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Emden zur Zeit des Nationalsozialismus
Dennoch verlief auch in Emden die Gleichschaltung so zügig wie in den anderen ostfriesischen Gemeinden. Bis zu einer großen Verhaftungswelle im Jahr 1937 …
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Emden im Nationalsozialismus
Emden war in der NS-Zeit eine Seehafenstadt mit besonderer Lage und Bedeutung. Innerhalb Ostfrieslands unterschied sich die Stadt politisch von vielen ländlichen Gebieten: Während die NSDAP besonders in Teilen der Landkreise Aurich und Wittmund sehr stark war, erzielten SPD und KPD in Emden auch 1933 noch überdurchschnittliche Ergebnisse. Grund dafür war die soziale Struktur der Stadt mit vielen Beschäftigten in Hafen, Handel, Verkehr, Industrie und Handwerk. 1925 arbeiteten 37,1 % der Beschäftigten in Handel und Verkehr und 29,5 % in Industrie und Handwerk.
Trotz dieser starken Arbeiterbewegung verlief die Gleichschaltung auch in Emden schnell. Bei der Kommunalwahl am 12. März 1933 wurde die NSDAP stärkste Partei und erreichte 13 Sitze, so viele wie SPD mit sieben und KPD mit sechs Sitzen zusammen. Zusammen mit der DNVP hatte sie eine klare Mehrheit. Liberale Parteien spielten kaum noch eine Rolle. Danach drängten die Nationalsozialisten missliebige Amtsträger aus ihren Positionen, unter anderem durch Korruptionsvorwürfe und Einschüchterung. Oberbürgermeister Wilhelm Mützelburg wurde am 16. Oktober 1933 von Nationalsozialisten aus seinem Büro gezerrt, durch die Stadt getrieben und misshandelt. Danach wurde er beurlaubt; später übernahm Hermann Maas das Amt.
Auch symbolisch machten die Nationalsozialisten ihre Macht sichtbar. Straßen wurden umbenannt, etwa die Friedrich-Ebert-Straße und die Walther-Rathenau-Straße. Die Judenstraße wurde 1933 in Webergildestraße umbenannt und heißt seit 1998 Max-Windmüller-Straße. Adolf Hitler erhielt am 20. April 1933 die Ehrenbürgerschaft der Stadt; der Rat entzog sie ihm 2007 symbolisch, obwohl sie rechtlich mit seinem Tod bereits erloschen war.
Gleichschaltung und Widerstand
Die Gleichschaltung bedeutete, dass Staat, Verwaltung, Medien, Vereine und Organisationen nach den Vorgaben der NSDAP ausgerichtet wurden. In Emden betraf dies besonders die Presse. Anfang 1933 gab es vier Tageszeitungen: die linksliberale Rhein-Ems-Zeitung, die rechtskonservative Emder Zeitung, den sozialdemokratischen Volksboten und die Ostfriesische Tageszeitung als NSDAP-Parteiorgan. Der Volksbote wurde nach der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 verboten. Die Rhein-Ems-Zeitung wurde im April 1933 durch Druck von NSDAP und SA gleichgeschaltet. 1936 wurden Rhein-Ems-Zeitung und Emder Zeitung geschlossen; übrig blieb neben einem neuen Blatt vor allem das NSDAP-Parteiorgan, das bis 1945 erschien.
In Wirtschaft und Verbänden gab es teils Anpassung, teils Kontinuität. In der Industrie- und Handelskammer blieben viele führende Personen zunächst im Amt, auch wenn einzelne wie der Kaufmann Peter Haut wegen ihrer Freimaurer-Zugehörigkeit unter Druck gerieten. Arbeiternahe Genossenschaften und Sportvereine wurden stärker umgestaltet. Arbeitersportvereine mussten sich auflösen oder neu gründen und sich dem Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen anschließen.
