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Ehrbarer Kaufmann
Die Bezeichnung Ehrbarer Kaufmann beschreibt das historisch in Europa gewachsene Leitbild für verantwortliche Teilnehmer am Wirtschaftsleben.
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Grundidee und Definition
Der Ehrbare Kaufmann ist ein historisch in Europa gewachsenes Leitbild für verantwortliche Teilnehmer am Wirtschaftsleben. Gemeint ist ein Wirtschaftssubjekt, das wirtschaftlich erfolgreich handeln will, ohne den Interessen der Gesellschaft entgegenzustehen. Dazu gehören Verantwortungsbewusstsein für das eigene Unternehmen, für die Gesellschaft und für die Umwelt sowie eine nachhaltige Wirtschaftsweise.
Das Leitbild gilt als Vorbild für Eigenwirtschaftler, Kaufleute, Unternehmer und Manager. Im aktuell gültigen § 1 des IHK-Gesetzes heißt es: „(1) Die Industrie- und Handelskammern haben, (...) zu unterstützen und zu beraten sowie für Wahrung von Anstand und Sitte des ehrbaren Kaufmanns zu wirken.“
Eine zeitlose, genaue Definition ist nicht möglich, weil sich der Begriff der Ehre historisch verändert. Der Ehrbare Kaufmann muss daher immer im Zusammenhang mit seiner Zeit betrachtet werden. Ein Grundgerüst besteht jedoch seit dem Mittelalter: Er verpflichtet sich persönlich zur Erhaltung von Werten, schafft in seinem Unternehmen Bedingungen für ehrbares Handeln und wirkt in Wirtschaft und Gesellschaft an Rahmenbedingungen mit, die ehrbares Handeln ermöglichen.
Persönliche Tugenden und Verantwortung
Im engeren Sinne verbindet der Ehrbare Kaufmann humanistische Grundbildung mit umfassendem wirtschaftlichem Fachwissen. Dieses Wissen umfasst die betrieblichen Zusammenhänge und die rationale Seite des kaufmännischen Handelns. Theoretisches Wissen wird durch praktische Erfahrungen im Unternehmen ergänzt.
Hinzu kommt ein gefestigter Charakter, der sich an Tugenden orientiert, die zugleich die Wirtschaftlichkeit fördern. Genannt werden Redlichkeit, Sparsamkeit, Weitblick, Ehrlichkeit, Mäßigkeit, Schweigen, Ordnung, Entschlossenheit, Genügsamkeit, Fleiß, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Reinlichkeit, Gemütsruhe, Keuschheit und Demut. Diese Eigenschaften sollen in einem Lern- und Erziehungsprozess erworben werden.
Die Tugenden dienen nicht in erster Linie dazu, gute Taten zu vollbringen. Sie sollen die körperliche und seelische Gesundheit, ein erfülltes Leben und eine langfristig ausgerichtete Geschäftstätigkeit fördern. Außerdem stärken sie die Glaubwürdigkeit des Kaufmanns. Dadurch entsteht Vertrauen, das für dauerhafte Geschäftsbeziehungen nach dem Grundsatz von Treu und Glauben unerlässlich ist. Ein fester Charakter soll den Kaufmann vor unüberlegten Handlungen und kurzfristigen Vorteilen auf Kosten anderer schützen. Wirtschaft und Ethik bilden im Leitbild eine Einheit mit dem Ziel, erfolgreich zu wirtschaften und Wert zu schaffen.
Im weiteren Sinne übernimmt der Ehrbare Kaufmann Verantwortung für die Bedingungen seines geschäftlichen Erfolgs. Auf Unternehmensebene behandelt er Mitarbeiter fair und menschlich, fordert aber auch Disziplin und Leistung. Geschäftskunden und Lieferanten begegnet er nach denselben Grundsätzen, um langfristige Beziehungen aufzubauen. Wettbewerber betrachtet er als loyale Konkurrenten.
Seine Verantwortung endet nicht am Fabriktor. Die Gesellschaft stellt unter anderem Bildung, Infrastruktur, Eigentumsschutz und Rechtssicherheit bereit. Deshalb berücksichtigt der Ehrbare Kaufmann die Interessen von Konsumenten, Gemeinde, Öffentlichkeit, politischem System und Staat. Zufriedene Kunden fördern zukünftige Käufe, während unzufriedene Kunden den Ruf des Unternehmens schädigen können. Auch politische Tätigkeit ist nicht ausgeschlossen, etwa um wirtschaftliche Interessen zu vertreten und das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge zu stärken. Bei Investitionen muss er außerdem langfristige Folgen für die Umwelt und den Fortbestand des Unternehmens über mehrere Generationen hinweg bedenken. Das Forschungsfeld zur gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen wird als Corporate Social Responsibility (CSR) bezeichnet.
