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Esperanto
Esperanto ist die am weitesten verbreitete Plansprache. Ihre heute noch gültigen Grundlagen wurden als Internationale Sprache 1887 von dem Augenarzt Ludwik …
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Grundidee und Bedeutung
Esperanto ist die am weitesten verbreitete Plansprache, also eine bewusst entwickelte Sprache. Sie wurde als internationale Plansprache geschaffen, damit Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen leichter miteinander kommunizieren können. Der Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof veröffentlichte ihre bis heute gültigen Grundlagen 1887 unter dem Namen „Internationale Sprache“. Sein Pseudonym Doktoro Esperanto („Doktor Hoffender“) wurde später zum Namen der Sprache. Die Sprachcodes lauten eo nach ISO 639-1 sowie epo nach ISO 639-2 und ISO 639-3.
Zamenhof wuchs im damals zum Russischen Reich gehörenden Białystok auf, dessen Bevölkerung unter anderem aus Polen, Litauern, Deutschen und vor allem Juden bestand. Angesichts ethnischer Trennung, körperlicher Auseinandersetzungen und Pogrome betrachtete er die Verständigung zwischen den Völkern als Voraussetzung für den Weltfrieden. Seine Lehre von der Verbrüderung der Menschheit wird Homaranismo genannt.
Im von Klara Zamenhof finanzierten Unua Libro („Erstes Buch“) formulierte Zamenhof 1887 drei Ziele: Die Sprache sollte sehr leicht zu lernen sein; Lernende sollten sie unabhängig von ihrer allgemeinen Anerkennung sofort zur internationalen Verständigung verwenden können; und die Menschen sollten dazu bewegt werden, sie tatsächlich als lebende Sprache zu gebrauchen. Der Grammatikteil des 40-seitigen ersten Buches enthielt 16 Regeln auf sechs Seiten.
Esperanto ist heute eine lebende Fremdsprache und zugleich für einige Menschen eine zweite Muttersprache. Es besitzt in keinem Staat den Status einer Amtssprache; lediglich die Mikronation Molossia bezeichnet es als ihre zweite „Amtssprache“. Seit dem Manifest von Rauma von 1980 versteht ein Teil der Bewegung die Esperanto-Gemeinschaft nicht mehr vorrangig als Weg zu einer einzigen Weltsprache, sondern als „selbstgewählte, verstreut lebende, sprachliche Minderheit“ und globale Subkultur für Austausch, Reisen und Kommunikation.
Aufbau der Sprache
Esperanto ist regelmäßig und agglutinierend aufgebaut. Agglutinierend bedeutet, dass unveränderte Wortstämme mit klar erkennbaren Endungen und anderen Wortelementen verbunden werden. So heißt domo „Haus“, domoj „Häuser“ und domojn „Häuser“ im Akkusativ Plural. Das Mehrzahlzeichen ist -j, der Objektfall wird durch -n gekennzeichnet. Es gibt nur jeweils ein Schema für die Deklination der Substantive und die Konjugation der Verben sowie nur wenige grammatische Regeln ohne Ausnahmen. Ein grammatisches Geschlecht wie bei deutschen Substantiven gibt es nicht.
Bestimmte Endungen erleichtern die Erkennung von Wortarten: Substantive enden gewöhnlich auf -o, etwa domo, und Adjektive auf -a, etwa doma („häuslich“). Da auch einzelne andere Wörter auf -o oder -a enden, reicht der Endvokal allein jedoch nicht immer zur Bestimmung der Wortart. Selbst das Verb „sein“ wird regelmäßig konjugiert: estas bezeichnet die Gegenwart, estis die Vergangenheit, estos die Zukunft und estus den Konjunktiv. Diese Formen bleiben bei allen Personen gleich, etwa mi estas („ich bin“), ni estas („wir sind“) und ili estas („sie sind“).
Die Schreibweise ist phonematisch: Jedem Schriftzeichen entspricht ein Phonem, also ein Sprachlaut, und jedem Phonem ein Schriftzeichen. Verwendet wird das lateinische Alphabet mit zusätzlichen diakritischen Zeichen. So entspricht ŝ dem deutschen sch und ĉ dem tsch, beispielsweise in ŝako („Schach“) und Ĉeĉenio („Tschetschenien“). Die Betonung liegt auf der vorletzten Silbe.
