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Emden zur Zeit der Weimarer Republik

Wie andere Gemeinden in der Weimarer Republik war die Stadt Emden von der Inflation 1923 stark betroffen, die darauf folgende wirtschaftliche Erholungsphase …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung Emdens in der Weimarer Republik
  2. 2. Hafen, Industrie und gesellschaftliche Voraussetzungen
  3. 3. Revolution und Arbeiter- und Soldatenrat
  4. 4. Parteien, Wahlen und wirtschaftliche Krisen
  5. 5. Städtebauliche Entwicklung

Bedeutung Emdens in der Weimarer Republik

Emden war während der Weimarer Republik (1919 bis 1933) der wirtschaftliche Schwerpunkt Ostfrieslands und eine Hochburg der Arbeiterparteien. In der ansonsten weitgehend agrarisch geprägten Region verbanden sich ein bedeutender Hafen, Schwerindustrie, eine große Arbeiterschaft und ein starkes gewerkschaftliches sowie sozialdemokratisches Milieu. Zugleich war die Stadt von den zentralen Krisen dieser Zeit betroffen: Die Inflation von 1923 belastete Emden stark, die anschließende wirtschaftliche Erholung dauerte nur kurz und war bereits 1927 beendet. Ab 1928 gewann die NSDAP zunehmend an Einfluss.

Hafen, Industrie und gesellschaftliche Voraussetzungen

Emden war seit Jahrhunderten die größte Stadt Ostfrieslands und besaß den bedeutendsten Hafen der Region. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Wirtschaft deutlich, weil Emden als „Seetor“ des aufstrebenden Ruhrgebiets diente. Besonders wichtig war der Import von Eisenerz für die Hütten des rheinisch-westfälischen Industriegebiets. 1913 wurde ein Achtel des Eisenerzimports des Ruhrgebiets über den Emder Hafen abgewickelt.

Auch in Emden selbst setzte eine spürbare Industrialisierung ein. Zu den wichtigen Betrieben gehörten die 1903 gegründeten Nordseewerke, eine Brikettfabrik des RWKS und weitere Unternehmen der Schwerindustrie. Da die Stadt nicht genügend qualifizierte Beschäftigte, vor allem Facharbeiter, bereitstellen konnte, zogen Arbeiter aus anderen Gegenden nach Emden. Zwischen 1890 und 1910 wuchs die Bevölkerung um 65 %. Etwa die Hälfte der Zugezogenen stammte aus den ostfriesischen Moor- und Marschgebieten, die andere Hälfte von außerhalb Ostfrieslands; darunter waren Werft-Facharbeiter aus anderen norddeutschen Städten.

Mit diesem Zuzug nahm auch das gewerkschaftliche und später sozialdemokratische Potenzial zu. Die zuvor stark von Liberalen, insbesondere Nationalliberalen und Freisinnigen, geprägte Handelsstadt entwickelte sich damit zu einem wichtigen Zentrum der Arbeiterbewegung. Erste Arbeitervereine hatte es bereits nach 1848 gegeben, dauerhaft etablieren konnten sie sich jedoch erst seit den 1890er-Jahren.

Revolution und Arbeiter- und Soldatenrat

Die Novemberrevolution von 1918 fand in Emden großen Widerhall. Nach der Befehlsverweigerung von Matrosen auf den Kriegsschiffen auf der Schillig-Reede bei Wilhelmshaven und dem anschließenden Kieler Matrosenaufstand entstand am 6. November 1918 in Emden ein Soldatenrat. Dieser bestand zunächst aus Marineoffizieren. Am 8. November wurde er in einen Arbeiter- und Soldatenrat umgewandelt, der die militärische und zivile Gewalt in der Seehafenstadt übernahm.

Der Emder Arbeiter- und Soldatenrat galt als der radikalste in Ostfriesland und übte teilweise auch außerhalb des Stadtgebiets Einfluss aus. Der Auricher Regierungspräsident Theodor von Heppe warnte am 29. Januar 1919, der Rat wirke durch seine „Gewaltherrschaft“ auf andere aufreizend und beabsichtige, sich an die Spitze der Arbeiter- und Soldatenräte in ganz Ostfriesland zu stellen. In einem Bericht vom 27. Februar 1919 bezeichnete er den Einfluss des Emder Rates als Ursache einer besonders besorgniserregenden Zuspitzung der Lage.