Widerstand kam in Emden vor allem aus der KPD und aus Hafenarbeiterkreisen. Kommunistische Gruppen trafen sich im Untergrund, nutzten Tarnorte wie Vereine und hielten Kontakte ins Ausland. Der Hafen diente schon 1933 dazu, verfolgte Funktionäre aus Deutschland in die Niederlande zu schleusen. Über die Internationale Transportarbeiter-Föderation und Seeleute gelangten Schriften nach Emden und weiter ins Reich. 1937/38 gelang den Nationalsozialisten ein großer Schlag gegen den kommunistischen Untergrund: 72 Emder Kommunisten und weitere Personen aus der Umgebung wurden verhaftet. Auch Sozialdemokraten hielten Kontakte aufrecht, verteilten eingeschmuggelte Schriften und konnten nach 1945 deshalb schnell wieder Strukturen aufbauen. Kirchliche Opposition war geringer ausgeprägt; einzelne Personen wie Pastor Hermann Immer unterstützten Verfolgte und genossen deshalb Ansehen in der Arbeiterschaft.
Verfolgung der jüdischen Gemeinde
Die jüdische Gemeinde Emden war 1933 mit 581 Angehörigen die größte und bedeutendste Ostfrieslands. Emden war außerdem Sitz des Landesrabbinats und damit ein geistiges Zentrum der Juden in Ostfriesland und der Landdrostei Osnabrück. Schon vor 1933 war die Gemeinde durch wachsenden Antisemitismus kleiner geworden: 1905 hatte sie 809 Personen umfasst, 1925 noch 700.
Nach der Machtübernahme wurden jüdische Geschäftsleute systematisch diskriminiert. Bereits vor dem reichsweiten Boykott vom 1. April 1933 zwang die SA Geschäftsleute zur Schließung ihrer Läden. Jüdischen Schlachtern wurden Schächtmesser abgenommen und öffentlich verbrannt. In der Nacht vom 28. auf den 29. April 1933 wurden 26 Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte zerstört. Der Boykott und die Propaganda verschlechterten die wirtschaftliche Lage schnell. Viele Betriebe wurden geschlossen oder „arisiert“, also unter Zwang und meist unter Wert an Nichtjuden übertragen. Von 1933 bis 1937 sind 47 Verkäufe jüdischer Gewerbebetriebe, Häuser und Grundstücke sicher überliefert. Am 2. März 1940 wurde gemeldet, dass es in Emden keine jüdischen Gewerbebetriebe mehr gebe.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten Männer aus Partei, SA und SS auf Anweisung des Kreisleiters Bernhard Horstmann die Synagoge. Gleichzeitig wurden etwa 300 jüdische Bewohner aus ihren Wohnungen geholt, misshandelt und auf dem Hof der Neutorschule zusammengetrieben. Der Schlachter Daniel de Beer wurde durch einen Schuss in den Rücken tödlich verletzt. Arbeitsfähige Männer wurden später in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo zwei weitere Emder Juden starben.
Nach der Pogromnacht löste sich die Gemeinde auf. Viele flohen, darunter auch einzelne mit Hilfe nichtjüdischer Emder. Ab 1940 wurden Juden aus Ostfriesland zwangsweise umquartiert. Im Herbst 1941 gehörte Emden zu den ersten zwölf Städten im Reich, aus denen deutsche Juden in den Osten deportiert wurden. Am 23. Oktober 1941 wurden 122 Emder Juden über Berlin in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt; der letzte von ihnen starb am 6. September 1942. Andere wurden 1942 über Bremen und Hannover in das Ghetto Theresienstadt gebracht. Die genaue Zahl der ermordeten Emder Juden ist unklar; bekannt sind die Namen von 465 Ermordeten, die 1933 oder früher in Emden gelebt hatten oder nach 1933 dorthin gezwungen worden waren.