Historische Entwicklung
Seit dem 12. Jahrhundert wird das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns nachweislich in europäischen Kaufmannshandbüchern vermittelt. Seine Anfänge liegen im mittelalterlichen Italien und im norddeutschen Städtebund der Hanse.
Im mittelalterlichen Italien beruhte Ehrbarkeit sowohl auf praktischen Fähigkeiten als auch auf Charaktereigenschaften. Zu den praktischen Fähigkeiten gehörten Schreiben, Rechnen, Sprachen, Gewinnstreben, Menschenkenntnis, Organisationstalent und Weitblick. Vertrauen schaffen, Toleranz, Friedensliebe, Höflichkeit, Klugheit, Ordnung und Kulturförderung sollten den langfristigen Geschäftserfolg fördern und zugleich den sozialen Frieden der Stadt erhalten. Gott galt stellvertretend für die Armen als Teilhaber am Geschäft und war im Alltag allgegenwärtig. Italienische Kaufmannshandbücher, die als frühe Vorläufer der Betriebswirtschaftslehre gelten, empfahlen diese Eigenschaften ausdrücklich.
Auch bei den Hansekaufleuten im Norden Europas gab es eine pragmatische Geschäftsmoral, die auf persönlicher Ehre und dem „goldenen Mittelweg“ beruhte. In Münster lautete das Motto des adeligen Erbmänner-Patriziats bereits im Mittelalter „Ehr is Dwang gnog“. Grobe Verstöße gegen die Regeln konnten harte Folgen haben.
In der Frühen Neuzeit setzte der deutsche Ehrbare Kaufmann als Teil des europäischen Bürgertums diese Entwicklung fort. Die Wirtschaftsführung sollte rationalisiert und ökonomisiert werden. Sparen, hohe Einnahmen, Fleiß, Betriebsamkeit und Maßhalten dienten ebenso dem Geschäftserfolg wie Mäßigkeit, Schweigen, Ordnung, Entschlossenheit, Genügsamkeit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Reinlichkeit, Gemütsruhe, Keuschheit und Demut. Kaufmännische Solidität – Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Einfachheit, Wahrhaftigkeit, Treue und Ehrlichkeit – sowie bürgerliche Wohlanständigkeit sollten Vertrauen schaffen. Das Geschäft galt als Mittel zum Zweck des Lebens; zugleich bewegte sich der Kaufmann zwischen Bescheidenheit und Risiko.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde insbesondere in Hamburg versucht, das Leitbild zu bewahren. Die Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e. V. steht dafür. Bauer setzte 1906 die Tradition des bürgerlichen Ehrbaren Kaufmanns fort und passte sie an Mitarbeiterverhältnisse, globalen Handel und die Verteidigung der konstitutionellen Monarchie gegen Tendenzen der Verstaatlichung an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Leitbild auf den Unternehmer erweitert. Seine Verantwortung bezog sich nun auch auf Verbraucher, Mitarbeiter, Kapitalgeber, Öffentlichkeit, die Soziale Marktwirtschaft, den Staat und die Umwelt.
Der ehrbare Kaufmann im 21. Jahrhundert
Im 21. Jahrhundert gewinnt Ehrbarkeit durch Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft erneut Bedeutung. Die Globalisierung verschärft den Wettbewerb. Unternehmen aus hoch industrialisierten Ländern konkurrieren weltweit mit Unternehmen, die deutlich geringere Produktionskosten haben und beispielsweise faire Arbeitsbedingungen vernachlässigen. Unternehmen müssen daher entscheiden, ob sie Standorte in Billiglohnländer verlagern oder Verantwortung für Zulieferer und Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette übernehmen.
Durch leere Staatskassen werden staatliche Leistungen abgebaut. Dadurch steigt die Erwartung, dass Unternehmen Aufgaben übernehmen, die der Staat nicht mehr erfüllt, etwa in Bildung, Kinderbetreuung oder Rentenvorsorge. Zugleich übt eine kritische Öffentlichkeit über das Internet und andere neue Medien schnell und kostengünstig Druck auf Unternehmen aus.
Auch Finanzmärkte und Verbraucher berücksichtigen soziale und ökologische Kriterien stärker. Manche Fonds investieren nur in Unternehmen, die neben wirtschaftlichen auch soziale und umweltbezogene Anforderungen erfüllen. In 16 von 18 Industrien erzielten Unternehmen mit starker Nachhaltigkeitsverpflichtung von Mai bis November 2008 an der Börse durchschnittlich eine um 15 Prozent bessere Wertentwicklung als die gesamte Industrie. Als Grund wird genannt, dass Anleger nachhaltigen Unternehmen eher zutrauen, Krisen zu bewältigen und langfristig erfolgreich zu sein.