Im Vergleich zum Wilhelmshavener Arbeiter- und Soldatenrat wurde der Emder Rat allerdings als weniger radikal eingeschätzt. Als Grund nennt die Forschung die kleinere Zahl und die geringere revolutionäre Stimmung der in Emden stationierten Marineeinheiten, vor allem U-Boote, Torpedoboote und Geleitboote. Die Offiziere zogen sich in den folgenden Tagen aus dem Rat zurück; anschließend wurde er mehrheitlich von SPD-Politikern beherrscht.

Die von Bernhard Kuhnt in Wilhelmshaven ausgerufene sozialistische Republik Oldenburg/Ostfriesland blieb in Emden ohne Widerhall. Nach ihrer Gründung am 1. Januar 1919 gewann jedoch die KPD in Emden starken Einfluss. Der Arbeiter- und Soldatenrat blieb nur kurze Zeit bestehen: Nach dem Einmarsch von Regierungstruppen am 27. Februar 1919 wurde er am 1. März 1919 aufgelöst.

In den Wintermonaten 1918/19 zogen Arbeiter von Emden aus zu Bauern in umliegenden Dörfern, um Lebensmittel, vor allem Speck, zu erhalten oder zu beschlagnahmen. An diese „Speckumzüge“ schlossen sich Landarbeiterunruhen an, von denen auch die ländlich geprägten Emder Vororte betroffen waren. Zusammen mit dem Rheiderland war der Landkreis Emden der am stärksten betroffene Teil Ostfrieslands. Die teilweise gewalttätigen Plünderungen waren vor allem Ausdruck der schlechten Ernährungslage und weniger ein revolutionäres Vorhaben. Erst die Entsendung von Reichswehrtruppen beruhigte die Situation.

Daraufhin entstanden in der Stadt und fast allen umliegenden Ortschaften Einwohnerwehren. Die Einwohnerwehr Emdens war mit 662 Personen und 500 Waffen nach Kopfzahl und Bewaffnung die stärkste in Ostfriesland. Die Einwohnerwehr des Vorortes Wybelsum umfasste 80 Personen und verfügte über 20 Waffen; zusammen mit der Wehr in Oldersum war sie nach Kopfzahl die zweitstärkste im Landkreis Emden nach Pewsum. Aufgelöst wurden die Einwohnerwehren aufgrund eines Erlasses des preußischen Innenministers Carl Severing vom 10. April 1920.

Parteien, Wahlen und wirtschaftliche Krisen

Die soziale und wirtschaftliche Struktur Emdens begünstigte während der Weimarer Republik sowohl eine starke SPD als auch eine besonders aktive KPD. Kommunisten hatten erheblichen Einfluss unter Hafenarbeitern, Beschäftigten der Fischverarbeitungsbetriebe und Werften sowie unter den Matrosen der Heringsfangflotte. Die Hafenarbeiter galten später als „eine ziemlich radikale Gruppe“. 1925 arbeiteten 37,1 % der Emder Beschäftigten in Handel und Verkehr, weitere 29,5 % in Industrie und Handwerk. Durch die Eingemeindung von Wolthusen und Borssum im Jahr 1928 vergrößerte sich das Potenzial von SPD und KPD zusätzlich. In Borssum besaß die KPD 1928 die Mehrheit im kommunalen Rat.

Die liberalen Parteien DDP und DVP verloren dagegen stark an Bedeutung. Zusammen erhielten sie 1919 noch 45 % der Stimmen, bei der letzten noch halbwegs freien Reichstagswahl im März 1933 aber nur noch 5,4 %. Das Zentrum blieb im protestantischen Emden während der gesamten Weimarer Republik unbedeutend. Bereits bei der Reichstagswahl im Mai 1924 zeigte sich ein Ruck nach rechts, der sich nach 1928 deutlich verstärkte.

