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Fiasko von Knysna

Als Fiasko von Knysna (französisch le fiasco de Knysna) wird das Geflecht aus sportlichem Misserfolg, mannschaftsinternen Querelen und dem daraus …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern und Verlauf des Fiaskos
  2. 2. Vorgeschichte und zentrale Schuldzuweisungen
  3. 3. Folgen für Verband, Spieler und Nationalmannschaft
  4. 4. Politische, rechtliche und gesellschaftliche Nachwirkungen
  5. 5. Wortlaut, Bezeichnung und Dokumentation

Kern und Verlauf des Fiaskos

Als „Fiasko von Knysna“ wird das Zusammenspiel aus sportlichem Misserfolg, internen Konflikten und dem daraus entstandenen Ansehensverlust der französischen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bezeichnet. Die auslösenden Ereignisse ereigneten sich Mitte Juni 2010 im Mannschaftsquartier in Knysna und im Peter-Mokaba-Stadion in Polokwane. Sie führten in Frankreich zu einer langen öffentlichen und politischen Debatte und beschädigten auch das internationale Ansehen des französischen Fußballs.

Der unmittelbare Auslöser war ein Streit zwischen Trainer Raymond Domenech und Angreifer Nicolas Anelka in der Halbzeitpause des Vorrundenspiels gegen Mexiko am 17. Juni. Domenech verlangte von Anelka unter anderem eine offensivere Rolle, mehr Einsatz bei der Balleroberung und mehr Torschüsse. Anelka reagierte mit einer heftigen Beleidigung. Dass er den Trainer beleidigte, räumte Anelka ein; der genaue Wortlaut blieb jedoch umstritten. Domenech ersetzte ihn zur zweiten Halbzeit durch André-Pierre Gignac. Frankreich verlor das Spiel 0:2, nachdem es gegen Uruguay 0:0 gespielt hatte.

Am 19. Juni veröffentlichte die Sportzeitung l’Équipe den Vorfall auf ihrer Titelseite. Der FFF-Präsident Jean-Pierre Escalettes verlangte eine öffentliche Entschuldigung. Anelka gab zwar zu, „eine Dummheit begangen“ zu haben, lehnte eine öffentliche Entschuldigung aber ab und wurde daraufhin nach Hause geschickt. Kapitän Patrice Evra konzentrierte sich bei einer Pressekonferenz auf die Suche nach einem angeblichen „Verräter“ oder „U-Boot“, der die Kabineninterna weitergegeben hatte. Diese Suche verstärkte die gegenseitigen Beschuldigungen innerhalb der Mannschaft und gegenüber dem Betreuerstab.

Am 20. Juni kündigte Evra am Trainingsplatz einen Trainingsboykott an. Konditionstrainer Robert Duverne reagierte empört; nur Domenechs Eingreifen verhinderte Handgreiflichkeiten. Die Spieler kehrten geschlossen in den Bus zurück und streikten „aus Solidarität mit Anelka“. Domenech nahm die Bussschlüssel an sich, sodass der Bus zunächst nicht abfahren konnte. Eine von Jérémy Toulalan verfasste Erklärung, in der die Spieler ihren Widerstand gegen Anelkas Ausschluss bekundeten, wurde schließlich von Domenech selbst vorgelesen. Der FFF-Funktionär Jean-Louis Valentin trat noch vor Ort zurück.

Am 22. Juni verlor Frankreich trotz sechs Änderungen in der Startelf, darunter der Ausbootung Evras, gegen Südafrika mit 2:1 und schied als Gruppenletzter aus. Der Sieg Südafrikas war bis dahin der WM-Sieg mit dem größten Weltranglistenunterschied zwischen Sieger (Platz 83) und Verlierer (Platz 9). Nach dem Spiel verweigerte Domenech dem südafrikanischen Trainer Carlos Parreira den Handschlag. Am folgenden Morgen trat die Mannschaft die Heimreise an.

