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Drei-Sektoren-Hypothese

Die Drei-Sektoren-Hypothese ist eine Theorie in der Volkswirtschaftslehre, welche die Volkswirtschaft in drei Sektoren aufteilt: Rohstoffgewinnung (primärer …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern der Drei-Sektoren-Hypothese
  2. 2. Wirtschaftliche Entwicklung und Strukturwandel
  3. 3. Grundlagen des Strukturwandels nach Fourastié
  4. 4. Die drei Entwicklungsphasen
  5. 5. Kritik und Fehlprognosen

Kern der Drei-Sektoren-Hypothese

Die Drei-Sektoren-Hypothese ist eine Theorie der Volkswirtschaftslehre. Sie teilt die Wirtschaft in drei Bereiche ein: den primären Sektor der Rohstoffgewinnung, den sekundären Sektor der Rohstoffverarbeitung und den tertiären Sektor der Dienstleistungen. Ausgearbeitet wurde sie von den britischen Wirtschaftswissenschaftlern Allan G. B. Fisher im Jahr 1935 und Colin G. Clark im Jahr 1940. Wegen Clarks Bezug auf eine Äußerung von Sir William Petty aus dem Jahr 1690 wird sie manchmal auch „Petty’s Law“ genannt. In Deutschland wurde sie vor allem durch die Übersetzung einer Arbeit des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Jean Fourastié bekannt.

Die zentrale Aussage lautet, dass sich der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Tätigkeit im Verlauf der Entwicklung zunächst vom primären zum sekundären und anschließend zum tertiären Sektor verlagert. Mit dieser Entwicklung verbindet Fourastié steigenden Wohlstand, mehr soziale Sicherheit, ein Aufblühen von Bildung und Kultur, ein höheres Qualifikationsniveau, eine Humanisierung der Arbeit und die Vermeidung von Arbeitslosigkeit.

Wirtschaftliche Entwicklung und Strukturwandel

Länder mit geringem Pro-Kopf-Einkommen haben nach der Hypothese einen niedrigen Entwicklungsstand. Ihr Bruttoinlandsprodukt wird vor allem im primären Sektor, insbesondere durch landwirtschaftliche Produktion, und im tertiären Sektor, etwa durch Dienstleistungen im Tourismus, erwirtschaftet. Die Deviseneinnahmen aus Dienstleistungen können dabei gegenüber den Einnahmen aus dem primären Sektor eine dominierende Rolle spielen.

Schwellenländer mit durchschnittlichem Pro-Kopf-Einkommen erzielen ihr Einkommen zunächst vorwiegend im sekundären Sektor. In den letzten 20 bis 30 Jahren vollzieht sich jedoch auch dort eine Verlagerung. Die Beschäftigtenzahl und die Wertschöpfung des primären Sektors stagnieren, während Beschäftigung und Einnahmen im tertiären Sektor zunehmen. Als ein Grund wird die Umstrukturierung zum Tourismus genannt.

In hoch entwickelten Ländern mit hohem Einkommen besitzt der tertiäre Sektor den dominierenden Erwerbsanteil am Gesamteinkommen. Für Deutschland zeigen die Beschäftigtenzahl oder der Anteil am Bruttosozialprodukt, dass das Land bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Agrargesellschaft und bis in die 1970er-Jahre des 20. Jahrhunderts eine Industriegesellschaft war. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gewann der tertiäre Sektor stark an Bedeutung und übertraf bei der Wertschöpfung bald den sekundären Sektor. Deutschland wird deshalb seit dieser Zeit als Dienstleistungsgesellschaft bezeichnet.

Grundlagen des Strukturwandels nach Fourastié

Fourastiés Erklärung des Strukturwandels beruht auf mehreren Annahmen:

  • Im primären und sekundären Sektor werden durch technischen Fortschritt und steigende Produktivität immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Für den tertiären Sektor nimmt Fourastié diesen Rückgang zunächst nicht in gleicher Weise an.

  • Eine Marktsättigung tritt bei Produkten des primären Sektors am schnellsten ein, danach bei Produkten des sekundären Sektors. Die Nachfrage nach Dienstleistungen des tertiären Sektors gilt dagegen als unbegrenzt und dauerhaft.

  • Allgemeiner Wohlstand verändert die Werte und Bedürfnisse der Menschen. Zeit wird kostbarer, Bildung und Individualisierung nehmen zu, und dadurch steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen.

  • Der technische Fortschritt führt zu einer „Vergeistigung der Arbeit“. Auch in der Produktion werden mehr Vorbereitung, Organisation und Planung und weniger manuelle Tätigkeiten benötigt. Dadurch wächst insbesondere der Bedarf an produktionsnahen Dienstleistungen.

