Funktionen des Wissens in den Mittelpunkt.

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