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Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

3.1 Entstehung des modernen Antisemitismus ; 3.2 Rassismus als Dimension des Imperialismus ; 3.3 Biologistisch-völkischer Antisemitismus als Grundlage der …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundgedanke
  2. 2. Totalitäre Herrschaft
  3. 3. Antisemitismus und Imperialismus
  4. 4. Entrechtung und Vernichtung
  5. 5. Bewegung, Propaganda und Terror

Werk und Grundgedanke

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ist Hannah Arendts politisches Hauptwerk. Es erschien 1951 zuerst auf Englisch als The Origins of Totalitarianism, 1955 auf Deutsch und wurde später erweitert. Arendt untersucht darin, wie Nationalsozialismus und Stalinismus historisch entstehen konnten und welche gemeinsamen politischen Merkmale sie haben. Das Werk gilt als eines der frühen Standardwerke der Totalitarismusforschung.

Arendt gliedert ihre Untersuchung in drei große Teile: Antisemitismus, Imperialismus und totale Herrschaft. Sie will keine reine Ereignisgeschichte schreiben, sondern die ideengeschichtlichen und politischen Voraussetzungen erklären, die totalitäre Bewegungen möglich machten. Ihre Methode besteht darin, ideologische Meinungen „buchstäblich“ ernst zu nehmen, weil sie nach ihrer Auffassung von vielen Beobachtern zugunsten realpolitischer Motive unterschätzt wurden.

Totalitäre Herrschaft

Arendts zentrale These lautet: Totale Herrschaft entsteht auf dem Boden der Massengesellschaft, in der der politische Raum zerstört und das Individuum entfremdet wird. Gleichzeitig zerfallen Nationalstaaten unter dem Druck des Imperialismus. Traditionelle Formen der Politik, etwa Parteien, sind den Techniken der Massenpropaganda totalitärer Bewegungen unterlegen.

Arendt unterscheidet totale Herrschaft von gewöhnlicher Diktatur. Entscheidend sind der Einbezug aller Lebensbereiche, nicht nur der Politik, und der Anspruch auf globale und ausschließliche Geltung. Sie klassifiziert nur den Nationalsozialismus und den Stalinismus als vollständig totalitär, nicht den italienischen Faschismus, nicht jede Einparteiendiktatur und auch nicht die Sowjetunion nach Stalins Tod. Für Arendt ist jeder totalitären Herrschaft der Kampf um Weltherrschaft und die Zerstörung anderer Staats- und Herrschaftsformen eigen.

Eine Ideologie kann nach Arendt von einer totalitären Bewegung übernommen und durch massiven Terror in eine neue Staatsform überführt werden. Beim Nationalsozialismus sind dies Rassismus und Antisemitismus; beim Stalinismus die Ideologie einer „klassen- und nationslosen Gesellschaft“. Für den Nationalsozialismus betont Arendt außerdem die Verkehrung der Rechtsordnung: Verbrecherische Gewalt und Massenmord wurden zur Regel.

Antisemitismus und Imperialismus

Arendt erklärt den modernen Antisemitismus nicht als ewigen Judenhass und lehnt einfache Sündenbock- oder Ventiltheorien ab. Sie sieht ihn als moderne politische Ideologie, die im 18. und 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit Nationalismus, Nationalstaat und später Imperialismus entstand. Antisemitische Parteien vertraten nach Arendt keinen Befreiungsnationalismus, sondern einen völkischen Supranationalismus.

Der Imperialismus spielt für Arendt eine Schlüsselrolle. Er setzt staatliche Machtmittel für die Expansion des Kapitals ein und zerstört politische Räume, wenn ihm keine Grenzen gesetzt werden. Während der „nationale“ Antisemitismus den Ausschluss der Juden aus der Nation fordert, zielt der „imperialistische“ Antisemitismus über Nationen hinweg auf Vernichtung. Arendt beschreibt außerdem, wie die Bourgeoisie in Deutschland die Hitlerbewegung unterstützte, in der Hoffnung, durch sie Macht zu gewinnen; am Ende wurde sie jedoch selbst entmachtet.

