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Ecclesia und Synagoge
Ecclesia und Synagoge, auch Ekklesia und Synagoga, sind zwei allegorische weibliche Figuren, die in der christlichen Ikonographie des Mittelalters …
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Grundidee und Bedeutung
Ecclesia und Synagoge, auch Ekklesia und Synagoga, sind allegorische weibliche Figuren der christlichen Kunst des Mittelalters. Eine Allegorie stellt eine abstrakte Idee als Person dar. Ecclesia verkörpert das Christentum beziehungsweise die christliche Kirche, Synagoge das Judentum. Meist erscheinen sie als Gegensatzpaar nach dem Schema von Typus und Antitypus, also als Gegenüberstellung von alttestamentlicher Vorform und neutestamentlicher Erfüllung.
Die Darstellungen sind Ausdruck der Substitutionstheologie. Nach dieser mittelalterlichen christlichen Auffassung habe die Kirche das Judentum als Volk Gottes abgelöst. Das Figurenpaar vermittelt daher ein starkes Überlegenheitsgefühl der christlichen Kirche gegenüber dem Judentum. In einer weiteren Deutung steht Ecclesia für das neutestamentliche Evangelium und Synagoge für das alttestamentliche Gesetz.
Namen der Figuren
Der Name Ecclesia geht auf das altgriechische Wort ἐκκλησία (ekklēsía) für „Volksversammlung“ zurück. Im kirchlichen Latein bezeichnete er zunächst die örtliche christliche Gemeinde. Im Mittelalter wurde der Begriff außerdem auf das Kirchengebäude und auf das Christentum insgesamt übertragen.
Synagoge geht ebenfalls auf eine altgriechische Bezeichnung für „Versammlung“ zurück. Besonders im Mittelalter konnte das Wort sowohl den jüdischen Sakralbau als auch die jüdische Gemeinde und das Judentum insgesamt bezeichnen. Synagoga ist lediglich die latinisierte Form von Synagoge. Beide Bezeichnungen sind synonym und besitzen dieselben Bedeutungen; die Behauptung, nur die Figur müsse „Synagoga“ heißen, trifft daher nicht zu.
Bildprogramm und religiöse Deutung
An Kirchenportalen stehen Ecclesia und Synagoge häufig zu beiden Seiten einer Darstellung Jesu im Bogenfeld. Das Portal wird dadurch sinnbildlich als Tür zum Himmel oder zum Heil gekennzeichnet. Unter Bezug auf das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen in Matthäus 25,1–13 werden beide Frauen als „Bräute Christi“ gedeutet: Ecclesia erscheint auf das himmlische Hochzeitsmahl vorbereitet, während Synagoge sich nach dieser christlichen Bildaussage in blindem Unverständnis abwendet.
Zugleich enthält die mittelalterliche Deutung die Vorstellung eines zukünftigen Heils für das Judentum. Obwohl Synagoge als blind für das christliche Heilsgeschehen dargestellt wird, soll der aus christlicher Sicht wahre Messias am Ende der Welt ihren Schleier entfernen und sie ebenfalls zum Heil führen. Dabei gilt sie weiterhin als Allegorie des von Gott erwählten Volkes. Als biblische Bezugspunkte nennt der Artikel Deuteronomium 7,6–9 und Römer 11,1–36.
Kennzeichen von Ecclesia und Synagoge
Ecclesia wird als schöne und stolze Frau gezeigt. Ihre Krone ist ein Herrschaftszeichen, das Kreuz steht für das Christentum und der Kelch für den neuen Bund. In Darstellungen der Kreuzigung kann sie mit dem Kelch das Blut aus der Wunde Christi auffangen. Im direkten Figurenpaar erscheint sie als Siegerin über Synagoge.