Der Wortschatz ähnelt vor allem dem Lateinischen und romanischen Sprachen, teilweise aber auch germanischen und slawischen Sprachen sowie dem Griechischen. Je nach Textkorpus wird der germanische Anteil auf fünf bis zwanzig Prozent geschätzt. Zamenhof wählte Wörter vor allem danach aus, wie vielen Menschen sie bekannt sein könnten und wie gut sich Verwechslungen vermeiden ließen. Dennoch gibt es „falsche Freunde“: regalo bedeutet „Bewirtung“, während ein Regal bretaro heißt, wörtlich „Bretteransammlung“. Manche Wörter verbinden Einflüsse mehrerer Sprachen, etwa ĝardeno („Garten“), dessen Schreibung dem englischen garden und dessen Aussprache dem französischen jardin ähnelt.
Ein Sprachbeispiel ist Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Ĉiuj homoj estas denaske liberaj kaj egalaj laŭ digno kaj rajtoj. Ili posedas racion kaj konsciencon, kaj devus konduti unu al la alia en spirito de frateco.“ Die angegebene deutsche Fassung lautet: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“
Geschichtliche Entwicklung
Nach der Veröffentlichung von 1887 entstand rasch eine internationale Bewegung. 1889 erschienen eine Adressenliste der ersten Anhänger und die in Nürnberg herausgegebene Zeitschrift La Esperantisto. 1898 gründete Louis de Beaufront eine französische Esperanto-Gesellschaft, aus der später der erste Landesverband hervorging. Zamenhofs Gedicht La Espero wurde in der Vertonung von Félicien Menu de Ménil zur bei großen Esperanto-Festen gesungenen Hymne. 1908 entstand der Esperanto-Weltbund; vor dem Ersten Weltkrieg gab es auf allen Kontinenten Verbände oder Ortsgruppen.
Zwischen den Weltkriegen wurde Esperanto einerseits öffentlich eingesetzt: Die Nordische Rundfunk AG sendete ab dem 5. Oktober 1924 montags die Nachrichtensendung Dek minutoj da Esperanto. Andererseits wurde die Bewegung in mehr als einem Dutzend Ländern behindert. Im nationalsozialistischen Deutschland waren Plansprachenvereinigungen verboten. In der Sowjetunion wurden während der Großen Säuberung führende Esperanto-Sprecher verhaftet und deportiert. Nach einer Schätzung befanden sich unter 1,5 Millionen Verhafteten etwa 30.000 sowjetische Esperanto-Sprecher; einige Dutzend wurden erschossen und Tausende starben später in Lagern.
Nach 1945 entstanden in Osteuropa erst allmählich wieder Verbände. Jugoslawien veranstaltete bereits 1953 einen Esperanto-Weltkongress; weitere Kongresse folgten 1958 in Mainz und 1959 in Warschau. Seit 1959 wird mit dem Stelo eine ergänzende internationale Währung erprobt; 2022 lag ihr Kurs bei ungefähr 1 Euro für 4 steloj. In den 1960er Jahren entstanden die Esperanto-Spielfilme Angoroj (Frankreich, 1964) und Inkubo (USA, 1966). Der chinesische Landesverband durfte 1980 dem Weltbund beitreten.
Die Zahl der Landesverbände im Weltbund stieg von 19 im Jahr 1948 über 34 im Jahr 1971 und 47 im Jahr 1989 auf 71 im Jahr 2013. Die Mitgliederzahl entwickelte sich nicht entsprechend und erreichte 2016 ihren niedrigsten Stand seit 1947. Gleichzeitig nahmen Internetgruppen und die Mitarbeit an Projekten wie Wikipedia, Wörterbüchern und Sprachkursen zu. Seit 2022 gibt es durch einen Esperanto-Klub auf der Amundsen-Scott-Südpolstation organisierte Sprecher auf allen Kontinenten. 2024 fand in Arusha in Tansania der erste Esperanto-Weltkongress in Afrika statt.
