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Egon Bahr
Egon Karl-Heinz Bahr (* 18. März 1922 in Treffurt; † 19. August 2015 in Berlin) war ein deutscher Politiker (SPD). ... Er war von 1972 bis 1974 Bundesminister für …
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Bedeutung und politisches Leitbild
Egon Karl-Heinz Bahr (18. März 1922 in Treffurt–19. August 2015 in Berlin) war ein deutscher SPD-Politiker und einer der wichtigsten Gestalter der westdeutschen Ost- und Deutschlandpolitik unter Willy Brandt. Er entwickelte das Leitbild „Wandel durch Annäherung“ und die „Politik der kleinen Schritte“. Dahinter stand der Ansatz, Veränderungen im Verhältnis zum Osten nicht durch Abgrenzung, sondern durch Gespräche, praktische Vereinbarungen und schrittweise Zusammenarbeit zu erreichen.
Als enger Berater Brandts bereitete Bahr die „neue Ostpolitik“ detailliert vor und führte entscheidende Verhandlungen mit der Sowjetunion und der DDR. Deshalb wurde er häufig als „Architekt der Ostverträge“ bezeichnet. Seine Politik prägte die von der SPD geführten Bundesregierungen zwischen 1969 und 1982. Neben seiner Arbeit an den deutsch-deutschen Beziehungen beschäftigte er sich besonders mit Entspannung, Abrüstung, Rüstungskontrolle und dem Konzept gemeinsamer Sicherheit.
Jugend, Krieg und journalistischer Beruf
Bahr war der Sohn eines Studienrates und einer Bankangestellten. Seine Familie zog zunächst von Treffurt nach Torgau und später nach Berlin. Seine Mutter galt nach der nationalsozialistischen Rassenideologie wegen ihrer jüdischen Mutter als „Halbjüdin“. Bahrs Vater wurde gedrängt, seine Ehe aufzulösen, widersetzte sich jedoch und gab seinen Beruf auf.
Bahr wollte ursprünglich Musiker werden. Wegen seiner jüdischen Großmutter durfte er im NS-Staat weder Musik studieren noch Flieger werden. Nach dem Abitur 1941 absolvierte er deshalb eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Rheinmetall-Borsig in Berlin. Von 1942 bis 1944 nahm er als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. Deutsche Medien berichteten später, er sei wegen „Einschleichens in die Wehrmacht“ als „nichtarisch“ zu Rheinmetall-Borsig zurückversetzt worden, weil er seine jüdische Großmutter verschwiegen habe; Bahr widersprach dieser Darstellung.
Nach dem Krieg arbeitete Bahr in Berlin als Journalist, zunächst bei der sowjetisch kontrollierten Berliner Zeitung, ab 1946 bei der Allgemeinen Zeitung und später beim Tagesspiegel. Von 1950 bis 1960 war er Chefkommentator und Leiter des Bonner Büros des Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS). 1959 wurde er Presseattaché der deutschen Botschaft in Ghana.
Politische Laufbahn und neue Ostpolitik
Bahr trat 1956 in die SPD ein. Von 1960 bis 1966 leitete er das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin und war Sprecher des von Willy Brandt geführten Senats. Bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing prägte er als Vertreter Brandts die Begriffe „Wandel durch Annäherung“ und „Politik der kleinen Schritte“, wobei seine Auslegung nach Darstellung Brandts nicht mit diesem abgestimmt war.
Während der Großen Koalition von 1966 bis 1969 leitete Bahr als Sonderbotschafter den Politischen Planungsstab des Auswärtigen Amtes. Nachdem Brandt 1969 Bundeskanzler geworden war, wurde Bahr Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Im Januar 1970 entsandte ihn Brandt als Bevollmächtigten nach Moskau; das sogenannte Bahr-Papier wurde am 22. Mai 1970 durch eine Indiskretion öffentlich. Als Unterhändler in Moskau und Ost-Berlin wirkte Bahr maßgeblich am Moskauer Vertrag, Warschauer Vertrag, Transitabkommen und Grundlagenvertrag mit. Den Grundlagenvertrag unterzeichneten Bahr und der DDR-Chefunterhändler Michael Kohl. Bahr erklärte dazu, die bisherigen „Nicht-Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten“ würden nun durch „schlechte Beziehungen“ ersetzt.
Von 1972 bis 1974 war Bahr Bundesminister für besondere Aufgaben im Kabinett Brandt II. Nach Brandts Rücktritt am 7. Mai 1974 endete dieses Amt automatisch. Am 8. Juli 1974 kehrte Bahr als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in die Regierung zurück und blieb bis zum 14. Dezember 1976 im Amt. Dem Deutschen Bundestag gehörte er von 1972 bis 1990 an. 1976 und 1980 gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Flensburg–Schleswig; sonst zog er über die Landesliste Schleswig-Holstein ein.
Von 1976 bis Februar 1981 war Bahr Bundesgeschäftsführer der SPD, bis 1991 Mitglied ihres Präsidiums. Auf sein Betreiben wurde 1977 der Juso-Vorsitzende Klaus Uwe Benneter aus der SPD ausgeschlossen, nachdem dieser die DKP als möglichen Bündnispartner bezeichnet und den Status der Jusos als SPD-Nachwuchsorganisation infrage gestellt hatte. Ab 1980 leitete Bahr im Bundestag den Unterausschuss für Abrüstung und Rüstungskontrolle. Zur Bundestagswahl 1990 trat er nicht mehr an.