Synagoge wird dagegen meist als schwache und geschlagene Frau mit abgewandtem Gesicht dargestellt. Eine zu Boden gefallene Krone und eine zerbrochene Lanze oder Fahne versinnbildlichen nach der mittelalterlichen Bildaussage den Verlust der Vorherrschaft an das Christentum. Die Augenbinde steht für die behauptete Blindheit des Judentums gegenüber Jesus von Nazaret als Messias. Weitere mögliche Attribute sind fallende Gesetzestafeln, eine aus der Hand gleitende Torarolle oder ein Ziegenkopf als Symbol des Sündenbocks. Manchmal erscheint Synagoge zusammen mit dem Teufel. Diese herabsetzenden Merkmale spiegeln die damalige christliche Sicht auf das Judentum wider.
Mittelalterliche Beispiele
Besonders bekannte Skulpturenpaare befinden sich an der Kathedrale Notre-Dame in Paris, am Bamberger Dom, am Freiburger Münster, am Straßburger Münster, an der Kathedrale von Metz und an der Liebfrauen-Basilika in Trier. Am Fürstenportal des Bamberger Doms trägt Ecclesia eine Krone; Synagoge hat verbundene Augen, einen zerbrochenen Stab und fallende Gesetzestafeln.
Eine Einzeldarstellung der Ecclesia enthält der zwischen 1175 und 1195 entstandene Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg. Diese lateinische Enzyklopädie diente der Unterweisung von Klosterfrauen. In der Darstellung Das Gebäude der Kirche mit den Gläubigen erscheint die Kirche als zweistöckiges Gebäude. Oben steht sie als Person, Königin und Mutter („Regina Ecclesia“) bei Aposteln, Päpsten, Bischöfen und Ordensvorstehern; unten befinden sich die Jugend und der hörende Teil der Kirche. Je ein Prophet und Evangelist stehen in Kreisen an den vier Bildecken, während über dem Gebäude gute und böse Geister kämpfen.
Im um 1220 geschaffenen Evangelistar Codex Bruchsal 1 erscheint das Paar in einer Kreuzigungsszene. Ecclesia schwebt rechts vom Gekreuzigten – im Bild links – auf einer Muschel, fängt sein Blut mit einem Kelch auf und trägt eine Siegesfahne. Synagoge steht auf der anderen Seite, trägt eine Augenbinde und hält mit Dornenkrone und Essigstab zwei Marterwerkzeuge Christi.
Fortleben und Neubewertung
Seit der Reformation wurde das Motiv deutlich seltener. Dennoch kam es in ungefähr 30 Kirchenbauten des Deutschen Kaiserreichs vor, darunter in Maria Laach (1910–1912), Dortmund (1914–1916), Berlin-Prenzlauer Berg (1911–1927), Münster (1911) und Straßburg um 1900. Notker Becker griff es 1932/33 für die Anstaltskirche zur Hl. Familie in Branitz auf.
Auch nach 1945 und trotz einer zunehmenden theologischen Neubewertung des Verhältnisses zum Judentum blieb Synagoge in mindestens einem Dutzend Fällen mit zerbrochenem Stab dargestellt. Beispiele sind der Hochaltar des Passauer Doms von Josef Henselmann (1947–1953), ein Glasfenster der Kirche Namen Jesu in Wien von Oswin Amann (1950) und der Ambo des Mönchengladbacher Münsters von Elmar Hillebrand (1991).
Neuere Werke verzichten teilweise auf negative Zeichen und betonen ein erneuertes Verhältnis zwischen Juden und Christen. Auf einem Glasfenster von Paul Weigmann in St. Barbara in Bonn-Ippendorf (1995) hält Synagoge eine Thorarolle. Auch Franz Hämmerles Statue für die Versöhnungskirche in Dachau (1999) gehört zu diesem Ansatz. Die 2015 an der St. Joseph’s University in Philadelphia errichtete Skulptur Synagoga and Ecclesia in Our Time entstand zum 50-jährigen Jubiläum der päpstlichen Erklärung Nostra aetate. Sie zeigt die Personifikationen von Judentum und Christentum in harmonischer Eintracht.