Verbreitung, Sprecher und Organisationen
Die Sprecherzahl ist umstritten, weil Schätzungen unterschiedliche Grade der Sprachkenntnis und Nutzung erfassen. Genannt werden zwischen 100.000 und zehn Millionen Menschen; häufig geht man von einigen Millionen Lernenden und einigen hunderttausend regelmäßigen Sprechern aus. Ethnologue nannte 2017 zwei Millionen Sprecher, gibt inzwischen aber weniger als eine Million an. Mark Fettes schätzte 2003 weniger als 150.000 aktive Sprecher weltweit. Rudolf Fischer vermutete 2008 rund 100.000 fließende und regelmäßige Sprecher, davon etwa 2000 in Deutschland. Insgesamt sollen in mehr als 130 Jahren zwischen 5 und 15 Millionen Menschen Esperanto gelernt haben.
Auch bei Muttersprachlern schwanken die Angaben. 1996 waren etwa 350 Familien registriert, in denen Kinder Esperanto als zweite Muttersprache lernten. Eine Schätzung von 2012 nannte bis zu 2000 Muttersprachler, der Esperanto-Weltbund gab 2017 dagegen 1000 an. Volkszählungen ermittelten 8397 Menschen mit Esperanto-Kenntnissen in Ungarn 2011 und 4297 im Jahr 2022; in Russland nannten 2021 insgesamt 753 Personen solche Kenntnisse.
Der größte Dachverband ist der Esperanto-Weltbund mit Sitz in Rotterdam und etwa 15.000 Mitgliedern. Er organisiert den jährlichen Esperanto-Weltkongress, dessen Teilnehmerzahl zwischen 350 und 3000 liegt. Ende 2016 hatte er 4365 Einzelmitglieder und 8689 assoziierte Mitglieder. In Deutschland zählen der Deutsche Esperanto-Bund etwa 700 und die Deutsche Esperanto-Jugend etwa 100 Mitglieder; der österreichische Landesverband umfasst 72 und die Schweizerische Esperanto-Gesellschaft einschließlich Jugendgruppe 170 Mitglieder.
Esperanto wird institutionell und digital verwendet. China veröffentlicht seit 2001 täglich Nachrichten in Esperanto; China Radio International bietet Texte, Videos und 2024 viermal täglich ein einstündiges Kurzwellenprogramm an. Der Vatikan ließ 1990 esperantosprachige liturgische Texte für Messen zu. Radio Vatikan sendet dreimal wöchentlich ein knapp zehnminütiges Programm. Die Esperanto-Wikipedia umfasste im Mai 2026 etwa 385.000 Artikel und stand damit nach Größe auf Platz 38. Tatoeba enthielt im Mai 2025 ungefähr 790.000 Esperanto-Beispielsätze und führte die Sprache damit an vierter Stelle.
Polen nahm Esperanto 2014 „als Träger der Esperanto-Kultur“ in sein immaterielles Kulturerbe auf, Kroatien erkannte die Tradition 2019 als Kulturgut an und Österreich setzte die Esperantokultur 2026 auf seine nationale UNESCO-Liste. Das Esperanto-PEN-Zentrum gehört seit 1993 PEN International an. Die Österreichische Nationalbibliothek beherbergt eine Plansprachensammlung und ein Esperantomuseum.
Unterricht, Forschung und Technik
Esperanto wurde besonders in sozialistischen Staaten zeitweise staatlich gefördert, weil diese die Vorherrschaft des Englischen als De-facto-Weltsprache und die damit verbundene westliche Dominanz ablehnten. Nach Angaben von 1982 wurde in 36 Ländern aufgrund staatlicher Anordnungen Esperanto unterrichtet. Die Zahl der Hochschulen mit Lehrveranstaltungen stieg von 15 im Jahr 1970 über 51 im Jahr 1980 auf 110 in 22 Ländern im Jahr 1985. Der bedeutendste Studiengang bestand von 1969 bis 2002 an der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest. Heute spielt Esperanto-Unterricht an Schulen und Hochschulen des ehemaligen Ostblocks faktisch keine Rolle mehr.
In Ungarn legten von 2001 bis 2009 ungefähr 39.000 Menschen eine staatlich anerkannte Esperanto-Prüfung ab, weil Universitäten Fremdsprachenkenntnisse verlangten und Esperanto akzeptierten. Nach etwa 2007 endete diese Anerkennung in vielen Fächern; seit 2022 entscheiden die Hochschulen selbst über einen Fremdsprachennachweis, worauf die Prüfungszahlen deutlich sanken. Heute ist Esperanto dort noch an einigen höheren Schulen als Prüfungsfach zugelassen. Kleinere Grundschulprojekte sind ebenfalls vorhanden. An der Universität Amsterdam besteht seit 2002 ein jeweils auf fünf Jahre begrenzter, vom Weltbund finanzierter Lehrstuhl für Interlinguistik und Esperanto; an der Universität Zaozhuang kann Esperanto als Nebenfach studiert werden.
