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Missionierende Religion
Vor allem das Christentum und der Islam (Daʿwa) zählen zu den missionierenden Religionen, teilweise auch Bewegungen aus dem Bereich des Hinduismus und …
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Begriff und zentrale Merkmale
Eine missionierende Religion oder Verkündigungsreligion ist eine Religion, die ihre Botschaft aktiv verbreitet. Ihre Anhänger fühlen sich dazu berufen, Nichtgläubige und Andersgläubige von der Wahrheit ihrer Botschaft zu überzeugen. Sie erhebt damit meist einen Anspruch auf universale Wahrheit und wird deshalb auch mit dem Begriff Universalreligion verbunden.
Mission erfolgt heute vor allem durch Predigten, Vorträge, Schriften, Hausbesuche, private Gespräche und moderne Massenmedien. Vor allem das Christentum und der Islam zählen zu den missionierenden Religionen; teilweise gilt dies auch für Bewegungen aus Hinduismus und Buddhismus. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Mission allerdings oft ausschließlich auf die Verbreitung des christlichen Glaubens bezogen.
Nicht missionarisch sind viele ethnische Religionen sowie polytheistische, pantheistische und animistische Lokalreligionen. Auch die Religionen der Drusen und Jesiden kennen ihrem Selbstverständnis nach keine Mission und keine Möglichkeit des Übertritts. Das Judentum nimmt eine Sonderstellung ein: Missionierung ist nicht vorgesehen, eine Konversion einzelner Menschen, der Gijur, ist jedoch möglich.
Frühe Entwicklung und Judentum
Als älteste missionierende Religion gilt der Zoroastrismus. Er begann sich unter dem Einfluss Zarathustras Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. von Iran aus zu verbreiten. Dabei wurden erstmals in der Religionsgeschichte andere Religionen als falsch bezeichnet. Über Zarathustra wird berichtet, dass er für die Ausbreitung seines Glaubens betete. Außerdem werden Wanderpriester erwähnt, die gemeinsam mit ortsansässigen Priestern wirkten.
Nach rabbinischer Auslegung kann Abraham als erster jüdischer Missionar gelten. Im 8. Jahrhundert v. Chr. rief der Prophet Jesaja Israel dazu auf, ein „Licht für die Völker“ zu sein. Unter den Hasmonäern sollen verschiedene Gruppen, darunter die Idumäer, zwangsbekehrt worden sein. Nach dem Bar-Kochba-Aufstand von 132–136 n. Chr. vertrieb Kaiser Hadrian viele Juden aus Palästina und untersagte die jüdische Mission.
Einige Juden sahen in der Diaspora einen Anlass zur Werbung um Proselyten. Im 10. Jahrhundert schlossen sich große Teile der Chasaren im Südrussland dem Judentum an. Außerdem werden die jüdischen Reiche Himjar und Adiabene sowie ein jüdischer Herrschaftsbereich im Umfeld der Punier und Berber unter Königin Kahina genannt. Insgesamt war jüdische Mission weder stark organisiert noch von Herrschern ausgehend, sondern eher ein vorsichtiges Werben von Mensch zu Mensch. Unter dem Druck des Christentums, das ab 380 Staatsreligion des Römischen Reiches war, und des Islams ab dem 7. Jahrhundert erlosch sie.
Christliche Mission
Die christliche Mission beruft sich auf Jesu sogenannten Missionsbefehl: Seine Anhänger sollen zu allen Völkern gehen, Menschen zu Jüngern machen, sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen und sie lehren, Jesu Gebote zu befolgen. Eine ähnliche Aufforderung steht im älteren Markusevangelium.
Nach Jesu Tod hielt die judenchristliche Gemeinde am Abendmahl fest und erwartete seine Wiederkehr. In jüdischen Gemeinden Kleinasiens, Griechenlands und Italiens kam es zu aktiver Propaganda und Proselytenwerbung. Um 50 n. Chr. leitete die paulinische Theologie und Mission eine entscheidende neue Phase ein. Paulus von Tarsus, der Jesus nicht leibhaftig begegnet war, sowie seine Mitarbeiter und Nachfolger gründeten heidenchristliche Gemeinden. Dadurch verlor die Jerusalemer Urgemeinde, die das Judentum als Grundlage des Christentums verstand, zunehmend an Bedeutung und verschwand schließlich.
In den folgenden Jahrhunderten führte die christliche Mission allmählich zur Christianisierung des Römischen Reiches. Seit Konstantin, in der sogenannten konstantinischen Wende, stieg das Christentum zur Reichsreligion auf und es entstand eine römische Reichskirche. Im Frühmittelalter warben besonders iro-schottische Wandermönche für den christlichen Glauben.
