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Erntedankfest
Das Erntedankfest (auch Erntedank, Erntefest, Erntedanksonntag) ist im Christentum auf der nördlichen Hemisphäre der Erde ein Fest nach der Ernte im Herbst …
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Grundidee und Bedeutung
Das Erntedankfest ist ein kulturell und religiös verankerter Ritus des Dankes für die Ernte. Im Christentum heißt es auch Erntedank, Erntefest oder Erntedanksonntag. Auf der nördlichen Hemisphäre wird es nach der Ernte im Herbst gefeiert; auf der südlichen Hemisphäre gibt es andere Termine, etwa im März beim Apple & Grape Harvest Festival in Queensland, Australien.
Im Mittelpunkt steht der Dank für Feldfrüchte, Getreide, Obst und andere naturnahe Produkte wie Mehl, Honig oder Wein. Diese Gaben werden meist in Kirchen dekorativ aufgestellt, regional auch in Prozessionen gezeigt. In manchen Orten wird eine aus Getreide, teils auch mit Weinreben, Obst oder Gemüse geflochtene Erntekrone aufgestellt oder durch das Gemeindegebiet getragen.
Anders als Ostern oder Weihnachten geht das christliche Erntedankfest nicht auf ein bestimmtes biblisches Ereignis zurück. Es soll zeigen, dass der Mensch die Schöpfung nicht vollständig kontrolliert und nach biblischem Verständnis selbst Teil der Schöpfung ist. Es erinnert daran, dass ausreichende Nahrung nicht allein in menschlicher Hand liegt. Erntegaben werden nach dem Fest zuweilen an Bedürftige, Obdachlosenheime oder karitative Einrichtungen verteilt.
Jüdische Erntefeste
Der jüdische Festkalender kennt zwei Erntedankfeste: eines zu Beginn und eines am Ende der Erntesaison. Beide werden in 2. Mose 23,14–17 und 5. Mose 16 als verpflichtende Wallfahrtsfeste genannt. Wallfahrtsfeste sind Feste, zu denen Gläubige zum Heiligtum pilgerten.
Schawuot bedeutet „Wochen“ und war ursprünglich ein jüdisches Erntedankfest. Es wird 50 Tage nach Pessach, am 6. Siwan, gefeiert. In Eretz Israel war dies die Zeit, in der Bauern Erstlingsfrüchte, also die ersten Früchte der Ernte, als Opfergaben etwa in den Tempel nach Jerusalem brachten. Deshalb war Schawuot auch ein Wallfahrtsfest.
Sukkot, das Laubhüttenfest, fällt mit dem Abschluss der Erntesaison in Eretz Israel zusammen. In seiner späteren Ausgestaltung wurde es mit der Exodustradition verbunden, also mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Auch Pessach war ursprünglich ein Erntefest am Beginn der Gerstenernte; dieser Ursprung wird aber durch die Deutung als Exodusfest überdeckt.
Christliche Entwicklung und Termine in Deutschland
Erntedankfeste gab es schon in vorchristlicher Zeit. Vergleichbare Riten sind aus Nordeuropa, Israel, Griechenland und dem Römischen Reich bekannt. In der römisch-katholischen Kirche ist ein Erntedankfest seit dem 3. Jahrhundert belegt. Wegen unterschiedlicher Erntezeiten in verschiedenen Klimazonen gab es nie einen einheitlichen Termin.
Nach der Reformation wurde Erntedank an unterschiedlichen Daten gefeiert. Manche evangelische Kirchenordnungen verbanden den Dank für die Ernte mit Michaelis, andere legten ihn auf den Bartholomäustag am 24. August, auf den Sonntag nach Ägidii am 1. September oder nach Martini am 11. November. Später setzte sich der Michaelistag am 29. September oder meist der erste Sonntag nach Michaelis durch. Diese Regelung geht unter anderem auf einen Erlass Friedrichs des Großen von 1773 zurück.
In der römisch-katholischen Kirche in Deutschland legte die Deutsche Bischofskonferenz 1972 den ersten Sonntag im Oktober als Termin fest, allerdings nicht verbindlich für alle Gemeinden. Das Fest ist bis heute kein offizieller Bestandteil des Kirchenjahres; Gemeinden sind also nicht verpflichtet, es zu feiern. Dennoch ist der Brauch verbreitet. Häufig wird am ersten Oktobersonntag die Eucharistie als „Dank für die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“ an einem mit Erntedank-Gaben geschmückten Altar gefeiert.
In den evangelischen Kirchen wurde 1985 mit dem neuen Perikopenbuch der erste Sonntag im Oktober als Termin empfohlen. 2006 beschlossen VELKD und UEK in der EKD ein Liturgisches Kalendarium, das den Erntedanktag auf den ersten Sonntag nach Michaelis festlegt, wenn Michaelis nicht auf einen Sonnabend fällt. Dadurch liegt er heute praktisch immer am ersten Sonntag im Oktober; eine Ausnahme war 2007 mit dem 30. September.
