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Tempo (Musik)
Zur genaueren Fixierung der Tempi erfand Johann Nepomuk Mälzel um 1815 das Metronom, mit dem der Grundschlag hör- und sichtbar gemacht werden konnte. Die …
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Grundidee und physikalische Definition
Das Tempo, auch Zeitmaß genannt, gibt an, wie schnell ein Musikstück gespielt wird. Es bestimmt damit die absolute Dauer der Notenwerte. In der Notenschrift zeigen Notenwerte zunächst nur relative Verhältnisse: Eine Viertelnote dauert beispielsweise doppelt so lange wie eine Achtelnote. Erst eine Tempobezeichnung legt fest, wie lange diese Werte tatsächlich dauern sollen. Viele Tempobezeichnungen beschreiben zugleich den gewünschten Ausdruck oder Charakter.
Bei konstantem Tempo gilt:
Tempo = Anzahl der gleichen Notenwerte / Zeitintervall
Tempo ist eine physikalische Quotientengröße aus Zahlenwert und Maßeinheit. Ein Beispiel ist 120 Achtelnoten pro Minute, musikalisch notiert als Achtelnote = 120. Weil 2 Achtelnoten = 1 Viertelnote sind, bezeichnet Viertelnote = 60 dasselbe Tempo. Ebenso entspricht dies 2 Achtelnoten pro Sekunde, da 1 Minute = 60 Sekunden gilt. Üblich ist in der Musik jedoch die Minute als Zeiteinheit.
Für die Dauer eines Stückes ergibt sich durch Umstellen:
Zeitintervall = Anzahl der Notenwerte / Tempo
Je höher das Tempo, desto kürzer ist bei gleicher Notenzahl die Spieldauer. Tempo ist deshalb streng genommen eher ein Geschwindigkeitsmaß als ein Zeitmaß. Bei Mozarts Sonate KV 331 bedeutet die nachträglich ergänzte Angabe Achtelnote = 120, dass 120 Achtelnoten pro Minute gespielt werden. Die ersten beiden Takte enthalten 12 Achtelnoten und dauern somit 6 Sekunden.
In der Unterhaltungsmusik und elektronischen Musik wird häufig BPM, also Beats per minute, verwendet. Analog gilt: Tempo = Anzahl der Beats / Zeitintervall. Dabei muss geklärt sein, welcher Notenwert als Beat zählt. Das Handbuch des Notensatzprogramms MuseScore legt BPM unabhängig von der Taktart als Viertelnoten-Schläge pro Minute fest.
Der wahrgenommene Tempoeindruck hängt nicht nur von der Schlagzahl ab. Auch Rhythmen, die Dichte des musikalischen Satzes, die Akustik des Raums sowie die Tagesform der Musiker und Zuhörer wirken darauf ein.
Tempowörter und Vortragscharakter
Seit dem 17. Jahrhundert werden in der abendländischen Kunstmusik vor allem italienische Tempo- und Ausdrucksangaben verwendet. Sie legen das Tempo nicht mathematisch genau fest und lassen den Ausführenden Spielraum. Ungefähr nach zunehmender Geschwindigkeit geordnet gelten folgende Hauptbezeichnungen:
• Langsame Tempi: Larghissimo = sehr breit; Grave = schwer; Largo = breit, langsam; Larghetto = etwas breit und schneller als Largo; Lento = langsam; Adagio = langsam, ruhig; Adagietto = ziemlich ruhig oder ziemlich langsam.
• Mittlere Tempi: Andante = ruhig gehend; Andantino = ein wenig schneller als Andante; Moderato = mäßig bewegt; Allegretto = etwas langsamer als Allegro.
• Schnelle Tempi: Allegro = schnell, ursprünglich munter oder fröhlich; Vivace beziehungsweise vivo = lebhaft; Vivacissimo = sehr lebhaft; Presto = sehr schnell; Prestissimo = äußerst schnell.
Diese Reihenfolge ist nur eine Orientierung. Die richtige Ausführung hängt auch von Taktart, Notenbild, Epoche und Art des Stückes ab. Außerdem verwendeten Komponisten teilweise deutschsprachige Anweisungen. Schubert, Schumann, Brahms und Mahler taten dies besonders im 19. Jahrhundert; Beethoven verwendete deutsche Spielanweisungen unter anderem in den Klaviersonaten op. 90 und op. 101. Tempoangaben können auch als Titel eines Werkes oder Satzes dienen.
