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Komparatistik
Als Komparatistik oder komparatistische Literaturwissenschaft werden im deutschen Sprachraum die Fächer Vergleichende Literaturwissenschaft bzw.
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Ziel
Komparatistik, auch Vergleichende Literaturwissenschaft oder Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, untersucht Literatur aus verschiedenen Kulturen in grenzüberschreitender Perspektive. Sie fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Werken, Autoren, Strömungen, Themen und Gattungen und benutzt dafür vor allem den Vergleich. „Grenzüberschreitend“ meint dabei nicht in erster Linie politische Grenzen, da diese nur selten mit kulturellen Grenzen übereinstimmen.
Die vergleichende Literaturwissenschaft betrachtet literarische Phänomene im inter- oder transnationalen Zusammenhang. Die allgemeine Literaturwissenschaft umfasst systematische Felder der Literaturtheorie, etwa Ästhetik, Rhetorik und Narratologie. Ziel ist häufig, allgemeingültige und theoriefähige Aussagen über Literatur und Kultur zu entwickeln.
Vergleichen: Einflüsse und Analogien
Verglichen werden können einzelne Dichtungen, Dichter und literarische Strömungen, aber auch Kanonisierungsprozesse, Rezeptionszusammenhänge, ganze Nationalliteraturen sowie die Geschichte von Gattungen, Stoffen und Motivkreisen. Ein Beispiel: Nicht der deutsche Roman der Moderne allein steht im Mittelpunkt, sondern seine Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu französischen oder englischen Romanen der Moderne. Das Tertium Comparationis („gemeinsames Drittes“) ist hier die Moderne als übernationales Phänomen.
Der genetische Vergleich untersucht direkte oder indirekte Kontakte und Einflüsse, also kausale Beziehungen. Direkte Kontakte liegen etwa vor, wenn nach Goethes Einfluss auf André Gide oder nach Homers Odyssee in Joyces Ulysses gefragt wird. Indirekte Kontakte werden durch eine vermittelnde Instanz hergestellt, beispielsweise wenn ein Autor einen dritten Autor durch die Lektüre eines anderen kennenlernt. Sie können bewusst oder unbewusst sein. Ein Autor kann auch von einer ganzen literarischen Strömung oder Epoche geprägt sein. Solche Bezüge lassen sich mit Intertextualität beschreiben: Sie versteht den Bezug zwischen Texten als Eigenschaft des Werks selbst.
Der kontrastive oder typologische Vergleich setzt dagegen keine Kontakte voraus. Er vergleicht analoge Erscheinungen bei Autoren, die ein gemeinsames Umfeld haben, ohne einander beeinflusst zu haben. Besonders sinnvoll ist er innerhalb derselben Gattung, etwa beim Roman der Moderne, oder bei ähnlichen Inhalten über Gattungsgrenzen hinweg, etwa der Stadtproblematik in der Moderne.
Literaturgeschichte, Stoffe und Gattungen
In der allgemeinen Literaturgeschichte konzentriert sich die Komparatistik auf systematische Fragen im internationalen Kontext, besonders auf Periodisierung und Epochen. Ein Paradigmenwechsel liegt vor, wenn eine literarische Norm oder Konvention von einer anderen abgelöst wird. Entwicklungen verlaufen international meist ungleichzeitig. Die Romantik ist beispielsweise ein gesamteuropäisches Phänomen, beginnt und wird aber in Deutschland, England und Frankreich unterschiedlich eingeordnet. Diese historische Ungleichzeitigkeit heißt Phasenverschiebung.
Die Thematologie, auch Stoff- und Motivgeschichte oder Mythosforschung, untersucht Inhalte und ihre literarische Gestaltung. Ein Stoff ist überlieferbares, wiederholt aufgegriffenes Material wie Don Juan, Oedipus oder Faust. Er besitzt unverwechselbare feste Elemente, die Kernmotive. Motive sind abstrakter und können auch in anderen Stoffen auftreten: Beim Don-Juan-Stoff gehören Verführung und Bestrafung dazu. Stoffe werden je nach sozialen, psychologischen, ästhetischen und historischen Bedingungen aktualisiert; sie können aber auch ihren Sinn verlieren. Der Artikel nennt den Don-Juan-Stoff im 20. Jahrhundert als Beispiel: In einer liberalen Gesellschaft ohne religiöses Machtmonopol sei Verführung nicht mehr sanktioniert; aktualisierbar sei der Stoff vor allem durch reflektierte Formen wie Parodie, verliere dabei aber seinen ursprünglichen Sinngehalt. Ein Gattungswechsel verdient besondere Aufmerksamkeit, etwa wenn E. T. A. Hoffmann aus der Dramengestalt Don Juan eine Figur einer Erzählung macht.
Gattung bezeichnet große Genres wie Epik beziehungsweise Erzählliteratur, Dramatik, Lyrik und Gebrauchstexte sowie Untergattungen wie Roman, Novelle, Tragödie oder Sonett. Gattungsgeschichte untersucht ihre Entwicklung diachron und synchron, zum Beispiel die Geschichte des Romans. Gattungstheorie sucht dagegen nach epochenübergreifenden Universalien oder Invarianten. Außerdem fragt die Gattungsrezeption, welche Gattungen in einer Epoche besonders wahrgenommen werden oder sie prägen.
Rezeption und Literaturtheorie
Rezeption beschreibt die Aufnahme und Weiterverarbeitung von Literatur. Einfluss wird vor allem produktionsästhetisch verwendet: Ereignisse, Lektüren, andere Autoren oder historische und ideengeschichtliche Entwicklungen wirken auf einen Autor, der dies im eigenen Werk verarbeitet. Neuere Forschung bevorzugt jedoch mehrstufige Modelle gegenüber einfachen Kausalitätsmodellen.
