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Konservative Revolution
Konservative Revolution ist ein Sammelbegriff für politische Strömungen, die sich in der Weimarer Republik entwickelten. Gemeinsam waren diesen Strömungen …
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Begriff und historische Einordnung
Die „Konservative Revolution“ ist ein Sammelbegriff für politische Strömungen, die sich in der Weimarer Republik entwickelten. Gemeinsame Merkmale waren ein entschiedener Antiliberalismus, Antidemokratismus, Antiegalitarismus und Ultranationalismus. Die Strömungen bildeten keine einheitliche Partei und keine feste Organisation, sondern ein weit verzweigtes publizistisches und intellektuelles Netzwerk. In der Forschung gelten sie als wichtige Wegbereiter des Nationalsozialismus; Teile der vergleichenden Faschismusforschung ordnen sie einem eigenständigen, vom Nationalsozialismus zu unterscheidenden „deutschen Faschismus“ zu.
Der Begriff wurde vor allem durch Armin Mohlers 1949 erstmals erschienenes Handbuch Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932 verbreitet. Mohler fasste etwa 350 Personen und fünf republikfeindliche Gruppen zusammen. Diese Zusammenfassung ist bis heute umstritten, weil die einbezogenen Ideologien sehr unterschiedlich waren und einige Vertreter nur teilweise oder gar nicht in ein gemeinsames politisches Lager passten.
Historisch bezeichnete „konservative Revolution“ zunächst auch Reaktionen oder Reformen, etwa bei Friedrich Engels, Aurelio Buddeus, Juri Samarin und Fjodor Dostojewski. Im deutschen Sprachraum wandelte sich die Bedeutung seit etwa 1880 bis ins frühe 20. Jahrhundert. Gemeint war nun nicht mehr die Rückkehr zur Monarchie oder zu einem vorrevolutionären Zustand, sondern eine radikale, als „revolutionär“ verstandene Erneuerung auf Grundlage vermeintlich zeitloser Werte. Verwandte Bezeichnungen waren „Konservative Kraft“, „schöpferische Restauration“, „Revolution von rechts“ und „deutsche Revolution“. Charles Maurras, Thomas Mann und Hugo von Hofmannsthal verwendeten den Ausdruck in unterschiedlichen Zusammenhängen; politisch zugespitzt wurde er ab etwa 1930.
Ideologische Grundzüge
Die Konservative Revolution entwickelte keine einheitliche Doktrin. Ihre Vertreter wollten die Erscheinungen der Moderne mit einer rechten Weltanschauung verbinden. Sie reagierten auf gesellschaftliche Modernisierung, die Teile des Bürgertums als Krise empfanden, und suchten eine „andere, eine deutsche Moderne“. Rolf Peter Sieferle bezeichnete dies als „deutschen antiwestlichen Übermodernismus“ und als Versuch, die Moderne revolutionär zu überwinden.
Ein zentrales Ziel war die Auflösung scheinbarer Gegensätze in einem „dritten Weg“ oder einer unklaren „Mitte“: rechts und links, konservativ und revolutionär, nationalistisch und sozialistisch sowie individualistisch und kollektivistisch sollten miteinander verbunden werden. Viele Vertreter lehnten eine rationale, zweckorientierte politische Ordnung ab und beriefen sich auf eine vermeintlich ewige „Ordnung des Herzens“ und auf vorgeblich natürliche Werte.
Im Unterschied zum traditionellen Konservatismus sollte nicht die bestehende Ordnung bewahrt werden. Vielmehr sollten neue Werte und eine neue Ordnung geschaffen werden. Arthur Moeller van den Bruck formulierte: „Konservativ ist, Dinge zu schaffen, die zu erhalten sich lohnt.“ Die angestrebte Ordnung sollte hierarchisch, gemeinschaftlich und national ausgerichtet sein.
Der Liberalismus wurde nahezu durchgehend abgelehnt. Seine Verbindung mit Aufklärung, Französischer Revolution, Parlamentarismus, Parteien, Individualismus und Gleichheit galt als Ursache von kulturellem Verfall, Nihilismus und gesellschaftlicher Zersplitterung. Demokratie und Diktatur wurden nicht zwingend als Gegensätze verstanden. Moeller van den Bruck definierte Demokratie als „Anteilnahme des Volks an seinem Schicksal“; deshalb konnte auch eine Diktatur als demokratisch gelten.
