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Eric Voegelin
Die Ursprünge des Totalitarismus, Rezension zu Arendts Totalitarismus-Buch, in: Über den Totalitarismus. Texte Hannah Arendts aus den Jahren 1951 und 1953 …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Lebensweg
Eric Voegelin (* 3. Januar 1901 in Köln als Erich Hermann Wilhelm Vögelin; † 19. Januar 1985 in Palo Alto, Kalifornien) war ein deutsch-US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Philosoph. Er ist vor allem wichtig durch seine Deutung moderner politischer Bewegungen, besonders des Totalitarismus, als Ausdruck gestörter politischer und religiöser Ordnungsvorstellungen. Seine Hauptwerke sind The New Science of Politics, deutsch Die Neue Wissenschaft der Politik, und Order and History, deutsch Ordnung und Geschichte.
Voegelin wuchs in Wien auf. Nach Studienaufenthalten in den USA und Frankreich studierte er an der Universität Wien, unter anderem bei Hans Kelsen und Othmar Spann. Dort promovierte er und lehrte seit 1928 Gesellschaftslehre und allgemeine Staatstheorie. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 emigrierte er, von der Gestapo mit Passentzug bedroht, über die Schweiz in die USA. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger.
Er lehrte an mehreren amerikanischen Universitäten und trat 1942 dem Department of Government der Louisiana State University in Baton Rouge bei. 1958 wurde er auf den seit Max Webers Tod 1920 unbesetzten Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen und begründete dort das Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft. Nach seiner Emeritierung kehrte er 1969 in die USA zurück und arbeitete bis 1985 an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace der Stanford University. Sein früherer Münchner Lehrstuhl wurde 1982 in die internationale Eric-Voegelin-Gastprofessur umgewandelt.
Frühes Werk: Rasse und autoritärer Staat
Voegelins Werk wird im Artikel grob in zwei Phasen geteilt. Die erste Phase vor der Emigration in die USA war von der Suche nach Anschluss an die politische Rechte geprägt. In dieser Zeit äußerte er sich zur Rassenfrage und zum autoritären Staat. Die zweite Phase nach der Emigration entwickelte daraus ein stärker religions- und geschichtsphilosophisch begründetes politisches Weltbild.
1933 veröffentlichte Voegelin Rasse und Staat und Die Rassenidee in der Geistesgeschichte. Diese Bücher ordneten den Rasse-Diskurs geistesgeschichtlich ein und reflektierten seine Bedeutung für die Theorie des Staates kritisch. Besonders Rasse und Staat fand im nationalsozialistischen Deutschland große Aufmerksamkeit. Voegelin kritisierte den in der nationalsozialistischen Ideologie dominierenden Biologismus, also die Reduktion des Menschen auf biologische Merkmale. Zugleich enthält sein Ansatz problematische Aussagen: Er schrieb, er sei „völlig überzeugt“, dass das „Bluterbe“ für das geistige Gesamtwesen des Menschen von größter Bedeutung sei. Später wurde die Rassenidee bei ihm eindeutiger als politische Ideologie behandelt.
Mitte der 1930er Jahre bekannte sich Voegelin politisch zum österreichischen Ständestaat. In Der autoritäre Staat: Ein Versuch über das österreichische Staatsproblem von 1936 befürwortete er den Dollfuß-Putsch und den daraus entstandenen Ständestaat. Gegen Pluralität setzte er Gemeinschaft und knüpfte an autoritäres und totalitäres Staatsdenken unter anderem von Dollfuß, Carl Schmitt, Ernst Rudolf Huber und Ernst Jünger an. Hans Kelsens Reine Rechtslehre kritisierte er scharf. Später versuchte Voegelin in seiner Autobiographie, dieses Buch als Verteidigung der Demokratie umzudeuten; der Artikel bezeichnet seine Ausrichtung jedoch als eindeutig antiliberal und antidemokratisch.
