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Wandervogel

Der Erste Weltkrieg schuf neue Verhältnisse auch für die Jugendbewegung und den Wandervogel. Den entscheidenden Einschnitt bildete aber erst die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Anfänge und Vereinsgründung
  3. 3. Spaltung, Wachstum und Einigung
  4. 4. Krieg, Bündische Jugend und Auflösung
  5. 5. Österreich, Schweiz und langfristige Wirkung

Grundidee und Bedeutung

Als Wandervogel oder Wandervogelbewegung wird eine 1896 in Steglitz, heute Berlin, entstandene Jugendbewegung bezeichnet. Ihre Mitglieder waren hauptsächlich Schüler und Studenten bürgerlicher Herkunft. Vor dem Hintergrund der Industrialisierung und angeregt durch romantische Ideale wollten sie sich von den engen Vorgaben der Schule und der bürgerlichen Gesellschaft lösen und in der Natur eine selbstbestimmte Lebensweise entwickeln.

Im Mittelpunkt standen mehrtägige Wanderfahrten, Naturerlebnisse, Gemeinschaft und gemeinsames Singen. Hinzu kamen ein einfacher Lebensstil, besondere Kleidung und eine Rückbesinnung auf Volkslieder und eine als ursprünglich verstandene Volkskultur. Der Wandervogel gilt als Beginn der deutschen Jugendbewegung und gab der Reformpädagogik, der Freikörperkultur und der Lebensreformbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wichtige Impulse.

Die Jugendlichen organisierten viele Aktivitäten weitgehend selbst. Führungspersönlichkeiten hatten jedoch häufig großen Einfluss. Mit der schnellen Ausbreitung im deutschsprachigen Raum entstanden unterschiedliche Vorstellungen über Organisation, Alkoholabstinenz, die Beteiligung von Mädchen, den Einfluss Erwachsener und die gesellschaftliche Ausrichtung. Dies führte zu zahlreichen Spaltungen und Neugründungen. Gegenüber parteipolitischer Einflussnahme bemühten sich die Verantwortlichen meist um Neutralität.

Anfänge und Vereinsgründung

Die Vorphase wurde von Hermann Hoffmann geprägt. Nach ersten eigenen Wandererfahrungen veranstaltete er mit Schülern des Gymnasiums Steglitz ab 1896 Fahrten: zunächst eine eintägige Wanderung in den Grunewald, 1897 eine zweiwöchige Harzfahrt mit 15 Teilnehmern, 1898 eine vierwöchige Fahrt von Thüringen über den Spessart nach Köln mit 11 Teilnehmern und 1899 eine vierwöchige Böhmerwaldfahrt. Bereits damals bestanden feste Hierarchien: Hoffmann hieß „Oberhäuptling“, erfahrene Teilnehmer „Wanderburschen“, Anfänger „Wanderfüchse“ und die Gruppen „Herden“. Ende 1900 bestimmte Hoffmann Karl Fischer zu seinem Nachfolger und regte an, diese Form des Jugendwanderns über Steglitz hinaus zu verbreiten.

Am 4. November 1901 wurde im Ratskeller des Steglitzer Rathauses der „Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten e. V.“ gegründet. Die Rechtsform sollte die Wandergruppen gegenüber Eltern und Schule absichern. Karl Fischer erhielt als Geschäftsführer weitreichende Befugnisse, nannte sich „Oberbachant“ und orientierte die Organisation an mittelalterlichen fahrenden Schülern. Wanderführer hießen „Bachanten“, die übrigen Mitglieder „Scholaren“. Über die Aufnahme neuer Teilnehmer entschied Fischer; außerdem verlangte er ein Treuegelöbnis. Ein gemeinsamer Erkennungspfiff, der Gruß „Heil!“, Volks- und Marschlieder sowie eine besondere Wandertracht schufen einen eigenen Gruppenstil.

1903 erkannte das preußische Kultusministerium den Verein an. Da Schüler nach preußischem Recht keinem außerschulischen Verein angehören durften, musste er offiziell als Erwachsenenverein auftreten. Im selben Jahr wurden bei 13 Fahrten und insgesamt 103 Wandertagen 250 jugendliche Teilnehmer registriert. Zwischen 1901 und 1904 entstanden weitere Ortsgruppen in Lüneburg, Posen, München und Rawitsch.

Fischers stark auf seine Person zugeschnittene Führung löste Konflikte aus. Nach einem Streit trat er 1904 als Oberbachant zurück. Am 29. Juni 1904 wurde der ursprüngliche Verein aufgelöst. Aus ihm gingen der lokal ausgerichtete „Wandervogel – eingetragener Verein zu Steglitz“ und der an Fischers Vorstellungen anknüpfende „Alt-Wandervogel“ hervor.