Statt des liberalen Staates sollte ein starker, autoritärer Staat entstehen, der über Parteien, Verbänden und Einzelinteressen stand und Volk und Staat zu einer geschlossenen Einheit verband. Viele Vertreter bevorzugten ständische oder korporative Gesellschaftsmodelle. Aus der angenommenen Ungleichheit der Menschen leiteten sie eine hierarchische Ordnung und die Führung durch Eliten ab. Othmar Spanns Der wahre Staat von 1921 war hierfür besonders einflussreich.
Ein Teil der Strömung vertrat einen „nationalen“, „deutschen“ oder „preußischen Sozialismus“. Dieser war antikapitalistisch und antibürgerlich, lehnte aber den sozialistischen Egalitarismus, den Internationalismus und den Klassenkampf ab. Sozialismus bedeutete meist eine vom Staat zusammengehaltene Volksgemeinschaft, in der der Einzelne seine Interessen dem Dienst an der Nation unterordnete. Konkrete Forderungen nach Kontrolle der Produktionsmittel oder nach Umverteilung fehlten weitgehend.
Gruppen und gesellschaftliche Vorstellungen
Mohler unterschied fünf Hauptgruppen, die es in dieser Sammelform während der 1920er und 1930er Jahre allerdings nicht tatsächlich gab:
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Die Völkischen verbanden radikale Judenfeindschaft mit Vorstellungen von „Rasse“, „Germanentum“ und einer nordischen oder arischen Kultur. Teilweise deuteten sie das Christentum um und bezogen esoterische, spiritistische und neopaganistische Lehren ein. Viele begrüßten die Machtübernahme Hitlers, verloren aber nach 1933 rasch an eigenständiger Bedeutung.
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Die Nationalrevolutionäre waren häufig jünger und durch den Ersten Weltkrieg sowie die Niederlage von 1918 geprägt. Bei ihnen war der revolutionäre Wille besonders stark. Sie akzeptierten Technik als Mittel zur Umgestaltung, lehnten die Einteilung in „rechts“ und „links“ ab und strebten eine unkapitalistische, aber national begründete Ordnung an. Sie standen dem Nationalbolschewismus am nächsten.
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Die Jungkonservativen grenzten sich vom bloß bewahrenden Konservatismus ab, waren aber weniger revolutionär als die Nationalrevolutionäre. Sie entwickelten konkretere Vorstellungen einer klar gegliederten Gesellschaft und orientierten sich teilweise an einer überstaatlichen Reichsordnung nach dem Vorbild des Heiligen Römischen Reiches. Den geschlossenen Nationalstaat lehnten sie ebenso ab wie einen imperialistischen Vielvölkerstaat. In dieser Gruppe war der Bezug zum Christentum am deutlichsten.
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Die Bündische Jugend verstand sich als elitären Lebensbund und gab symbolischen, feierlich-mythischen Formen große Bedeutung. Teile näherten sich bis 1933 dem Nationalsozialismus an; manche übernahmen zwischen 1933 und 1935 mittlere Führungsaufgaben in der Hitlerjugend. Die Einordnung der gesamten Jugendbewegung durch Mohler gilt als vereinfachend.
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Die Landvolkbewegung entstand Ende der 1920er Jahre zunächst in Schleswig-Holstein. Sie kämpfte mit Demonstrationen, Steuerboykotten und teilweise Anschlägen für materielle und ideelle agrarische Interessen.
Rolf Peter Sieferle schlug 1995 eine andere Einteilung vor: den völkischen Komplex, den Komplex des nationalen Sozialismus, den Komplex des revolutionären Nationalismus, den aktivistisch-vitalen Komplex und, weniger ausgeprägt, den Komplex des biologischen Naturalismus.
Rassismus, Christentum und Nationalsozialismus
Das Verhältnis zu Rassismus und Antisemitismus war unterschiedlich. Viele der zugeordneten Personen vertraten zumindest zeitweise offen rassistische oder antisemitische Positionen. Dazu gehörten unter anderem Edgar Julius Jung, Wilhelm Stapel, August Winnig und Carl Schmitt. Andere, etwa Oswald Spengler und Othmar Spann, distanzierten sich stärker von Rassismus oder lehnten nationalsozialistische Rassentheorien ab. Spengler bezeichnete den Begriff der Rasse bereits 1918 als unwissenschaftlich. Heinrich August Winkler zufolge waren die Autoren in der Regel antisemitisch, doch war die Judenfeindschaft für sie meist weniger zentral als für die Nationalsozialisten und nahm seltener den Charakter einer „Quasireligion“ an.