Rezeptionsgeschichte untersucht die historische Wirkung von Texten auf Leser oder andere Autoren, beispielsweise Faust im 19. und 20. Jahrhundert. Rezeptionsforschung betreibt empirische Leserforschung und benötigt aktuelle Daten. Rezeptionsästhetik untersucht die Kommunikationssituation Autor – Text – Leser sowie die Wechselwirkung von Lektüre und ihrer Verarbeitung. Ende der 1960er Jahre trat sie gegenüber werkimmanenter Textanalyse und traditioneller Einflussforschung in den Vordergrund, weil Leser und der Autor als Leser als unverzichtbare Bestandteile literarischer Prozesse galten. Später wurde sie teilweise durch die Intertextualitätsdebatte abgelöst, die auch unbewusste Übernahmen kultureller Werte und Moralvorstellungen berücksichtigt.
Literaturtheorie ist der Oberbegriff für systematische Versuche, allgemeingültige und typologische Aussagen zu gewinnen. Sie ist mit der Ästhetik verbunden und untersucht das Wesen der Literatur sowie die Produzentenebene (Autor), Textebene und Rezipientenebene (Leserschaft). Dabei spielen psychologische, ästhetische und soziologische Faktoren eine Rolle.
Übersetzung, Kulturen und Medien
Die Theorie und Praxis literarischer Übersetzung ist ein wichtiges Arbeitsfeld. Jede Sprache besitzt einen nicht vollständig übertragbaren Anteil an Idiomatik, besonders sichtbar im literarischen Werk. Übersetzung vermittelt daher nicht nur Inhalt, sondern bewirkt auch eine kulturelle Verschiebung. Sie gilt als produktive statt bloß reproduzierende Rezeption: Übersetzer sind Vermittler und zugleich kreative Autoren, die ästhetische Fähigkeiten benötigen.
Produktionsorientierte Übersetzung richtet sich an Ausgangssprache und Autor aus. Sie versucht, sprachliche Besonderheiten des Originals möglichst nah zu übernehmen; dies ist eine wörtliche Übersetzung, bei der Fremdheit und Unverständnis für Leser entstehen können. Rezeptionsorientierte Übersetzung stellt Zielsprache und Leser in den Mittelpunkt. Sie betont den Inhalt und passt sprachliche Eigenheiten an; dazu zählen freie Übersetzung, Umdichtung, besonders bei Lyrik, und Paraphrase. Nach Werktreue unterscheidet der Artikel parodistische Übersetzung als Übertragung in die Kultur ihrer Zeit, prosaische Übersetzung als wörtliche Übersetzung mit Erläuterungen oder Neuformulierungen und identifizierende Übersetzung als wortgetreue Übersetzung. Einer idealen oder kongenialen Übersetzung käme ein ausgewogenes Verhältnis von Ausdrucks- und Inhaltsebene am nächsten.
Interkulturelle Hermeneutik untersucht das „Bild vom anderen Land“. Sie soll Fremdverständnis ermöglichen und zugleich durch den Blick auf andere Kulturen die eigene Kultur analysieren. Literarische Texte können andere Kulturen nahebringen, aber auch Stereotype erzeugen, die nicht der Realität entsprechen. Untersucht wird die andere Kultur als Thema oder Motiv, als textueller Bestandteil wie fremdsprachige Zitate und als sprachliche Komponente, etwa in Übersetzungen.
Intermedialität erforscht das Verhältnis der Literatur zu Malerei, Musik, Theater und Film. Wichtig sind wechselseitige Durchdringungen wie visuelle Poesie, Kunst als Thema der Literatur sowie die Übernahme von Techniken wie Collage und Montage. Auch Mischformen wie Oper, Kunstlied und Film sowie thematische Ähnlichkeiten, etwa Mythologie in Text und Bild, gehören dazu.
Entwicklung und Kritik des Fachs
Im deutschsprachigen Raum etablierte sich die Komparatistik im 19. Jahrhundert zunächst nicht als akademische Disziplin, weil die entstehende Germanistik vorrangig die eigene Nationalliteratur behandelte. Die erste Professur mit vergleichender Ausrichtung wurde 1902 in Zürich eingerichtet und mit Louis-Paul Betz besetzt. In Deutschland entstanden Lehrstühle, Seminare und Institute vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg: der erste Lehrstuhl 1946 in Mainz, der zweite 1948 an der Universität des Saarlandes. Dort wurden 1951 der erste Studiengang „Vergleichende Literaturwissenschaft / Littérature comparée“ und ein Institut gegründet. Weitere Institute und Studiengänge entstanden nach 1945 auch in Österreich und der Schweiz. In der DDR gab es keinen Lehrstuhl für Komparatistik. In der deutschen Hochschulpolitik gilt Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft als Kleines Fach.
Gayatri Chakravorty Spivak kritisiert an einer traditionell von den USA und Europa dominierten Komparatistik, dass sie Literatur der „Anderen“ nicht aus deren eigenen Sprachen verstehe. Literaturen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas würden zu wenig berücksichtigt und oft nur am Rand von area studies behandelt. Umgekehrt vernachlässige die Komparatistik politische und institutionelle Zusammenhänge und vergleiche meist nationale Literaturen statt der vielfältigen Kulturen und Literaturen einer Region. Beide Forschungsrichtungen könnten nach dieser Kritik voneinander lernen.