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Akkulturation
Akkulturation indigener Gruppen und Individuen Überschneidungen bestehen zur Integration in ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem und der Assimilation. Die …
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Grundbedeutung und gesellschaftlicher Kulturwandel
Akkulturation ist ein weit gefasster Oberbegriff für Anpassungsprozesse von Personen oder sozialen Gruppen an eine Kultur. Sie kann Wertvorstellungen, Sitten, Brauchtum, Sprache, Religion, Technologie und weitere Bereiche betreffen. Eine allgemein verbindliche Definition gibt es nicht: In den Sozialwissenschaften bedeutet der Begriff etwas anderes als in Psychologie und Pädagogik.
Der Begriff überschneidet sich mit Integration in ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem sowie mit Assimilation, also der Anpassung an eine fremde Kultur bis hin zur Aufgabe der eigenen Kultur. Diese Prozesse können auch durch staatliche Förderung oder Forcierung im Rahmen einer Assimilationspolitik beeinflusst werden.
Akkulturation bei Kulturkontakt
In Anthropologie und Ethnologie bezeichnet Akkulturation die wechselseitigen Anpassungsprozesse bei der Begegnung zweier unterschiedlicher Kulturen. Dabei werden fremde geistige oder materielle Kulturgüter übernommen. Betroffen sein können Einzelpersonen ebenso wie ganze Gruppen. Richard Thurnwald beschrieb Akkulturation als soziales Lernen: Einstellungen und Verhalten verändern sich, und die Persönlichkeit wird geprägt.
Akkulturation kann durch ungeregelte, defensive Kontakte entstehen. Die Beteiligten entscheiden dabei frei, ob sie sich wirtschaftliche Vorteile oder andere Bereicherung versprechen. Voraussetzung ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Fremden, der Vergleich mit der eigenen Kultur und die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu verändern.
Sie kann auch durch gezielte, offensive Maßnahmen einer dominanteren Kultur ausgelöst werden. Ziele sind häufig Integration oder vollständige Assimilation. Mittel sind Hilfestellung, Bildungsangebote und wirtschaftliche Anreize, teils aber auch Gewaltandrohung oder Zwangserziehung. Zwang kann Vorbehalte und Widerstand hervorrufen. Akkulturationsprozesse treten auf, wenn sich ein Herrschaftsbereich über mehrere Ethnien erstreckt, etwa bei der Romanisierung im Westen des Römischen Reiches, der Russifizierung Sibiriens, der Sinisierung von Südchina, Tibet und Xinjiang, der Europäisierung europäischer Kolonien oder der Italianisierung von Südtirol.
Intensität, Richtung und Tempo hängen besonders von der Motivation der dominierten Menschen ab. Wer eigene Entwicklungsziele aktiv, bewusst und engagiert verfolgt, durchläuft den Wandel eher schnell und selbstbestimmt. Passive oder gleichgültige Reaktionen begünstigen einen langsameren und fremdbestimmteren Wandel. Politische Entwicklungsprogramme zur gelenkten Akkulturation scheitern häufig an dieser Eigendynamik sowie an weiteren Akteuren, etwa Unternehmen, Missionaren, Staaten, supranationalen Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Ethnologen oder Touristen.
In der öffentlichen Debatte wird Akkulturation von „Stammesvölkern“ oft mit kultureller Entwurzelung, Zerfall von Gemeinschaften, Apathie, Resignation, Werteverfall, Kriminalität, Generationenkonflikten, Alkoholismus, Drogenkonsum, Diskriminierung und wirtschaftlicher Abhängigkeit verbunden. Das Risiko steigt bei großen kulturellen Unterschieden und aggressivem Druck der dominanten Kultur. Entscheidend sind schließlich Dauer und Intensität des Kontakts; Eroberung und Kolonialismus gelten als extreme Formen.
Vier Strategien bei Migration
John W. Berry versteht Akkulturation als Anpassungsprozess von Migranten, die sich individuell oder als Gruppe in einer anderen als ihrer Geburtskultur niederlassen. Seine vier Formen richten sich danach, ob Menschen ihre eigene Kultur beibehalten wollen oder sollen und ob Kontakt mit der Aufnahmegesellschaft besteht. Die Strategien werden nicht immer frei gewählt, sondern ergeben sich auch aus Umständen der Migration, der Zuwanderergruppe und der Aufnahmegesellschaft.
