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Indianer Nordamerikas

Die Indianerpolitik der Vereinigten Staaten und Kanadas war gezeichnet vom Wunsch der weißen Siedler nach Land und der folglichen Unterwerfung der Indianer. Im …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Vielfalt und Lebensweisen
  2. 2. Besiedlung und kulturelle Entwicklung
  3. 3. Kolonisierung, Bevölkerungsverlust und Unterwerfung
  4. 4. Indianerpolitik, Mission und Widerstand
  5. 5. Traditionelle Kultur und Religion
  6. 6. Gegenwart in den USA und Kanada

Begriff, Vielfalt und Lebensweisen

„Indianer Nordamerikas“ ist die im deutschen Sprachraum übliche Sammelbezeichnung für die indigenen Völker Nordamerikas südlich des arktischen Kulturareals. Eskimos beziehungsweise Inuit, Aleuten sowie gemischte Ethnien wie die kanadischen Métis werden dabei nicht mitgerechnet. In Kanada heißen die indianischen Völker heute First Nations, in den USA Native Americans oder American Indians. Eine gemeinsame, stammesübergreifende Identität entwickelte sich frühestens seit Ende des 19. Jahrhunderts aus ähnlichen Erfahrungen mit europäischen Siedlern.

Die mehreren hundert Ethnien unterschieden sich stark in Sprache, Wirtschaft, Gesellschaft und Religion. Ihre Lebensweisen reichten von nomadischer Jagd und Fischerei über das Sammeln von Wildreis, Eicheln oder Pinyon-Nüssen bis zu Feldbau und Bewässerungslandwirtschaft. An der Nordwestküste bestanden sesshafte Meeresjägerkulturen; im Südwesten lebten sesshafte Pueblo-Bauern. Die bekannten Reiterkulturen der Prärien und Plains entstanden erst nach der Einführung europäischer Pferde. Heute lebt nur noch ein sehr kleiner Teil ausschließlich von traditionellen Wirtschaftsweisen; die meisten Menschen sind in unterschiedlichem Maß in die euroamerikanische Lebensweise eingebunden.

Auch die politischen Strukturen waren verschieden: Es gab egalitäre, also weitgehend herrschaftsfreie Jägergruppen, Stammesgesellschaften, Häuptlingstümer, demokratische Ratsordnungen wie bei den Irokesen, monarchische Ordnungen und Theokratien, in denen religiöse und politische Herrschaft verbunden waren. Der europäische Sammelbegriff „Häuptling“ bildet diese Vielfalt nicht angemessen ab. Zur groben Orientierung unterscheidet die Ethnologie zehn bis zwölf nordamerikanische Kulturareale.

Besiedlung und kulturelle Entwicklung

Nach heutigem Wissensstand wurde Nordamerika in drei, möglicherweise vier Einwanderungswellen besiedelt. Die erste erreichte den Kontinent am Ende der letzten Eiszeit um 12.000–11.000 v. Chr. aus Asien über die Landbrücke Beringia oder entlang der Küste. Später folgten die Vorfahren der Na-Dené und der Eskimos; möglicherweise bildeten die Vorfahren der Algonkin eine eigene Einwanderungswelle. Gesichert ist außerdem eine Wikingersiedlung um 1000 n. Chr. in Neufundland. Andere vermutete präkolumbische Einwanderungen bleiben unsicher oder spekulativ.

Die ersten Bewohner jagten Großwild, fischten und sammelten Pflanzen. Die Clovis-Kultur bestand ungefähr von 11.600 bis 10.700 v. Chr.; ihre charakteristischen Projektilspitzen dienten unter anderem der Jagd auf Mammuts. Die folgende Folsom-Kultur, etwa 10.700 bis 8.500 v. Chr., war stärker an die Bisonjagd angepasst. Ob menschliche Jagd wesentlich zum Aussterben der eiszeitlichen Megafauna beitrug, ist als Overkill-Hypothese umstritten.

