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Force de dissuasion nucléaire française
Die französische Nuklearstrategie sieht keinen atomaren Präventivschlag vor. Im Rahmen der NATO-Strategie behält Frankreich sich im Fall eines …
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Gegenstand und Entstehung
Die Force de dissuasion nucléaire française, umgangssprachlich Force de frappe, ist die französische nukleare Abschreckungsstreitmacht. Sie umfasst die Atomwaffen der französischen Streitkräfte und soll mögliche Gegner durch die Fähigkeit zu einem nuklearen Gegenschlag von einem Angriff abhalten. Im amtlichen Sprachgebrauch wird fast ausschließlich die Bezeichnung Force de dissuasion verwendet.
Offiziell entstand die Atomstreitmacht 1958 auf Beschluss des Präsidenten der neu gegründeten Fünften Republik, Charles de Gaulle. Überlegungen dazu hatte es bereits in der Vierten Republik unter Ministerpräsident Mendès France gegeben. 1961 wurde die offizielle Bezeichnung in Force de dissuasion nucléaire geändert.
Ursprünglich richtete sich die Abschreckung vor allem gegen das Militärpotential des Warschauer Pakts, also der UdSSR und ihrer Verbündeten. Frankreich wollte außerdem seine Abhängigkeit von den USA in militärstrategischen Fragen verringern und seine Stellung als Großmacht stärken. Die Entscheidung fiel während des Kalten Krieges, vor dem Hintergrund des Algerienkriegs, der europäischen Einigung durch die Römischen Verträge von 1958 und des Berlin-Ultimatums Chruschtschows Ende November 1958.
Frankreich ist heute nach den USA, Russland und China und vor Großbritannien die viertstärkste Atommacht der Welt. Die französische Nuklearstreitmacht umfasste zunächst alle drei Bestandteile der nuklearen Triade: Luft, Land und See. Die landgestützte Komponente wurde später abgeschafft.
Aufbau und Bewaffnung
Die luftgestützte Komponente wurde 1964/65 mit der Indienststellung der ersten Mirage-IV-Bomber einsatzbereit. Die Mirage IV hatte eine Reichweite von 1500 Kilometern. Die strategischen Luftstreitkräfte Forces aériennes stratégiques (FAS) wurden 1964 gegründet. Ihr Operationszentrum lag zunächst in unterirdischen Bunkern in Taverny bei Paris und soll 2011 in das Operationszentrum der Base aérienne 942 Lyon-Mont Verdun bei Lyon verlegt worden sein.
Stand 2008 wurden dort unter anderem 50–60 nuklearfähige Mirage 2000N mit einem Kampfradius von rund 1500 Kilometern kommandiert. Sie trugen die ASMP-Lenkwaffe mit etwa 300 Kilometern Reichweite. Zwei Staffeln waren in Luxeuil-les-Bains südwestlich von Straßburg stationiert, eine dritte in Istres nordwestlich von Marseille. Seit 2009/10 sollten Mirage 2000N und nuklearfähige Super Étendard durch Dassault Rafale ersetzt werden. Die Marine verfügte über zehn Dassault Super Étendard mit etwa 1800 Kilometern Reichweite, die ebenfalls ASMP-Lenkwaffen tragen konnten und unter anderem auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle eingesetzt wurden.
Die seegestützte Komponente bilden seit 1971 die strategischen Seestreitkräfte Force océanique stratégique (FOST). Sie verwenden atomgetriebene U-Boote mit SLBMs, also seegestützten ballistischen Raketen. Gegenwärtig gehören vier U-Boote der Triomphant-Klasse zur FOST; zwei davon werden ständig auf hoher See einsatzbereit gehalten. Jedes Boot besitzt 16 Raketen. Die damals noch verwendeten M45-Raketen konnten jeweils bis zu sechs autonome Atomsprengköpfe (MIRV) tragen und hatten eine Reichweite von 6000 Kilometern. Heimathafen ist die Île Longue vor Brest; dort befindet sich auch das Führungszentrum. In der FOST dienen rund 2300 Soldaten.