Krieg, Wirtschaft und Zwangsarbeit
Emdens Hafen gewann nach 1933 wirtschaftlich stark an Bedeutung, vor allem wegen der Aufrüstung. Der seewärtige Gesamtumschlag stieg von 2,6 Millionen Tonnen im Krisenjahr 1931 auf fast acht Millionen Tonnen fünf Jahre später. Besonders die Einfuhr nahm zu: von 764.000 Tonnen im Jahr 1932 auf vier Millionen Tonnen 1938. Ursache waren vor allem Erzimporte für die Wehrmacht. Die Arbeitslosigkeit sank, doch die Einkommenslage verbesserte sich nicht automatisch. Auf der Emder Staatswerft mussten Beschäftigte 1935 eine Lohnkürzung von etwa 2200 Reichsmark auf ungefähr 1600 Reichsmark hinnehmen. Arbeiterinnen der Emder Heringsfischerei wehrten sich 1934 erfolgreich gegen eine Kürzung ihres Akkordlohns.
Mit Kriegsbeginn 1939 wurde die Produktion der Nordseewerke auf Rüstung umgestellt. Zwischen 1941 und 1944 liefen dort 30 U-Boote vom Stapel: 26 vom Typ VII C und vier vom Typ VII C/41. Darunter war U 1105 mit einer neuartigen Gummiummantelung zur Absorption feindlicher Sonarwellen. Emden blieb gegenüber Wilhelmshaven für die Kriegsmarine dennoch von untergeordneter Bedeutung. Es gab keine größeren Schiffseinheiten, aber Küstenwehr- und Flakanlagen, darunter 21 Anlagen in und um Emden.
Während des Krieges wurden in Emden mehr als 6400 ausländische Fremd- und Zwangsarbeiter eingesetzt, dazu eine unbekannte Zahl deutscher Zwangsarbeiter. Die größte Gruppe kam aus den Niederlanden mit 3565 Personen, danach folgten Franzosen mit 1131, Italiener mit 750, Sowjetbürger mit 653, Belgier mit 145, Jugoslawen mit 114 und Polen mit 41. Einige waren zunächst angeworben worden, andere waren Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter. Polnische Zwangsarbeiter mussten nach den Polen-Erlassen vom 8. März 1940 ein Polen-Abzeichen tragen. Sowjetische Kriegsgefangene und sogenannte „Ostarbeiter“ mussten einen blau-weißen Aufnäher mit der Aufschrift „Ost“ tragen und wurden unter anderem im Bunkerbau, auf Baustellen, bei Aufräumarbeiten nach Luftangriffen und beim Bergen von Blindgängern eingesetzt.
Luftkrieg und Kriegsende
Emden war wegen seiner Lage nahe Großbritannien, seines Hafens und der Werft ein wichtiges Ziel alliierter Luftangriffe. Bereits 1935 gehörte die Stadt zu den Luftschutzorten I. Ordnung. Ab dem 1. November 1940 wurden in drei Wellen 35 mehrstöckige Luftschutzbunker und 141 splittersichere Kleinbunker gebaut. Wegen des hohen Grundwasserspiegels und des weichen Marschbodens waren besondere Bauweisen nötig, etwa mehrstöckige Anlagen und Pfahlgründungen. Emden war später die einzige deutsche Stadt, in der für die gesamte Einwohnerschaft genügend Bunkerplätze vorhanden waren.
Ab Juli 1940 griff die Royal Air Force Emden an. Bis Kriegsende gab es 80 Luftangriffe, 1230 Fliegeralarme und 938 Kleinalarme. Schulen wurden geschlossen oder verlegt, viele Frauen und Kinder wurden im Rahmen der Erweiterten Kinderlandverschickung aus der Stadt gebracht. Nach schweren Angriffen 1942 wurden nicht beruflich gebundene Menschen, besonders Alte, Kranke und Kinder, in Ausweichlager in ostfriesischen Orten und im Emsland evakuiert.