Auf die paläoindianische Zeit bis etwa 8000 v. Chr. folgte die Archaische Periode. Seit etwa 5000 v. Chr. ermöglichte der Klimawandel in wachsenden Gebieten Landwirtschaft. Wissen darüber wurde teilweise aus Mesoamerika übernommen. Im Osten folgte ab etwa 1000 v. Chr. die Woodland-Periode; später entstanden die Mississippi- und die Oneota-Kultur. Die Adena- und Hopewell-Kulturen errichteten zwischen etwa 1000 v. Chr. und 500 n. Chr. große Erdhügel, sogenannte Mounds. Im Südwesten entwickelten sich um 100 n. Chr. die Anasazi mit Lehmbauten und später die Pueblo-Kultur. Eine Dürre ab etwa 1150 löste vermutlich Wanderungen aus. Die regionalen Entwicklungen verliefen jedoch sehr unterschiedlich und lassen sich besonders im Westen nicht überall klar in Epochen trennen.

Kolonisierung, Bevölkerungsverlust und Unterwerfung

Nach der Reise von Christoph Kolumbus 1492 nahm die europäische Einwanderung stark zu. Allein zwischen 1620 und 1770 wuchs die weiße Bevölkerung der späteren USA von 2.000 auf mehr als 2,2 Millionen. Landkonflikte, Kriege, Missionierung und wirtschaftliche Abhängigkeiten veränderten die indigenen Gesellschaften grundlegend.

Im Pelzhandel tauschten indigene Gruppen besonders Biber- und Otterfelle gegen europäische Waren und Waffen. Dadurch verschoben sich Machtverhältnisse zwischen den Völkern. Im 19. Jahrhundert brach dieser Handel wegen der Ausrottung vieler Pelztiere und veränderter europäischer Mode zusammen. Metallspitzen und vor allem Feuerwaffen lösten weitere Verschiebungen aus: Früh bewaffnete Gruppen verdrängten Nachbarn teilweise aus deren Gebieten. Gegen Repetiergewehre, Gebirgshaubitzen, Hotchkiss-Schnellfeuerkanonen mit 100 Schuss pro Minute und Gatling-Kanonen waren traditionelle Waffen schließlich wirkungslos.

Seit dem 16. Jahrhundert verbreiteten sich spanische Pferde im Südwesten und in den Great Plains. Sie erleichterten Transport und Bisonjagd und machten zuvor kaum nutzbare Grasländer bewohnbar. Comanche, Lakota und Cheyenne wurden dadurch bedeutende Mächte. Das verbreitete Bild berittener Prärieindianer beschreibt deshalb keine uralte, allgemein indianische Lebensweise.

Die indigene Bevölkerung vor 1500 wird sehr unterschiedlich auf 2,4 bis rund 18 Millionen geschätzt; neuere archäologische Forschung nähert sich dem unteren Bereich. Für Nordamerika lässt sich eine Schätzung von 2,8 bis 5,7 Millionen Menschen im Jahr 1500 ableiten. Entscheidend für den anschließenden Zusammenbruch waren eingeschleppte Infektionskrankheiten, gegen die keine Widerstandskraft bestand. Die Ausbreitung verlief regional ungleichmäßig, mit Zusammenbrüchen, Erholungen und neuen Krankheitswellen. Für kontinentweite Zusammenbrüche lange vor dem jeweiligen Kontakt mit Europäern fehlen archäologische Belege.

Indianerpolitik, Mission und Widerstand

Die Politik der USA und Kanadas wurde lange vom Landbedarf der Siedler, von Unterwerfung und Assimilation geprägt. Die britische Proklamation von 1763 wies den Indianern Gebiete westlich der Appalachen zu. Der Indian Removal Act von 1830 erlaubte die zwangsweise Umsiedlung östlicher Völker nach Westen. 1838–1839 starben bei der Deportation von etwa 10.000 Cherokee nach Oklahoma rund 4.000; insgesamt wurden ungefähr 50.000 Menschen verschiedener östlicher Stämme dorthin gebracht.