Zum Christentum bestanden sowohl Kontakte als auch grundlegende Spannungen. Die Konservative Revolution verstand Geschichte meist als offenen, risikoreichen oder teilweise kreisförmigen Vorgang. Das Christentum betont dagegen einen linearen und vorherbestimmten Verlauf vom Tod Christi bis zum Jüngsten Gericht. Außerdem stellt die christliche Lehre die unteilbare Würde des Individuums über die Interessen von Gemeinschaft oder Staat, während viele Vertreter der Konservativen Revolution das Kollektiv dem Einzelnen vorordneten. Dennoch versuchten überzeugte Christen wie Martin Niemöller, August Winnig und Friedrich Gogarten, christliche Grundsätze mit konservativ-revolutionären Zielen zu verbinden.
Die Strömungen werden in Politik- und Geschichtswissenschaft als Wegbereiter des Nationalsozialismus behandelt. Viele Konservative Revolutionäre waren keine aktiven Nationalsozialisten, lehnten nationalsozialistische Ideen aber nicht grundsätzlich ab. Einige begrüßten den Nationalsozialismus als Werkzeug zur Überwindung des Liberalismus, das später durch eine elitärere nachdemokratische Ordnung ersetzt werden sollte. Andere hielten wegen ihres Elitedenkens Abstand zur nationalsozialistischen Massenbewegung.
Die Reaktionen nach 1933 reichten von Zustimmung und Mitarbeit über Rückzug, vorsichtige Distanzierung und verdeckten Protest bis zu Emigration und offenem Widerstand. Einige Vertreter wurden behindert, verhaftet oder in Konzentrationslagern ermordet. Die Forschung betont daher sowohl gemeinsame Wurzeln als auch Unterschiede: Der Nationalsozialismus war totalitär konsequenter und stellte den Antimarxismus stärker in den Vordergrund; für die Konservative Revolution war die Frontstellung gegen Liberalismus besonders wichtig.
Forschung und Wirkung nach 1945
Die wissenschaftliche Bewertung des Begriffs ist kontrovers. Louis Dupeux bezeichnete die Konservative Revolution als dominierende Ideologie der Weimarer Republik und als deutschen Präfaschismus. Roger Griffin sah in ihr eine eigene „species of fascism“, einen vom Nationalsozialismus verschiedenen deutschen Faschismus. Zeev Sternhell sprach ebenfalls von einer eigenständigen Form des deutschen Faschismus. Stefan Breuer lehnt eine eindeutige Zuordnung zum Faschismus ab, sieht aber gemeinsame Wegstrecken und eine historische Funktion als „Zuarbeiter“. Als Alternative zu Mohlers Begriff schlug er „Neuer Nationalismus“ vor, der sich nicht durchsetzte.
Kritiker wie Eberhard Kolb, Dirk Schumann, Volker Weiß und Fabian Weber werfen Mohler eine apologetische Absicht vor. Er habe eine nichtnationalsozialistische deutsche Rechte konstruiert, Verbindungen einzelner Autoren zum Nationalsozialismus und ihren Antisemitismus teilweise ausgelassen und den Begriff als „Hilfe für die rechte Intelligenz in Deutschland“ genutzt. Deshalb gilt die Konservative Revolution zugleich als historisch wirksamer Begriff und als problematische, möglicherweise mythische Zusammenfassung sehr heterogener Strömungen.
Nach 1945 wurde der Begriff auf die Neue Rechte und auf verschiedene neokonservative Strömungen ausgeweitet. Vertreter der Neuen Rechten beziehen sich ausdrücklich auf die Theoretiker der Weimarer Zeit und verfolgen eine „metapolitische“ Strategie: Sie wollen bestehende Werte und gesellschaftliche Deutungen verändern. Besonders die französische Nouvelle Droite und die Gruppe GRECE griffen diese Ideen auf. Auch die Wochenzeitung Junge Freiheit, einzelne deutsche Politiker und russische nationalistische Rechte beriefen sich auf die Konservative Revolution.
In öffentlichen Debatten wird der Begriff außerdem verwendet, um kontroverse Autoren und Äußerungen als irrational, antiaufklärerisch oder rechtsradikal zu kritisieren. Seit den 1980er Jahren bezeichnete die Publizistik zudem unterschiedliche neokonservative Projekte, etwa den Thatcherismus, Strömungen um Barry Goldwater, Ronald Reagan und George W. Bush sowie konservative Tendenzen in Frankreich. Wegen dieser sehr unterschiedlichen Verwendungen bleibt stets zu prüfen, ob tatsächlich die deutschen Strömungen der Weimarer Republik gemeint sind.