Politische Religionen und Totalitarismus
Mit Die Politischen Religionen, 1938 kurz vor der Emigration entstanden, begann Voegelins spätere Schaffensphase. Obwohl er sich selbst als Politikwissenschaftler verstand, überschritten seine Arbeiten häufig die Grenzen der Politikwissenschaft und bezogen Theologie, Philosophie, Alte Geschichte und Klassische Philologie ein.
Voegelin ging davon aus, dass totalitäre Bewegungen tief in der Moderne wurzeln und Religion verdrängt haben. Gerade dadurch nähmen sie selbst religiösen Charakter an. Für diese Deutung prägte er den Begriff „Politische Religion“. Damit meinte er Parallelen zwischen totalitären Regierungssystemen und Religionen, besonders in ihren Funktionen und in der Mobilisierung von Massen.
Zu seinen Grundgedanken gehörten: Kommunismus und Faschismus seien Begleiterscheinungen von Säkularisierung, also der Zurückdrängung religiöser Deutungen aus dem öffentlichen Leben. Totalitäre Bewegungen versprächen Heil und Erlösung über normale politische Programme hinaus. Der Führer werde als Messias dargestellt. Utopische Zukunftsvorstellungen werteten die Gegenwart ab. Rituale und Feste stifteten Gemeinschaft. Totalitäre Bewegungen wollten esoterisch bleiben, also einem inneren Kreis vorbehaltene Wahrheiten behaupten. So „überwinde“ der Totalitarismus die Säkularisierung auf eigene Weise.
Voegelin wusste, dass dafür ein weiter Religionsbegriff nötig ist. Religion sollte bei ihm nicht nur Erlösungsreligionen umfassen, sondern auch politische Erscheinungen, die in der Staatsentwicklung religiöse Züge annehmen. Nach Voegelin muss die Beziehung des Staates zum Bereich des Religiösen wiederhergestellt werden, um erneute Fehlentwicklungen mit zerstörerischen Folgen zu vermeiden.
Politische Wissenschaft als Ordnungslehre
Voegelins Begriff von Politischer Wissenschaft ist holistisch, das heißt auf das Ganze menschlicher Ordnung bezogen. Er verstand Politische Wissenschaft als Wissenschaft von der Ordnung des menschlichen Lebens und von der Interpretation dieser Ordnung durch die Menschen, die in ihr leben. Politische Ordnungen sind für ihn Ausdruck von Ordnungsvorstellungen im Bewusstsein der Menschen. Den Ausdruck solcher Vorstellungen in konkreten politischen Ordnungen nannte er „Repräsentation“.
Voegelin unterschied drei grundlegende Typen von Ordnungsvorstellungen, die er Wahrheitstypen nannte: die kosmologische Wahrheit der orientalischen Reiche, die anthropologische Wahrheit der griechischen Klassik und die soteriologische Wahrheit des Christentums. „Soteriologisch“ bedeutet auf Erlösung bezogen. Die ideale Ordnung sah er in der Verbindung der beiden letztgenannten Wahrheitstypen. Der Mensch gehört für ihn verschiedenen Stufen des Seins an, vom Vegetativ-Sinnlichen bis zur Transzendenz, also dem Bezug auf etwas über die Welt Hinausgehendes. Politische Ordnungen sollen diese Dimensionen widerspiegeln.
Ein zentraler Begriff seiner Moderne-Kritik ist „Gnostik“. Nach einer frühchristlichen Sekte bezeichnete Voegelin moderne Kräfte als gnostisch, wenn sie den transzendenten Bezug politischer Ordnung beseitigen und Erlösung innerhalb der Welt versprechen. In vielen modernen philosophischen und politischen Strömungen sah er deshalb einen Verlust religiöser Erfahrung. Religiöse Erfahrungen müssten symbolisiert, also in Zeichen, Begriffe und Texte gefasst werden, damit sie gesellschaftliche Ordnung stiften können. Die Neue Wissenschaft der Politik sollte nach dem Zweiten Weltkrieg eine grundlegende Korrektur dieser von Voegelin angenommenen Fehlentwicklung leisten.
