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Englische Literatur

Am deutlichsten, aber dennoch in das Gewand einer Dystopie gekleidet, übte H. G. Wells Kritik an den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen: Der überzeugte …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und frühe Literatur
  2. 2. Renaissance, Republik und Restauration
  3. 3. Aufklärung und Romantik
  4. 4. Viktorianische und edwardianische Zeit
  5. 5. Moderne und experimentelles Erzählen
  6. 6. Nachkriegszeit und Postmoderne

Gegenstand und frühe Literatur

Englische Literatur umfasst im Allgemeinen nicht nur Literatur aus England, sondern die gesamte literarische Produktion Großbritanniens, historisch einschließlich Irlands, in englischer Sprache. Mit englischsprachigen Literaturen früherer britischer Kolonien bestehen Überschneidungen; die amerikanische Literatur wird seit dem 19. Jahrhundert jedoch als eigene Nationalliteratur verstanden. Die wissenschaftliche Beschäftigung damit gehört zur Anglistik.

Die altenglische Phase reicht etwa bis 1150; ein Traditionsstrang reicht bis 1250. Zu ihren wichtigen Texten zählen The Dream of the Rood, ein um 700 entstandenes religiöses Gedicht über die Kreuzigung aus der Sicht des Kreuzes Christi, und Beowulf. Beowulf, vor dem 10. Jahrhundert geschrieben, gilt als ältestes Epos der englischen Literatur und erzählt in Stabreimen von den Abenteuern eines skandinavischen Kriegers des 6. Jahrhunderts.

Die normannische Eroberung von 1066 brachte eine französischsprachige Oberschicht nach England. Aus angelsächsischer Volkssprache und französischer Hof- und Adelssprache entstand Mittelenglisch. Kennzeichnend ist der Wegfall von Flexionsendungen: Aus dem zweisilbigen knightes wurde das einsilbige knights, was den Vers stark beeinflusste. Geoffrey Chaucer schrieb die Canterbury Tales zwischen 1387 und 1400. Die Rahmenhandlung zeigt etwa 30 Pilger auf dem Weg von einem Londoner Vorort nach Canterbury zum Grab des Erzbischofs Thomas Becket.

Brut ist eine Chronik der britischen Geschichte von der mythischen Gründung durch Brutus bis ins 15. Jahrhundert und in fast 200 mittelenglischen Manuskripten erhalten. Das Drama bestand noch nicht im späteren Shakespeareschen Sinn: Mystery Plays dramatisierten biblische Episoden, Morality Plays zeigten allegorisch den Kampf von Tugenden und Sünden um die menschliche Seele, und Interludes waren höfische, humanistisch und politisch geprägte Weiterentwicklungen.

Renaissance, Republik und Restauration

Die Renaissance wurde politisch durch die Zentralisierung der Macht unter den Tudor-Königen Heinrich VII. (1485–1509) und Heinrich VIII. (1509–1547) geprägt. Heinrich VIII. wurde Oberhaupt der neuen anglikanischen Kirche. Unter Elisabeth I. (1558–1603) erlebte England wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung; William Shakespeare war der wichtigste Vertreter der elisabethanischen Literatur. Mit Jakob I. (1603–1625) und Charles I. (1625–1649) schlossen sich die jakobäische und die Caroline Period an.

Um 1500 gewannen europäische Volkssprachen gegenüber dem Latein an Bedeutung. Der Buchdruck trug dazu bei, dass Erzählungen zunehmend in Prosa geschrieben wurden. William Caxton lernte 1471 bis 1472 in Köln die Buchdruckkunst und druckte 1474 Recuyell of the historyes of Troye sowie The game and playe of the chesse als erste englischsprachige Bücher; 1480 folgte die Brut-Chronik. Vers blieb vor allem für Lyrik und Drama wichtig. John Lyly begründete den manierierten Euphuismus. Philip Sidney veröffentlichte 1591 eine Sonettfolge nach dem Vorbild Francesco Petrarcas; Edmund Spensers Faerie Queen ist das große epische Gedicht des Zeitalters und bezieht sich auf Elisabeth I.

Die republikanische Zeit von 1649 bis 1660 stand unter Oliver Cromwell. Öffentliche Theateraufführungen waren verboten, weshalb keine bedeutenden Dramen entstanden. John Milton unterstützte Cromwells Politik und ist besonders für das epische Gedicht Paradise Lost bekannt.

Mit Karl II. (1660–1685) wurden 1660 die Stuarts restauriert und Theateraufführungen wieder zugelassen. Es entstand die freizügige Restaurationskomödie, deren Beliebtheit um 1700 deutlich zurückging. Aphra Behn wurde in dieser Zeit erstmals professionelle Bühnenautorin.