Der schwerste Angriff erfolgte am 6. September 1944. 181 RAF-Bomber, darunter 105 Halifax und 76 Lancaster, warfen aus etwa 3000 Metern Höhe rund 11.000 Stabbrandbomben, 300 Phosphorbomben, 1500 Sprengbomben und 500 Flüssigkeitsbomben ab. Der Angriff trug den Codenamen „Herring“. Die Innenstadt brannte großflächig aus. Nach später korrigierten Angaben waren von etwa 10.200 Wohnungen ungefähr 8000 zerstört. Auch Rathaus, Krankenhaus, fast alle Innenstadtkirchen und die meisten Schulen wurden zerstört; der Hafen wurde dagegen kaum getroffen. Laut Oberbürgermeister Carl Renken starben 46 Menschen, darunter sechs ausländische Zwangsarbeiter.
Am 1. März 1945 wurde Emden zur Festung erklärt. Viele Einwohner flohen Anfang April aus Angst vor einem Kampf bis zuletzt. Alliierte Flugblätter warnten vor der Zerstörung des Hafens durch Fanatiker und riefen Arbeiter und Verwaltungsangestellte auf, dies zu verhindern. Der letzte Luftangriff erfolgte am 25. April 1945. Am 5. Mai 1945 übergab Oberleutnant Hans Schulte auf Befehl des Festungskommandanten Axel von Bleßingh die Stadt mit weißer Fahne an kanadische Truppen.
Nach 1945 und Erinnerung
Nach Kriegsende begann die Entnazifizierung. Bis Januar 1946 wurden in der Region etwa 60 Prozent der Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes aus dem Amt entfernt. In Emden waren bis Juli 1945 96 Beamte und Angestellte suspendiert. Der frühere Oberbürgermeister Carl Renken wurde am 16. Mai 1945 abgesetzt, durfte nach seinem Entnazifizierungsverfahren 1949 aber wieder in der Verwaltung arbeiten. Johann Menso Folkerts, Gründer der Emder NSDAP, zeitweiliger Kreisleiter, SA-Führer und Journalist, wurde als Mitläufer in Kategorie IV eingestuft.
Die juristische Aufarbeitung der Pogromnacht begann ab 1946; viele Verfahren wurden eingestellt. Ab 1949 standen 40 mutmaßlich Beteiligte vor dem Landgericht Aurich. 17 wurden freigesprochen. Die höchste Strafe erhielt Bernhard Horstmann mit drei Jahren und vier Monaten. Im Fall des erschossenen Daniel de Beer konnte die Tat nicht nachgewiesen werden; ein SA-Mann wurde wegen Freiheitsberaubung mit Todesfolge zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt.
Politisch begann Emden mit Personen neu, die aus der Weimarer Republik oder dem Widerstand kamen. Georg Frickenstein wurde ernannter Oberbürgermeister. Als Senatoren wurden unter anderem der Sozialdemokrat Hinderk Brayer und der Kommunist Gustav Wendt vorgeschlagen. Am 7. Dezember 1945 trat die erste ernannte Stadtvertretung zusammen. Parteien und Gewerkschaften wurden wieder zugelassen; 1946 entstand auch die Allgemeine Gewerkschaft in Emden neu.
Das Gedenken entwickelte sich langsam. Zunächst stand die Erinnerung an den Luftkrieg im Vordergrund, etwa durch die Ruine der Großen Kirche. Seit den 1980er Jahren rückten die NS-Verbrechen stärker in den Blick. 1986 entstand ein erster Gedenkstein am Ort der zerstörten Synagoge, 1990 ein neuer. Auf dem jüdischen Friedhof erinnert ein Mahnmal an 465 ermordete Emder Juden. Seit 2012 werden Stolpersteine verlegt. Das Bunkermuseum Emden, eröffnet am 6. Mai 1995, behandelt Bunkerbau, Alltag im Krieg, Verfolgung, Terror, Deportation und Zwangsarbeit. Weitere Denkmäler erinnern an Widerstandskämpfer, Zwangsarbeiter und ermordete ukrainische Zwangsarbeiter. Der 6. September 1944 blieb ein zentrales Datum der städtischen Erinnerung.