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Multikulturalismus
Multikulturalismus (zumeist abwertend auch Multi-Kulti oder Multikulti) ist der Oberbegriff für eine Reihe sozialphilosophischer Theorieansätze mit …
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Grundidee und Begriffsverständnis
Multikulturalismus ist ein Oberbegriff für verschiedene sozialphilosophische Theorieansätze, die Folgen für die Gesellschaftspolitik eines Staates haben. Deskriptiv, also beschreibend, meint er das Vorhandensein mehrerer Kulturen in einem Raum.
Oft wird der Begriff normativ verwendet: Angehörige verschiedener Kulturen sollen zusammenleben können, ohne sich assimilieren zu müssen. Assimilation bedeutet hier die Anpassung an eine vorherrschende Kultur. Als politisches Konzept zielt Multikulturalismus auf Schutz und Anerkennung kultureller Unterschiede. Die zugrunde liegende Idee wird so formuliert: Menschen seien „nicht trotz ihrer Unterschiede gleich, sondern wegen dieser Unterschiede verschieden“ zu behandeln.
Im liberalen Multikulturalismus bleibt kulturelle Differenz vor allem eine private Angelegenheit. Der öffentliche Raum soll möglichst neutral sein; gemeinsame Interessen, etwa in Wirtschaft und Politik, sollen stärker hervortreten als Unterschiede. Multikulturalistische Theorien wenden sich sowohl gegen die Vorstellung einer dominanten Nationalkultur als auch gegen das US-amerikanische Modell des Melting Pot. Dieses geht von einer Angleichung verschiedener Kulturen und der Entstehung einer gemeinsamen nationalen Kultur aus.
Als Beispiele multikultureller Gesellschaften nennt der Artikel das Achämenidenreich und die Habsburgermonarchie.
Ziel einer multikulturellen Gesellschaft
Ziel ist eine Gesellschaft, in der weder staatliche noch nichtstaatliche Anreize oder Zwänge zur Assimilation bestehen. Kulturelle Gruppen sollen nebeneinander existieren können.
Das Modell setzt voraus, dass die Angehörigen der Gruppen einander Verständnis, Respekt und Toleranz entgegenbringen und sich als gleichberechtigt ansehen. Kanada wird häufig als positives Beispiel für die Umsetzung des Multikulturalismus angeführt.
Welche Gruppen gemeint sind
Zielgruppen multikultureller Politik sind meist Ethnien, also Gruppen mit gemeinsamer kultureller oder sprachlicher Prägung, sowie Religionsgruppen. Als Beispiel wird die französischsprachige Bevölkerung Kanadas genannt.
Seltener beziehen sich solche Überlegungen auf andere Gruppen, etwa Geschlechter oder Gruppen, die durch die sexuelle Orientierung ihrer Mitglieder abgegrenzt sind. Allgemein geht es um kulturell unterschiedliche Gruppen jeder Art.
Kritik und Gegenmodelle
Kritik kommt aus unterschiedlichen politischen und wissenschaftlichen Richtungen, auch von Anhängern der Transkulturalität. Der kritische Multikulturalismus bezweifelt die Annahme, ethnische Zugehörigkeit sei die wichtigste Identifikationskategorie. Menschen gehörten zugleich mehreren, nicht nur ethnisch bestimmten Gruppen an; dies wird Multikollektivität genannt.
Arthur M. Schlesinger bezeichnete in „The Disuniting of America – Reflections on a Multicultural Society“ (1991) multiethnische Gesellschaften als inhärent fragil. Er fragte, was geschehe, wenn Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, Sprachen und Religionen unter derselben politischen Autorität lebten, ohne ein gemeinsames Ziel zu haben. Dann könnten ethnische Feindseligkeiten sie auseinander treiben. Daniel Cohn-Bendit wies ebenfalls auf Konfliktpotenziale hin, wenn ihnen nicht vorbeugend begegnet werde, und beschrieb die multikulturelle Gesellschaft als „hart, schnell, grausam und wenig solidarisch“ sowie durch erhebliche soziale Ungleichgewichte geprägt. Gegner sehen Multikulturalismus daher häufig als gescheitert an.
David Cameron setzte sich am 5. Februar 2011 auf der Münchner Sicherheitskonferenz für eine gemeinsame nationale Identität ein. Er wollte die „Doktrin des staatlichen Multikulturalismus“ durch einen „aktiven und starken Liberalismus“ ersetzen und stellte Segregation und Separatismus in Zusammenhang mit der Bedrohung durch islamistischen Extremismus. Auch Angela Merkel, Nicolas Sarkozy, John Howard und José María Aznar kritisierten, Multikulturalismus könne die Integration von Einwanderern erschweren. Am 11. Februar 2011 erklärte Kurienkardinal Gianfranco Ravasi als Präsident des Päpstlichen Kulturrats das Modell für gescheitert und sprach sich für Interkulturalität aus.
Ralph Ghadban hält die Ideologie des Multikulturalismus für unvereinbar mit den Grundprinzipien einer freiheitlichen, menschenrechtsorientierten Gesellschaft. Er betont Menschenrechte und Verfassung als gemeinsame Grundlage der Demokratie. Egon Flaig und Bassam Tibi kritisieren besonders Positionen, die keinen kulturübergreifenden Wertekonsens, etwa universelle Menschenrechte, anerkennen. Tibi warnt davor, fundamentalistische Forderungen nach Geltung der Scharia in Europa allein als Ausdruck einer anderen Kultur zuzulassen; für inneren Frieden sei eine verbindliche Werteordnung nötig.
Toni Schuberl wies auf einen von ihm gesehenen Widerspruch im Bayerischen Integrationsgesetz hin. Art. 3 Abs. 1 Satz 1 BayIntG lautet: „Gelingende Integration bedarf der gegenseitigen Rücksichtnahme und Toleranz sowie des Respekts vor der Einzigartigkeit der Lebensgeschichte und den Prägungen des jeweils anderen.“
Gebrauch des Schlagworts
„Multi-Kulti“ oder „Multikulti“ wird meist abwertend verwendet. In politischen Debatten kann das Schlagwort dazu dienen, eine angenommene oder tatsächliche multikulturalistische Ideologie des Gegenübers abzuwerten.