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Realismus (Literatur)
Im literarischen Realismus will ein Autor die fassbare Welt objektiv darstellen. Neben der Beschreibung der Wirklichkeit versucht er, sie künstlerisch …
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Begriff und Bedeutung
Der literarische Realismus will die fassbare Welt möglichst objektiv darstellen und zugleich künstlerisch gestalten. Der Erzähler soll dabei möglichst wenig hervortreten, auf moralische Urteile verzichten und keine eigenen Schlussfolgerungen vorgeben.
Der Begriff hat drei Bedeutungen:
• Als Epoche bezeichnet Realismus vor allem die Literatur zwischen 1848 und 1890. Die deutsche Literatur von 1850 bis 1899 wird auch „bürgerlicher Realismus“ oder, nach Otto Ludwig, „poetischer Realismus“ genannt. Besonders wichtig war die Epoche für den Roman des 19. Jahrhunderts in der englischen, russischen, französischen, deutschen und amerikanischen Literatur.
• Als Stil meint Realismus allgemein eine wirklichkeitsnahe Darstellung. Ein solcher Stil kommt in vielen Epochen vor, etwa in antiken Komödien und Satiren, mittelalterlichen Schwänken, den Dramen Shakespeares und psychologischen Romanen.
• Als Norm bezeichnet Realismus die Forderung, Literatur müsse realistisch darstellen. Eine solche Forderung spielte besonders im sozialistischen Realismus eine Rolle.
Realistische Literatur ist keine bloße Kopie der Wirklichkeit. Sie wählt und formt ihre Gegenstände mit künstlerischen Mitteln. Theodor Fontane definierte Realismus deshalb als „Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst“.
Historischer und theoretischer Hintergrund
In Deutschland folgte der Realismus auf die vom Vormärz geprägte Literatur. Die Märzrevolution von 1848 führte zwar zum Rücktritt des Staatskanzlers Metternich, zur Ausarbeitung einer deutschen Verfassung sowie zur Lockerung von Zensur und Überwachung. Die Forderungen des liberalen Bürgertums nach staatlicher Einheit und politischer Freiheit wurden jedoch nur ansatzweise erfüllt. Die enttäuschte Zukunftshoffnung wich deshalb einer nüchternen Betrachtung der Gegenwart.
In den 1850er Jahren prägten Theoretiker um die Zeitschrift „Die Grenzboten“, besonders Julian Schmidt, die Diskussion. Begriffe wie „Realidealismus“, „Poetischer Realismus“ und „Bürgerlicher Realismus“ sollten verdeutlichen, dass Literatur die Wirklichkeit nicht einfach nachahmt. Goethe, Schiller und die Romantik hatten bereits betont, dass Kunst den Stoff der Wirklichkeit schöpferisch verarbeitet. Der poetische beziehungsweise bürgerliche Realismus wollte daher auch die „Wirklichkeit der Idee“ sichtbar machen, besonders den sittlichen Wert von Arbeit und Bildung.
Robert Prutz erklärte 1859, Idealismus und Realismus seien für wahre Kunst gleichermaßen notwendig. Kunst bedeute für ihn eine ideale Verklärung des Realen. Auch realistische Werke sollten die Wirklichkeit also auswählen, umformen und ästhetisch erhöhen.
Entwicklung und Weltbilder
Der frühe deutsche Realismus lehnte sich an Ludwig Feuerbach an. Dessen Religionskritik führte nicht zum Nihilismus, sondern zu einer Hinwendung zum diesseitigen Leben. Der Mensch sollte das Göttliche in sich selbst erkennen und für andere tätig sein: „Homo homini deus est“ – „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“. Industrielle Revolution, technischer Fortschritt und Fortschrittsglaube unterstützten zunächst diese optimistische Haltung.
Zunehmend traten jedoch Konflikte zwischen dem Individuum, gesellschaftlichen Institutionen und den moralischen Normen der bürgerlichen Mittelschichten hervor. Spätere Vertreter des Realismus wurden pessimistischer. Soziale Probleme infolge der Industrialisierung erschütterten das Vertrauen in den Fortschritt. Erkenntnisse von Naturwissenschaftlern wie Charles Darwin stärkten den Determinismus, also die Vorstellung, dass menschliches Handeln durch Evolution und körperliche Vorgänge bestimmt sei. Diese pessimistische Sicht leitete zum Naturalismus über. Arthur Schopenhauer fasste sie in dem Satz zusammen: „Die Welt ist die Äußerung einer unvernünftigen und blinden Kraft; in ihr zu leben heißt leiden.“
Der amerikanische Realismus entwickelte sich anders. Bei Nathaniel Hawthorne und Herman Melville blieb neben der materiellen Welt eine symbolische oder transzendente Wirklichkeit bestehen. In Melvilles Roman „Moby Dick“ ist der Wal nicht nur ein gewöhnliches Objekt; die Welt menschlicher Begriffe ist nicht streng von der Welt der Tiere und Pflanzen getrennt. Diese Richtung wird als symbolischer Realismus bezeichnet. Robert Bellah prägte den Ausdruck im Anschluss an Alfred Schütz für verschiedene symbolische, etwa religiöse Wirklichkeiten, welche die äußere Realität nicht leugnen, sondern überschreiten.