Zusätze und Tempoänderungen
Zusätze präzisieren Tempo und Ausdruck. Häufig sind etwa assai = ziemlich oder sehr, cantabile = gesanglich, comodo = gemächlich, con brio = mit Schwung, con espressione = mit Ausdruck, con fuoco = mit Feuer, con moto = mit Bewegung, espressivo = ausdrucksvoll, giocoso = freudig oder verspielt, grazioso = mit Grazie, maestoso = majestätisch, marcato = markant, moderato = gemäßigt, molto = viel oder sehr, pesante = schwer oder wuchtig, scherzando = heiter, sostenuto = gehalten oder getragen, subito = plötzlich und tranquillo = ruhig. Die Ausdrücke non troppo und ma non troppo bedeuten „nicht zu sehr“ beziehungsweise „aber nicht zu sehr“. Poco heißt „etwas“, poco a poco „nach und nach“, più „mehr“ und meno „weniger“. Tempo giusto verlangt das angemessene oder übliche Zeitmaß.
Tempoänderungen können schrittweise oder unmittelbar verlangt werden:
• Beschleunigung: accelerando = beschleunigend; affrettando = eilend; incalzando = antreibend; più mosso = bewegter; stringendo = eilend oder vorwärts drängend.
• Verlangsamung: allargando = breiter und lauter werdend; calando = langsamer und leiser werdend; meno mosso = weniger bewegt; più lento = langsamer; rallentando = verlangsamend; ritardando = langsamer werdend; ritenuto = zurückhaltend; strascinando = schleppend.
• Freies Tempo: a piacere bedeutet frei im Tempo, ad libitum nach freier Wahl, rubato frei und nicht im strengen Zeitmaß, senza misura ohne Metrum und senza tempo ohne festgelegtes Tempo. Colla parte verlangt, einer freien Stimme zu folgen.
• Rückkehr: a tempo und tempo primo beziehungsweise tempo I führen zum ursprünglichen oder anfänglichen Tempo zurück. Al rigore di tempo verlangt striktes Tempo, misurato die Rückkehr zu strenger Taktordnung.
Doppio movimento bedeutet doppelt so schnell, doppio più lento halb so schnell. Bei alla breve wird statt zweier Zählzeiten nur noch eine gezählt.
Zahlenangaben und Metronom
Zur genaueren Festlegung eines Tempos erfand Johann Nepomuk Mälzel um 1815 das Metronom. Es macht den Grundschlag hör- und sichtbar. Die Metronomzahl, abgekürzt M. M. für Mälzels Metronom, gibt die Zahl der Schläge pro Minute an. Schon früher waren genaue Tempobestimmungen versucht worden: Michele Savonarola stellte um 1450 eine Beziehung zwischen Pulsfrequenz und den Tempograden der Mensuralmusik her. Johann Joachim Quantz orientierte seine Angaben 1752 an einem Puls von 80 Schlägen pro Minute; Frédéric Thiémé und C. Mason verwendeten Pendel.
Die auf Metronomskalen den Tempowörtern zugeordneten Zahlenbereiche sind nur Hinweise, keine verbindlichen Grenzen. Sie unterscheiden sich je nach Epoche, Kulturkreis und Fabrikat erheblich. So reicht Largo auf einer japanischen Skala des 21. Jahrhunderts von 44 bis 48, auf einer deutschen Skala des 20. Jahrhunderts von 40 bis 60 und auf einer französischen Skala des 19. Jahrhunderts von 42 bis 70. Auch die Reihenfolge kann abweichen: Larghetto liegt auf der französischen Skala bei 70 bis 98, während dort Adagio mit 98 bis 124 angegeben wird. Prestissimo beginnt je nach Skala bei 200 oder 208 Schlägen pro Minute.
Genaue BPM-Angaben sind besonders in der Unterhaltungsmusik praktisch. Sie erleichtern Produzenten das Erstellen von Remixen, DJs das Ineinandermischen von Liedern und Rappern das Einspielen einer weiteren Tonspur zu einem vorhandenen Beat.
