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Politische Religion
Der Begriff Politische Religion ist ein interdisziplinär verwendetes Erklärkonzept, mit dem insbesondere die Funktionsweise, die Entstehung und das …
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Begriff, Zweck und Entstehung
Politische Religion ist ein interdisziplinäres Erklärkonzept für die Entstehung, Funktionsweise und äußere Form totalitärer Herrschaftssysteme. Seine Grundthese lautet: Totalitäre Systeme weisen strukturelle Ähnlichkeiten mit Religionen auf. Die Bindung großer Bevölkerungsgruppen an solche Systeme lasse sich daher teilweise mithilfe religiöser Kategorien erklären.
Der Begriff entstand in den 1930er Jahren, weil Bezeichnungen wie „Diktatur“ oder „Tyrannis“ zur Beschreibung der neuartigen totalitären Regime Europas als unzureichend galten. Bekannt wurde er durch Eric Voegelins 1938 erschienene Abhandlung „Die Politischen Religionen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Konzept zunächst selten verwendet. Klaus Vondung griff es 1971 wieder auf; Emilio Gentile und Hans Maier folgten zu Beginn der 1990er Jahre. Heute ist es ein Modell zur Untersuchung besonders totalitärer Systeme, wird aber weniger stark rezipiert als die Totalitarismus- und Faschismustheorie.
Voraussetzungen und Abgrenzung
Das Konzept setzt einen weiten, funktionalistischen Religionsbegriff voraus. Religion wird dabei nicht nur als Glaube an Gott oder an eine jenseitige Erlösung verstanden. Als religiös können auch weltliche Erscheinungen gelten, wenn sie vergleichbare Funktionen erfüllen, etwa Sinn stiften, Gemeinschaft erzeugen, verbindliche Glaubenssätze aufstellen oder politische Macht als heilig erscheinen lassen. Untersucht werden besonders weltanschauliche Motive mit Parallelen zum Christentum und die Selbstdarstellung totalitärer Regime.
Politische Religion ist von Zivilreligion zu unterscheiden. Zivilreligion bezeichnet eine religionsartige Stützung der politischen Gemeinschaft und ihrer Symbole in Demokratien, wie sie etwa in den Vereinigten Staaten beobachtet wird. Die These der Politischen Religion bezieht sich dagegen vor allem auf totalitäre Regime und Bewegungen wie Nationalsozialismus und Stalinismus. Hermann Lübbe lehnt den Ausdruck ab und spricht von „Antireligionen“, weil totalitäre Regime Religionen ausdrücklich zurückgewiesen hätten.
Auch eine Theokratie ist etwas anderes. In einer Theokratie beruft sich die politische Führung auf göttliche Legitimation. Das Konzept der Politischen Religion behauptet dagegen nicht notwendig eine solche Legitimation, sondern soll erklären, wie extreme Unterdrückungssysteme durch religionsähnliche Elemente funktionieren.
Säkularisierung, Ideologie und Utopie
Vertreter des Konzepts deuten Stalinismus, Maoismus, Faschismus und Nationalsozialismus als Produkte von Säkularisierungsvorgängen. Säkularisierung bezeichnet hier den Bedeutungsverlust traditioneller Religion im öffentlichen Leben. Weil dadurch ein älterer gesellschaftlicher Zusammenhalt verloren gegangen sei, hätten totalitäre Systeme neuen Zusammenhalt durch „massenwirksame Ideologien der Klasse oder Rasse, der Ökonomie oder des Blutes“ geschaffen. Nach dieser religionspsychologischen oder religionsanthropologischen Erklärung kehrt Religion als Staatsideologie zurück, weil das religiöse Bedürfnis des Menschen ungestillt bleibe. Der religiös bedürftige Mensch wird dabei als homo religiosus bezeichnet; die neue Ideologie gilt als Reaktion auf die „Entzauberung der Welt“ im Sinne Max Webers.
Eine andere Begründung sieht Totalitarismus als Versuch, die Trennung von Kirche und Staat aufzuheben und das politische Leben wieder zu sakralisieren, also mit dem Rang des Heiligen auszustatten. Raymond Aron verglich dies mit der Verbindung von Religion und Politik in der Antike.
Zum Konzept gehört außerdem ein utopisches Element: Totalitäre Herrschaft sei auf Fiktionen angewiesen. Als Beispiel nennt der Artikel die nationalsozialistische Behauptung einer „jüdischen Weltverschwörung“ gegen das deutsche Volk. Solche ideologischen Vorstellungen geben dem System ein geschlossenes Weltbild und bestimmen, wer als Teil der Gemeinschaft oder als ihr Feind gilt.
