Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Ferdinand von Schirach

Ferdinand Benedikt von Schirach (* 12. Mai 1964 in München) ist ein deutscher Schriftsteller und Jurist. Bekannt wurde er auch als Strafverteidiger in den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Person und beruflicher Hintergrund
  2. 2. Erzählungen, Romane und Sachtexte
  3. 3. Sechs vorgeschlagene Grundrechte
  4. 4. Theater als moralisches Gedankenexperiment
  5. 5. Verfilmungen, Öffentlichkeit und Auszeichnungen

Person und beruflicher Hintergrund

Ferdinand Benedikt von Schirach (* 12. Mai 1964 in München) ist deutscher Schriftsteller und Jurist. Er wurde außerdem als Strafverteidiger in den Berliner Mauerschützenprozessen von 1991 bis 2004 bekannt.

Er wuchs zunächst in München und anschließend in Trossingen auf, besuchte bis zum Abitur 1984 das Jesuitenkolleg St. Blasien, studierte Jura in Bonn und absolvierte sein Referendariat in Aachen und Berlin. Seit 1994 arbeitete er in Berlin als auf Strafrecht spezialisierter Rechtsanwalt. Zu seinen Mandanten gehörten der Agent Norbert Juretzko und Günter Schabowski.

Seine Familiengeschichte ist durch den Nationalsozialismus geprägt: Sein Großvater war der NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, sein Urgroßvater der Fotograf Heinrich Hoffmann. Schirach äußerte sich kritisch über das Verhalten seiner Großmutter Henriette nach 1945 und finanzierte mit Hilfe des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eine Studie zum Kunstbesitz seiner Großeltern, die im April 2019 veröffentlicht wurde.

2009 veröffentlichte er seine ersten Kurzgeschichten. Seine Bücher erscheinen in mehr als 40 Ländern; bis 2022 wurden insgesamt zehn Millionen Bücher verkauft. Wiederkehrende Themen seines Werks sind Recht, Schuld, Strafe, Freiheit, Gerechtigkeit, Einsamkeit und menschliche Verantwortung.

Erzählungen, Romane und Sachtexte

Die frühen Erzählbände Verbrechen (2009), Schuld (2010) und Strafe (2018) greifen Fälle und Fragen aus dem anwaltlichen Umfeld auf. Strafe beschreibt zwölf Schicksale und bildet nach Schirachs Aussage mit Verbrechen und Schuld eine von Anfang an geplante Trilogie. Ihre Reihenfolge entspreche der Prüfungsreihenfolge einer Anklage vor Gericht: Verbrechen, Schuld, Strafe. Die Texte behandeln oft schwierige Rechts- und Lebensfragen ohne einfache Antworten.

Ob die Geschichten unmittelbar auf echten Kanzleifällen beruhen, wurde diskutiert. Thomas Fischer wies 2018 darauf hin, dass einzelne Fälle Entscheidungen des Bundesgerichtshofs nachempfunden seien. Sabine Rückert entgegnete, Schirach habe erklärt, die Geschichten seien „wahr, aber nicht in dem Sinne, dass alle so passiert sind“, sondern als Literatur.

Der Roman Der Fall Collini (2011) handelt vom Mord an dem Industriellen Hans Meyer, der zuvor NS-Offizier in Italien gewesen war. Im Zusammenhang mit dem Buch verwies Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger am 11. Januar 2012 bei der Einsetzung einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesministerium für Justiz auf den Fall Collini. Tabu (2013) behandelt anhand des Installationskünstlers Sebastian von Eschburg Schuld und Sühne sowie Verbrechen und Strafe.

Weitere Bücher verbinden persönliche Beobachtungen, Gespräche oder gesellschaftspolitische Fragen: Kaffee und Zigaretten (2019) enthält in 48 Kapiteln Erinnerungen und Beobachtungen aus Schirachs Leben; Trotzdem (2020), mit Alexander Kluge, enthält zwei Gespräche über die COVID-19-Pandemie. Nachmittage (2022) versammelt kurze, autobiografisch grundierte Geschichten über Zufälle, falsche Entscheidungen, Einsamkeit, Liebe und die Flüchtigkeit des Glücks. Regen (2023) ist eine Erzählung in Form eines Theatermonologs.

