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Jugendstil
Der Jugendstil oder Art nouveau, meist im Zusammenhang mit Italien auch Stile Liberty, ist eine kunstgeschichtliche Epoche an der Wende vom 19. zum 20.
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Grundidee und Merkmale
Der Jugendstil, international meist Art nouveau genannt, ist eine kunstgeschichtliche Epoche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und gehört zeitlich zum Fin de Siècle. In Italien heißt er oft Stile Liberty, in Österreich Secessionsstil, in Katalonien Modernisme, in der Schweiz Style Sapin und in den USA Tiffany Style. Der Begriff „Jugendstil“ geht auf die 1895 in München gegründete Kulturzeitschrift „Jugend“ zurück und wurde erstmals 1897 bei der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig verwendet.
Der Jugendstil entstand als Gegenbewegung zum Historismus und Eklektizismus, also zur Nachahmung älterer Stilformen, und auch als Reaktion auf eine als seelenlos empfundene Industrialisierung. Künstler und Kunsthandwerker suchten nach einem „Stil unserer eigenen Zeit“. Typisch sind dekorativ geschwungene Linien, großflächige florale Ornamente, aber auch geometrische, minimalistische und modernistische Elemente, besonders bei der Wiener Werkstätte. Wichtig ist: Der Jugendstil war keine einheitliche Bewegung, sondern bestand aus mehreren, teilweise unterschiedlichen Strömungen in Europa. Gemeinsam war ihnen vor allem die Abkehr von historischen Vorbildern.
Ein zentrales Ziel war die Verbindung von „Kunst und Leben“. Kunst sollte nicht nur in Museen oder als „hohe Kunst“ vorkommen, sondern den Alltag prägen: Möbel, Schmuck, Glas, Keramik, Textilien, Bücher, Architektur und Innenräume sollten künstlerisch gestaltet werden. Daraus entstand die Idee des Gesamtkunstwerks, bei dem Gebäude, Ausstattung und Gebrauchsgegenstände eine stilistische Einheit bilden. Zugleich spielte Funktionalität eine wichtige Rolle: Bei Gebäuden sollte die Gestaltung aus der Funktion und dem Grundriss entwickelt werden; Fassaden mussten nicht mehr streng symmetrisch sein.
Entstehung und internationale Grundlagen
Geschichtlich steht der Jugendstil zwischen Historismus und moderner Kunst und dauerte etwa 20 Jahre. Er kann als Antwort auf Entwicklungen des 19. Jahrhunderts verstanden werden: die industrielle Revolution mit maschinell hergestellter, oft überladener Massenware; den Historismus der Belle Époque in Frankreich, Süddeutschland und Österreich; sowie die großbürgerlich geprägte Kunst etwa in München.
Ein wichtiger Ursprung lag in Großbritannien in der Arts-and-Crafts-Bewegung. Diese Bewegung setzte auf einfache Schönheit, Nützlichkeit und Qualität im Kunsthandwerk und lehnte Maschinenarbeit weitgehend ab. Zu ihren Wegbereitern gehörten William Morris, Philip Webb, John Ruskin und die präraffaelitische Bruderschaft. Morris gründete 1861 die Firma Morris, Marshall, Faulkner & Co., ab 1875 Morris & Co., und 1891 den Verlag Kelmscott Press. Berühmt wurden vor allem die Morris-Tapeten.
Auch japanische Kunst beeinflusste den Jugendstil stark. Japanische Holzschnitte, Möbel, Keramik und Lackarbeiten gelangten nach Großbritannien und prägten europäische Künstler. Christopher Dresser, James McNeill Whistler und später Aubrey Beardsley gehören zu den wichtigen Vermittlern dieses Japonismus. Der Jugendstil war damit von Anfang an ein internationales Phänomen, auch wenn er in verschiedenen Ländern unterschiedliche Namen und Ausprägungen erhielt.
Zentren in Deutschland
Im deutschen Sprachraum lagen wichtige Ursprünge in Wien, München und Darmstadt. In Deutschland entstand der Jugendstil aus lokalen Bewegungen und Künstleravantgarden, die sich über neue Kunstzeitschriften wie „Jugend“, „Simplicissimus“ und „Pan“ vernetzten. Otto Eckmann war ein wichtiger Gestalter dieser Zeitschriften; sein bevorzugtes Motiv, der Schwan, wurde zu einem Leitmotiv des Jugendstils.
München wurde besonders durch Innenarchitektur und Kunstgewerbe bedeutend. Hermann Obrist erregte 1895 mit der Stickarbeit „Peitschenhieb“ großes Aufsehen. August Endell entwarf die Fassade des Photostudios Elvira mit einem berühmten Drachenornament. Weitere wichtige Namen sind Richard Riemerschmid, Bernhard Pankok, Bruno Paul, Martin Dülfer, Margarethe von Brauchitsch und Hans Eduard von Berlepsch-Valendas.
Darmstadt entwickelte sich unter Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein zu einem Zentrum des Jugendstils. 1899 berief er sieben junge Künstler in die Darmstädter Künstlerkolonie. Auf der Mathildenhöhe entstanden ein Atelierhaus von Joseph Maria Olbrich und 1908 der Hochzeitsturm. Die Mathildenhöhe mit der Rosenhöhe gilt als besonders bedeutendes erhaltenes Jugendstilensemble in Deutschland. Von Darmstadt aus verbreitete sich der Stil durch Meisterkurse und theoretische Diskussionen.
