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Edelweißpiraten
Als Edelweißpiraten wurden informelle Gruppen des deutschen Jugendwiderstands bezeichnet, die in der Zeit des Nationalsozialismus hauptsächlich im Rheinland …
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Einordnung und Bedeutung
Als Edelweißpiraten wurden informelle Gruppen des deutschen Jugendwiderstands im Nationalsozialismus bezeichnet. Sie waren hauptsächlich im Rheinland tätig, entstanden aber auch in anderen großstädtischen Zentren des Deutschen Reiches. Nach 1945 setzten unangepasste und oppositionelle Jugendliche ihre Aktivitäten in der Britischen Besatzungszone bis etwa 1947 fort.
Der Hintergrund dieser Gruppen lag in der sozialen und wirtschaftlichen Not vieler Jugendlicher nach dem Ersten Weltkrieg. Formelle Jugendgruppen boten Freizeitgestaltung und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Besonders die aus der Wandervogelbewegung hervorgegangene Bündische Jugend organisierte Wanderungen und Fahrten, pflegte Gemeinschaft und entwickelte eigene Formen von Hierarchie und Selbstverständnis. Gegen Ende der Weimarer Republik bestanden etwa 1200 bündische Gruppen mit rund 100.000 Jugendlichen.
Diese Gruppen standen in Konkurrenz zur Hitlerjugend (HJ), deren Mitgliederzahl von 108.000 im Jahr 1932 auf 2,3 Millionen im Jahr 1933 anwuchs. 1933 wurde der Großdeutsche Bund mit etwa 70.000 Jugendlichen verboten; 1936 wurden alle bündischen Gruppen verboten. Jugendliche, die sich der Zwangsmitgliedschaft in Jungvolk, Bund Deutscher Mädel oder Hitlerjugend entziehen wollten, wurden zunehmend kriminalisiert. Zu ihnen gehörten ehemalige HJ-Mitglieder, regionale Jugendbanden, Anhänger verbotener Jugend- und Naturfreundejugendgruppen sowie politisch motivierte Widerstandskämpfer.
Verbreitung und Lebensweise
Spätestens ab 1942 galt Köln mit mehr als 3000 in Gestapo-Akten genannten Namen als Zentrum der Edelweiß-Gruppen. Bei Razzien in Duisburg, Düsseldorf, Essen und Wuppertal stellte die Gestapo 739 vermeintliche Edelweißpiraten fest. In Dortmund wurde der Brügmannplatz spätestens 1943 zum Treffpunkt der örtlichen Gruppe. Die Gegnerschaft zur Hitlerjugend war reichsweit ein verbindendes Merkmal, auch wenn viele Gruppen nicht unmittelbar aus einer verbotenen Jugendorganisation hervorgegangen waren.
Die Jugendlichen organisierten Wanderungen und Fahrten ins Umland großer Städte, seltener auch in andere Städte. Sie sangen Lieder der Bündischen Jugend, dichteten HJ-Lieder und andere Texte ironisch um und schrieben teilweise neue, regimekritische Lieder. Damit schufen sie einen eigenen sozialen und kulturellen Raum außerhalb der HJ.
Von der Einheitsuniform der HJ unterschieden sie sich durch Kleidung wie Skihemden, Wanderschuhe, Halstücher und kurze Lederhosen. Manche trugen ein Edelweiß unter dem linken Rockaufschlag, Fantasiekluften, Totenkopfringe, mit Nägeln beschlagene Gürtel oder Jungenschaftsjacken und benutzten die Kohte. Im Unterschied zur HJ nahmen einige Gruppen auch weibliche Jugendliche und Heranwachsende auf. Manche suchten körperliche Auseinandersetzungen mit HJ-Streifen oder anderen Jugendbanden; andere vermieden besonders den Kontakt mit HJ und SA.
Verfolgung und Widerstand
Die Verfolgung verschärfte sich durch Anzeigen der HJ an die Gestapo. Am 1. Juni 1938 ermächtigten neue Richtlinien den HJ-Streifendienst zum „Einschreiten“ auf offener Straße und in geschlossenen Räumen. Nach dem Verbot der Bündischen Jugend wurde zunächst auch § 175 missbraucht, indem ehemaligen Bündischen pauschal Homosexualität unterstellt wurde. Später entstand der vage Straftatbestand der „Bündischen Umtriebe“. Die Gerichte entschieden jeweils, was darunter fiel.
Ab 1941 setzte das NS-Regime radikalere Methoden ein: Razzien, Überwachung, Belauschung, Verleumdung, Verratsaufforderungen, Nötigung, Folter und Gefängnishaft. Im Dezember 1942 kam es im Raum Köln zu einer Verhaftungswelle, die offenbar mit Flugblattaktionen im Sommer 1942 zusammenhing. Vorwürfe wie Wehrkraftzersetzung, Defätismus, Schwächung der deutschen Volksgemeinschaft, Widerstand gegen die Gestapo sowie Landes- und Hochverrat konnten zu Konzentrationslagerhaft oder zur Todesstrafe führen. Strafbataillone von Heer oder Kriegsmarine wurden ebenfalls eingesetzt; ihre Einsätze kamen einer Hinrichtung nahe.