Kriege, Vertragsbrüche, Krankheiten, Umsiedlungen und die gezielte Vernichtung der Bisons führten bis Ende des 19. Jahrhunderts zur Unterwerfung. Das Massaker von Wounded Knee 1890 gilt als deren Schlusspunkt. Religiöse Zeremonien wie der Sonnentanz wurden 1883 verboten. Kinder wurden bis in die 1970er Jahre von ihren Familien getrennt, in meist kirchliche Internate gebracht und am Gebrauch ihrer Sprachen gehindert; seelische und körperliche Misshandlungen wurden später bekannt. Junge indigene Frauen wurden teilweise zwangssterilisiert. Der kanadische Indian Act von 1876 behandelte Indianer als Mündel der Regierung. Kanada gewährte ihnen 1960 das Wahlrecht auf Bundesebene; 1982 erkannte ein Verfassungsartikel traditionelle und vertraglich festgelegte Rechte an. In den USA stärkte der Indian Self Determination Act von 1968 die Selbstbestimmung.

Missionare verbanden Christianisierung häufig mit Bevormundung und der Zerstörung traditioneller Religionen. Zugleich entstanden sehr unterschiedliche Mischformen: vollständige Christianisierung mit einzelnen Bräuchen, christlich beeinflusste Stammesreligionen, parallele Religionsausübung und eigenständige indianische Formen des Christentums.

1944 entstand der National Congress of American Indians. Radikalere Gruppen waren der 1961 gegründete National Indian Youth Council und das 1968 gegründete American Indian Movement. Zu den bekanntesten Protesten gehören die 19-monatige Besetzung von Alcatraz ab 1969 und die 71-tägige Besetzung von Wounded Knee 1973 durch rund 200 Bewaffnete. Seit 1974 verfolgt der International Indian Treaty Council besonders Selbstbestimmung und den Erhalt indigener Traditionen. Spätere Konflikte betrafen vor allem Landrechte, Rohstoffabbau, Staudämme, Fischerei, Umweltzerstörung und heilige Orte; seit 2016 richteten sich große Proteste gegen die Dakota-Access-Erdölpipeline.

Traditionelle Kultur und Religion

Zur Zeit von Kolumbus lebten im Gebiet der heutigen USA etwa 500 Ethnien mit ungefähr 175 Sprachen. Manche bestanden aus kleinen Jäger-und-Sammler-Gruppen, andere waren landwirtschaftlich hoch entwickelt. Politische Einheiten blieben meist klein; selbst auf ihrem Höhepunkt überschritten sie selten 60.000 Menschen. Führung beruhte häufig auf persönlichem Ansehen, da Mitglieder eine Gruppe verlassen konnten.

Aufgaben waren oft nach Geschlechtern getrennt: Frauen betrieben meist Landwirtschaft und sammelten Pflanzen, Männer jagten und führten Krieg. Gesellschaften konnten matrilinear, also nach der mütterlichen Linie, oder patrilinear, nach der väterlichen Linie, organisiert sein. Viele Völker kannten und achteten Two-Spirit-Personen, die soziale Rollen des anderen Geschlechts übernahmen und häufig als spirituell begabt galten.

Die Kulturareale umfassten sehr unterschiedliche Lebensformen: Totempfähle, Potlatche und Meeressäugerjagd an der Nordwestküste; Lachsfang auf dem Plateau; kleingruppiges Wildbeutertum im Großen Becken; Bewässerungsfeldbau mit Mais, Bohnen, Kürbissen und Baumwolle bei den Pueblo-Völkern; mobile Bisonjagd mit Tipis in den Plains sowie Landwirtschaft und Wildreisernte in den östlichen Waldländern. Kultur- und Sprachgrenzen stimmten nicht überein. Da präkolumbisch mit wenigen Ausnahmen keine Schrift verwendet wurde, wurden Kenntnisse hauptsächlich mündlich überliefert.