Die Kreuzzüge waren laut Artikel kein Akt der Missionierung, sondern sollten die islamische Expansion zurückdrängen und Jerusalem für die Christenheit zurückerobern. Die Reconquista auf der Iberischen Halbinsel wurde 1492 abgeschlossen. Die anschließende Tätigkeit spanischer Konquistadoren war ausdrücklich mit dem Auftrag zur Christianisierung verbunden. In Lateinamerika gab es sowohl humane Versuche wie die Jesuitenreduktionen als auch ein brutales Überstülpen fremder Kultur. Später wurde Mission mit dem Kolonialismus verbunden.
Das 19. Jahrhundert gilt im Christentum als das „große Jahrhundert der Weltmission“. In dieser Zeit nahm die weltweite geografische Ausbreitung stark zu und stand in Zusammenhang mit der Ausdehnung des globalen Handels. Die christliche Ausbreitung und neue missionierende Religionen wie die Bahai trugen 1893 zum ersten Weltparlament der Religionen in Chicago bei. Mit dem Aufkommen der Pfingstbewegung ab 1909 verstärkten sich die missionarischen Aktivitäten vor allem im Christentum erneut.
Islam und Manichäismus
Nach den klassischen Lehren des sunnitischen Islams sollen Muslime den Islam durch Daʿwa weltweit verbreiten. Klassischerweise wird zunächst der Herrscher eines Landes aufgefordert, den Islam anzunehmen. Wird dies abgelehnt, gilt dies in dieser Vorstellung als Berechtigung zur „Öffnung“, arabisch futuhat, also zur Eroberung des Landes durch militärische Anstrengung, den Dschihad.
Missionarische Tätigkeiten anderer Religionen werden im Bereich des Islams als Angriff auf den Islam bewertet und deshalb verboten. Christliche Missionsbestrebungen sind bis heute in fast allen islamischen Ländern kaum möglich. Dies betrifft laut Artikel auch andere islamische Strömungen wie die Schia und die Ahmadiyya-Gemeinschaft.
Auch der Manichäismus war eine missionierende Religion. Er breitete sich bis nach Afrika, Gallien und Syrien aus und wurde im 8. Jahrhundert in Turkestan Staatsreligion.
Hinduismus, Buddhismus und ostasiatische Bewegungen
Unter dem Einfluss sozio-kultureller und religiöser Entwicklungen aus Europa und den USA entstanden im Hinduismus und Buddhismus Reformansätze. Sie unterstützten eine stärkere dogmatische Festlegung von Lehren und heiligen Texten, einen allgemeinen Gültigkeitsanspruch und aktive Missionsbestrebungen.
Oft richtete sich die Mission zunächst auf die Rückgewinnung früherer Konvertiten. Der Arya Samaj dehnte diesen Anspruch in Indien Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch stark aus und betrachtete fast alle Einwohner als frühere Hindus und damit als legitime Missionsgruppe. Da sich die Bewegung zugleich gegen traditionelle brahmanische Eliten und das Kastensystem wandte, stieß sie auf entschiedenen Widerstand. Ihre Aktivitäten gingen ab Mitte der 1920er Jahre zurück.
Seit Ende der 1980er Jahre beeinflussen hindu-nationalistische Missionsbewegungen unter den indischen Adivasi, den „Stammesbevölkerungen“, das kulturelle Erbe der betroffenen Gruppen tiefgreifend. Traditionen, besonders Geschlechterbilder, werden zu einer vereinheitlichten Hindu-Kultur umgedeutet. Dabei treten Götter wie Rama, Krishna und Hanuman sowie androzentrische, also Männer und Männlichkeit hervorhebende, Gesellschafts- und Weltbilder an die Stelle etablierter Vorstellungen. Obwohl diese Einflussnahme stark politisch motiviert ist und auch der Gewinnung potenzieller Wähler für die BJP dient, gilt sie im weiteren Sinne als Missionierung, weil eine dauerhafte Bindung an ein religiös fundiertes Weltbild angestrebt wird. Wiederholt kam es zu Ausschreitungen hindu-nationalistischer Agitatoren gegen religiöse Minderheiten, vor allem Muslime und Christen.
Seit dem Ende der 1960er Jahre sind einige hinduistische, buddhistische und andere süd- und ostasiatische Gruppen in westlichen Ländern und zunehmend weltweit missionarisch tätig. Besonders bekannt ist die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, im Westen meist Hare-Krishna-Bewegung genannt. Weitere international aktive oder aktiv gewesene Gruppen sind unter anderem Ananda Marga, Brahma Kumaris, Ōmoto, Ōmu Shinrikyō, Sahaja Yoga, Sant Mat, Shinnyo-En, Sōka Gakkai und Tenrikyō sowie verschiedene spirituelle Lehrer und Gurus.