Landstreitkräfte, Kontrolle und Bestände
Die landgestützte strategische Komponente bestand ab 1971 aus SSBS-S2-Mittelstreckenraketen, die im französischen Sprachgebrauch als Interkontinentalraketen bezeichnet wurden. Sie trugen einen Einzelsprengkopf mit 120 Kilotonnen. Ab 1980 wurden sie durch SSBS S3 mit jeweils 1,2 Megatonnen Sprengkraft ersetzt. Auf dem Plateau d'Albion im Département Vaucluse entstanden in den 1960er Jahren vier unterirdische Silostellungen. Im Endausbau waren dort 18 Raketen mit einer Reichweite von über 3000 Kilometern stationiert. Eine geplante Erweiterung auf 27 Raketen unterblieb vor allem aus Kostengründen.
Auf Anordnung von Präsident Jacques Chirac wurden die S3 im September 1996 demontiert und die Silos aufgegeben; einige werden heute zivil genutzt. Gleichzeitig ordnete Chirac die Einstellung der Atomversuche an. Zusätzlich verfügte das französische Heer bis 1993 über mobile taktische Pluton-Kurzstreckenraketen und von 1984 bis 1997 über Hades-Raketen. Auch Kampfflugzeuge wie Dassault Mirage III und SEPECAT Jaguar waren für Nuklearwaffeneinsätze vorgesehen.
Für einen möglichen Einsatz besteht ein mehrstufiges Sicherungssystem, verkürzt „Atomschlüssel“ genannt. Zuerst öffnet der Präsident mit einem regelmäßig veränderten elektronischen Zahlencode den Atomkoffer, mit dem die Kernwaffen aktiviert werden. Unterstützt von einem Offizier wählt er im Ernstfall in einer vorgegebenen Liste die Ziele aus. Dies geschieht im Atombunker „Jupiter“, der 1978 eingerichtet wurde, zehn Meter unter dem Élysée-Palast liegt, 15 mal 30 Meter groß ist und nur dem Präsidenten sowie wenigen Beratern zugänglich ist. Der Kommandoraum ist direkt mit dem unterirdischen Kommandozentrum verbunden.
Die tatsächliche Zahl der französischen Sprengköpfe ist Staatsgeheimnis. Vor 2009 wurde sie auf 288 U-Boot-Sprengköpfe geschätzt. Nicolas Sarkozy kündigte im März 2008 eine Reduzierung um ein Drittel und damit eine Zahl deutlich unter 300 an. Für 2016 wurden 48 M51-Raketen und 54 ASMPA-Raketen angegeben; 2022 wurde der Bestand auf 290 Sprengköpfe beziffert.
Modernisierung und Kernwaffentests
Mit den U-Booten Le Triomphant (1997), Le Téméraire (Ende 1999) und Le Vigilant (Übergabe Ende 2004) wurde die seegestützte Komponente weiterentwickelt. Die M51-Rakete sollte bis 2010 auf dem am 21. März 2008 vom Stapel gelaufenen U-Boot Le Terrible einsatzbereit sein. Ihre Reichweite sollte 8000 Kilometer betragen; der erste seegestützte Testschuss erfolgte am 27. Januar 2010.
Nach dem Verzicht auf reale Atomtests finanzierte die französische Regierung ab 2004 ein Simulationsprogramm mit rund 388 Millionen Euro. Es verwendet unter anderem einen Supercomputer und Lasertechnik. Die luftgestützte Mittelstreckenrakete ASMP-A wurde 2009 öffentlich vorgestellt. Das Programm führte laut Artikel zur weltweit ersten Indienststellung eines nuklearen Waffensystems, das ohne realen Nukleartest entwickelt wurde.
Frankreich führte am 13. Februar 1960 in der algerischen Sahara nahe Reggane seinen ersten Kernwaffentest durch; drei weitere oberirdische Tests folgten in einem besiedelten Gebiet. Bis zu 30.000 Menschen erlitten dadurch in der Folgezeit Schäden. Nachdem Algerien 1962 unabhängig geworden war, nutzte Frankreich von 1966 bis 1996 die pazifischen Inseln Mururoa und Fangataufa als Testgelände. Dort fanden insgesamt 210 Kernwaffenversuche statt. 1992 erklärte Frankreich, kein Plutonium für Atomwaffen mehr herstellen zu wollen. Die Produktion in Marcoule wurde beendet; ab 1998 begann der Rückbau der Wiederaufbereitungsanlage.