Arendt erweitert den marxistischen Imperialismusbegriff um die Dimension des Rassismus. Sie unterscheidet überseeischen und kontinentalen Imperialismus. Im überseeischen Imperialismus zeigt sie am Beispiel Südafrikas, des Kolonialismus und der Gewalt von Figuren wie Carl Peters das Zusammenwirken von Rassismus und Kapitalismus. Der Rassismus teilt die Menschheit in angeblich höhere und niedrigere Gruppen ein und bereitete nach Arendt Denk- und Handlungsmuster vor, die später nach Europa zurückwirkten.

Entrechtung und Vernichtung

Beim kontinentalen Imperialismus sieht Arendt den völkischen Nationalismus besonders wichtig. Er entsteht vor allem in „verspäteten Nationen“ Ost- und Mitteleuropas, die keine lange nationale Geschichte hatten. Der demokratische Volksbegriff der Aufklärung wurde dort durch eine romantisch-völkische Vorstellung ersetzt. Daraus konnte sich die Ideologie der „Volksgemeinschaft“ entwickeln, in der Antisemitismus biologistisch und rassistisch wurde und schließlich in Vernichtung mündete.

Eine zentrale Rolle spielt für Arendt die Situation von Flüchtlingen und Staatenlosen. Totalitäre Regierungen vermehrten bewusst staatenlose Gruppen, um Nationalstaaten von innen zu schwächen. Denaturalisierung und Entzug der Staatsbürgerschaft waren wirksame politische Waffen, weil Menschenrechte praktisch an Staatlichkeit gebunden waren. Wer aus seinem Staat ausgeschlossen wurde, verlor erst seine rechtliche Stellung und dann oft auch seine moralische Anerkennung.

Arendt zeigt dies am Umgang mit Juden vor und während des Nationalsozialismus. Nach den Novemberpogromen 1938 sollte die Vertreibung von Juden nicht nur Deutschland „entlasten“, sondern auch Antisemitismus in andere Länder tragen, indem mittellose Flüchtlinge als Last erschienen. Für Arendt wurde so propagandistisch demonstriert, dass „unveräußerliche Menschenrechte“ wirkungslos seien, wenn kein Staat sie schützt.

Bewegung, Propaganda und Terror

Arendt grenzt totale Herrschaft historisch auf den Nationalsozialismus bis Hitlers Tod und den Stalinismus von 1929 bis Stalins Tod 1953 ein. Beide seien „Variationen des gleichen Modells“. Nicht Staat oder Nation stehen im Mittelpunkt, sondern die Massenbewegung. Zu ihren Kennzeichen zählen die Umwandlung von Klassen in fanatisierte Massen, die Zerstörung von Gruppensolidarität, das Führerprinzip, millionenfache Morde, Denunziationen, Passivität der Opfer und eine „Bewunderung für das Verbrechen“.

Totalitäre Bewegungen ziehen nach Arendt moderne, vereinsamte Menschen an. Zeitweise entstand ein Bündnis zwischen „Mob“ und „Elite“: Teile der geistigen und künstlerischen Elite waren vom Radikalismus und von der Aufhebung der Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit fasziniert; der Mob stand außerhalb bürgerlicher Ordnung und war bereit, Massen zu organisieren. Dauerhaft stützten sich totalitäre Systeme jedoch eher auf gleichgeschaltete Massen.

Propaganda verändert die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie bietet scheinbar geschlossene Erklärungen wie die jüdische Weltverschwörung im Nationalsozialismus oder verschiedene Verschwörungsbilder im Stalinismus. Wenn totalitäre Bewegungen an die Macht kommen, wird Propaganda durch Indoktrination ersetzt. Terror richtet sich dann nicht nur gegen angebliche Feinde, sondern auch gegen frühere Freunde und Anhänger, sobald sie unbequem werden.

Für Arendt ist Terror das Wesen totaler Herrschaft. Konzentrations- und Vernichtungslager sind für sie Versuchsanstalten, in denen gezeigt werden soll, dass Menschen total beherrschbar sind. Zuerst wird die juristische Person zerstört, dann die moralische Person, schließlich Identität, Pluralität und Spontanität. Der Mensch wird auf eine Kategorie reduziert, etwa „Jude“, „Bazillenträger“ oder „Exponent absterbender Klassen“. Das Prinzip totalitärer Herrschaft ist die Ideologie als innerer Zwang; ihr Wesen ist der Terror, der alle Beziehungen zwischen Menschen zerstört.

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