Spaltung, Wachstum und Einigung

Von 1904 bis 1911 bestanden mehrere Wandervogelbünde mit unterschiedlichen Programmen nebeneinander. Der Steglitzer Verein ersetzte das Amt des Oberbachanten durch ein siebenköpfiges Führerkollegium. Er bevorzugte ruhiges Wandern und ein besinnliches Naturerlebnis. Im Dezember 1912 hatte er 715 jugendliche Mitglieder, darunter 216 junge Frauen, sowie 414 erwachsene Mitglieder.

Der Alt-Wandervogel entwickelte sich zum größten und am weitesten verbreiteten Bund. Seine Mitgliederzahl stieg von 681 Schülern im Jahr 1905 auf 2076 in 44 Ortsgruppen im Jahr 1908; 1912 waren es rund 15.000 Mitglieder in etwa 300 Ortsgruppen. Fischer trat am 1. Januar 1906 zurück und verließ den Bund im August 1906 endgültig. Ein fünfköpfiges Führerkollegium übernahm die Leitung, während die mittelalterlichen Amtsbezeichnungen entfielen. Später entstanden Konflikte um Wilhelm Jansen und dessen Beziehungen zu jugendlichen Mitgliedern. Er musste 1908 seine Ämter niederlegen und wurde 1910 ausgeschlossen. Die öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung um Homosexualität belastete die Bewegung.

1907 trennte sich die Jenaer Ortsgruppe vom Alt-Wandervogel, nachdem ihre Forderung nach Alkohol- und Nikotinabstinenz auf Fahrten abgelehnt worden war. Daraus entstand der „Wandervogel, Deutscher Bund für Jugendwanderungen“. Er verlangte strenge Abstinenz, befürwortete gemeinsame Wanderungen von Jungen und Mädchen, wollte Jugendliche aller gesellschaftlichen Gruppen erreichen und gab seinen Ortsgruppen weitgehende Selbstverwaltung. Ende 1911 gehörten ihm 8138 Schüler in 210 Ortsgruppen an. Aus seinem Umfeld stammte der von Hans Breuer herausgegebene „Zupfgeigenhansl“, eine einflussreiche Volksliedsammlung.

1910 entstand als weitere Abspaltung der Jung-Wandervogel. Unter der Devise „Weg mit den Oberlehrern!“ wandte er sich gegen den starken Einfluss Erwachsener. Seine föderal aufgebauten Ortsgruppen sollten klein bleiben; insgesamt umfasste er 3700 Schüler in 112 Ortsgruppen, durchschnittlich 33 je Gruppe.

Einigungsversuche führten am 8. Januar 1911 zum Verband Deutscher Wandervögel. Streitfragen wie Mädchenwandern, Abstinenz und die Aufnahme von Volksschülern blieben allerdings ungelöst. Im Juni 1912 entstand der „Wandervogel e. V., Bund für deutsches Jugendwandern“. Der Steglitzer Verein ging Ende 1912 vollständig in ihm auf, der Deutsche Bund folgte am 5. Januar 1913. Der Alt-Wandervogel trat offiziell nicht bei, obwohl sich zwei Drittel seiner Ortsgruppen anschlossen; auch der Jung-Wandervogel blieb selbstständig. Der neue Bund vereinte dennoch den zahlenmäßig größten Teil der Bewegung.

Krieg, Bündische Jugend und Auflösung

Am Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner am 11. und 12. Oktober 1913 nahm der Wandervogel e. V. offiziell nicht teil, obwohl er an der Vorbereitung beteiligt gewesen war und viele seiner Mitglieder anwesend waren. Die dort entwickelte Meißner-Formel brachte das Ideal einer selbstbestimmten Jugend zum Ausdruck. Die Veranstaltung grenzte sich zugleich von den patriotischen Feiern des Kaiserreichs zum hundertjährigen Gedenken an die Leipziger Völkerschlacht ab.

Der Erste Weltkrieg war eine schwere Zäsur. Rund 25 % der teilnehmenden Wandervogel-Mitglieder fielen; unter der Gesamtheit der deutschen Soldaten betrug die Quote etwa 15 %. Unter den Wandervögeln gab es zudem 2200 Ernennungen zu Unteroffizieren und 1900 zu Offizieren. Das Kriegserlebnis spaltete die Generationen und förderte den Übergang zur Bündischen Jugend. Diese verband Wandern, Naturerleben und Volkskultur stärker mit gesellschaftlichem und politischem Engagement. 1919 war außerdem eine Hundertschaft aus Wandervogel-Mitgliedern etwa ein halbes Jahr als Freikorps in Oberschlesien im Einsatz.