Konsumenten werden kritischer und lassen sich bei geringen Produktunterschieden häufiger vom Gewissen leiten. Produkte sollen ehrlich bezogen, hergestellt, verkauft und kommuniziert werden. Die Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker im Januar 2012 gilt im Artikel als Beispiel dafür, dass Kunden Handelsunternehmen mit rüder Mitarbeiterbehandlung meiden. Nach der Wirtschaftskrise wurden außerdem Forderungen nach mehr Ehrbarkeit laut, weil gieriges Spekulieren auf Renditen ohne Rücksicht auf Mitarbeiter und Gesellschaft erhebliche Folgen zeigen konnte.
Aus dem einzelnen Ehrbaren Kaufmann wird deshalb das ehrbare Unternehmen. Unternehmer und Manager tragen heute Verantwortung für Mitarbeiter, Lieferanten, alle innerbetrieblichen Prozesse und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Sie sollen ihre ethische Grundhaltung und ihre Werte durch werteorientierte Unternehmensführung in das gesamte Unternehmen übertragen. Ihre Vorbildfunktion kann ein Leitbild für die Organisation schaffen.
Umsetzung, Nutzen und Kritik
Werteorientierte Unternehmensführung besteht nicht darin, Unternehmenswerte lediglich auf Hochglanzpapier zu drucken. Werte stabilisieren eine Gemeinschaft nur, wenn die Mitglieder sie gemeinsam verstehen, akzeptieren und tragen. Sie müssen im Unternehmensalltag durch konkrete Handlungsempfehlungen für die einzelnen Anspruchsgruppen umgesetzt werden. Eine solche operationalisierte Werteorientierung wird letztlich als Corporate Social Responsibility bezeichnet.
Das Beispiel Transparenz bedeutet, dass Führungskräfte verständlich kommunizieren und ihr Handeln erläutern. Mitarbeiter sollen auf allen Ebenen miteinander kommunizieren und ehrliches Feedback geben. Kunden sollen Produkte und Dienstleistungen auch in Krisenzeiten ehrlich dargestellt bekommen. Gegenüber Partnern sollen Chancen, Risiken und Herausforderungen offen angesprochen werden.
Studien sehen in einer wertegebundenen Unternehmensführung mögliche wirtschaftliche Vorteile. Die Führungskräftebefragung der Wertekommission von 2007 zeigt positive Auswirkungen von Werten auf die Wettbewerbsfähigkeit, unter anderem im Wettbewerb um engagierte, flexible und belastbare Führungskräfte. 50 % der Befragten hatten wegen unterschiedlicher Wertvorstellungen bereits den Arbeitsplatz gewechselt oder über einen Wechsel nachgedacht. Eine Untersuchung von Deep White und dem MCM Institut der Universität St. Gallen kommt zu dem Ergebnis, dass ein Viertel des Geschäftserfolgs von Unternehmen durch die gelebte Wertekultur am Arbeitsplatz erklärt werden kann.
Gleichzeitig besteht laut der aktuellen Führungskräftebefragung eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Fast 80 % der Unternehmen verfügen über einen formal festgelegten und intern kommunizierten Wertekanon. Mehr als zwei Drittel der jungen Führungskräfte erleben jedoch keine werteorientierte Führung durch das Top-Management. Fast 40 % der Befragten sagen, ihre Unternehmen bezögen sich nur aus Marketinggründen auf Werte.
Kritiker halten das Leitbild für realitätsfern und werfen ihm eine Romantisierung des historischen Kaufmanns vor. Wirtschaftsethiker wie Karl Homann untersuchen, wie ehrbares Verhalten kurzfristig ausgenutzt werden kann. Dabei spielen spieltheoretische Modelle wie das Gefangenendilemma sowie Moral Hazard, Trittbrettfahrerverhalten, Adverse Selection und das Hold-up-Problem eine Rolle. Als Gegenmittel gelten passende Anreize und Regelsysteme. Zugleich zeigen Spieltheorie und empirische Verhaltensökonomik, etwa die häufige Überlegenheit einer langfristig angelegten Tit-for-Tat-Strategie, dass nicht opportunistisches und auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhalten sich oft auch wirtschaftlich auszahlt. Thomas Beschorner und Thomas Hajduk warnen dennoch davor, personale Tugenden als allein ausreichende Grundlage der Unternehmensethik zu betrachten; der Ehrbare Kaufmann sei eine Metapher, deren Übertragung ins 21. Jahrhundert vorsichtig erfolgen müsse.