Sechs vorgeschlagene Grundrechte

Mit Jeder Mensch (2021) schlug Schirach eine Erweiterung der europäischen Grundrechte vor. Grundrechte sind besonders geschützte Rechte, die dem Menschen gegenüber dem Staat zustehen. Nach Schirach müssten Verfassungen auf Probleme wie Internet, Globalisierung und Klimawandel reagieren.

Er formulierte sechs neue Grundrechte:

  • Umwelt: „Jeder Mensch hat das Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben.“
  • Digitale Selbstbestimmung: Ausforschung oder Manipulation von Menschen ist verboten.
  • Künstliche Intelligenz: Belastende Algorithmen müssen transparent, überprüfbar und fair sein; wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.
  • Wahrheit: Äußerungen von Amtsträgern müssen der Wahrheit entsprechen.
  • Globalisierung: Waren und Dienstleistungen dürfen nur unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden.
  • Grundrechtsklage: Bei systematischen Verletzungen dieser Charta kann jeder Mensch vor Europäischen Gerichten klagen.

Die Vorschläge fanden öffentliche Unterstützung, aber auch Kritik. Kritikerinnen und Kritiker hielten die Rechte für zu allgemein und vermissten konkrete Handlungsanleitungen sowie die Perspektive von Opfern von Menschenrechtsverletzungen. Eine WeMove-Petition für einen Verfassungskonvent erreichte bis Ende Februar 2022 250.000 Stimmen, nicht jedoch das selbstgesetzte Ziel von 1 Million Unterschriften. Zur Förderung der Initiative entstand 2021 die Stiftung Jeder Mensch.

Theater als moralisches Gedankenexperiment

Schirachs Theaterstücke stellen ethische und rechtliche Konflikte zur Diskussion. Terror wurde am 3. Oktober 2015 gleichzeitig am Deutschen Theater Berlin und am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. Vor einem fiktiven Berliner Schwurgericht muss sich Luftwaffenmajor Lars Koch verantworten: Er schoss entgegen dem Befehl seiner Vorgesetzten ein von Terroristen entführtes Passagierflugzeug mit 164 Menschen an Bord ab, das auf die voll besetzte Allianz Arena in München zusteuerte. Alle Passagiere starben.

Koch handelt utilitaristisch: Der Utilitarismus beurteilt eine Handlung danach, ob sie für möglichst viele Menschen den größten Nutzen bringt. Dem steht der kantische kategorische Imperativ gegenüber, nach dem Menschen nicht bloß als Mittel für einen Zweck behandelt werden dürfen. Am Ende plädieren Staatsanwältin und Verteidiger, dann entscheidet das Publikum als Jury. Das Stück wurde zu einem besonders erfolgreichen zeitgenössischen Bühnenstück; laut Spiegel war es 2017 in 60 Theatern in elf Ländern gezeigt und allein in Deutschland 1110-mal aufgeführt worden.

Gott (2020) knüpft an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe vom 26. Februar 2020 an. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Suizid und Hilfe zum Suizid persönlich moralisch richtig sind. Schirach betont die Autonomie, also die Selbstbestimmung des Menschen über seinen Lebensentwurf; das Publikum stimmt auch hier ab. Palliativmediziner kritisierten nach der Fernsehverfilmung Grundannahmen des Stücks und eine mögliche Entwertung ihrer Arbeit. Andere Palliativmediziner, Juristen und Ethiker widersprachen dieser Kritik.

Regen (2023) ist ein von Schirach selbst aufgeführter Monolog: Ein Mann kommt durchnässt in eine Bar und denkt über Verbrechen und Strafen, Würde, Einsamkeit, Liebe, Verlust und Scheitern nach.

Verfilmungen, Öffentlichkeit und Auszeichnungen

Viele Werke wurden für Film und Fernsehen bearbeitet. Glück (2012) basiert auf einer Geschichte aus Verbrechen. Verbrechen nach Ferdinand von Schirach lief 2013 als sechsteilige ZDF-Miniserie; Schuld nach Ferdinand von Schirach erhielt drei Staffeln, die 2015, 2017 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. Der Fall Collini kam unter der Regie von Marco Kreuzpaintner am 18. April 2019 in die deutschen Kinos.

