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Chromatik

Chromatik (altgr. χρῶμα chrṓma ,Farbe') bezeichnet in der tonalen Musik die „Umfärbung“ diatonischer Tonstufen durch Erhöhung oder Erniedrigung (Hoch- bzw.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Arten
  2. 2. Chromatische Schritte, Tonstufen und Intervalle
  3. 3. Chromatische Tonleiter und ihre Notation
  4. 4. Chromatik bei Modulation
  5. 5. Halbtöne und Frequenzen
  6. 6. Stimmungssysteme und historische Grenzen

Grundbegriff und Arten

Chromatik bezeichnet in tonaler Musik die „Umfärbung“ diatonischer Tonstufen durch Hoch- oder Tiefalteration um einen Halbton. Zu g gehören beispielsweise gis und ges als chromatische Varianten. Im traditionellen Dur-Moll-System setzt Chromatik die siebentönige Diatonik als Grundbestand voraus und erweitert sie. Anders ist die autonome Chromatik des 20. Jahrhunderts in freier Tonalität, Atonalität und Dodekaphonie: Dort gelten alle Stufen der chromatischen Tonleiter unabhängig von ihrer Schreibweise als eigenständige, gleichberechtigte Elemente.

Juri Choloipow und W. M. Barskij unterscheiden Modulationschromatik, subsystemartige Chromatik bei tonalen Abweichungen, leittonartige, alterierte, gemischte und autonome beziehungsweise naturale oder Heptatonik. Ludwig Thuilles klassische Harmonielehre behandelt Chromatik unter anderem bei alterierten Akkorden, Hoch- und Tiefalterierung, dem Neapolitanischen Sextakkord, Modulation, chromatischen Wechselnoten, Vorhalten und Durchgängen, Orgelpunkt, Synkopierung sowie enharmonischer Modulation und Umdeutung, etwa des verminderten Septakkords oder übermäßiger Akkorde.

Chromatische Schritte, Tonstufen und Intervalle

Eine chromatische Fortschreitung bewegt eine Stimme zwischen Varianten desselben Tons, zum Beispiel f–fis, fis–f oder f–fes. Bei diatonischen Fortschreitungen wie e–f oder fis–g ändern sich die Tonbuchstaben. Im Notenliniensystem bleibt die Position bei chromatischen Schritten gleich, bei diatonischen geht die Bewegung zu einer benachbarten Position. Die Ausnahme ist h–b: Obwohl beide Töne mit h beginnen, ist dies ein chromatischer Schritt.

Ob ein Ton diatonisch oder chromatisch ist, entscheidet nicht sein Name allein, sondern der tonale Zusammenhang. In C-Dur ist f diatonisch und fis chromatisch; in D-Dur ist fis diatonisch und f chromatisch. Auch fisis ist nicht zwingend chromatisch, sondern in Gis-Dur die diatonische siebte Stufe. Solche Schreibweisen finden sich bereits bei Schubert und gehäuft in der romantischen Harmonik von Chopin, Liszt bis Skriabin. Enharmonische Verwechslung kann eine einfachere, harmonisch aber nicht immer korrekte Schreibweise erzeugen. Deshalb gibt es kein einheitliches Verständnis, wie harmonische Zusammenhänge endgültig zu deuten und korrekt zu notieren sind.

Diatonische Intervalle entstehen zwischen Stufen einer diatonischen Tonleiter: Prime, große und kleine Sekunde und Terz, reine Quarte und Quinte sowie kleine und große Sext und Septime. Chromatische Intervalle sind übermäßige und verminderte Intervalle, etwa die übermäßige Prime sowie verminderte oder übermäßige Sekunden und Terzen. Der Tritonus ist ein Sonderfall: Er liegt in Dur zwischen IV. und VII. Stufe, wird als übermäßige Quarte aber den chromatischen Intervallen zugeordnet.

Chromatische Tonleiter und ihre Notation

Eine chromatische Tonleiter besteht aus einer auf- oder absteigenden melodischen Folge von zwölf Halbtonschritten innerhalb einer Oktave. In gleichstufiger Stimmung ist ihre Intervallstruktur von ihrem Anfangston unabhängig. Sie besitzt daher keinen Grundton und ist zunächst eine Materialtonleiter, aus der Gebrauchstonleitern ausgewählt werden. Erst freie Tonalität und atonale Zwölftonmusik verwenden sie selbst als Gebrauchstonleiter anstelle diatonischer Dur- und Molltonleitern. In klassischer Instrumentalmusik dient sie auch als virtuos gespieltes Laufwerk; ihr Spiel gehört zur technischen Grundausbildung von Instrumentalisten.

Die heute übliche vereinfachte Schreibweise notiert aufsteigend nur Erhöhungen und absteigend nur Erniedrigungen. Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sie sich zunehmend durch, weil sie möglichst wenige Versetzungszeichen verwendet. In der Kompositionspraxis blieb jedoch lange wichtig, die tonale Einbettung sichtbar zu machen.

In der traditionellen Dur-Moll-Notation bleiben die diatonischen Stufen praktisch erhalten, statt enharmonisch vertauscht zu werden. Aufsteigend werden in einer chromatisch erweiterten Durtonleiter alle diatonischen Stufen außer der sechsten erhöht; statt ihrer wird die siebte Stufe erniedrigt. Absteigend werden alle außer der fünften erniedrigt; statt der fünften wird die vierte erhöht. In aufsteigendem Moll werden alle Stufen außer der ersten erhöht; statt der ersten wird die zweite erniedrigt. Beethoven und Chopin schreiben bei aufsteigenden Folgen oft abweichend eine erhöhte erste statt einer erniedrigten zweiten Stufe. Für absteigendes Moll gilt die Schreibweise der aufsteigenden Molltonleiter oder der gleichnamigen absteigenden Durtonleiter.

