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Essener
Als Essēner oder Essäer, (hebräisch אִסִּיִים ) wird eine nur literarisch belegte religiöse Gruppe im antiken Judentum vor der Zerstörung des zweiten Jerusalemer „ …
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Einordnung und Quellenlage
Die Essener oder Essäer (hebräisch אִסִּיִים) waren eine nur literarisch belegte religiöse Gruppe des antiken Judentums vor der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. Ihre wichtigsten theologischen Motive waren messianische Naherwartung, also die Erwartung eines bald kommenden Messias, und Kritik am als unrein angesehenen Tempelkult in Jerusalem.
Philon von Alexandria, Plinius der Ältere und Flavius Josephus beschreiben sie als im 2. Jahrhundert v. Chr. in Judäa entstandene, ordensähnliche Gemeinschaft. Die antiken Angaben lassen auf eine strenge, meist männliche und überwiegend zölibatäre Gruppe mit geringem Privatbesitz schließen. Außer den literarischen Berichten gibt es jedoch keine Beweise für ihre Existenz. Herkunft und Bedeutung ihres Namens sind unbekannt.
Alltag, Regeln und Glauben
Die Essener verstanden sich als die letzten wahren Gläubigen ihrer Zeit. Zu ihrer Endzeitlehre gehörten die Auferstehung des Fleisches sowie ein bevorstehender Kampf zwischen Mächten des Guten und Heeren des Bösen.
Wer eintreten wollte, musste einen Eid leisten: Gott ehren, Pflichten gegenüber Menschen erfüllen, niemandem schaden, Ungerechte hassen, Gerechten beistehen sowie besonders Ranghöheren treu sein. Charakteristisch waren tägliche Waschungen, wahrscheinlich nach dem Vorbild der Mikwe, gemeinsame Kultmahle und eine feste soziale Rangordnung. Persönlicher Besitz wurde der Gruppe übergeben und gemeinsam verwaltet. Die Gruppen lebten fern größerer Städte, trugen weiße Kleidung und lehnten sexuellen Umgang mit Frauen ab.
Nach der Überlieferung konnten Arme, Invaliden und Menschen mit sichtbaren körperlichen Beeinträchtigungen ausgeschlossen werden. Dies steht im Gegensatz zur im Artikel beschriebenen Haltung Jesu, der Arme, Kranke, Unreine und andere Randgruppen einbezog.
Antike Beschreibungen
Philo von Alexandria schrieb von 4000 Essäern in Syrien. Sie hätten in Dörfern gelebt und Städte gemieden, kein Geld, keinen Großgrundbesitz, keine Schiffe und keine Sklaven besessen. Sie hätten weder Waffen hergestellt noch Großhandel betrieben.
Plinius der Ältere verortete Esseni in Naturalis historia V,73 am Toten Meer nahe En Gedi und Masada. Er schilderte sie als zölibatär, mittellos und ohne Frauen lebend. Ihre Zahl habe sich durch Fremde erneuert, die sich ihrer Lebensweise anschlossen.
Flavius Josephus nannte sie neben Pharisäern und Sadduzäern die dritte große jüdische „Partei“. Nach De bello Judaico 2,119–161 lebten sie asketisch, beteten vor Sonnenaufgang, aßen mittags und abends nach Tischgebeten gemeinsam, hielten den Sabbat streng und waren bereit, für die Tora zu sterben. Sie übergaben beim Eintritt ihren Besitz einem Verwalter der Gemeinschaft, nahmen Waffen nur auf Reisen gegen Räuber mit und schlossen Regelverletzer nach einem Noviziat aus. Josephus berichtet außerdem von Heilern, von der Ablehnung von Ehen, Opfern und Sklaven sowie vom Glauben an Unsterblichkeit der Seele zur Erlösung oder ewigen Strafe. Seine Angaben sind nicht in allen Punkten einheitlich: Bei ihm lebten Essener in Gruppen in jeder Stadt, bei Philo vor allem in Dörfern.
Qumran und historische Bewertung
Seit 1952 war die These einflussreich, die Essener seien mit den Bewohnern von Qumran und den Verfassern einiger oder aller Schriftrollen vom Toten Meer identisch oder verwandt. Diese Zuordnung wird heute wegen der Befunde relativiert oder bestritten. Qumran am Südwestufer des Toten Meeres bestand bis zu seiner Zerstörung 68 n. Chr. und war von einer streng asketischen, disziplinierten Gemeinschaft bewohnt, die den Essenern ähnelte, aber wahrscheinlich nicht mit ihnen identisch war.
In keinem Qumrantext erscheint ausdrücklich „Essener“, „Esseni“ oder „Essaioi“. Die etwa 850 Schriften aus ungefähr 250 v. Chr. bis 70 n. Chr. enthalten weder klare Belege für Askese und Zölibat noch für Schicksalsglauben und Unsterblichkeit der Seele. Die Gemeinderegel (1QS) und die Gemeinschaftsregel (1QSa) nennen allerdings eine jachad („Einung“) mit gemeinsamer Kasse, Mahlzeiten, Probezeit und möglichem Ausschluss bei Regelverstößen.
Auch diese Merkmale beweisen keine Gleichsetzung: Gütergemeinschaft und Besitzaufgabe waren etwa bei Pythagoräern und später im Urchristentum bekannt; gemeinsame Mahlzeiten und Ausschlüsse gab es bei vielen antiken Vereinen. Roland Bergmeier zeigte 1993, dass Philo und Josephus den Essenern viele früher Pythagoräern zugeschriebene Züge gaben. Deshalb könnten die Darstellungen teilweise ein hellenistisches Idealbild und nicht gesicherte Wirklichkeit wiedergeben.
Spätere und spekulative Deutungen
Essener werden in fiktionaler und esoterischer Literatur häufig verwendet, um Angaben zu Jesus zu ergänzen oder umzudeuten. Johann Georg Wachter behauptete 1713 erstmals, Jesus sei bei den Essäern erzogen worden. Karl Heinrich Georg Venturini entwickelte ab 1800 die Theorie eines heilkundigen Geheimverbandes: Jesus sei dort Heiler geworden, habe scheinbare Wunder vollbracht und die Kreuzigung überlebt. Das anonyme Buch Wichtige historische Enthüllungen über die wirkliche Todesart Jesu von 1849 und Friedrich Clemens Gierkes „Urevangelium der Essäer“ von 1867 verbreiteten ähnliche Behauptungen; das Werk von 1867 wurde bereits 1868 als Fälschung erwiesen. Der Artikel bezeichnet diese Deutungen als Spekulationen.
Auch ein buddhistischer Einfluss wird als Hypothese dargestellt. Ashoka, der etwa 268–232 v. Chr. regierte, soll Gesandtschaften in hellenistische Reiche entsandt haben. Daraus entstand die Vermutung, die von Philo erwähnten Therapeuten seien buddhistische Mönche gewesen. Ein Nachweis für eine solche Verbindung der Essener liegt im Artikel nicht vor.
Edmond Bordeaux Szekely veröffentlichte seit 1933 ein angeblich aus einer Vatikanhandschrift übersetztes „Geheimes“ oder „Friedensevangelium der Essener“. Es gilt dort als weitere Spekulation, deren Schwerpunkt eine „biogene“ Lebensweise und die Heilkraft von „Mutter Erde“ ist.