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Synästhesie
Wenn sich ein Synästhet eine Zahl automatisch in einer bestimmten Farbe vorstellt, lässt sich dies ein Stück weit mit anderen visuellen Gedanken vergleichen.
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Grundidee und Kennzeichen
Synästhesie bezeichnet die Kopplung von zwei oder mehr physisch getrennten Wahrnehmungsmodalitäten. Im engeren Sinn wird ein Sinnesreiz verarbeitet und erregt zusätzlich Verarbeitungszentren eines anderen Sinnes im Gehirn. So können etwa Klänge Farben oder Formen hervorrufen, Geschmack Formen annehmen oder Bewegungen von einem Klang begleitet sein. Menschen mit solchen Wahrnehmungen heißen Synästheten; Synästhetiker befassen sich mit dem Phänomen.
Die unter normalen Bedingungen erlebte, meist in der Kindheit entstehende Synästhesie gilt als physiologische Normvariante, also nicht als Störung. Es sind über 60 Varianten bekannt. Sie kann auch ohne aktuellen Sinnesreiz auftreten: Bei manchen Personen genügt die gedachte Zahl, damit eine zugeordnete Farbe erscheint. Neben Hören, Sehen, Schmecken, Fühlen und Riechen kann auch Motorik beteiligt sein; bei sechs Modalitäten sind dreißig Zweierkombinationen möglich.
Der Auslöser heißt in der englischsprachigen Forschung Inducer oder Trigger, die zusätzliche Empfindung Concurrent. Ein Concurrent kann als innere Vorstellung auftreten oder außerhalb der Gedanken lokalisiert erscheinen. Der auslösende Reiz bleibt dabei erhalten: Wer einen Klang zusätzlich als Farbe oder Form erlebt, hört ihn weiterhin. Synästhesien sind von Halluzinationen zu unterscheiden, weil Synästheten wissen, dass etwa eine zu einem Ton erlebte orange Kugel nicht tatsächlich als Gegenstand vorhanden ist.
Formen und Einteilung
Sensorische Synästhesie entsteht, wenn die Stimulation eines Sinnes automatisch und gleichzeitig eine Empfindung in einem anderen Sinnessystem auslöst, etwa wenn Instrumentalklänge Farben hervorrufen. Bei kognitiver Synästhesie erhalten Gruppen oder Konzepte wie Zahlen und Buchstaben sensorische Zuordnungen, zum Beispiel A = pink, B = blau und C = grün. Der Begriff Ideästhesie fasst beide Aspekte zusammen: Der Auslöser ist ein Konzept, etwa die Bedeutung der Zahl „5“, und der Concurrent ein sensorisches Attribut, beispielsweise „blau“.
Die genuine Synästhesie ist angeboren, unwillkürlich und in ihrem Grundmuster stabil: Ein Trompetenton kann immer einen blauen, runden Eindruck auslösen. Gefühlssynästhesie ist eine Unterform; Emotionen lösen hier beispielsweise Farben aus. Sie kann variabler sein, weil auch Gefühle nicht exakt gleich wiederholt werden. Metaphorische Synästhesie bezeichnet ein noch wenig erforschtes assoziatives Phänomen, bei dem Gefühlszustände mit vorgestellten Wahrnehmungen verbunden sind und das grundsätzlich bei allen Menschen vorkommen kann.
Synästhesien brauchen gewöhnlich einen Auslöser, sind unterscheidbar und gut erinnerbar. Häufige Auslöser sind sprachliche Codes wie Buchstaben, Zahlen und Wörter; die Concurrents sind dabei oft visuell, etwa Farben und Muster. Als Projectors gelten Personen, deren Eindruck wie eine Projektion erscheint; Associators erleben ihn vor allem als starke innere Vorstellung. Die behauptete Einbahnrichtung ist strittig: Manche Personen können Farben unbewusst in Zahlen, Formen oder Buchstaben umwandeln.