Vorgeschichte und zentrale Schuldzuweisungen

Das Geschehen in Knysna wurde als Höhepunkt einer länger andauernden Krise unter Domenech verstanden. Frankreich war bereits bei der Europameisterschaft 2008 mit nur einem Punkt nach der Gruppenphase ausgeschieden. Die WM-Qualifikation war trotz nicht besonders starker Gegner schwierig und gelang erst über die Relegation gegen Irland. Ein regelwidriges Tor nach Thierry Henrys Handspiel machte die französische Teilnahme möglich. In einer Online-Umfrage von Le Monde mit 97.000 Teilnehmern meinten 89 %, Frankreich habe die WM-Teilnahme nicht verdient. Vor der WM folgten schwache oder torlose Spiele, darunter Niederlagen gegen Argentinien (0:2), Spanien (0:2), Nigeria (0:1) und ein 0:0 gegen Uruguay.

Domenech wurde eine wechselhafte, nicht gefestigte Taktik vorgeworfen, unter anderem das Erproben des 4-1-4-1- beziehungsweise 4-3-3-Systems anstelle des gewohnten 4-2-3-1. Auch die Vorbereitung galt als mangelhaft: Nach einem Höhentraining auf über 2000 m in Knysna spielte die Mannschaft später in Städten auf etwa 1300 m Höhe; außerdem war sie zwischen dem 18. Mai und dem 5. Juni wegen mehrerer Vorbereitungsspiele häufig unterwegs. Domenech habe zudem seine Autorität gegenüber älteren Spielern nicht durchsetzen können, etwa bei seinem Plan, Yoann Gourcuff zum Zentrum des Spiels zu machen. Kritisiert wurden ferner sein distanziertes Verhältnis zu den Spielern, seine Konfrontationen mit Medien und sein als arrogant wahrgenommenes Auftreten. Medien führten manche Entscheidungen außerdem spöttisch auf seinen Hang zur Astrologie zurück.

Den Spielern wurden vor allem die Organisation des Streiks, gegenseitiges Mobbing und mangelnde Verantwortung vorgeworfen. Als „Rädelsführer“ galten Nicolas Anelka, Jérémy Toulalan, Patrice Evra, Franck Ribéry, Éric Abidal und in einer Nebenrolle William Gallas. Yoann Gourcuff, Hugo Lloris und anfangs Toulalan sollen als „intellektuelle Außenseiter“ ausgegrenzt worden sein. Besonders Gourcuff sei im Spiel gegen Uruguay durch verweigerte Zuspiele behindert worden. Als Erklärungen für die Eskalation wurden Gruppenzwang, die allgemeine Unzufriedenheit mit Domenech und die abgeschottete Atmosphäre im Mannschaftshotel genannt. Laurent Blanc stellte später fest, dass echte Persönlichkeiten gefehlt hätten, die Konflikte intern hätten lösen können.

Der Verband wurde beschuldigt, auf Anelkas Beleidigung und den Streik zu spät und unangemessen reagiert zu haben. Escalettes habe zu lange an Domenech festgehalten, zugleich aber seit Januar öffentlich nach einem Nachfolger gesucht und dadurch dessen Autorität geschwächt. Eine Untersuchungskommission wurde erst am 16. Juli angekündigt. Auch die Medien spielten eine umstrittene Rolle: l’Équipe habe durch monatelange Kritik an Domenech und die Veröffentlichung des Vorfalls die Eskalation verstärkt. Domenech und FFF-Generalsekretär Henri Monteil erklärten später, ohne die Veröffentlichung wären keine Konsequenzen gegen Anelka erfolgt. Der Soziologe Stéphane Béaud sprach von einem „Medien-Fiasko“ und kritisierte die Darstellung der Spieler als Vaterlandsverräter.

Folgen für Verband, Spieler und Nationalmannschaft

Die Ereignisse lösten weitreichende personelle und finanzielle Folgen aus. Jean-Louis Valentin trat am 22. Juni zurück, Jean-Pierre Escalettes am 28. Juni. Domenechs Vertrag lief am 30. Juni aus; Laurent Blanc wurde sein Nachfolger. Die FFF kündigte Domenech am 3. September auch aus seiner unbefristeten Position bei der Direction Technique Nationale (DTN). Gérard Houllier gab den Vorsitz der DTN auf; weitere Rücktritte betrafen unter anderem FFF-Generaldirektor Jacques Lambert und FFF-Bundesratsmitglied Lilian Thuram.