Die Reichstagswahlergebnisse entwickelten sich folgendermaßen:

  • KPD: Juni 1920 6,9 %, Mai 1924 16,9 %, Dezember 1924 10,4 %, Mai 1928 18,6 %, September 1930 17,4 %, Juli 1932 18,3 %, November 1932 20,2 %, März 1933 18,5 %.
  • USPD: Januar 1919 10,0 %, Juni 1920 21,8 %, Mai 1924 0,7 %; danach keine ausgewiesenen Ergebnisse.
  • SPD: Januar 1919 35,4 %, Juni 1920 13,2 %, Mai 1924 18,1 %, Dezember 1924 25,4 %, Mai 1928 26,0 %, September 1930 23,5 %, Juli 1932 24,0 %, November 1932 22,7 %, März 1933 20,2 %.
  • Zentrum: 3,4 %, 3,5 %, 3,6 %, 3,6 %, 2,8 %, 2,0 %, 2,5 %, 2,5 % und 2,5 % in derselben Reihenfolge.
  • DDP: 32,6 %, 15,0 %, 11,6 %, 16,6 %, 11,1 %, 9,7 %, 4,5 %, 4,3 % und 3,6 %.
  • DVP: 12,4 %, 29,4 %, 19,2 %, 22,1 %, 15,9 %, 6,2 %, 2,0 %, 3,3 % und 1,8 %.
  • DNVP: 6,2 %, 8,6 %, 16,4 %, 15,1 %, 12,3 %, 8,5 %, 7,5 %, 11,0 % und 12,2 %.
  • NSDAP: Mai 1924 7,2 %, Dezember 1924 4,3 %, Mai 1928 2,3 %, September 1930 23,2 %, Juli 1932 37,3 %, November 1932 31,2 % und März 1933 38,3 %.
  • Sonstige: Juni 1920 1,6 %, Mai 1924 6,3 %, Dezember 1924 2,6 %, Mai 1928 11,1 %, September 1930 9,6 %, Juli 1932 3,9 %, November 1932 4,9 % und März 1933 2,4 %.

Die Ergebnisse der KPD lagen häufig über ihrem reichsweiten Anteil. Das NSDAP-Ergebnis vom Juli 1932 entsprach mit 37,3 % exakt dem Reichsdurchschnitt.

Wirtschaftlich wurde Emden 1923 durch die französische Ruhrbesetzung von seinem Hauptmarkt, dem Ruhrgebiet, abgeschnitten. Der Umschlag von Erz und Kohle ging deutlich zurück. Wegen einer Werftenkrise kam die heimische Industrie, besonders der Schiffbau, 1923/24 vorübergehend zum Erliegen.

In den folgenden drei Jahren erholte sich der Hafen etwas. 1926 wechselten die Massengut-Umschlagsanlagen von der Westfälischen Transport-Actien-Gesellschaft zur staatseigenen preußischen Emder Hafenumschlagsgesellschaft. Ein Investitionsprogramm machte die Anlagen nach Einschätzung der örtlichen Industrie- und Handelskammer zu den „modernsten Europas“ im Massengutverkehr. Gleichzeitig wurden jedoch Arbeitsplätze wegrationalisiert, deren Verlust auf dem Emder Arbeitsmarkt kaum ausgeglichen werden konnte.

1927 folgte die nächste schwere Krise. Ab Mitte November streikten rund 1500 Binnenschiffer und legten den Verkehr auf dem Dortmund-Ems-Kanal lahm. Ende des Jahres streikten außerdem Bergleute in schwedischen Erzgruben und schwedische Hafenarbeiter, wodurch der Erzimport aus Schweden vollständig ausfiel. Dadurch verdoppelte sich die Arbeitslosenzahl in Emden bis Ende 1927 ungefähr.

Am 11. August 1928 gründete der damals 18-jährige Gymnasiast Johann Menso Folkerts die NSDAP-Ortsgruppe. Zunächst blieb sie bei Wahlen weitgehend unbeachtet, gewann aber bis 1933 stark an Stimmen. Auch kommunal nahm ihr Einfluss zu. Die NSDAP nutzte dabei die schwierige Finanzlage der Stadt: Emden war in den späten Jahren der Weimarer Republik stark verschuldet. Der Magistrat hatte die Steuern zunächst nicht erhöht, obwohl viele Einwohner nicht unvermögend waren; die Steuersätze lagen längere Zeit deutlich unter dem Durchschnitt der Nachbarstädte. Die NSDAP bezeichnete diese Situation in Wahlkämpfen als Misswirtschaft.

Städtebauliche Entwicklung

Während der Weimarer Republik erhielten mehrere Emder Stadtviertel deutliche Entwicklungsschübe. Dazu gehörten das Behördenviertel, Herrentor, Klein-Faldern, Barenburg und Port Arthur/Transvaal.

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