Evangelische Freikirchen feiern meist am ersten Sonntag nach Michaelis. Die Neuapostolische Kirche begeht den Erntedank-Tag in Deutschland am ersten Sonntag im Oktober. Regional gibt es Sondertermine, etwa in Moselgemeinden nach der Weinlese am zweiten November-Sonntag.
Bräuche, Lieder und Umzüge
Ein in Deutschland weit verbreitetes Erntedanklied ist „Wir pflügen und wir streuen“ von Matthias Claudius. Neben Gottesdiensten gibt es in vielen Gemeinden zwischen Mitte September und Anfang Oktober Festzüge mit Motivwagen, Fußgruppen und Spielmannszügen. Dabei werden historische Erntesituationen dargestellt und teilweise mit Motiven kombiniert, die an Karnevalsumzüge erinnern. Die Blumen für den Wagenschmuck sind in der Regel echt.
Bekannte Erntedankumzüge mit mindestens 50 Gruppen gibt es unter anderem in Fürth seit 1817 mit 89 Gruppen, in Clarholz seit 1951 mit bis zu 65 Gruppen, in Heidesheim am Rhein seit etwa 1956 mit bis zu 61 Gruppen, in Hamburg-Kirchwerder mit 50 Gruppen, in Papenburg-Obenende mit 50 Gruppen bereits Mitte September und in Pulheim-Stommelerbusch mit 50 Gruppen bereits Mitte bis Ende September.
Seltener ist der Brauch der Erntedankteppiche. Dabei werden aus Samenkörnern, Früchten und Pflanzenteilen meist christliche Motive gelegt.
Politische Nutzung und regionale Formen
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Erntedankfest politisch vereinnahmt. 1933 verfügte Adolf Hitler, dass es zentral am ersten Sonntag im Oktober gefeiert werden sollte. Mit dem Gesetz über die Feiertage vom 27. Februar 1934 wurde der Erntedanktag am ersten Sonntag nach dem 29. September, also nach Michaelis, gesetzlicher Feiertag. Das NS-Regime stellte dabei auf Grundlage der Blut-und-Boden-Ideologie die Bedeutung der Bauernschaft für das Reich heraus. Die zentrale Veranstaltung war das Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln, organisiert durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.
In Österreich wird Erntedank je nach Region und Landwirtschaft überwiegend im September oder Oktober gefeiert. Die katholische Kirche bevorzugt in städtischen Gebieten den ersten Sonntag im Oktober. Landgemeinden feiern eher Ende September; dort ist auch die überkonfessionelle Landjugend stark beteiligt. Manche Gemeinden kennen Erntedank-Wallfahrten oder Umzüge, etwa in Tirol. Reit im Winkl wallfahrtet am Samstag vor Erntedank nach Maria Kirchental, Nassereith ist für farbenprächtige Prozessionen bekannt.
In Slowenien heißt Erntedank „Zahvalna nedelja“, also „Dankessonntag“, und wird am Sonntag nach Allerheiligen gefeiert.
Erntedank weltweit
Erntedank gibt es auch in anderen Kulturkreisen. In Süd- und Ostasien haben sich große Volksfeste entwickelt, etwa das tamilische Pongal oder japanische Matsuri. In vielen Regionen gibt es außerdem im Frühjahr und Sommer Feste, Riten und Gebete für eine gute Ernte oder günstiges Wetter.
In den USA wird der „Thanksgiving Day“ am vierten Donnerstag im November gefeiert und ist ein staatlicher Feiertag. Er erinnert an das erste Erntedankfest der Pilgerväter. Traditionell wird im Familienkreis ein Truthahn gegessen. In den USA gilt Thanksgiving jedoch nicht einfach als amerikanische Version des Erntedankfestes, sondern als Dankfest für alles Gute und allen Erfolg. Wegen seiner familiären und sozialen Bedeutung wird der Tag auch von vielen Atheisten gefeiert.
In Kanada wird „Thanksgiving“ am zweiten Montag im Oktober gefeiert. Es ist ein staatlicher Feiertag auf Bundesebene und in allen Provinzen und Territorien außer Prince Edward Island, Newfoundland and Labrador, New Brunswick und Nova Scotia; auch dort wird es dennoch gefeiert. Das kanadische Thanksgiving ist stärker mit dem christlichen Hintergrund verbunden, weil es auch in christlichen Kirchen als liturgisches Fest gilt. Es entspricht damit eher europäischen Erntedankbräuchen als das US-amerikanische Fest, geht aber ebenfalls über reinen Dank für die Ernte hinaus.
In Japan gibt es das alte kaiserliche Erntedankfest Niiname-sai, „Kosten des neuen Reises“. Es ist ein shintōistisches Ritual, bei dem der Kaiser den Göttern frisch geernteten Reis opfert. Im ersten Jahr nach der Thronbesteigung eines Kaisers heißt es Daijōsai, „Großes Kosten“. Eine erste Erwähnung findet sich in der Chronik Nihonshoki aus dem Jahr 720, die von einer Zeremonie aus dem Jahr 678 berichtet. Daraus entwickelte sich ein gesetzlicher Feiertag am 23. November, der Tag des Dankes für die Arbeit.