Themen, Formen und Stil
Typische Formen sind Dorfgeschichte, Dinggedicht, Gesellschaftsroman, historischer Roman, Entwicklungsroman und Kaufmannsroman. Beispiele sind Gottfried Kellers Entwicklungsroman „Der grüne Heinrich“ (1854/55) und Gustav Freytags Kaufmannsroman „Soll und Haben“ (1855).
Historische Stoffe ermöglichten eine möglichst genaue Darstellung vergangener Wirklichkeit. Dabei wirkte der Historismus ein, der das kulturelle Leben des 19. Jahrhunderts stark prägte. In Deutschland blieb die nationale Einheit bis zur Reichseinigung 1871 ein wichtiges Thema. Die Revolutionen von 1830 und 1848 sowie die Entstehung der Arbeiterbewegung rückten soziale Verhältnisse in den Mittelpunkt.
Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, etwa bei Stendhal. Hinzu kommen die Krise der bürgerlichen Familie und der Institution Ehe, beispielsweise in Henrik Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“. Im Mittelpunkt steht nicht die gesellschaftliche Masse, sondern die einzelne Persönlichkeit und ihre Prägung durch ihre Umwelt. Der psychologische Realismus untersucht besonders genau das Innenleben der Figuren.
Drei Merkmale kennzeichnen den Stil:
• Detailtreue: Historische und gesellschaftliche Verhältnisse sollen möglichst genau wiedergegeben werden. Im poetischen Realismus verbindet sich dies jedoch mit einer subjektiven Erzählhaltung.
• Subjektive Schönheit: Schönheit gilt nicht als feststehender objektiver Wert. Erst die künstlerische Darstellung des Autors verleiht den Dingen Charakter und Schönheit.
• Humor und Ironie: Beide helfen, der Unzulänglichkeit und Tristesse des Lebens zu begegnen.
Abgrenzung und Fortwirkung
Realismus und Naturalismus gehen beide von der Forderung aus, die erkennbare Welt abzubilden. Sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Der Realismus schließt Negatives häufig zugunsten einer höheren idealen Idee aus und sucht eine innere Wahrheit, die poetisch überhöht wird. Der Naturalismus will dagegen auch Elend, Hässlichkeit und andere negative Seiten der äußeren Wirklichkeit genau wiedergeben. Er stützt sich auf positivistische Wissenschaft und betrachtet den Menschen als durch Vererbung und soziales Milieu bedingt. Deshalb sind die Lebensumstände des Proletariats ein häufiges naturalistisches Thema.
Besonders der deutsche Realismus behandelt häufig das Bürgertum und entwirft ein Ideal subjektiver menschlicher Autonomie. Sein Hauptziel ist nicht Gesellschaftskritik, sondern eine realistische und zugleich ästhetische Darstellung. Auch unwahrscheinliche oder phantastische Stoffe können realistisch erscheinen, wenn konkrete Einzelheiten eine Realitätsillusion erzeugen. In Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ (1888) und Fontanes Ballade „Die Brück’ am Tay“ kehrt das Mythische sogar in einer scheinbar vollständig rationalisierten Welt wieder.
Im 20. Jahrhundert diente der Begriff Realismus vor allem zur Abgrenzung von Symbolismus, Expressionismus und Surrealismus. Als realistisch galten insbesondere sozialkritische Werke von Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Arnold Zweig, Heinrich Mann und Louis Aragon. Leo Kofler bezeichnete Bertolt Brechts Verbindung von Klassik und Avantgarde als symbolischen Realismus: Brecht verlegte seine ausgereiften Stücke oft in künstliche oder exotische Umgebungen, damit seine Aussagen nicht durch vorgeprägte Erwartungen des Publikums verdeckt wurden.
Zu den häufig genannten europäischen Vertretern gehören unter anderem Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Lew Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Charles Dickens, Theodor Fontane, Gottfried Keller und Theodor Storm. Wichtige Beispiele sind Flauberts „Madame Bovary“ (1857), Tolstois „Krieg und Frieden“ (1868), Fontanes „Effi Briest“ (1894–1895) und Storms „Der Schimmelreiter“ (1888). Die internationalen Autorenlisten zeigen, dass realistische Darstellungsweisen in zahlreichen Sprachen und nationalen Literaturen vorkamen.
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