Umstrittene Positionen zu DDR, Wiedervereinigung und Polen
Bahrs Kontakte zur DDR wurden später kontrovers beurteilt. Nach Angaben der Historikerin Daniela Münkel fragte ihn der geheime DDR-Verbindungsmann Hermann von Berg am 21. März 1972, wie er zu möglichen Maßnahmen der Staatssicherheit gegen CDU und CSU stehe, die Brandts Mehrheit bei der Ratifizierung der Ostverträge sichern sollten. Bahr habe das später um Bestechung erweiterte Angebot am 24. März nach Beratung mit Brandt und Horst Ehmke abgelehnt. Bahr bestritt 2013, solche Gespräche geführt zu haben. Gegenüber Michael Kohl erklärte er am 25. April 1972, ein Angebot zum Kauf von Oppositionsstimmen vor dem Misstrauensvotum abgelehnt zu haben. Zudem wohnte Bahr in den 1970er Jahren in einem Haus des Flick-Lobbyisten und Stasi-Agenten Adolf Kanter, in dem die Stasi Abhöranlagen installiert hatte.
In den 1980er Jahren hielt Bahr einen gesamtdeutschen Friedensvertrag für eine Fiktion und sprach stattdessen von zwei Friedensverträgen für zwei deutsche Staaten. 1986 sagte er Erich Honecker im Auftrag der SPD-Führung zu, eine SPD-geführte Bundesregierung werde die DDR-Staatsbürgerschaft vollständig respektieren. 1988 bezeichnete er Forderungen nach Wiedervereinigung als „Sonntagsrederei“, „Lüge“, „Heuchelei“ und „politische Umweltverschmutzung“. Noch fünf Tage nach dem Fall der Berliner Mauer nannte er es eine „Lebenslüge, über Wiedervereinigung zu reden“.
Auch Bahrs Haltung zur polnischen Demokratiebewegung war umstritten. Nach der Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 verteidigte er den Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski und erklärte, der Frieden sei wichtiger als Polen. Das Kriegsrecht sei „kein Putsch“, sondern das äußerste Mittel des Staates im Rahmen seiner „Allianz-Souveränität“. Bahr hielt eine sowjetische Intervention für gerechtfertigt, falls Polen seine Mitgliedschaft im Warschauer Pakt infrage gestellt hätte. 1982 bezeichnete er die verbotene Gewerkschaft Solidarność als „Gefahr für den Weltfrieden“, weil eine Destabilisierung Polens das Gleichgewicht der Militärblöcke gefährden könne. Angehörige der verfolgten Demokratiebewegung reagierten empört. Joachim Gauck kritisierte später Bahrs starke Konzentration auf die Ansichten und Absichten der Herrschenden.
Friedensarbeit, Auszeichnungen und Privatleben
1980 wurde Bahr Mitglied der von Olof Palme geleiteten „Unabhängigen Kommission für Abrüstung und Sicherheit“. Ihr Bericht Common Security von 1982 schlug unter anderem einen atomwaffenfreien Korridor in Mitteleuropa vor. Bahr vertrat nach dem Kalten Krieg die Auffassung, Europa und Deutschland sollten als Zivilmacht größeren Einfluss gewinnen. Von 1984 bis 1994 war er Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, seit 1984 außerdem Honorarprofessor. Er gehörte zu den Mitbegründern des 1987 erstmals veröffentlichten Jahrbuchs Friedensgutachten und war bis 1991 dessen Mitherausgeber. 1991 regte er die Schaffung eines „Deutschen Friedenskorps“ an.
Zu seinen zahlreichen Ehrungen gehörten das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1963), das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1973), dessen Erweiterung mit Stern und Schulterband (1975), der Theodor-Heuss-Preis (1976), der Gustav-Heinemann-Bürgerpreis (1982), die Berliner Ehrenbürgerschaft (2002), der Göttinger Friedenspreis und der Marion Dönhoff Preis (beide 2008) sowie der Kaiser-Otto-Preis (2013). Seit 1974 war er Mitglied des deutschen PEN.
Bahr hatte aus seiner 1945 geschlossenen Ehe mit Dorothea Grob einen Sohn und eine Tochter. Obwohl sich das Paar 1977 trennte, blieb es bis zu Grobs Tod 2011 verheiratet. Aus seiner Beziehung mit der Journalistin Karena Niehoff stammte eine weitere Tochter. Von 1977 bis 2002 war Christiane Leonhardt seine Lebensgefährtin. 2011 heiratete er Adelheid Bahr. Er starb am 19. August 2015 im Alter von 93 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts und erhielt ein Ehrengrab Berlins auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
Schriften und politische Themen
Bahrs Veröffentlichungen behandeln vor allem seine politische Laufbahn, Willy Brandt, deutsche Interessen, Ostpolitik, Außenpolitik, Abrüstung und gemeinsame Sicherheit. Zu den zentralen Büchern zählen die Autobiografie Zu meiner Zeit (1996), Deutsche Interessen: Streitschrift zu Macht, Sicherheit und Außenpolitik (2000), Der deutsche Weg: Selbstverständlich und normal (2003), Ostwärts und nichts vergessen! Kooperation statt Konfrontation (2012) und „Das musst du erzählen“ – Erinnerungen an Willy Brandt (2013).
Gemeinsam mit Dieter S. Lutz gab Bahr von 1986 bis 1991 die sechsbändige Reihe Gemeinsame Sicherheit heraus. Sie behandelte Idee und Grundlagen gemeinsamer Sicherheit, rechtliche, wirtschaftliche, psychologische und militärische Aspekte, konventionelle Stabilität, defensive Abschreckung beziehungsweise strukturelle Angriffsunfähigkeit, die internationale Diskussion sowie eine neue europäische Friedensordnung. Das 2022 mit Lutz Riemann veröffentlichte Buch Annäherung durch Wandel. Kalter Krieg und späte Freundschaft erschien nach Bahrs Tod.