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Dysphemismus
Mit einem Dysphemismus wird das Bezeichnete – vielfach in drastischer Weise – herabgesetzt und Missachtung ausgedrückt. Oft wird besonders in der öffentlichen …
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Begriff und Funktion
Ein Dysphemismus, auch Kakophemismus, ist ein sprachwissenschaftlicher Fachbegriff für einen Ausdruck, der über Personen, Dinge oder Sachverhalte eine oft starke negative Wertung enthält oder negative Assoziationen hervorruft. Er ist das Gegenstück zum Euphemismus, der etwas beschönigt oder aufwertet. Ähnlich ist das Pejorativum, also eine herabwürdigende Bezeichnung.
Mit einem Dysphemismus wird das Bezeichnete abgewertet, oft drastisch. Zugleich wird Missachtung ausgedrückt. Häufig wird ein solcher Ausdruck bewusst statt einer wertneutralen Bezeichnung verwendet. Beispiele aus dem Artikel sind „Raubkopie“ für eine urheberrechtswidrige Vervielfältigung, „Hartzer“ für Arbeitsloser oder „Wertewesten“ als abwertende Bezeichnung für westliche Werte beziehungsweise die Westliche Welt insgesamt.
Öffentliche und politische Sprache
Im öffentlichen Sprachgebrauch spielt der Dysphemismus besonders in der politischen Rhetorik eine Rolle. Er funktioniert dort ähnlich strategisch wie der Euphemismus, aber mit entgegengesetztem Ziel: Ein Euphemismus soll positive Begleitgefühle wecken und meist eigene Angelegenheiten aufwerten; ein Dysphemismus soll die gegnerische Position bewusst abwerten.
Bei umstrittenen politischen Themen kann es deshalb für dieselbe Sache zwei semantisch widersprüchliche Ausdrücke geben. Das klassische Beispiel ist die Bezeichnung von Rebellen gegen ein Herrschaftssystem: Machthaber verwenden negativ konnotierte Wörter wie „Terrorist“ oder „Verräter“, während die Aufbegehrenden aufwertende Ausdrücke wie „Freiheitskämpfer“, „Widerstandskämpfer“ oder „bewaffnete Opposition“ benutzen. In Westdeutschland wurde in den 1970er Jahren die Rote Armee Fraktion von staatlicher und politischer Seite als „Baader-Meinhof-Bande“ bezeichnet. Wer neutral von „Baader-Meinhof-Gruppe“ sprach, konnte in Verdacht geraten, Sympathisant zu sein.
Ein Dysphemismus kann im Lauf der Zeit seine abwertenden Konnotationen teilweise oder ganz verlieren. Dann wird er schwächer oder sogar wertneutral. Als Beispiel nennt der Artikel „Skandal“: Der Begriff wird heute schwächer wahrgenommen als vor Jahrzehnten; „Skandal“ und „Affäre“ sind inzwischen ungefähr gleichwertige Synonyme. Wenn danach wieder ein stark abwertender Ausdruck gebraucht wird, kann eine neue Bezeichnung entstehen. Dieser Vorgang heißt in Analogie zur Euphemismus-Tretmühle „Dysphemismus-Tretmühle“.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
Die Begriffe Dysphemismus, Pejorativ und Schimpfwort überschneiden sich teilweise und werden manchmal synonym verwendet, unterscheiden sich aber in der Perspektive.
Ein Pejorativ ist allgemein eine herabwürdigende Bezeichnung. In der Sprachwissenschaft wird damit besonders aus Sicht der Wortschatzuntersuchung und Wortbildung gearbeitet, zum Beispiel bei sogenannten Pejorativsuffixen, durch die Wörter einen negativen Gehalt erhalten können. Schimpfwörter gehören daher ebenfalls zu den Pejorativen. Beim Dysphemismus steht stärker die pragmatische Seite im Mittelpunkt: Entscheidend ist die Sprechhandlung, also das bewusste Abwerten einer Person oder Angelegenheit.
Schimpfwörter beziehen sich meist auf Personen und sind oft als feste Wörter im Wortschatz vorhanden. Beispiele sind Tiernamen wie „Ochse“, „Kuh“ oder „Ziege“ für Personen, in Deutschland auch „Bulle“ für einen Polizisten, außerdem Wörter aus dem sexuellen oder fäkalen Bereich. Was als Dysphemismus gilt, hängt dagegen stärker von der aktuellen Redesituation und Redeabsicht ab. Auch ursprünglich neutrale Ausdrücke können situationsbedingt dysphemistisch werden.