Online bietet Duolingo einen englischsprachigen Esperanto-Kurs an. Für Kurse auf Französisch, Portugiesisch und Spanisch sind seit Januar 2023 keine Neuanmeldungen möglich; ihr Fortbestand ist offen. Daneben existieren Kurse bei mehreren Dutzend weiteren Anbietern.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Esperanto heißt Esperantologie und ist ein Teil der Sprachwissenschaft. Jährlich erscheinen einige hundert wissenschaftliche Artikel zu Esperanto und anderen Plansprachen. Die deutsche Gesellschaft für Interlinguistik hat etwa 65 Mitglieder. Eine Studie von François Grin aus dem Jahr 2005 bezifferte die jährlichen Einnahmen Großbritanniens aus der Dominanz des Englischen auf mindestens 10 Milliarden Euro beziehungsweise mit Multiplikatoreffekten auf etwa 18 Milliarden Euro. Für Europa einschließlich Großbritanniens und Irlands errechnete sie bei einer Einführung von Esperanto einen Einspareffekt von ungefähr 25 Milliarden Euro jährlich.
Maschinelle Übersetzung ist von und ins Esperanto möglich: Google Translate unterstützt es seit 2012, außerdem unter anderem Microsoft Bing und seit November 2025 DeepL. Auch zahlreiche moderne KI-Systeme können Esperanto verarbeiten.
Varianten und Kritik
Esperantide oder Esperantoide sind Plansprachen, die auf Esperanto beruhen. Die erste war Mundolinco von 1888. Ido wurde 1907 auf dem Gerüst des Esperanto veröffentlicht und verzichtet unter anderem auf diakritische Zeichen; seine grammatischen Veränderungen sind nicht grundlegend. Novial entstand 1928 durch Otto Jespersen als Mittelweg zwischen Esperanto und Ido. Arcaicam Esperantom ist dagegen eine absichtlich archaisch wirkende Sprachform, die in Esperanto-Literatur als Stilmittel dient.
Die Kritik richtet sich sowohl gegen die Grundidee als auch gegen einzelne Sprachmerkmale. Gustav Landauer hielt 1907 eine künstlich geschaffene Sprache für unfähig, die unausgesprochenen Bedeutungsnuancen gewachsener Sprachen wiederzugeben. Edgar von Wahl kritisierte 1930 das aus seiner Sicht fremde Verhältnis zwischen einer „polnischen“ Rechtschreibung und einem überwiegend lateinisch-romanischen Wortschatz, die feste Betonung auf der vorletzten Silbe, Schwierigkeiten durch slawische Verbalaspekte sowie Wortartendungen und Ableitungen. Nach seiner Auffassung steht dabei Regelmäßigkeit teilweise im Gegensatz zu international bekannten Wortformen.
Wolf Schneider wandte 1994 ein, dass mit Englisch bereits eine funktionierende Weltsprache vorhanden sei; außerdem hielt er die Deklination einschließlich der Adjektive für kompliziert. Jürgen Trabant argumentierte 2011, dass Esperanto im Unterschied zum Lateinischen keine große Literatur hinter sich habe und deshalb als Alternative ungeeignet sei.
Weitere Kritik betrifft die seltenen Zirkumflex-Buchstaben. Ihre Ersetzung durch Buchstabenpaare kann Probleme in Wörterbüchern und Suchabfragen verursachen. Die Esperanto-Fragewörter werden ebenfalls kritisiert, weil sie alle zweisilbig sind und mit der gleich betonten Silbe ki- beginnen. Schließlich besteht ein Spannungsverhältnis bei der Weiterentwicklung: Veränderungen an Grammatik, Schreibweise oder Aussprache könnten regionale Varianten erzeugen und damit die Einheit der angestrebten internationalen Sprache gefährden; bislang entwickelt sich Esperanto daher vor allem durch die Erweiterung seines Wortschatzes.