Nukleardoktrin
Die französische Nuklearstrategie sieht keinen atomaren Präventivschlag vor. Frankreich stützt sich grundsätzlich auf die Fähigkeit zu einem massiven Zweitschlag. Im Rahmen der NATO-Strategie behält es sich jedoch für den Fall eines konventionellen Krieges einen atomaren Erstschlag vor. Damit steht die französische Politik neben dem NATO-Konzept der „Flexiblen Reaktion“, das seit dem Kalten Krieg verfolgt wird.
Seit spätestens 2003 behielt sich Frankreich außerdem vor, Atomwaffen gegen sogenannte „Schurkenstaaten“ einzusetzen. Präsident Jacques Chirac drohte am 19. Januar 2006 im Zusammenhang mit der diplomatischen Krise um das iranische Atomprogramm Staatsführungen, die terroristische Mittel einsetzen, mit Vergeltung in „nicht-konventioneller Form“.
Frankreich verfügt laut Artikel nicht über substrategische Kernwaffen mit vergleichsweise geringer Sprengkraft. Die strategischen Atom-U-Boote sind überwiegend mit MIRV-Mehrfachsprengköpfen hoher Sprengkraft ausgerüstet. Durch eine verringerte Bestückung der U-Boot-Raketen sollte jedoch auch die Möglichkeit von Schlägen unterhalb der Schwelle eines vollständigen nuklearen Overkills geschaffen werden. Chirac begründete dies mit dem Gedanken, es dürfe nicht nur die Wahl zwischen vollständiger Vernichtung des Gegners und eigenem Untergang geben.
Kosten und europäische Teilhabe
Die Force de dissuasion kostet jährlich mehr als drei Milliarden Euro, etwa ein Zehntel des französischen Verteidigungshaushalts. Sie ist auch innerhalb des Militärs umstritten, weil befürchtet wird, dass dadurch die konventionelle Bewaffnung vernachlässigt wird. Für die Entwicklung neuer nuklearer Waffentypen waren im militärischen Planungsrahmen von 2003 bis 2008 rund 17 Milliarden Euro vorgesehen.
Bereits 1963 gab es in der deutschen Politik Bestrebungen, Deutschland enger an die französische Nuklearmacht anzulehnen und gemeinsam eine unabhängige europäische Atommacht aufzubauen. Der damalige Außenminister Gerhard Schröder warnte jedoch, dies würde lediglich einen Wechsel von amerikanischer zu französischer Vormundschaft bedeuten; Deutschland bliebe atomar zweitrangig. Zweifel an der Mitsprache und die erwarteten hohen Kosten verhinderten parlamentarische Mehrheiten.
2007 soll Nicolas Sarkozy der Bundesregierung unter Angela Merkel eine Beteiligung an der Entscheidungsgewalt über französische Atomwaffen angeboten haben. Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier lehnten dies laut Spiegel ab. 2017 wurde eine deutsche Mitfinanzierung der Modernisierung vorgeschlagen, die mit begrenzter Mitsprache verbunden sein könnte. Ein solcher Schritt wäre nach damaliger Einschätzung mit Artikel 1 Absatz 1c des Entwurfs des Atomwaffenverbotsvertrags unvereinbar gewesen. Der Vertrag trat am 22. Januar 2021 in Kraft; die deutsche Bundesregierung boykottierte den Prozess, während Linke und Grüne eine Beteiligung forderten.
Emmanuel Macron bot mehreren deutschen Regierungen wiederholt eine Beteiligung am französischen Nuklearprogramm für eine gemeinsame europäische Abschreckung an. Angela Merkel lehnte dies ab; Friedrich Merz erklärte später, eine Prüfung und Gespräche mit Frankreich in Betracht ziehen zu wollen. Im März 2026 kündigte Macron eine strategische Kooperation mit Deutschland, Polen, den Niederlanden, Griechenland, Dänemark, Belgien und Schweden an. Geplant sind ein gemeinsames Frühwarnsystem, die Entwicklung neuer Raketen und gemeinsame Übungen; langfristig sei auch eine Stationierung französischer Kernwaffen in diesen Staaten möglich. Macron und Bundeskanzler Merz vereinbarten die Gründung einer deutsch-französischen Lenkungsgruppe. Macron kündigte außerdem eine Erhöhung der Zahl französischer Kernwaffen an, ohne deren Anzahl öffentlich zu nennen, und stellte den Beitritt des ersten U-Boots der künftigen L'Invincible-Klasse zur Flotte für 2036 in Aussicht.