Typische Auslöser und Beispiele
Bei nonverbalen visuellen Auslösern können Bewegungen oder Blinklichter einfache Klänge wie Piepsen, Brummen oder Klopfen hervorrufen. Beschrieben wurden außerdem Farb-Geschmack-, Bewegung-Farb- und Bewegung-Geruch/Geschmack-Synästhesien. Bei nonverbalen akustischen Auslösern können Tonhöhe, Timbre, Lautstärke oder Intervalle Farben, Formen, Texturen, Gerüche, Geschmack oder Berührungsempfindungen auslösen. In einer Studie von Ward, Huckstep und Tsakanikos von 2006 nahm eine Person mit relativem Gehör Klaviertöne von dunkelrot bei tiefen Tönen über rot bis gelb bei hohen Tönen wahr.
Auch Geschmack, Geruch, Berührung, Schmerz und Temperatur können Concurrents auslösen. Beobachten manche Menschen, wie jemand berührt wird, fühlen sie die Berührung automatisch an der entsprechenden eigenen Körperstelle. Diese Spiegel-Berührungs-Synästhesie wird bei ein bis zwei Prozent der Personen berichtet.
Sprache, Schrift und Konzepte können auf Ebene von Graphemen, Phonemen oder ganzen Wörtern wirken. Bei Graphem-Farb-Synästhesie haben Buchstaben oder Zahlen Farben; sie kommt schätzungsweise bei ungefähr einem Prozent der Bevölkerung vor. Meist entscheidet die sprachliche Kategorie über die Farbe: Ein zweideutiges Graphem kann je nach Kontext anders gefärbt sein, und Groß- sowie Kleinbuchstaben haben typischerweise dieselbe Farbe. Bei Wort-Farb-Synästhesie lösen ganze Wörter oder Konzepte, oft Wochentage oder Monate, Farben aus. Etwa sieben Prozent der Bevölkerung visualisieren automatisch Untertitel zu gehörten oder gedachten Wörtern; dies heißt Ticker-Tape Experience.
Bei der lexikalisch-gustatorischen Synästhesie erzeugen Sprache oder Schrift Geschmack. Bei Ordinal Linguistic Personification erhalten Zahlen oder Zeiteinheiten Personen- oder Charaktereigenschaften. Sequenz-Raum-Synästhesie betrifft Folgen wie Wochentage, Monate, Alphabet oder Zahlen, deren Elemente stabile Positionen im dreidimensionalen Vorstellungsraum erhalten. Sie wurde 2013 auf 9 bis 14 % geschätzt. Die auf Zeiteinheiten beschränkte Form heißt Zeit-Raum-Synästhesie; räumliche Zahlenformen werden auch Number Form genannt.
Häufigkeit, Entstehung und Gehirn
Eine neuere Studie schätzt, dass vier Prozent der Menschen Synästhesie haben könnten; an einer Kunstschule wurden 23 Prozent der Schüler als Synästheten erfasst. Angaben zum Verhältnis von Frauen und Männern widersprechen sich und reichen von 1:1 bis 7:1. Viele Betroffene bemerken ihre Besonderheit erst durch Hinweise anderer, daher besteht eine Dunkelziffer. In einer Studie berichteten 43 % der Befragten mindestens einen weiteren Synästheten unter den Verwandten ersten Grades.
Zur Entstehung werden genetische Einflüsse, Zufall und Erfahrung angenommen. Ob Synästhesie angeboren ist, bleibt wissenschaftlich umstritten. Da Auslöser wie Intervalle, Klänge, Alphabet, Monate oder Wochentage erst gelernt werden müssen, wird angenommen, dass sich Synästhesien nach der Geburt entwickeln. Selten kann Synästhesie erworben werden, etwa nach Erblindung oder einer Gehirnschädigung; Halluzinogene können sie ebenfalls induzieren.
Neurowissenschaftliche Befunde sprechen für eine stärkere anatomische und funktionelle Vernetzung der jeweils beteiligten Hirngebiete, auch Hyperkonnektivität genannt. Cytowic vermutet, dass Verbindungen zwischen sensorischen Systemen bei Neugeborenen vorhanden sind und nach ungefähr drei Monaten teilweise verkümmern; bestimmte Gene könnten ihren Erhalt begünstigen. Gene sind aber nicht der einzige Faktor, weil eineiige Zwillinge unterschiedliche Synästhesien zeigen können. Bei Wort-Farb-Synästheten reagierte das linke V4/V8-Areal auf Wörter, nicht auf Farben; vermutet wurde eine Verbindung linker Sprachareale mit dieser für Farbverarbeitung wichtigen Region.