Eine einheitliche traditionelle „indianische Religion“ gab es nicht. Häufig waren jedoch Vorstellungen mehrerer Seelen, persönlicher Schutzgeister, Tierseelen und unsichtbarer übernatürlicher Kräfte wie Manitu, Wakan oder Orenda. Medizinbeutel und der Mythos vom Donnervogel waren weit verbreitet. Die häufig als uralt und allgemeinindianisch dargestellte „Mutter Erde“ ist dagegen eine jüngere Verallgemeinerung verschiedener Vorstellungen und wurde erst in modernen Landrechtskonflikten und im Panindianismus zu einem zentralen Symbol.

Gegenwart in den USA und Kanada

In den USA erhielten Stammesregierungen schrittweise größere rechtliche Zuständigkeiten. Innerhalb ihrer Gebiete dürfen sie zivile und strafrechtliche Regeln erlassen, Konzessionen vergeben und Personen ausweisen; Bundesrecht steht jedoch über dem Stammesrecht. Das Bureau of Indian Affairs verwaltet etwa 225.000 km² Stammesland treuhänderisch. Tourismus, Handwerk und besonders Glücksspiellizenzen sind wichtige Einnahmequellen, doch nicht alle Stämme profitieren davon oder befürworten Kasinos.

Beim US-Zensus 2000 bezeichneten sich 2,47 Millionen Menschen als Indianer oder Indigene Alaskas; weitere 1,6 Millionen nannten eine teilweise indianische Abstammung. 85 % lebten außerhalb von Reservaten, meist in Städten. New York City hatte mit 87.000 die größte indianische Stadtbevölkerung. Anerkennung und Mitgliedschaft werden unterschiedlich geregelt: Bei den Diné muss mindestens ein Großelternteil Diné sein, während Cherokee die Abstammung von einer auf der Dawes-Liste von 1898 bis 1914 verzeichneten Person belegen müssen.

Reservate sind häufig von Arbeitslosigkeit, Armut, schlechter Gesundheitsversorgung und Alkoholismus betroffen. Zwischen 1990 und 2000 stieg das Einkommen ihrer Bewohner jedoch um 30 %, und der Anteil der Kinder unter der Armutsgrenze sank von 50 auf 40 %. In kanadischen Reservaten betrug die Arbeitslosigkeit 1996 28,7 % gegenüber 10,1 % landesweit; die Lebenserwartung lag um mehr als sechs Jahre niedriger. Im Jahr 2000 entfielen dort 34 Tuberkulosefälle auf 100.000 Menschen, gegenüber 5 in Gesamtkanada.

Kanadas Zensus von 2001 zählte rund 900.000 Indigene: etwa 600.000 Indianer, 290.000 Métis und 45.000 Inuit. First Nations bezeichnet ausschließlich die indianischen Völker. Sie verteilten sich auf 612 anerkannte Gruppen und sprachen mehr als 50 Sprachen. Anishinabe- und Cree-Sprachen hatten zusammen etwa 150.000 Sprecher.

Heute gehört die Mehrheit der Indigenen dem Christentum an; daneben bestehen traditionelle Rituale, die synkretistische Native American Church mit ihrer Peyote-Zeremonie, die Mother-Earth-Philosophie, Agnostizismus und weitere Glaubensformen. Panindianismus bezeichnet eine moderne, stammesübergreifende Identität, die besonders durch gemeinsame Diskriminierungserfahrungen, städtisches Leben, politische Bewegungen und Powwows entstand. Die traditionelle Bindung an einzelne Stämme bleibt dennoch zentral. Zahlreiche indigene Sprachen sind erhalten, ihre wissenschaftliche Einteilung ist aber weiterhin umstritten.

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