Nach dem Krieg entstanden zahlreiche neue Zusammenschlüsse. Im Alt-Wandervogel sollte ein enger, ordensähnlicher Lebensbund entstehen. Der Einfluss Erwachsener wurde eingeschränkt, Mitglieder über 21 Jahre wurden mit Ausnahme der Gruppenleiter ausgeschlossen und 1920 wurde der Mädchenbund abgetrennt. Dadurch verlor der Alt-Wandervogel fast die Hälfte seiner rund 6000 Mitglieder. Der größere Wandervogel e. V. zerfiel in zunehmend selbstständige Landesverbände und wurde 1922 formal aufgelöst. Andere Gruppen hielten stärker am koedukativen, unpolitischen Wandern und an einer breiten Mitgliedschaft fest.

1923 vereinigten sich mehrere bündisch ausgerichtete Wandervogelgruppen zum „Wandervogel, Deutsche Jungenschaft“, später „Alt-Wandervogel, Deutsche Jungenschaft“. Anfang 1926 gingen größere Wandervogel- und Pfadfinderorganisationen in der Deutschen Freischar auf. Damit waren die wichtigsten Wandervogelbünde organisatorisch Teil der Bündischen Jugend geworden. Auch der Fahrtenstil wandelte sich: Jugendherbergen ersetzten häufig Zelt oder Heulager, die Kleidung wurde schlichter und aus locker wandernden Gruppen wurden unter dem Einfluss der Pfadfinder eher geschlossene Formationen mit Wimpel.

Zwischen 1933 und 1935 verboten und unterdrückten die Nationalsozialisten die verbliebenen Wandervogelbünde und gliederten sie in die Hitlerjugend ein. Nach 1945 entstanden mehrere Gruppen neu, erreichten aber nicht mehr die frühere Bedeutung. Zu den größeren bis heute bestehenden Bünden gehören der Nerother Wandervogel und der Zugvogel – deutscher Fahrtenbund mit jeweils mehreren hundert Mitgliedern.

Österreich, Schweiz und langfristige Wirkung

Der Österreichische Wandervogel wurde 1911 von Hans Mautschka gegründet. Die rechtlich gültige Gründungsversammlung fand am 30. Juni 1911 in Wien unter dem Namen „Österreichischer Wandervogel, Bund für deutsches Jugendwandern“ statt. Seine Mitglieder strebten ein einfaches, gesundes und naturbezogenes Leben ohne Alkohol, Nikotin und andere Drogen an. Wichtige Aktivitäten waren Wandern, Singen, Literatur, Volkslied, Volkstanz und Laienspiel. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Bund jedoch auch deutschnational und antisemitisch ausgerichtet; 1913 schloss er Juden, „Slaven“ und „Welsche“ von der Mitgliedschaft aus. Die Darstellung dieses Abschnitts im Ausgangsartikel ist als nicht neutral umstritten.

Der österreichische Bund war 1936 bis 1937 verboten und wurde am 12. März 1938 erneut aufgelöst. 1947 erfolgte seine Neugründung. Seit den 1950er- und 1960er-Jahren verlor die deutschnationale Orientierung bei der jüngeren Generation an Bedeutung; zugleich kam es zu Auseinandersetzungen mit älteren Mitgliedern über rechtsgerichtete Traditionen. Später engagierten sich Mitglieder unter anderem in der Umwelt-, Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung. 2011 setzte sich der Bund anlässlich seines hundertjährigen Bestehens in der Kefermarkter Erklärung mit seiner Geschichte auseinander.

Heute gliedert sich der Österreichische Wandervogel in den „Jungen Wandervogel“, den „Familienkreis“ sowie den „Sing- und Wanderkreis“. Der Junge Wandervogel umfasst etwa 80 aktive Mitglieder zwischen 8 und 26 Jahren. Jugendliche leiten ihre Gruppen und organisieren Lager und Auslandsfahrten selbst. Zu den Grundsätzen gehören Selbstständigkeit, Verantwortung, Naturschutz, politische und religiöse Unabhängigkeit, Gleichberechtigung sowie eine Freizeitgestaltung ohne Alkohol, Nikotin und andere Drogen. Geschlafen wird unter freiem Himmel oder in Kohten und Jurten, gekocht auf offenem Feuer.

In der Schweiz entstand 1907 der „Wandervogel. Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen“. Vor 1918 erreichte er mit 1500 Mitgliedern seine größte Verbreitung; 1955 wurde er formal aufgelöst.

Die Wandervogelbewegung beeinflusste die gesamte Jugendarbeit. Wandern und „auf Fahrt gehen“ wurden von vielen anderen Organisationen übernommen. Das Jugendherbergswerk und die Reformpädagogik haben wesentliche Wurzeln in der Bewegung. Auch das 1909 entstandene Volksliederbuch „Der Zupfgeigenhansl“ fand weite Verbreitung. Dauerhaft wirksam blieben besonders die Ideale eines einfachen Lebens, des Naturerlebens, der Gemeinschaft und der Selbstverantwortung.

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