Musik, absolutes Gehör und Abgrenzung
Musik-Farben-Synästhesie umfasst Farbeindrücke durch Töne sowie Klangempfindungen durch Formen oder Farben. Sie kann sich auf Notennamen, Tonhöhen, Tonarten, Klangfarben und Akkordstrukturen beziehen. Änderungen von Lautstärke, Ton oder Tempo können Formen, Objektgröße und Helligkeit verändern. Eine besonders seltene Ton-Intervall-Geschmackssynästhesie ist bislang bei einer Flötistin beschrieben: Eine kleine Sekunde schmeckte für sie sauer, eine kleine Terz bitter.
Absolutes Gehör bedeutet, eine korrekte Tonhöhe zu einer Tonbezeichnung oder Klaviertaste ohne hörbaren Ton vorstellen und wahrnehmen zu können. Es kann mit Farben gekoppelt sein, sodass Klaviertaste beziehungsweise Tonname, Tonhöhe und Farbe gleichzeitig auftreten. Eine solche Farbkopplung ist jedoch auch ohne absolutes Gehör möglich: Alexander Nikolajewitsch Skrjabin hatte kein absolutes Gehör, aber eine Klaviertasten-Farben-Synästhesie.
Cross-modale Korrespondenzen sind dagegen bei den meisten Menschen vorkommende Zuordnungen zwischen Modalitäten, etwa hoher Ton = hell oder tiefer Ton = dunkel. Beim Bouba/Kiki-Effekt wird „Bouba“ meist einer runden, „Kiki“ einer spitzen Form zugeordnet. Sie zählen nicht als Synästhesie, weil kein bewusst erlebter Concurrent entsteht. Bei Graphem-Farb-Synästhesie ist die Abgrenzung schwieriger: Manche Menschen sehen Farben nicht, wissen aber stabil, welche Farbe ein Graphem hat; Ward, Li, Salih und Sagiv bezeichneten sie 2007 als Know-Associators.
Leistungen und offene Deutungen
Untersuchungen von Simner et al. berichten für Zeit-Raum- beziehungsweise visuell-sequentielle Synästheten Vorteile beim episodischen und autobiografischen Erinnern sowie bei visueller Erinnerung, mentaler Rotation, 3D-Aufgaben und visuellen Kurzzeitgedächtnis. Dabei wurde kein Unterschied in allgemeiner Intelligenz festgestellt. Als mögliche Erklärung dient die mentale Repräsentation eines inneren Kalenders: Abstrakte Zeitinformationen können räumlich angeordnet und dadurch leichter abgerufen werden. Die Befunde beziehen sich auf die untersuchten Gruppen und bedeuten nicht, dass Synästhesie allgemein mit höherer Intelligenz verbunden ist.
Philosophisch ist Synästhesie für das Qualia-Problem relevant. Qualia sind subjektiv erlebte Bewusstseinsinhalte wie Farben, Töne, Gerüche und Emotionen. Der objektive Repräsentationalismus nimmt an, dass alle Personen dieselbe physikalische Eigenschaft mit derselben Sinnesempfindung erleben; der subjektive Repräsentationalismus lässt unterschiedliche Empfindungen für denselben Stimulus zu. Umstritten ist, ob Synästhesien, deren Concurrent als Teil des Auslösers und außerhalb der Gedanken erlebt wird, den objektiven Ansatz widerlegen.
Ein struktureller Ansatz nach Sollberger schlägt vor, dass Sinnesempfindungen nicht fest an einzelne physikalische Reize gebunden sind, sondern biologisch relevante Strukturen der Außenwelt darstellen. Danach könnte eine durch Klang ausgelöste Farbe eine echte Repräsentation akustischer Strukturen sein. Andere Deutungen nehmen an, synästhetische Empfindungen stellten zusätzliche physikalische Informationen dar oder seien – ähnlich einem optischen Nachbild – eine falsche Repräsentation von Licht. Gegen diese letzte Hypothese wird eingewandt, dass manche Synästheten Klang und Form oder Farbe als eine verschmolzene Wahrnehmung erleben, nicht als getrennte, irrtümlich sichtbare Lichtreize.