Terror – Ihr Urteil wurde am 17. Oktober 2016 gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgestrahlt; auch die Fernsehzuschauer konnten abstimmen. Die rechtliche Darstellung wurde unterschiedlich bewertet: Thomas Fischer kritisierte sie scharf, während Udo Di Fabio die bewusste dramaturgische Zuspitzung als Darstellung eines rechtlich nicht eindeutig lösbaren Dilemmas beschrieb. Der Film war laut Blickpunkt Film der erfolgreichste ARD-Fernsehfilm 2016 und erhielt unter anderem den Deutschen Fernsehpreis 2017 für Lars Kraumes Regie sowie die Rose d’Or 2017.

Die TV-Adaption Gott (2020) stellte ebenfalls eine Abstimmungsfrage zur Hilfe beim Suizid. Das Ergebnis lautete 70,8 % Ja und 29,2 % Nein. Feinde (2021) erzählte die Entführung eines Mädchens parallel aus Sicht eines Polizeibeamten und eines Strafverteidigers; beide Filme und die Dokumentation erreichten zusammen knapp 15,28 Millionen Zuschauer. Die Miniserie Glauben (seit 4. November 2021 bei RTL+) behandelt die Wormser Prozesse; die ursprünglich von 1994 bis 1997 geführten Verfahren wurden für das Drama in die Gegenwart verlegt.

Zu Schirachs Auszeichnungen zählen der Kleist-Preis 2010 für Verbrechen, der Ricarda-Huch-Preis 2018 sowie beim Canneseries Festival 2021 Best Screenplay und Dior Grand Prize für Glauben. Seine internationale Verbreitung zeigt sich auch daran, dass seine Bücher in Japan Bestseller sind und Verbrechen dort auf Platz 2 der 100 besten Krimis aller Zeiten gewählt wurde.

Weiterlesen

Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als … Kaufmann Das Gewerbe des Kaufmanns bestand ursprünglich im Handel mit Waren. Die kaufmännischen Berufe gehen heute weit über die Tätigkeiten des Kaufens und … Adolf Hitler Herrschaft vor dem Zweiten Weltkrieg (1933–1939) · Errichtung der Diktatur · Ausweitung des Hitlerkults · Verfolgungen · Baupolitik · Kirchenpolitik · Aufrüstungs-, … Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Sie war als straffe Führerpartei organisiert. Ihr Parteivorsitzender war ab 1921 der spätere Reichskanzler Adolf Hitler, unter dem sie das sogenannte Dritte … Abitur In welchen und wie vielen Fächern eine mündliche Prüfung abgelegt wird, ist unterschiedlich geregelt. Mindestens eine mündliche Prüfung ist obligatorisch. Kurzgeschichte Die Kurzgeschichte ist eine moderne literarische Form oder Gattung der Prosa, deren Hauptmerkmal in ihrer Kürze liegt. Dies wird oft durch eine starke … Synästhesie Wenn sich ein Synästhet eine Zahl automatisch in einer bestimmten Farbe vorstellt, lässt sich dies ein Stück weit mit anderen visuellen Gedanken vergleichen. Nationalsozialismus Seine Wurzeln hat er in der völkischen Bewegung, die sich etwa zu Beginn der 1880er Jahre im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn entwickelte. Ab 1919 … Italien Mit knapp 59 Millionen Einwohnern ist es das viertbevölkerungsreichste vollständig zu Europa zählende Land. Die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt ist … New York City Bevölkerungsdichte: 11.153 Einwohner je km². Höhe: 10 m. Gliederung: 5 Stadtbezirke · Postleitzahlen: 10001–10282 (Manhattan) 11201–11262 (Brooklyn) 11001–11697 … Tokio Mit 9.640.742 Einwohnern (Stand: 2021) ist die bevölkerungsreichste Metropole des Landes Sitz der japanischen Regierung und des Tennō als Teil des … Essay Der oder das Essay (Plural: Essays), auch Essai geschrieben, ist eine Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Themen …