Interpretation in der klassischen Musik
Vor der Erfindung des Metronoms ergab sich das Tempo klassischer Musik aus drei miteinander verbundenen Faktoren: den „natürlichen Tempi der Taktarten“, den kleinsten vorkommenden Notenwerten und den italienischen Tempowörtern, welche die ersten beiden Faktoren veränderten. Ein Stück mit Zweiunddreißigsteln wurde etwa langsamer verstanden als ein Stück, das überwiegend Sechzehntel oder Achtel enthielt. Auch später verzichtete Brahms trotz verfügbarer Metronome auf Metronomzahlen.
Die Taktart beeinflusst die Bedeutung eines Tempowortes. In der Musik der Klassik ist ein Andante im 3/8-Takt schneller als ein Andante im 3/4-Takt, dieses wiederum schneller als eines im 4/4-Takt. Entsprechend unterscheiden sich 2/2-, 2/4- und 2/8-Takt. Ein Allegro im barocken C-Takt ist langsamer als ein Allegro im klassischen oder modernen C- beziehungsweise 4/4-Takt.
Auch die Gattung oder Art des Stückes ist entscheidend. Chopins Polonaise op. 40 Nr. 2 steht wie sein Walzer op. 69 Nr. 1 im 3/4-Takt. Obwohl die Polonaise mit Allegro maestoso und der Walzer mit Lento bezeichnet ist, wird die Polonaise üblicherweise langsamer gespielt. Der Grund ist das unterschiedliche tempo giusto: Das normale Grundtempo eines Walzers ist erheblich schneller als das einer Polonaise. Bei Tänzen können Angaben wie Tempo di valse oder Tempo di minuetto genügen, weil sich das Tempo teilweise aus dem Charakter der Gattung ergibt.
Metronomzahlen des Komponisten besitzen wegen ihrer Authentizität mehr Verbindlichkeit als spätere Angaben von Herausgebern. Beethoven war der erste klassische Komponist, der Teile seiner Werke mit Metronomzahlen versah; bei 25 Werken ergänzte er Angaben nach der Mälzel-Skala. Dennoch weicht die Aufführungspraxis mitunter davon ab, wenn das Ergebnis unbefriedigend erscheint oder ein Defekt, Bedienfehler oder Ablesefehler vermutet wird. Die Angabe 138 für den ersten Satz der Hammerklaviersonate gilt fast allen Interpreten als übertrieben schnell. Auch Beethovens Symphonien werden allgemein langsamer gespielt als angegeben, ebenso Schumanns Kinderszenen. Als mögliche Erklärung wurde vorgeschlagen, Beethoven könne die Zahl unterhalb statt oberhalb des Metronomgewichts abgelesen haben; dies ist jedoch nur eine Interpretation.
Historische Anleitungen von Mälzel, Carl Czerny, Gottfried Weber und Adolf Bernhard Marx erklären übereinstimmend, dass ein einzelner Metronom- oder Pendelschlag einem Taktteil beziehungsweise angegebenen Notenwert entspricht. Mälzel betonte ausdrücklich, nicht beide Schläge einer Hin- und Herbewegung zusammenzuzählen.
Streit um die metrische Theorie
Die metrische Theorie von Retze Talsma und seinen Mitstreitern deutet historische Metronomangaben anders. Nach ihr bezieht sich ein „Schlag“ auf eine vollständige Schwingungsperiode des Pendels, also auf die gesamte Hin- und Herbewegung. Die bisher angenommenen Werte müssten deshalb halbiert werden. Talsma bezog diese Lesart nur auf schnelle Sätze wie Allegro und Presto; andere Vertreter übertrugen sie auch auf langsamere Tempi. Anlass waren unter anderem einzelne historische Angaben, die bei der üblichen Lesart unrealistisch schnell erscheinen.
Die Theorie ist umstritten. Musikwissenschaftler wie Wolfgang Auhagen und Klaus Miehling halten Mälzels Bedienungsanleitung für eindeutig und sehen darin keine Grundlage für eine Halbierung. Auch historische Rezensionen, die ausdrücklich schnelle und technisch herausfordernde Tempi erwähnen, sprechen dagegen. Hinzu kommen überlieferte Aufführungsdauern aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert, die nicht zu einer generell halbierten Lesart passen. Daher sollte die metrische Theorie als widersprochene Deutung und nicht als gesicherte Regel verstanden werden.
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