Aufklärung und Romantik

Die Zeit von 1700 bis 1780 heißt auch Augustan Age, weil viele Autoren die römischen Dichter Vergil und Horaz aus der Zeit des Kaisers Augustus nachahmten. Sie fiel in die Regierungszeiten Anne (1702–1714), Georg I. (1714–1727), Georg II. (1727–1760) und Georg III. (1760–1820). Da Georg I. kein Englisch sprach, entwickelte sich zur Sicherung der Regierungsfähigkeit das Amt des Premierministers. Robert Walpole sicherte seine Regierung durch Korruption und Bestechung; die sogenannte Robinocracy wurde von vielen Schriftstellern polemisch angegriffen. Presse- und Redefreiheit sowie die Veröffentlichung von Parlamentsreden waren wichtige Streitpunkte.

Entscheidend für die Literatur war die Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit und eines Buchmarkts. Damit etablierte sich der Roman als bürgerliche Kunstgattung. Robinson Crusoe von Daniel Defoe erschien 1719 und wird im Artikel als erster realistischer Roman der Weltliteratur bezeichnet; der detaillierte Stil beschreibt alltägliche Routinehandlungen. Jonathan Swifts Gulliver’s Travels (1726) ist ein Reiseroman und zugleich verkappte politische Satire. Samuel Richardson begründete mit Pamela (1740) und Clarissa (1748) den Briefroman, also einen Roman in Briefen, der Gefühle und Erlebnisse unmittelbar darstellt. Clarissa gilt als Grundmodell des Verführungsromans und verbindet die Kritik am Adel mit dem Ideal der Liebesehe statt der arrangierten Ehe.

Die britische Romantik von 1780 bis 1837 war keine einheitlich organisierte Bewegung. Sie betonte wilde, unberührte Natur, subjektive Gefühle, Imagination, natürliches Genie, Unterbewusstes und Übernatürliches. Zivilisation, Fortschritt und reine Vernunft wurden kritisch gesehen. Hinzu kamen die Idee des Erhabenen (the sublime), die Gegenüberstellung unverdorbener Kindlichkeit und eingeengten Erwachsenseins sowie häufig ein diffuser Pantheismus, also die Vorstellung des Göttlichen in Natur und natürlichen Kräften. Der Hintergrund waren die Umwälzungen seit der Französischen Revolution von 1789.

Mary Shelleys Frankenstein (1818) erzählt von einem Professor Frankenstein aus Ingolstadt, der ein Monster erschafft; Frankenstein ist der Professor, nicht das Monster. Jane Austen entwickelte in Emma und Pride and Prejudice die auktoriale Erzählperspektive: Die Erzählung wechselt zwischen der Sicht einer wichtigen Figur und einer Außensicht. Dadurch verband der Roman psychologische Innenschau mit einem gesellschaftlichen Panorama. Das Drama blieb im 19. Jahrhundert zunächst bedeutungslos; nach dem Licensing Act von 1737 durften nur Drury Lane und Covent Garden in London spielen. Erst der Theater Regulation Act von 1843 hob dieses Monopol auf.

Viktorianische und edwardianische Zeit

Die Regierungszeit Königin Viktorias von 1837 bis 1901 brachte technologische und industrielle Fortschritte sowie den Ausbau eines weltweiten britischen Imperiums, während viele Menschen arm blieben. Schriftsteller thematisierten die Sorge, das Maschinenzeitalter könne den menschlichen Geist zerstören. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich Fortschrittsglaube zu Kriegserwartung und Schreckensvisionen.

Charles Dickens war der prägendste Autor; Oliver Twist (1837–1839) gehört zu seinen populärsten Romanen, die auch als dokumentarische Quellen verwendet wurden. Die Brontë-Schwestern griffen das Motiv weiblicher Tugendhaftigkeit auf und behandelten Verarmung und soziale Abhängigkeit. H. G. Wells kritisierte in The Time Machine (1895) soziale Verhältnisse in dystopischer Form: Das Land ist in müßige Eloi als Eliten und unterirdisch lebende Morlocks als Proletarier gespalten. Robert Louis Stevenson schrieb Abenteuer-, historische und phantastische Romane; in Dr. Jekyll und Mr. Hyde wird ein Arzt durch einen Selbstversuch in eine gute und eine böse Person gespalten. Auch Kinderbuchklassiker entstanden, darunter Alice’s Adventures in Wonderland (1865) von Lewis Carroll und das Dschungelbuch (1894/95) von Rudyard Kipling. Ab den 1880er Jahren wurde das Drama wiederbelebt und machte seine eigene Krise, besonders die Darstellung von Gefühlen und privater Kommunikation, zum Thema.