Die Disziplinarkommission der FFF sperrte am 17. August 2010 Nicolas Anelka für 18, Patrice Evra für fünf, Franck Ribéry für drei und Jérémy Toulalan für ein A-Länderspiel. Evras Sperre wurde am 9. September bestätigt. Éric Abidal blieb straffrei, weil Domenech den Spielern freigestellt hatte, ob sie gegen Südafrika auflaufen wollten. Thierry Henry, der in 123 A-Länderspielen 51 Tore erzielt hatte, erklärte am 15. Juli seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft; seine Absicht soll allerdings schon vor Knysna festgestanden haben.

Die für den WM-Einsatz vereinbarten Zahlungen von 165.000 € pro Person wurden zunächst gestrichen. Später stellte die FFF etwa 3 Mio. € für den Amateurbereich zur Verfügung, nachdem die Spieler ihre Prämien für karitative Zwecke spenden wollten. Anelka wollte seine Prämie zunächst erhalten, um sie selbst für Jugend- und Sozialprojekte zu verwenden. Ende 2010 war erstmals seit 1995 kein französischer Spieler für die Vorauswahl zum weltbesten Fußballer nominiert. In Umfragen galten vor allem Gourcuff und Lloris als Träger positiver Werte; die Hauptverantwortlichen aus Knysna erhielten deutlich schlechtere Bewertungen.

Die FFF verlor Sponsoringeinnahmen und musste Ende September 2010 insgesamt 4,5 Mio. € an Hauptsponsoren erstatten. Das Geschäftsjahr 2009/10 endete mit einem Verlust vor Steuern von 2,9 Mio. €. Die angeschlossenen Vereine verloren im zweiten Halbjahr 2010 etwa 190.000 Mitglieder, rund 8 % des Bestands; bis Anfang Oktober 2011 kam ein weiterer Rückgang um 7 % hinzu. Die FFF führte eine Sympathiekampagne durch und legte einen 30-seitigen, strafbewehrten Verhaltenskodex für Nationalspieler fest.

Die Nationalmannschaft fiel in der FIFA-Weltrangliste vom 9. auf den 21. Platz und erreichte im September 2010 Platz 27. Laurent Blanc nominierte für das erste Länderspiel nach der WM keinen der 22 Trainingsboykotteure, beschränkte die Sanktion anschließend aber. Im März 2011 kehrten Evra und Ribéry zurück. Blanc gewann deutlich an öffentlichem Vertrauen; im September 2011 bewerteten 74 % aller Befragten seine Arbeit als gut oder sehr gut. Das Image der Nationalmannschaft blieb jedoch lange beschädigt: Noch im April 2014 beurteilten 54 % der Fußballinteressierten und 63 % aller erwachsenen Bürger ihr Image negativ.

Politische, rechtliche und gesellschaftliche Nachwirkungen

Die französische Politik griff früh ein. Präsident Nicolas Sarkozy bezeichnete die Situation als „inakzeptabel“ und beauftragte Sportministerin Roselyne Bachelot, auf die Spieler einzuwirken. Bachelot sprach von einem „moralischen Desaster“. Am 30. Juni hörte der Sportausschuss der Nationalversammlung Escalettes und Domenech an. Diese Einmischung wurde als problematischer Staatsinterventionismus kritisiert. Die FIFA forderte am 26. Juni, die Autonomie der FFF zu respektieren, und drohte bei politischer Einmischung mit Sanktionen wie dem Ruhen von Mitgliedsrechten oder einem Verbot internationaler Spiele.

Die „Generalstände des Fußballs“ tagten am 28. und 29. Oktober 2010. Ihre Reformvorschläge zielten auf klarere Zuständigkeiten, mehr Transparenz und größere Mitwirkungsrechte der Basis. Außerdem sollte der Stimmanteil des professionellen Sports von 25 auf 37 % steigen, wodurch dieser eine Sperrminorität erhalten hätte. Die Änderungen wurden am 2. April 2011 endgültig verabschiedet; am 18. Juni 2011 wurde Noël Le Graët zum FFF-Präsidenten gewählt.