Ein Beispiel ist „Raubkopie“ für eine urheberrechtlich nicht erlaubte Kopie digitaler Datenträger. Durch das Wort „Raub“ soll der Sache ein krimineller Charakter zugeschrieben werden. Gleichzeitig ist „Raubkopie“ nur für diese spezielle Sache verwendbar. Ein Schimpfwort kann dagegen oft auf eine ganze Gruppe von Personen angewendet werden, etwa auf alle Frauen oder alle Polizisten.
Abgrenzung zur Pejoration
Der bewusste Einsatz von Dysphemismen ist nicht mit Pejoration, auch Pejorisierung genannt, zu verwechseln. Pejoration bezeichnet die scheinbar „von selbst“ ablaufende Verschlechterung der Bedeutung eines Wortes im Lauf der Zeit.
Als typische Beispiele nennt der Artikel „Weib“ und „Pfaffe“. Diese Wörter waren früher wertneutral, gelten heute aber meist unabhängig von der konkreten Situation als herabwürdigend. Ein Dysphemismus ist dagegen eine beabsichtigte Abwertung einer Person oder Sache. Er braucht keine längere Zeitspanne, damit seine Wirkung eintritt.
Bildungsweisen
Ob ein Ausdruck als Dysphemismus gilt, hängt von sprachlichen und außersprachlichen Faktoren ab. Weil Dysphemismus und Schimpfwort auf sprachlicher Ebene oft ähnlich funktionieren, werden typische Wortbildungsmechanismen von Schimpfwörtern auch zur Beschreibung von Dysphemismen verwendet.
Eine wichtige Strategie ist der Gebrauch von Wörtern, die bereits negativ wirken. Beispiele sind „Regime“ und „Machthaber“ für Regierung, „zusammenrotten“ für sich versammeln, „paktieren“ und „kollaborieren“ für zusammenarbeiten, „Schmarotzer“ oder „Parasit“ für eine wirtschaftlich unselbständige oder nur vermeintlich unselbständige Person, „Querulant“ für einen engagierten Oppositionspolitiker oder Bürger sowie „Drahtzieher“ und „Hintermänner“ für Verantwortliche.
Eine weitere Strategie ist die Verbindung eines Wortes mit einem negativ besetzten Bestandteil, zum Beispiel „Drecks-“ in „Dreckskerl“. Besonders ausdrucksstark kann die Verbindung eines abwertenden Ausdrucks mit einem stark positiv oder ideologisch aufgeladenen Wort sein. Das Beispiel „Volksschädling“ stammt aus politisch rechtsextremen Kreisen: „Volk“ hat dort einen hohen ideologischen Gehalt, wodurch „Schädling“ als besonders starkes Störelement erscheint.
Dysphemismen können auch durch Neologismen entstehen, also durch neue Wörter. Diese können aus vorhandenen, auch wertneutralen Wörtern zusammengesetzt sein. Beispiele sind „Holzklasse“ für die unkomfortabelste Beförderungsklasse in öffentlichen Verkehrsmitteln und „Wirtschaftsflüchtling“ für eine Person, die nicht wegen politischer Verfolgung, Hungersnot oder Krieg ihr Heimatland verlässt und deshalb nicht zu gesetzlichem Asyl berechtigt ist.
Auch Diminutiv-Suffixe, also Verkleinerungssilben, können abwertend wirken, etwa in „Jüngelchen“, „Freundchen“ oder „frömmeln“. Da Verkleinerungsformen zugleich liebevoll gemeint sein können, etwa in „Schwesterchen“ oder „Omilein“, wird die Abwertung dabei teilweise abgeschwächt.
Weitere Verfahren sind das Umdeuten vorhandener Wörter, etwa „Schlepper“ für einen Fluchthelfer oder „Schutzwaffe“ für passive Schutzausrüstung wie Schilde, Helme und Polster von Demonstranten. Außerdem können Ethnophaulismen verwendet werden, also abwertende Bezeichnungen für ein Volk. Dazu gehören die abwertende Verwendung von Volksnamen wie „Kanake“, Verballhornungen wie „Kümmeltürke“, „Itaker“ und „Polacken“ sowie fremdsprachlich wirkende Bestandteile wie „Tschusch“ im Österreichischen oder „Radikalinski“ für Radikaler. Bei „Radikalinski“ wird ein abwertender Bestandteil mit einem scherzhaft verstandenen fremdsprachlichen Wortteil verbunden, wodurch der verbale Angriff abgeschwächt wird.