Weitere deutsche Zentren waren Bad Nauheim mit dem weitgehend erhaltenen Ensemble von Kuranlagen um 1910, Karlsruhe mit unterschiedlichen Varianten zwischen floralem und geometrischem Jugendstil, Nürnberg mit Kunsthandwerk und erhaltenen Großbauten wie Bismarckschule und Volksbad, Bayreuth mit vollständig erhaltenen Raumensembles, Leipzig mit einem sehr großen Bestand an Jugendstilgebäuden, Halle mit Mischformen aus Jugendstil und historischer Bausubstanz, Berlin mit der Zeitschrift „Pan“ und Schmuckkunst sowie Hagen mit dem von Karl Ernst Osthaus geförderten „Hagener Impuls“ und dem Hohenhof von Henry van de Velde.
Frankreich, Österreich-Ungarn und weitere Länder
In Frankreich wurde Paris zu einem wichtigen Zentrum des Art nouveau. Der Kunsthändler Samuel Bing eröffnete 1895 den „Salon de l’Art Nouveau“, dessen Name zum Namen der Bewegung wurde. Dort wurden unter anderem Arbeiten von Louis Comfort Tiffany, Karl Koepping, Émile Gallé und Henry van de Velde angeboten. Paris war besonders wichtig für Schmuck, Möbel, Plakatkunst und Architektur. René Lalique stellte beim Schmuck den künstlerischen Wert über den Materialwert und verwendete Materialien wie Glas, Email, Perlmutt, Elfenbein und Horn. Hector Guimard gestaltete die berühmten Metroeingänge mit geschwungenen Schriftzügen, sodass „Style Métro“ ein Synonym für den französischen Jugendstil wurde.
Nancy war neben Paris das zweite französische Zentrum. Die École de Nancy wurde 1901 von Émile Gallé gegründet und war besonders für Glas, Porzellan, Möbel und kunstgewerbliche Arbeiten bekannt. Gallé experimentierte mit Techniken der Glasgestaltung und wurde auf den Weltausstellungen 1889 und 1900 ausgezeichnet. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten auch Louis Majorelle, Jean-Antonin Daum und Eugène Vallin.
In Österreich wurde der Stil ab 1897 besonders durch die Zeitschrift „Ver Sacrum“ und die Wiener Secession geprägt. Wichtige Vertreter waren Gustav Klimt, Joseph Maria Olbrich, Otto Wagner, Josef Hoffmann und Josef Plečnik. Otto Wagner schuf unter anderem die Hochbauten der Wiener Stadtbahn und die Kirche am Steinhof. Die Wiener Werkstätte mit Koloman Moser, Josef Hoffmann, Otto Prutscher und Dagobert Peche trieb Kunsthandwerk wie Innenarchitektur, Keramik, Textil, Mode und Glas zur Perfektion.
Auch in anderen Ländern prägte der Jugendstil Architektur und Kunsthandwerk: Belgien vor allem durch Victor Horta und Henry van de Velde, die Schweiz durch einzelne Bauten und den Style Sapin in La Chaux-de-Fonds, Italien als Stile Liberty besonders in Mailand, Turin und Norditalien, Lettland besonders in Riga, Spanien durch den katalanischen Modernisme mit Antoni Gaudí, Lluís Domènech i Montaner und Josep Puig i Cadafalch, sowie die USA durch Louis Comfort Tiffany und Frank Lloyd Wright.
Ende, Übergänge und Bewahrung
Ein genaues Ende des Jugendstils lässt sich nicht bestimmen. Allgemein wird es noch vor den Beginn des Ersten Weltkriegs gesetzt. Wegen der weiterarbeitenden Künstlerpersönlichkeiten, etwa René Lalique oder Josef Hoffmann, gab es jedoch fließende Übergänge zum Art déco.
In Deutschland kann der Beginn des Endes auf die III. Deutsche Kunstgewerbeausstellung 1906 in Dresden datiert werden. Direkt danach wurde 1907 der Deutsche Werkbund gegründet. Er machte Sachlichkeit, Schlichtheit und Gediegenheit zu neuen Leitbildern. Hermann Muthesius führte den Vorsitz; bekannte Jugendstilkünstler wie Henry van de Velde, Peter Behrens, Niemeyer, August Endell und Hermann Obrist waren beteiligt oder kamen später hinzu.
Für die Jahre zwischen 1906 und 1914 werden in der Kunstgeschichte Begriffe wie Reformarchitektur, Reformstil, „Halbzeit der Moderne“ oder Prämoderne verwendet. Um 1905 begann mit der Künstlervereinigung Brücke auch der Expressionismus, der oft als Ablösung des Jugendstils dargestellt wird. Trotzdem blieb die Formensprache des Jugendstils bei Innenmalerei, Möbeln, Gebrauchsgegenständen und kunstgewerblichen Produkten teilweise bis in die mittleren 1920er Jahre erhalten, während die Farbgebung stärker auf den Expressionismus reagierte.
Werke des Jugendstils werden heute in vielen Museen gezeigt, etwa im Berliner Bröhan-Museum, im Brüsseler Horta-Museum, im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, im Musée d’Orsay und Petit Palais in Paris, im MAK Wien, im Musée de l’école de Nancy und im Museum Wiesbaden. Seit 2013 wird am 10. Juni der Weltjugendstiltag gefeiert.