Chromatik bei Modulation

Bei chromatischen Fortschreitungen mit festgelegter harmonischer Einordnung ist die Schreibweise durch die Harmonie bestimmt. Bei C–Cis–D in einer Modulation zur Mollparallele gehört das C im Bass noch zum C-Dur-Dominantakkord von F-Dur. Das Cis des A-Dur-Akkords leitet nach d-Moll, der Mollparallele von F-Dur, weiter.

Eine aufsteigende Folge C–Cis–D–Dis–E–F kann mehrere harmonische Funktionen verbinden: c′ gehört zum C-Dur-Akkord; cis′–d′ moduliert über den Dominantakkord A-Dur nach D-Dur; dis′ führt über den Dominantakkord H-Dur nach E-Dur/e-Moll. Der E-Dur-/e-Moll-Akkord erklingt dabei nicht, sondern e′–f′ führt zum Dominantseptakkord C-Dur und anschließend zum F-Dur-Akkord.

Bei der absteigenden Schreibweise C–Des–D–Es–E–F ist des′ ein Ton des Neapolitaners, d′ ein Ton des G-Dur-Dominantakkords, es′ ein Ton des c-Moll-Akkords, e′ ein Ton des C-Dur-Dominantseptakkords von F-Dur und f′ ein Ton des F-Dur-Akkords.

Halbtöne und Frequenzen

Halbtöne auf benachbarten Positionen im Notensystem sind diatonisch, solche auf derselben Position chromatisch; gemeint ist jeweils das Intervall der kleinen Sekunde. Diatonische Halbtonschritte sind c–des, cis–d, d–es, dis–e, e–f, f–ges, fis–g, g–as, gis–a, a–b, ais–h und h–c. Chromatische Halbtonschritte sind c–cis, des–d, d–dis, es–e, e–eis, f–fis, ges–g, g–gis, as–a, a–ais und b–h.

Bei reiner Intonation haben diatonische und chromatische Fortschreitungen verschiedene Größen; das ist besonders für das Verständnis klassischer Musik wichtig. Im Passus duriusculus lautet die Bassfolge c→h diatonisch, h→b chromatisch, b→a diatonisch, a→as chromatisch und as→g diatonisch. Nur in gleichstufiger Stimmung sind sämtliche Halbtonschritte gleich groß.

Bei Kammerton a′ = 440 Hz hat die gleichstufige chromatische Skala von c bis c die Frequenzen 261,6; 277,2; 293,7; 311,1; 329,6; 349,2; 370; 392; 415,3; 440; 466,2; 493,9; 523,3 Hz. Ihre Centwerte steigen gleichmäßig von 0 bis 1200 in Schritten von 100 Cent. Die aufsteigende reine Skala von C-Dur hat dagegen 264; 281,6; 297; 316,8; 330; 352; 371,25; 396; 422,4; 440; 475,2; 495; 528 Hz; ihre Centwerte sind 0, 112, 204, 316, 386, 498, 590, 702, 814, 884, 1018, 1088 und 1200.

Stimmungssysteme und historische Grenzen

Je nach Stimmungssystem unterscheiden sich gleich klingende, aber unterschiedlich notierte Töne wie Fis und Ges. Gegenüber gleichstufiger Stimmung ist in reiner Stimmung Fis tiefer und Ges höher; in pythagoreischer und mitteltöniger Stimmung liegt Fis höher und Ges tiefer.

Die pythagoreische Stimmung bildet alle Töne aus Oktave und Quinte und kennt nur den großen Ganzton 9:8. Dieser teilt sich in den chromatischen Halbton 2187/2048, etwa 114 Cent, und den diatonischen Halbton 256/243, etwa 90 Cent. Diese heißen Apotome beziehungsweise Limma. Weil der chromatische Halbton größer ist, liegt fis höher als ges; darauf beruht die im 20. Jahrhundert verbreitete Lehre, Leittöne wie fis höher als in gleichstufiger Stimmung zu intonieren.

Die reine Stimmung orientiert sich an Quarte 4/3 und reiner großer Terz 5/4. Der diatonische Halbton beträgt 16/15, etwa 112 Cent. Der große Ganzton lässt sich in diesen und den großen chromatischen Halbton 135/128, etwa 92 Cent, teilen; der kleine Ganzton in den diatonischen und den kleinen chromatischen Halbton 25/24, etwa 71 Cent. Beide chromatischen Halbtöne sind kleiner als der diatonische; daher liegt fis tiefer als ges. Diese Variante wird in der historischen Aufführungspraxis auf Instrumenten mit flexibler Intonation bevorzugt.

Mitteltönige Stimmungen verwenden theoretisch 76 Cent für den chromatischen und 117 Cent für den diatonischen Halbton. Bis weit ins 18. Jahrhundert begrenzte die mitteltönige Stimmung den verfügbaren Tonvorrat: des, dis, ges, as und ais standen nicht oder nur als klanglich unbefriedigende enharmonische Varianten zur Verfügung. Wohltemperierte Stimmungen wie Werckmeister- und Kirnberger-Stimmungen liegen zwischen gleichstufiger und mitteltöniger Stimmung.

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