In der edwardianischen Zeit von 1901 bis 1914 regierte Edward VII. von 1901 bis 1910. Die viktorianische Erzähltradition wirkte weitgehend fort. E. M. Forster kontrastiert in Howards End Kultur und Kommerzialismus und zeigt das Scheitern harmonischer Verbindungen von Gegensätzen wie culture – materialism und city – country. Arnold Bennetts Clayhanger-Trilogie (1910, 1911, 1916) schildert mit Edwin Clayhanger eine durch soziale Konditionierung gehemmte Figur. John Galsworthys The Forsyte Saga behandelt Aufstieg und Zusammenbruch einer Familie aus der upper middle class und nutzt weitgehend viktorianische Erzählmittel.

Moderne und experimentelles Erzählen

Die englische Moderne beginnt mit dem Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit benannte sich das seit Beginn des 18. Jahrhunderts regierende Haus Sachsen-Coburg und Gotha in Haus Windsor um. Für den Roman bedeutete die Moderne den Übergang zum experimentellen Erzählen. Kennzeichen sind Multiperspektivität, also mehrere Sichtweisen, Fragmentarisierung, Hybridität, die Aufgabe linearer und kausaler Handlung sowie der Stream of consciousness, die Darstellung eines Bewusstseinsstroms aus Erinnerungen, Gedanken, Empfindungen und Sinneseindrücken.

James Joyces Ulysses ist ein epochaler experimenteller Roman. Virginia Woolf forderte eine Erzählweise, die seelische Innenräume zeigt, statt nur äußere Gegenstände und Vorgänge genau zu registrieren. Sie nannte H. G. Wells einen „Materialisten“ und Joyce einen „Spiritualisten“. May Sinclair führte den Ausdruck „Stream of consciousness“ 1915 in einer Rezension von Dorothy Richardsons Pointed Roofs ein; Richardson verwendete diese Technik vor Joyce und Woolf.

Daneben bestand der traditionelle Roman fort, etwa bei Aldous Huxley, Ivy Compton-Burnett und dem frühen Graham Greene. D. H. Lawrence schrieb formal traditionell, behandelte aber veränderte Einstellungen zu Frauen und Sexualität, die Arbeiterklasse sowie die Leibfeindlichkeit der industrialisierten Gesellschaft. Seine Romane fragen besonders, wie Beziehungen zwischen Frauen und Männern unter diesen Bedingungen gelebt werden können. Die moderne Kurzgeschichte experimentierte ebenfalls mit Kurzprosa; wichtige Autoren waren Katherine Mansfield, Lawrence, Woolf und W. Somerset Maugham. George Orwell wird der Moderne zugeordnet, obwohl sein bedeutendster Roman 1984 erst 1949 erschien; der Roman ist eine Dystopie.

Nachkriegszeit und Postmoderne

Die Prosa nach 1945 ist wegen der Vielfalt von Themen und Formen laut Artikel kaum sinnvoll einheitlich zu gliedern. In den 1950er Jahren kritisierten Romane die neokonservative englische Klassengesellschaft. Ihre meist jungen männlichen Hauptfiguren hießen angry young men, nach John Osbornes Stück Look Back in Anger (1956). John Braines Room at the Top zeichnet ein realistisches Bild des provinziellen Nachkriegsenglands. In den 1950er und 1960er Jahren wurde auch der modernistische experimentelle Roman erneuert. William Golding behandelte mit allegorischer Erzähltechnik die schuldhafte Verstrickung des Individuums in einer fortschrittsgläubigen Welt.

Seit den 1970er Jahren gewannen der feministische Roman und der postkoloniale Nachkriegsroman an Bedeutung. Der Frauenroman behandelte Feminismus, weibliche Sexualität, Eheprobleme und Mutter-Tochter-Beziehungen. Der postcolonial novel setzte sich mit dem Niedergang des Empire und der Kolonialherrschaft auseinander.

Seit 1980 entstehen immer neue Subgattungen; sie greifen neue Zeitströmungen auf und untergraben etablierte Erzählkonventionen. John Fowles trat bereits 1969 mit The French Lieutenant's Woman als früher Vertreter der Postmoderne hervor. Howard Jacobsons Coming From Behind (1983) leitete ein Comeback des Universitätsromans, der campus novel, ein. The Finkler Question (2010) ist ein komischer Post-Holocaust-Roman und erhielt 2010 den Booker Prize. Kennzeichnend ist außerdem die ungehemmte Fiktionalisierung von Geschichte, etwa in Julian Barnes’ A History of the World in 10 ½ Chapters (1990). Häufig verbindet die Postmoderne metafiktionales Erzählen, also ein Erzählen, das seine eigene Fiktionalität sichtbar macht, mit realistischen Formen; Ian McEwans Atonement (2001) ist ein Beispiel.

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