Die drei Entwicklungsphasen

Fourastié beschreibt die Verschiebung der Beschäftigtenquote in drei Phasen.

In der ersten Phase, den traditionellen Zivilisationen, entfallen 70 % der Beschäftigten auf den primären Sektor, 20 % auf den sekundären und 10 % auf den tertiären Sektor. Die Gesellschaft ist noch wenig entwickelt. Landwirtschaft wird überwiegend zur Selbstversorgung betrieben, und Maschinen werden kaum eingesetzt. Als Beispiele für diesen Entwicklungsstand nennt der Artikel europäische Staaten im frühen Mittelalter oder Entwicklungsländer.

In der zweiten Phase, der Übergangsperiode, beträgt die Beschäftigtenquote 20 % im primären, 40 % im sekundären und 40 % im tertiären Sektor. Im primären Sektor werden zunehmend Maschinen eingesetzt, wodurch der Bedarf an Arbeitskräften sinkt. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Maschinen, die der sekundäre Sektor produziert. Die Übergangsphase beginnt mit einem Vorgang, der der Industrialisierung entspricht, etwa fortschreitender Mechanisierung oder Automatisierung, Fließbandproduktion oder Manufaktur. Mit der Industrialisierung entstehen außerdem Synergieeffekte, zum Beispiel ein starkes Bank- und Kreditwesen, Verwaltungseinrichtungen, Technologie- und Forschungszentren, Universitäten und Gründerzentren. Dienstleistungen werden dadurch immer wichtiger.

In der dritten Phase, der tertiären Zivilisation, entfallen 10 % der Beschäftigten auf den primären, 20 % auf den sekundären und 70 % auf den tertiären Sektor. Primärer und sekundärer Sektor werden zunehmend automatisiert, sodass ihr Arbeitskräftebedarf sinkt. Der tertiäre Sektor wächst und prägt die Dienstleistungsgesellschaft. Wegen seines starken Wachstums wurde er später unterteilt; dabei entstand der quartäre Sektor, der sich hauptsächlich mit Informationen befasst.

Kritik und Fehlprognosen

Empirische Untersuchungen scheinen die Drei-Sektoren-Hypothese teilweise zu bestätigen. Allerdings ging die Beschäftigung im primären Sektor deutlich stärker zurück, als Fourastié vorhergesagt hatte. Für Deutschland weist das Statistische Bundesamt für 2014 folgende Anteile aus: 1,5 % im primären, 24,6 % im sekundären und 73,9 % im tertiären Sektor.

Fourastié machte mehrere Fehlprognosen. Erstens nahm er an, der Übergang vom sekundären zum tertiären Sektor werde die Arbeitslosigkeit beseitigen, weil Dienstleistungen nicht rationalisierbar seien. Den starken technischen Fortschritt im Dienstleistungssektor, etwa durch die Erfindung des Computers und die digitale Revolution, konnte er in den 1930er-Jahren nicht vorhersehen.

Zweitens erwartete er, dass es in der dritten Phase keinen hoch entwickelten Staat mit einem weiterhin starken sekundären Sektor geben werde. Deutschland widerlegt diese Annahme: Der sekundäre Sektor ist dort seit den 1950er-Jahren stark zurückgegangen, hat aber wegen der extrem hohen Exporte nicht das von Fourastié erwartete niedrige Niveau erreicht.

Drittens behauptete Fourastié, der tertiäre Sektor stelle immer hohe Bildungsanforderungen an die Beschäftigten. Tatsächlich gehören auch Reinigungs­kräfte, Schuhputzer, Paketboten und Liftboys zu den Dienstleistungsberufen. Viertens ist die vorhergesagte Einkommensangleichung auf hohem Niveau nicht eingetreten. In den meisten OECD-Staaten nimmt die Ungleichheit der Einkommensverteilung eher weiter zu.

Schließlich ist auch die ursprüngliche Abgrenzung des tertiären Sektors problematisch. Fourastié verstand ihn als Produktionssektor mit geringem oder fehlendem technischem Fortschritt und entsprechend geringen Produktivitätssteigerungen. Diese Beschreibung trifft heute nur noch auf wenige Dienstleistungsbereiche zu. Deshalb wird teilweise ein vierter Sektor, der Informationssektor, vorgeschlagen und eine Entwicklung zur Informations- oder Wissensgesellschaft statt zur reinen Dienstleistungsgesellschaft prognostiziert.

Lernvideos zu Drei-Sektoren-Hypothese

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