Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Extremismus der Mitte
Mit ihrer Positionierung in den Diskussionen um Leitkultur, Multikulturalismus, Nation und Einwanderung würden die politischen und ökonomischen Eliten (und …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Grundidee
„Extremismus der Mitte“ bezeichnet die These, dass extremistische und antidemokratische Einstellungen oder Bewegungen nicht nur an den politischen Rändern entstehen, sondern auch in der gesellschaftlichen und politischen Mitte verankert sein können. Seymour Martin Lipset führte den Begriff in die Soziologie ein. In Political Man (1959) ordnete er linken Extremismus vor allem den unteren Schichten und der Arbeiterklasse, rechten Extremismus den Oberschichten und den Faschismus der sozioökonomischen Mittelschicht zu. Die politische Mitte könne demnach sowohl liberal-demokratisch als auch faschistisch auftreten.
Lipset erweiterte damit eine Analyse Theodor Geigers. Dieser hatte die Wahlerfolge der NSDAP seit Beginn der 1930er Jahre als Reaktion des Mittelstandes auf die Weltwirtschaftskrise erklärt. Im Mittelpunkt steht besonders die Annahme, dass Menschen rechtsextreme Bewegungen unterstützen können, wenn sie ihren sozialen oder wirtschaftlichen Status als gefährdet wahrnehmen. Der Mittelstand ist dabei keine einheitliche Gruppe, sondern umfasst unter anderem Selbständige, Handwerker und Angestellte.
Die Theorie ergänzt die Vorstellung eines linken und eines rechten Extremismus um einen dritten Typus. Lipset wollte empirische Kriterien entwickeln, mit denen sich unterschiedliche antidemokratische Gefahren unterscheiden lassen. Unter den „Extremismus der Mitte“ ordnete er Bewegungen und Parteien ein, die gewöhnlich als faschistisch bezeichnet werden.
Nationalsozialismus und soziale Zusammensetzung
Schon gegen Ende der Weimarer Republik erklärten verschiedene liberale Soziologen den Aufstieg des Nationalsozialismus mit der Lage des Mittelstandes. Walter Mannzen schrieb 1930, der Nationalsozialismus habe vor allem das Kleinbürgertum und insbesondere selbständige Handwerker angezogen. Hendrik de Man beschrieb die NSDAP 1931 als Bewegung eines von sozialem Abstieg oder „Proletarisierung“ bedrohten Mittelstandes. Auch Carlo Mierendorff und Svend Riemer sahen den Mittelstand als wichtigen Träger des Nationalsozialismus. Mario Rainer Lepsius bezeichnete den Nationalsozialismus 1966 als eine Partei der „radikalisierten Mitte“.
Lipsets Aufsatz Der ‚Faschismus‘, die Linke, die Rechte und die Mitte von 1958 erschien 1967 in Deutschland, herausgegeben von Ernst Nolte. Lipset unterschied gemäßigte und extremistische Formen linker, rechter und mittlerer Ideologien. Neben dem italienischen Faschismus und Hitler rechnete er den Poujadismus in Frankreich sowie den McCarthyismus in den USA zum Extremismus der Mitte. Den Gaullismus betrachtete er dagegen als konservative Bewegung mit zahlreichen rechtsextremen Merkmalen. Anlass seiner Theorie war 1958 die Krise der Vierten Republik in Frankreich und die Furcht vor einem Putsch nach dem Putsch der Generäle in Algerien. Lipset hielt den Poujadismus für die größere Gefahr für die Demokratie, weil er konservative Regime weder als revolutionär noch als totalitär ansah.
In der Bundesrepublik wurde die Mittelschichtsthese zunächst weithin akzeptiert. Ralf Dahrendorf schrieb 1961, die Zerstörung der deutschen Demokratie sei ein Werk der Mittelklasse. 1968 erklärte er die Entwicklung des Nationalsozialismus mit der geringen Widerstandskraft großer Teile der Weimarer Gesellschaft gegen antidemokratische Politik und mit einer schwach ausgeprägten liberalen Tradition.
Empirische Einwände gegen die Mittelschichtsthese
Spätere Untersuchungen relativierten die Erklärung des Nationalsozialismus als reine Mittelschichtbewegung deutlich. Jürgen W. Falter kam 1991 mit statistischen Methoden zu dem Ergebnis, dass nur etwa 40 % der NSDAP-Wähler der Mittelschicht angehörten. Ein ungefähr ebenso großer Anteil stammte aus der Arbeiterschicht. Zudem wählten Angestellte die NSDAP zwischen 1930 und 1933 eher unterdurchschnittlich häufig.
Als stärkeres Sozialmerkmal erwies sich die Konfession: Protestanten wählten die NSDAP erheblich eher als Katholiken. Falter beschrieb die Partei deshalb als „Volkspartei des Protestes“ beziehungsweise wegen des weiterhin überdurchschnittlichen, aber nicht überwältigenden Mittelschichtsanteils als „Volkspartei mit Mittelstandsbauch“.
