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Enharmonische Verwechslung
Enharmonik war in der antiken Musiklehre neben Diatonik und Chromatik eine Bezeichnung für eine Art der Tonleiterbildung. In der Musiktheorie der …
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Grundidee und Zweck
Eine enharmonische Verwechslung ist in der Musik die Praxis, einen Ton als einen anderen Ton umzudeuten, obwohl beide auf einer 12-stufigen Klaviatur dieselbe Taste haben. Beispiele sind As und Gis, Ces und H oder Eis und F. Sie klingen auf der gleichstufig gestimmten Klaviatur gleich, gehören aber wegen ihrer Namen und Vorzeichen zu unterschiedlichen Tonleitern oder Tonarten.
Der Ausdruck meint keine „Verwechslung“ im Sinne eines Fehlers. Durch die Umdeutung kann sich die musikalische Funktion eines Tons ändern. Das ist besonders wichtig für die Modulation, also den Wechsel in eine andere Tonart.
Beispiele und Notation
Ein einfaches Beispiel ist die Umdeutung von As zu Gis: As gehört in dem beschriebenen Zusammenhang zu Es-Dur. Durch einen Vorzeichenwechsel wird derselbe klingende Ton als Gis gelesen und der Tonart A-Dur zugeordnet.
Ein weiteres Beispiel ist der verminderte Septakkord. Der Akkord As-Ces-D-F kann als zu Es-Dur beziehungsweise es-Moll gehörig verstanden werden. Durch enharmonische Umdeutung kann er auch als As-H-D-F zu C-Dur beziehungsweise c-Moll, als Gis-H-D-F zu A-Dur beziehungsweise a-Moll und schließlich als Gis-H-D-Eis zu Fis-Dur beziehungsweise fis-Moll gehören. Daran sieht man, dass derselbe Klang in verschiedene harmonische Zusammenhänge gestellt werden kann.
Manchmal werden Noten nur deshalb enharmonisch verwechselt notiert, weil sie dann leichter zu lesen sind. Der Begriff ist außerdem nur begrenzt mit „Enharmonik“ gleichzusetzen, weil Enharmonik ein größeres Bedeutungsfeld hat.
Zwölf Töne und Stimmungen
In der gleichstufigen Stimmung bezeichnen enharmonisch verwechselte Töne denselben Tonort und klingen identisch. Für die zwölf Töne der gleichstufigen Tonleiter gibt es deshalb unterschiedliche Namen, zum Beispiel His/C/Deses, Hisis/Cis/Des, Cisis/D/Eses, Dis/Es/Feses, Disis/E/Fes, Eis/F/Geses, Eisis/Fis/Ges, Fisis/G/Ases beziehungsweise Asas, Gis/As, Gisis/A/Heses, Ais/B/Ceses und Aisis/H/Ces.
In vielen anderen Stimmungen ist eine enharmonische Verwechslung nicht ohne hörbare „Rückung“ möglich. In der reinen Stimmung und der mitteltönigen Stimmung ist zum Beispiel Dis tiefer als Es. In der pythagoreischen Stimmung ist Dis dagegen höher als Es. Auf einem mitteltönig gestimmten Cembalo kann eine enharmonische Verwechslung deshalb mangelhaft klingen. Die Behauptung, dass eine solche Intonation trotzdem vom Komponisten oder Interpreten gewollt sein kann, wird als umstritten dargestellt.
Historische Entwicklung
In der antiken Musiklehre war Enharmonik neben Diatonik und Chromatik eine Bezeichnung für eine Art der Tonleiterbildung. In der Renaissance wurde der Begriff wieder aufgegriffen und unterschiedlich verwendet. In der Musik des 16. Jahrhunderts gab es zwei Bedeutungen: In der neunzehnstufigen Stimmung bei Guillaume Costeley konnten enharmonische Töne unterschiedliche Tonhöhen haben; in den als gleichstufig bezeichneten Lautenstimmungen dieser Zeit konnten sie dagegen auf denselben Tonarten liegen.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts machten wohltemperierte Stimmungen enharmonische Verwechslungen auf denselben Tonarten umfassender möglich. Dadurch konnten unter anderem Cis und Des, Es und Dis, F und Eis, Fis und Ges, Gis und As, B und Ais sowie C und His nicht nur melodisch, sondern auch harmonisch verwendet werden. Damit standen sämtliche Tonarten des Quintenzirkels und ihre Akkorde sogar innerhalb eines Musikstücks zur Verfügung. Besonders die Rezitative des Spätbarock nutzten enharmonische Fortschreitungen intensiv. Ein wichtiges Mittel der Modulation wurde der verminderte Septakkord, dessen vier Töne sich vielfältig umdeuten lassen.
Von Romantik bis Moderne
Ob eine enharmonische Verwechslung praktisch möglich war, hing stark vom verwendeten Stimmungssystem ab. Je näher ein System der wohltemperierten und später der gleichstufigen Stimmung kam, desto zahlreicher und für das Gehör erträglicher konnten solche Verwechslungen eingesetzt werden.
In der Romantik wurde die Tonalität immer stärker erweitert und begann sich im Laufe des 19. Jahrhunderts bei einigen Komponisten aufzulösen. Enharmonik spielte dabei eine bestimmende Rolle, etwa bei Franz Schubert, Franz Liszt, Richard Wagner und später bei Gabriel Fauré, Claude Debussy, Alexander Nikolajewitsch Skrjabin, Max Reger und dem frühen Arnold Schönberg. Besonders die enharmonische Umdeutung alterierter Akkorde ermöglichte fast grenzenlose Modulationen und eine Harmonik, die nicht mehr unbedingt an einen Grundton gebunden war.
Mit der Entwicklung zur Atonalität, später in der Dodekaphonie und in seriellen Kompositionsweisen verlor die Enharmonik weitgehend ihre frühere funktionale Bedeutung. Enharmonische Verwechslungen dienten dann oft eher einer pragmatischen Notation als einer harmonischen Umdeutung. Deshalb wurden auch neue zwölfstufige Notationssysteme entwickelt und teilweise verwendet, die keine enharmonischen Töne mehr enthalten.