Ordnung und Geschichte
Order and History, deutsch Ordnung und Geschichte, gilt als Voegelins Opus Magnum. Es erschien auf Deutsch in 10 Bänden. Das Werk untersucht, wie Menschen in verschiedenen Kulturen und Zeiten Wahrheit, Ordnung und Geschichte deuten. Voegelin beginnt mit Mythendichtern, Interpreten von Offenbarungen und der Philosophie der Antike. Spirituelle Erfahrungen, etwa bei Echnaton in Ägypten, Moses oder Hesiod, führen nach Voegelin zu Ordnungssymbolen und anschließend zu gesellschaftlichen Ordnungstypen.
Das Werk behandelt kosmologische Mythen Vorderasiens, vorsokratische Spekulationen, die Philosophie Platons und Aristoteles sowie jüdische Offenbarungserfahrungen. Geschichte wird dabei zu einer besonderen Ebene menschlicher Selbstinterpretation. Voegelin formuliert sinngemäß, dass „die Geschichte der Ordnung die Ordnung der Geschichte“ enthülle.
In den späteren Bänden revidierte Voegelin jedoch seine frühere Konstruktion. Er kritisierte den „Traum“ der Geschichtsphilosophen, sich an das Ende oder vorläufige Ende der Geschichte zu stellen und dem Ganzen einen endgültigen Sinn zuzuschreiben. Solche Versuche deutete er als spirituelle Herrschsucht. Nach Voegelin gibt es „keine Geschichte, die von ihrem Anfang bis zu ihrem glücklichen oder unglücklichen Ende erzählt werden kann.“ Zwar gebe es Sinnlinien in der Geschichte und Entwicklungen von Zivilisationen, aber keinen erkennbaren Gesamtsinn „der Geschichte“.
Rezeption und Kritik
Voegelins Versuch, die Politikwissenschaft programmatisch zu erneuern, blieb weitgehend ohne direkte Nachahmer. Als Grund nennt der Artikel seinen sehr umfangreichen historischen Anspruch und seine spezielle Geschichtsphilosophie. Sein Ansatz, Totalitarismus als Politische Religion zu deuten, wurde dagegen vielfach aufgenommen. Auch seine Arbeiten zum Verhältnis von Politik und Religion gelten als wichtig.
Viele Schriften Voegelins wurden am Eric-Voegelin-Archiv des Münchner Geschwister-Scholl-Instituts ins Deutsche übertragen. Dort findet auch Voegelin-Forschung statt. Seine Privatbibliothek mit rund 5000 Bänden befindet sich am politikwissenschaftlichen Institut der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Weitere Forschungszentren sind das Eric Voegelin Institute for American Renaissance Studies der Louisiana State University und das Centre for Voegelin Studies an der Universität Manchester.
Die Rezeption war lange stark von ehemaligen Schülern geprägt. Kritische Stimmen und besonders Voegelins frühe autoritäre Phase wurden in der Sekundärliteratur lange wenig beachtet. Eine wichtige Ausnahme ist Hans Kelsen, der Die Neue Wissenschaft der Politik bereits in den 1950er Jahren kritisierte. Kelsen sah Voegelins Theorie der Repräsentation als militaristisch und antidemokratisch an und warf ihm vor, moderne Geistesströmungen durch die Bezeichnung „gnostisch“ verzerrt darzustellen.
Weitere Kritik richtet sich gegen Voegelins Bewusstseinsphilosophie: Durch den Rückgriff auf Transzendenzerfahrungen führe sie religiöse Voraussetzungen in die Wissenschaft ein, deren Gültigkeit nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden könne. Außerdem habe Voegelin den Zusammenhang zwischen einem gestörten Verhältnis zum transzendenten Seinsgrund und politischer Gewalt nicht empirisch belegt. Nach 2000 wurden auch seine Rasse-Bücher stärker kritisiert. Emmanuel Faye und Wulf D. Hund analysierten sie eingehend; Hund attestierte ihnen einen rassistischen Gehalt.