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Historisches Präsens
Als historisches Präsens (lat. praesens historicum, auch narratives Präsens) wird die Verwendung des Präsens in Erzählungen von Vergangenem bezeichnet.
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Definition und Funktion
Das historische Präsens, auch narratives Präsens genannt, ist die Verwendung des Präsens in Erzählungen über vergangene Ereignisse. Obwohl die Handlung in der Vergangenheit liegt, werden die Verben im Präsens verwendet.
Diese Zeitform soll geschichtliche Ereignisse für Zuhörer oder Leser anschaulicher und besser nachvollziehbar machen. Besonders wichtige, punktuelle Ereignisse können dadurch hervorgehoben werden. Das historische Präsens kommt unter anderem in Geschichtsbüchern, geschichtlichen Zusammenfassungen und Zeittafeln vor. Auch Zitate werden häufig mit dem historischen Präsens eingeleitet.
Stilistische Wirkung und Gebrauch
Hans-Werner Eroms bezeichnet das historische Präsens als „klassisches Stilmittel“. Nach Harald Weinrich kann der Wechsel des Tempus als „Tempusmetapher“ stilistische Effekte erzeugen. Findet der Wechsel aus Sicht des Lesers unvermittelt statt, kann die Schilderung nachdrücklicher wirken. Die Verständlichkeit bleibt dabei erhalten, wenn der Text insgesamt zusammenhängend gestaltet ist.
Im Deutschen ist in historischen Darstellungen normalerweise das Präteritum die gebräuchliche Zeitform. Präsensformen erscheinen dort vor allem in argumentierenden Passagen, beispielsweise bei der Auseinandersetzung mit einer Quelle oder mit der Fachliteratur. In der deutschsprachigen Wikipedia werden biografische Artikel über verstorbene Personen in der Regel im Präteritum geschrieben. Die französischsprachige Wikipedia verwendet für solche Artikel dagegen das historische Präsens, das dort présent de narration heißt.
Typische Beispiele
Das historische Präsens kann in unterschiedlichen Formen auftreten:
- „Im Jahr 800 wird Karl der Große gekrönt.“ Das Präsens „wird … gekrönt“ erzählt ein vergangenes Ereignis.
- „Konfuzius sagt: ‚…‘“ Das Präsens leitet ein Zitat ein.
- „Am 15. April 1912 um 2:20 Uhr sinkt die Titanic auf 41° 46′ N 50° 14′ W.“ Ein genau datiertes vergangenes Ereignis wird im Präsens dargestellt.
- In einer Tempusmetapher wechselt ein erzählender Text unvermittelt ins Präsens: „Robert William Kempowski: morgens fährt er mit einer Droschke ins Kontor, langsam und nach allen Seiten grüßend, mal nach links und mal nach rechts. Die Stephanstraße fährt er entlang. […] An der Reichsbank fährt Robert Williams Kempowski vorbei, wo man ihm wohlgesonnen ist …“ (Walter Kempowski, Aus großer Zeit, S. 21). Der Wechsel macht die Schilderung unmittelbarer und nachdrücklicher.