Als Jugendwiderstand gelten bereits die Ablehnung der HJ-Pflichtmitgliedschaft, die Pflege illegaler Kontakte und die Aufrechterhaltung eigener Beziehungsnetze. Im engeren Sinn widersetzten sich Gruppen dem Regime durch Angriffe auf HJ-Funktionäre, das Verstecken und Versorgen geflohener Kriegsgefangener und Juden sowie durch Flugblattaktionen. Die Flugblätter waren kurz und direkt, etwa: „Macht endlich Schluss mit der braunen Horde!“ Mit Schulkreide wurden regimekritische Parolen an Eisenbahnwaggons und Hauswände geschrieben.
Die Kölner Gruppen um Hans Steinbrück und um Gertrud Kühlem (Gertrud Koch) sind mit solchen Aktionen verbunden. Die Ehrenfelder Gruppe versteckte in den Trümmern Juden und versorgte sie mit, teilweise gestohlenen, Lebensmitteln. Die Zahl der ermordeten Edelweißpiraten ist unbekannt, weil die Quellen fast ausschließlich von den Tätern stammen und die Jugendlichen aus Angst keine Aufzeichnungen führten. Viele kannten einander nur unter Spitz- oder Vornamen. Wegen der unterschiedlichen Verfolgungs- und Mordmethoden ist eine vollständige Erfassung der Opfer nicht möglich; vermutlich überlebte nur eine Minderheit den Zweiten Weltkrieg. Ein Überlebender, Bruno Bachler, berichtete, nach der KZ-Haft einer Strafkompanie an der Ostfront zugeteilt worden zu sein, die Gefangene zum Räumen von Minenfeldern einsetzte.
Zeit nach 1945 und späte Anerkennung
Die Edelweißpiraten an Rhein und Ruhr bestanden bis etwa 1947 fort, nun richteten sich Aktivitäten auch gegen die westlichen Besatzungsmächte. In der Sowjetischen Besatzungszone bezeichnete der sowjetische Geheimdienst Jugendliche als Edelweißpiraten, denen Propagandaaktionen und Terrorakte im Auftrag der Briten vorgeworfen wurden. Bis Anfang der 1950er Jahre gab es in der DDR außerdem nationalsozialistisch gesinnte Gruppen dieses Namens, die unter anderem das Horst-Wessel-Lied sangen und als Werwolfgruppen galten. Mindestens zwei Edelweißpiraten wurden 1946 und 1947 in der Sowjetischen Besatzungszone hingerichtet.
Für viele Überlebende, besonders aus Arbeiterkreisen, setzte sich der soziale und rechtliche Überlebenskampf fort. Die Gruppen blieben aufgelöst; einzelne bewahrten Lebensweisen wie das Reisen als Tramps. In Ermittlungsbehörden und Gerichten arbeiteten häufig ehemalige Gestapo-Beamte weiter. Amerikanische Besatzungsbehörden akzeptierten das Verhalten vieler Edelweißpiraten nicht, weshalb es erneut zu Verurteilungen und Haftstrafen kam. Entschädigungsanträge wurden mancherorts behindert oder Betroffene eingeschüchtert.
Seit den 1980er Jahren veröffentlichten ehemalige Mitglieder biografische Berichte. Diese ergänzten die Gestapo- und Nachkriegsakten um die Perspektive der Betroffenen. Gertrud Koch, das letzte bekannte Mitglied der Edelweißpiraten, starb am 20. Juni 2016.
1984 wurden Jean Jülich, Michael Jovy und postum Barthel Schink in Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. In Köln-Ehrenfeld erinnert seit dem 9. November 2003 eine Gedenktafel an 13 Deutsche, darunter jugendliche Edelweißpiraten, die am 10. November 1944 ohne Gerichtsurteil von Gestapo und SS öffentlich gehängt wurden. 2005 erkannte Regierungspräsident Jürgen Roters die Kölner Edelweißpiraten offiziell als Widerstandskämpfer an. 2008 erhielten Gertrud Koch, Jean Jülich, Wolfgang Schwarz und Fritz Theilen die Heine-Büste der Stadt Düsseldorf. 2011 wurden fünf noch lebende Mitglieder beziehungsweise Zeitzeugen mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Das Denkmal „Singender Baum“ für die Nippeser Edelweißpiraten wurde am 30. April 2025 eingeweiht.
Erinnerung und weitere Jugendopposition
Die Geschichte der Edelweißpiraten wurde in Dokumentar- und Spielfilmen, Theater, Musik und Jugendromanen aufgegriffen. Dazu gehören der Dokumentarfilm „Nachforschungen über die Edelweißpiraten“ von 1980, der Kinofilm „Edelweißpiraten“ von Niko von Glasow aus dem Jahr 2004 sowie der Dokumentarfilm „Jugendliche im Widerstand: Edelweißpiraten“ von 2022, der am 25. April 2023 auf arte erstausgestrahlt wurde. Seit Juni 2005 findet im Kölner Friedenspark jährlich ein Edelweißpiratenfestival statt.
Die Edelweißpiraten waren Teil einer größeren Vielfalt oppositioneller Jugendbewegungen im Nationalsozialismus. Im Artikel werden außerdem die Leipziger Meuten, die Schwarzen Scharen und die Swing-Jugend genannt.