Religionsähnliche Formen der Herrschaft
Totalitäre Systeme verwenden nach dieser Theorie Rituale, Feste und politische Liturgien, um Politik zu sakralisieren. Beispiele sind Militärumzüge, die inszenierten Nürnberger Parteitage der NSDAP und die Jugendweihe in der DDR. Solche gemeinschaftlichen Handlungen stellen politische Ordnung, Ideologie und Zugehörigkeit feierlich dar.
Hannah Arendt beschrieb totalitäre Bewegungen als esoterische Bewegungen, also als Gemeinschaften, die zwischen Eingeweihten beziehungsweise Zugehörigen und Außenstehenden unterscheiden. Der Ahnenpass habe im Nationalsozialismus einen Kreis der in die angebliche Gemeinschaft der „arischen Rasse“ Eingeschlossenen erzeugt und diese von den Ausgeschlossenen getrennt.
Religionsgeschichtlich orientierte Forscher betonen zudem die Weitergabe christlich geprägter Formen und Motive. Wie im Christentum gebe es in modernen Gewaltregimen beispielsweise „reine Lehren“, „Heilige Bücher“, Ketzer, Ketzergerichte, Häresie, Inquisition, Dissidenten, Renegaten, Apostaten und Proselyten. Claus-Ekkehard Bärsch hob für die nationalsozialistische Ideologie besonders die Bedeutung christlicher Apokalyptik, Satanologie und des Antijudaismus im Neuen Testament hervor.
Politische Religionen ersetzen nach Hans Maier die Hoffnung auf jenseitige Erlösung durch einen „Mythos der Erlösung“ im Diesseits. Heil wird nicht mehr in der Beziehung zu einem außerweltlichen Gott gesucht, sondern in einem Teil der Welt, etwa einer sozialen Klasse oder einer angeblichen „Rasse“. Das Heilsversprechen kann absolute Gewalt rechtfertigen, weil die zugrunde liegende Ideologie als unanfechtbar gilt. Als Beispiel wird Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ genannt.
Führerkult und typische Beispiele
Im extremen Führerkult kann der politische Führer besonders in Krisen und Kriegen an die Stelle eines Messias, also eines übernatürlichen Heilsbringers, treten. Entscheidend ist nicht seine wirkliche Befähigung, sondern der Glaube der Geführten an übernatürliche Fähigkeiten oder einen „schicksalhaften“ Auftrag.
Adolf Hitler wurde demnach sowohl als Prophet als auch als angeblicher Erretter des deutschen Volkes betrachtet. In vielen deutschen Haushalten seien Jesus-Bilder durch Hitler-Bilder ersetzt worden. Unter dem Vichy-Regime wurde das Vaterunser auf Philippe Pétain umgedichtet. Nach Frankreichs unerwarteter vollständiger Niederlage im Blitzkrieg sei die Sehnsucht nach einem Retter auf Pétain übertragen worden. Beide Beispiele sollen zeigen, wie politische Gefolgschaft durch messianische Erwartungen verstärkt werden kann.
Aussagekraft und Kritik
Der Ansatz erklärt vor allem mentale und psychische Seiten des Führerprinzips und des Personenkults. Hans Maier hält deshalb eine Verbindung mit der Totalitarismustheorie für sinnvoll, die stärker die formale Herrschaftsweise untersucht.
Kritisiert werden die empirischen Grundlagen und die Begrifflichkeit. Viele Untersuchungen zur politischen Religion des Nationalsozialismus stützen sich auf Schriften einzelner Führungsfiguren statt auf mentalitätsgeschichtliche Forschungen über Einstellungen in der Bevölkerung. Aus solchen Texten lasse sich nicht zuverlässig ableiten, warum die Bevölkerung zur Gefolgschaft bereit war.
Außerdem stehen bereits andere Analysebegriffe zur Verfügung. Dazu gehören der klassische Begriff der Ideologie und Max Webers Konzept der charismatischen Herrschaft, das unter anderem Ian Kershaw und Hans-Ulrich Wehler auf die nationalsozialistische Herrschaft angewandt haben. Kritiker meinen, diese Begriffe erfassten die historische Wirklichkeit präziser. Das Konzept der Politischen Religion ist deshalb kein allgemein akzeptiertes Gesamtmodell, sondern eine ergänzende, umstrittene Perspektive auf religionsähnliche Merkmale totalitärer Herrschaft.