Ernst Nolte kritisierte 1976 außerdem Lipsets Einteilung des politischen Spektrums. Die demokratische Rechte finde darin keinen überzeugenden Platz, weil klassische Konservative als rechtsextrem behandelt würden. Ebenso sei es problematisch, sehr unterschiedliche Erscheinungen wie Kommunismus und Peronismus gemeinsam dem Linksextremismus zuzuordnen. Viola Neu und Sabine Pokorny bemängelten 2015, Lipset definiere Faschismus nicht trennscharf, betrachte ihn fast ausschließlich über die Sozialstruktur und liefere keine eigenen empirischen Belege. Seine Argumentation beruhe vor allem auf plausibel erscheinenden Deutungen der Reichstagswahlergebnisse von 1928 bis 1933.
Bedeutung für die Rechtsextremismusforschung
In Deutschland wurde die Theorie bis in die 1980er Jahre fast ausschließlich auf den Nationalsozialismus bezogen. Erst in den 1990er Jahren wurde sie verstärkt zur Untersuchung der Gegenwart verwendet. Wolfgang Kraushaar stellte fest, dass schon die Annahme eines antidemokratischen Potenzials in der bundesdeutschen Mittelschicht starke Gegenreaktionen auslösen könne. Uwe Backes und Eckhard Jesse warnten vor einer „Entgrenzung des Extremismusbegriffs“.
In den USA hatte Arthur Schweitzer bereits seit 1964 nach ideologischen Kontinuitäten des deutschen Mittelstandes gefragt. Nach seiner Auffassung hatte dieser den Nationalsozialismus mit einer weiterhin bestehenden konservativen Statusideologie überlebt. Die Wahlerfolge der NPD 1966/67 deutete Schweitzer als Zeichen dafür, dass der Mittelstand für neonazistische Parolen anfälliger gewesen sei als andere Bevölkerungsschichten. Als Ursache nannte er unter anderem die Verdrängung der Erfahrungen des Mittelstandes zu Beginn der 1930er Jahre.
Anwendung auf die Gegenwart
Eine Serie von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte zu Beginn der 1990er Jahre löste eine neue Debatte aus. Karl Otto Hondrich deutete die Anschläge als Ausdruck einer Haltung, die zwar die Gewalt verurteile, zugleich aber die Forderung unterstütze, der Staat müsse den Zuzug von Fremden begrenzen. Wilhelm Heitmeyer griff den Begriff erneut auf und fragte, inwieweit Rechtsextremismus „aus der Mitte der Gesellschaft“ komme.
Hans-Martin Lohmanns Sammelband Extremismus der Mitte von 1994 behandelte die Anschlussfähigkeit zahlreicher Themen der Neuen Rechten in der gesellschaftlichen Mitte. Kraushaar nannte vier Verwendungsweisen des Begriffs: Er kann die soziale Herkunft rechter Täter kennzeichnen, mögliche Verbindungen zwischen Tätern, Politikern und staatlichen Behörden untersuchen, moderne rechtspopulistische Parteien charakterisieren und die erneute Verbreitung rechtskonservativer Ideologien analysieren.
Dieter Rudolf Knoell verstand den damaligen Extremismus der Mitte als Verschiebung der politischen Mitte nach rechts. Er brachte den „Asylkompromiss“ mit Forderungen in Verbindung, die zuvor von den Republikanern vertreten worden seien. Allgemeiner wurde der Ausdruck in den 1990er Jahren auch zu einem politischen Schlagwort. Damit wurde die These verbunden, politische und wirtschaftliche Eliten könnten durch ihre Positionen zu Leitkultur, Multikulturalismus, Nation und Einwanderung rechtsechtes Gedankengut fördern und eine autoritäre Entwicklung vorbereiten.
Grundsätzliche Kritik und Gegenpositionen
Uwe Backes betrachtet „Extremismus der Mitte“ als Begriffsüberdehnung und eher als konstruiertes politisches Kampfmittel denn als zuverlässiges Analysewerkzeug. 2001 kritisierte er, der Ansatz lege einen falschen Begriff von Rechtsextremismus zugrunde. Wer bereits neoliberale Politik, die Berufung auf den Nationalstaat oder neurechte Tendenzen als rechtsextrem einordne, könne entsprechende Erscheinungen nahezu überall in der Mitte und in verschiedenen Parteien finden.
Backes und Eckhard Jesse vertreten eine normative Extremismustheorie: Extremismus wird dabei von den äußersten Polen des politischen Spektrums her bestimmt. Nach Oliver Decker und Elmar Brähler kann dieses Modell jedoch die soziologisch beschriebenen Erscheinungen innerhalb der Mitte nicht ausreichend erklären.
Kurt Lenk kritisiert umgekehrt, dass eine allein auf die politischen Ränder gerichtete Forschung rechtsextreme Ideologien in der Mitte übersehen könne. Aus einer unklaren Faschismusdefinition dürfe nicht geschlossen werden, es gebe eine vom Rechtsextremismus getrennte und dagegen immune „gesunde Mitte“. Nach Lenk können wirtschaftliche Krisen und politische Legitimationsprobleme die Aufnahme rechtsextremer Botschaften begünstigen und europaweit zu „fundamentalistischen“ Renationalisierungstendenzen führen. Roger Griffin hält den Extremismus der Mitte in politischer und sozialer Hinsicht sogar für gefährlicher als offen neonazistischen Rechtsextremismus: Weil er sich innerhalb des demokratischen Spektrums verortet und von vielen Menschen als Normalität oder Gemeinsinn wahrgenommen werde, sei er massentauglicher. Ob der Begriff eine notwendige Erweiterung der Extremismusforschung oder eine analytisch problematische Überdehnung darstellt, bleibt somit umstritten.