Auch Gerichte beschäftigten sich mit den Folgen. Anelka forderte von l’Équipe 150.000 € Entschädigung wegen Verleumdung, weil die Zeitung ihm einen bestimmten beleidigenden Satz zugeschrieben hatte. Ein Pariser Gericht wies seine Ansprüche am 1. Juli 2011 ab. Domenech stritt mit der FFF über die Kündigung seiner DTN-Stelle, drei Jahresgehälter von etwa 2,9 Mio. € und 165.000 € WM-Prämien. Der Streit endete im August 2011 außergerichtlich; Domenech erhielt 975.000 € brutto. Evra ging als einziger der verurteilten Spieler gegen seine Sperre vor, blieb aber erfolglos und kehrte im März 2011 zurück.

Knysna löste außerdem eine Debatte über das Bild der französischen Gesellschaft und der Nationalmannschaft als „black-blanc-beur“ aus. Einige Deutungen sahen im Konflikt ethnische oder soziale Trennlinien und eine „Macht der Vorstädte“. Andere, darunter SOS Racisme, lehnten solche Erklärungen ab und sahen eher einen allgemeinen Werteverlust, fehlendes Bürgerbewusstsein oder Schwierigkeiten mit Gemeinschaft und Hierarchie. Die Deutung als ethnischer Konflikt wurde wegen rassistischer Verallgemeinerungen und politischer Instrumentalisierung kritisiert.

Im Frühjahr 2011 führte die sogenannte „Quotenaffäre“ zu einer erneuten Debatte. In einer Sitzung der DTN vom 8. November 2010 hatten mehrere Trainer, darunter Laurent Blanc, über eine Höchstquote für Spieler mit doppelter Staatsangehörigkeit in Ausbildungszentren gesprochen. In französischen Jugendnationalmannschaften lag ihr Anteil 2010/11 zwischen 35 % in der U-20 und 49 % in der U-19, im Mittel bei 43 %. Aussagen aus der Sitzung wurden als fremdenfeindlich oder rassistisch bewertet. Die FFF setzte eine Untersuchungskommission ein und suspendierte François Blaquart vorübergehend; eine konkrete Quotenregelung wurde jedoch nicht beschlossen.

Wortlaut, Bezeichnung und Dokumentation

Der genaue Wortlaut von Anelkas Äußerung blieb ungeklärt. l’Équipe veröffentlichte „Va te faire enculer, sale fils de pute“; Le Parisien nannte als Fortsetzung „toi et ton système“. Im Protokoll der FFF-Disziplinarkommission wurde die Aussage von Assistenztrainer Alain Boghossian mit „Va te faire enculer avec ton équipe, fais l’équipe que tu veux“ wiedergegeben. Domenech erklärte zunächst, die Beleidigung sei sogar härter gewesen und habe seine Mutter einbezogen; andere nannten die Argot-Formulierung „Enculé de tes morts“. Eine weitere überlieferte Version lautet „Va te faire foutre avec ton système de merde“.

Thierry Henry sagte, die von der Presse genannten Worte seien nicht gefallen, nannte aber die tatsächliche Formulierung nicht. Escalettes sprach von einer Äußerung „von diesem Tenor, aber nicht in exakt diesen Worten“. Anelka bestritt ebenfalls wiederholt den veröffentlichten Wortlaut. Domenech erklärte in seinem Buch Tout seul (2012), in der Dokumentation Sélectionneurs (2018) und in Der Bus: Die Revolte der Les Bleus (2026), er habe die l’Équipe zugeschriebenen Worte nie gehört. Als gesichert gilt nach den Recherchen von Eugène Saccomano und Gilles Verdez lediglich, dass Anelka sich abwandte, vor sich hinschimpfte und Domenech anschließend in grober Weise widersprach.

Neben „Fiasko“ wurden Bezeichnungen wie „Scheitern“, „Meuterei“, „Eklat“, „Schiffbruch“, „Katastrophe“, „Schande“ und „Skandal“ verwendet. Mit zeitlichem Abstand setzte sich in den französischen Medien vor allem „Fiasko von Knysna“ oder schlicht „Knysna“ durch. Auch zum zehnten Jahrestag im Juni 2020 erinnerten zahlreiche Medien an die Ereignisse. Als Dokumentarfilm erschien 2026 auf Netflix „Der Bus: Die Revolte der Les Bleus“ („Le Bus: Les Bleus en grève“), Laufzeit 81 Minuten.

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