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Dirk Hoerder
Hoerder studierte nach dem Abitur 1963 Geschichte, Politikwissenschaft und ... Geschichte der deutschen Migration vom Mittelalter bis heute (München …
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Bedeutung und Ansatz
Dirk Hoerder (* 15. Mai 1943 in Eutin, Schleswig-Holstein) ist ein deutscher Historiker. Er war Professor für Sozialgeschichte Nordamerikas an der Universität Bremen und für globale Migrationen an der Arizona State University. Hoerder gilt als einer der Wegbereiter und führenden Vertreter der globalen Migrationsgeschichte.
Im Mittelpunkt seiner Forschung steht die Frage, wie Migration Gesellschaften verändert und wie Menschen, Kulturen und Regionen durch Wanderungsbewegungen miteinander verbunden werden. Hoerder erweiterte den Blick von der vor allem europäisch und transatlantisch geprägten Migrationsforschung auf weltweite Zusammenhänge. Migration und der durch sie ausgelöste kontinuierliche transkulturelle Wandel sind in diesem Verständnis keine historischen Ausnahmeerscheinungen, sondern ein konstituierendes Element der Menschheitsgeschichte.
Ein wichtiger Begriff ist die Akkulturation, also die schrittweise kulturelle Veränderung und Anpassung im Kontakt zwischen verschiedenen Gesellschaften. Hoerder ersetzte traditionelle, oft vereinfachende Begriffe wie Assimilation, Immigration und Emigration teilweise durch differenziertere Konzepte wie schrittweise Akkulturation. Sein Modell der transkulturellen Gesellschaftsstudien beschreibt Kulturen zugleich als regional verankert und als durch transkulturelle sowie interregionale Verknüpfungen geprägt.
Leben und wissenschaftliche Entwicklung
Nach dem Abitur 1963 studierte Hoerder Geschichte, Politikwissenschaft und Englisch an der Freien Universität Berlin und der University of Minnesota in Minneapolis-St. Paul. 1968 erwarb er den Master of Arts mit einer Arbeit über die revolutionären Townships von Massachusetts 1760–1780. Drei Jahre später promovierte er an der FU Berlin über die Logik der riots in diesen Jahren.
Beeinflusst von der Geschichtsschreibung der new left der 1960er und 70er Jahre deutete er die riots der scheinbar „unartikulierten“ Unterklassen als Auftakt zur Ära der europäischen Revolutionen. Ab 1969 war er Assistent an der FU Berlin, am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien und Fellow an der Harvard University.
Seit 1977 lehrte Hoerder an der Universität Bremen. 1980 gründete er das Labor Migration Project mit über 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 34 Kulturen Europas und Nordamerikas. Das Team nutzte unter anderem die bis dahin weniger beachtete nicht-englischsprachige Arbeiterpresse in den USA und Kanada. Auf dieser Grundlage wurde die Geschichte der proletarischen Massenmigrationen in den atlantischen Ökonomien neu konzipiert.
In den 1990er Jahren weitete Hoerder die Forschung von der transatlantischen Arbeitsmigration zur globalen Migrationsgeschichte aus. Er entwickelte am Beispiel Kanadas, ausgehend von Fernando Ortiz und kanadischen transdisziplinären Forschungen, das Konzept der Transkulturellen Gesellschaftsstudien. Hoerder ist Mitglied des Rates für Migration.
Forschungsschwerpunkte
Hoerders Arbeitsgebiete umfassen mehrere miteinander verbundene Felder:
- die Amerikanische Revolution und die frühe nationale Periode;
- Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftskritik, besonders Auslands- und Amerikastudien in Deutschland, Canadian Studies in Canada sowie Area Studies in der longue-durée-Perspektive;
- transatlantische Migration, europäische Ausgangskulturen und Deutschland als Transitland;
- globale Kontexte von Migration sowie globale Migrationsgeschichte und Akkulturation vom 11. bis zum 20. Jahrhundert;
- amerikanische Gewerkschafts- und vielkulturelle Arbeitergeschichte im 19. Jahrhundert;
- die Neuschreibung europäischer Geschichte unter den Gesichtspunkten Nationalbewusstsein, Migration und transkultureller Austausch;
- die Migrationslandschaft Nordamerika;
- nationale und multikulturelle Identitäten und Zugehörigkeiten;
- kanadische ethnische Geschichte, Nationsbildung und Multikulturalismus;
- Einwanderer-Erfahrungen aus lebensgeschichtlicher Perspektive.
Weitere Untersuchungen betrafen die Akkumulation von sozialem Kapital unter jungen Migranten und einheimischen Jugendlichen in England, Deutschland und Kanada in den 1990er und 2000er Jahren. Damit verbindet Hoerder Fragen der Migration mit Fragen sozialer Beziehungen, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Integration.
Zentrale Monografien
Zu Hoerders wichtigen Monografien gehören People and Mobs: Crowd Action in Massachusetts during the American Revolution, 1765–1780, das zugleich seine Dissertation von 1971 war, sowie Protest, Direct Action, Repression. Dissent in American Society from Colonial Times to the Present von 1977.
Creating Societies: Immigrant Lives in Canada (1999) untersucht das Leben von Einwanderern in Kanada. Das 2002 erschienene Werk Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium wurde 2003 mit dem Sharlin Prize der Social Science History Association ausgezeichnet. Es rekonstruiert Migrationen in der jüdisch-christlich-islamischen Mittelmeerwelt sowie indigene und kolonial induzierte Migrationen in allen Weltteilen seit dem 11. Jahrhundert.
Für das 19. Jahrhundert unterscheidet Hoerder mehrere teilweise überlappende Migrationssysteme: die Wanderungsräume Südostasiens und des Indischen Ozeans, das transatlantische und das russisch-sibirische System sowie das transpazifische und das nordchinesisch-mandschurische Migrationssystem. Weitere Monografien sind „To Know Our Many Selves Changing Across Time and Space“: From the Study of Canada to Canadian Studies (2010), Geschichte der deutschen Migration vom Mittelalter bis heute (2010) und Migrations and Belongings (2014).
Herausgeberschaften und Auszeichnungen
Hoerder gab zahlreiche Sammelwerke zur Arbeits-, Migrations- und transkulturellen Geschichte heraus. Dazu zählen Labor Migration in the Atlantic Economies (1985), The Immigrant Labor Press in North America, 1840s–1970s (1987, mit Christiane Harzig), Aufbruch in die Fremde. Europäische Auswanderung nach Übersee (1992, mit Diethelm Knauf), European Migrants: Global and Local Perspectives (1996, mit Leslie Page Moch) und The Historical Practice of Diversity: Transcultural Interactions from the Early Modern Mediterranean to the Postcolonial World (2003, mit Christiane Harzig und Adrian Shubert).
Weitere herausgegebene Werke behandeln transkulturelle Lebensläufe und soziales Kapital unter Jugendlichen, die Frage „What is Migration History?“, Migrationen zwischen dem Indischen, Atlantischen und Pazifischen Ozean sowie den Chinesischen Meeren, moderne nordamerikanische Migration, globale proletarische und geschlechtsspezifische Massenmigrationen und die Geschichte von Haus- und Pflegearbeitskräften.
Hoerder erhielt 1996 den John G. Diefenbaker Award des Canada Council, 2003 den Sharlin Prize der Social Science History Association und 2013 die Ehrendoktorwürde der Universität Nova Gorica in Slowenien.