- Segregation oder Separation: Die eigene Kultur bleibt erhalten, während kein Kontakt zur Aufnahmegesellschaft besteht. Die Minderheit strebt kulturelle Isolation an, lehnt die dominante Kultur ab oder wird von ihr abgelehnt.
- Integration: Elemente der eigenen Kultur bleiben erhalten, zugleich besteht Kontakt zur Aufnahmegesellschaft. Beide Gruppen streben Multikulturalität an; auch die Aufnahmegesellschaft kann beeinflusst werden.
- Assimilation: Die eigene Kultur wird aufgegeben, während Kontakt zur Mehrheit besteht. Dies führt zur Verschmelzung mit der dominanten Kultur.
- Marginalisierung, auch Exklusion: Die eigene Kultur wird aufgegeben, ohne dass Kontakt zur Mehrheit besteht. Dies folgt häufig auf kulturelle oder ethnische Entwurzelung.
Psychische Entwicklung, Erziehung und Belastungen
Erik Erikson entwickelte 1950 in Childhood and Society ein achtphasiges Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung über die gesamte Lebensspanne. Zentrale Begriffe sind „Ich-Identität“ und, bei misslungener Identitätsbildung, „Identitätsdiffusion“.
Akkulturation nach einer Migration kann psychisch belastend sein. Kalervo Oberg bezeichnet dies als Kulturschock, John W. Berry als Akkulturationsstress (accultrative stress). Wielant Machleidt beschreibt den Stress nach Migration als „seelisch extrem belastend und massiv unterschätzt“. Eine Identitätskrise kann umso tiefgreifender sein, je fremder der Kulturraum ist; zudem können Freundeskreis, Arbeit und teilweise Familie wegfallen. Machleidt versteht Migration nach Geburt und Adoleszenz als weitere Phase der Individuation: als „kulturelle Adoleszenz“ oder „Geburt als Weltbürger“. Dabei müssen das Eigene, das Fremde, die eigene Identität und das Wertegefüge neu bestimmt werden.
Diese Entwicklung wird mit einer Pubertät verglichen: Sie kann große Gefühle, Affekte, Omnipotenzphantasien, Trennungsschmerz und Ängste vor dem Scheitern auslösen. Diskriminierung, soziale Ausschließung und Isolation können zu chronisch erhöhter Stressbelastung führen. Möglich ist aber auch ein breiter Erfahrungshorizont beziehungsweise „Weltläufigkeit“ als mehrkulturelle Orientierung.
In Psychologie und Pädagogik bedeutet Akkulturation dagegen das Hineinwachsen in das eigene kulturelle Umfeld durch Erziehung, meist in der Adoleszenz. Enkulturation ist die unbewusste, ungesteuerte Sozialisation besonders vor der Adoleszenz, etwa bei Neugeborenen, Kleinkindern und Kindern. Akkulturation erfolgt vor allem durch Erziehung in Familie und Schule, teilweise durch ungeplantes Lernen. Jugendliche machen außerdem Erfahrungen, beispielsweise in Gruppen Gleichaltriger, die sich geplanter Erziehung entziehen. Gelungene Akkulturation bedeutet, dass junge Menschen die eigene Kultur und ihre ungeschriebenen Gesetze kennen und gesellschaftsfähig, also erwachsen, sind.
Eine repräsentative Studie von 2016 mit 15-jährigen Jugendlichen mit familiärer Migrationsgeschichte in Deutschland zeigte: Wer die Wertvorstellungen der Herkunftskultur beibehielt, betrieb seltener Rauschtrinken. Eine starke Tendenz zur Assimilation an die deutsche Kultur ging dagegen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit regelmäßiger Erfahrungen mit übermäßigem Alkoholkonsum einher. Auch eine starke Bindung der Eltern an Traditionen des Herkunftslandes verringerte das Risiko für Rauschtrinken.