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Programmmusik
Programmmusik (von griechisch prógramma, öffentliche schriftliche Bekanntmachung) ist in der Regel Instrumentalmusik, die einem außermusikalischen Programm …
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Begriff und Kennzeichen
Programmmusik ist in der Regel Instrumentalmusik, die einem außermusikalischen Programm folgt. Sie soll bestimmte Bilder, Vorgänge oder Geschichten vorstellen; Überschriften und Titel können dieses Programm verdeutlichen. Sie unterscheidet sich damit von absoluter Musik, die keine außermusikalischen Inhalte darstellt.
Nach einer neueren Definition von Peter Petersen ist entscheidend, dass klingende Instrumentalmusik und außermusikalischer Text, Bild oder Handlung nicht gleichzeitig wahrgenommen werden. Hörende sollen aktiv mitvollziehen: Sie erinnern sich beim Hören an einen Text oder stellen sich beim Lesen eines Programms die Musik vor.
Nicht jeder bildhafte Titel bedeutet Programmmusik. Arthur Honeggers Sinfonie Nr. 5 (1950) heißt italienisch Di tre re, weil jeder ihrer drei Sätze mit leisen Paukenschlägen auf re (= D) endet. Auch Haydns Beinamen „L’Ours“ für Sinfonie Nr. 82 und „La Poule“ für Sinfonie Nr. 83 stammen vom Publikum und bezeichnen musikalische Eindrücke; sie beruhen nicht auf einem vom Komponisten geplanten Programm.
Tonmalerei bildet einen fließenden Übergang: Musikalische Mittel ahmen Geräusche oder Klänge außerhalb der Musik nach, etwa Vogelrufe. Sie kann sowohl in absoluter Musik als auch in Programmmusik vorkommen. Musik mit poetischem Programm, beispielsweise Beethovens 3. Sinfonie (Eroica) und 6. Sinfonie (Pastorale), ist lockerer mit ihrem Programm verbunden. Geheime, nicht öffentlich erklärte Programme sind ein Sonderfall, etwa bei Gustav Mahlers Sinfonien. Filmmusik, Militärmusik, Nationalhymnen, Vokalmusik und Popmusik werden üblicherweise trotz häufiger Textausdeutung nicht zur Programmmusik gezählt.
Frühe Formen bis zum Barock
Schon aus der griechischen Antike wird Programmmusik berichtet: Im Nomos des Sakadas zu Ehren Apollons wurde dessen Kampf mit einem Drachen auf dem Aulos, einem antiken Rohrblattinstrument, dargestellt. Sogar das Knirschen der Drachenzähne soll nachgeahmt worden sein.
In der Renaissance entwickelten sich im 16. Jahrhundert lautmalerische Modelle in französischer weltlicher Vokalmusik. Dazu gehörten Imitationen von Vogelstimmen, Schlachtendarstellungen und Glockengeläut. Beispiele sind Clément Janequins „La Guerre“ und „Le Chant des Oiseaux“ sowie Ludwig Senfls „Das Geläut zu Speyer“. Grégoire Brayssings „La Guerre - Feldtschlacht wie der loblicher Churfurst Herizogk Iohans Friderich Von Sachsen Vor Mülberg gefangen ist worden“ für vierchörige Gitarre ist ein frühes instrumental komponiertes Beispiel ohne vokale Vorlage.
Im Barock wurden äußere Eindrücke vielfach musikalisch umgesetzt. Heinrich Ignaz Franz Biber schilderte Tierstimmen in Sonata violino solo representativa (1669) und eine Schlacht in Sonata la Battaglia (1673). Johann Kuhnaus sechs Sonaten Musicalische Vorstellungen einiger biblischer Historien (Leipzig 1700) stellen biblische Szenen wie den Kampf Davids gegen Goliath dar. In Vivaldis Frühling aus Die vier Jahreszeiten sollen zweite Violinen raschelnde Äste und Blätter, Bratschen einen bellenden Hund wiedergeben. Auch Jean-Philippe Rameau imitierte in Cembalostücken Vogelrufe; trotz dieser Tonmalerei sind Motivverarbeitung und Klaviersatz streng gearbeitet.
Klassik und Romantik
In der Klassik dominierte zwar die absolute Musik, doch entstanden weiterhin wichtige programmatische Werke. Luigi Boccherinis Streichquintett Nr. 60 C-dur La Musica Notturna delle strade di Madrid op. 30 Nr. 6 (G. 324) schildert nach eigener Erläuterung des Komponisten nächtliche Straßenmusik in Madrid: Ave-Maria-Geläut, Bettler, Rosenkranzgebet, Straßensänger und das aus der Ferne heranziehende Aufziehen einer Nachtwache. Beethoven bezeichnete seine 6. Sinfonie Pastorale als „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“; wegen ihrer Naturstimmen kann sie dennoch als Programmmusik gelten. Wellingtons Sieg schildert die Schlacht bei Vitoria vom 21. Juni 1813.
In der Romantik wurde Programmmusik zu einer eigenständigen Richtung. Im 19. Jahrhundert standen ihre Anhänger den Vertretern absoluter Musik gegenüber. Die bevorzugte Form war die einsätzige sinfonische Dichtung; seltener entstand die mehrsätzige Programmsinfonie. Als Vater der moderneren Programmmusik gilt Hector Berlioz mit Symphonie fantastique (1830), Harold en Italie (1834) und Le carnaval romain (1844).
Franz Liszt schrieb dreizehn sinfonische Dichtungen, darunter Les Préludes (1848/56), Mazeppa (1851), Prometheus (1857), Die Ideale (1857), Hamlet (1858) und Die Hunnenschlacht (1850/55). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erreichte Programmmusik in romantischen nationalen Schulen einen Höhepunkt. Beispiele sind Mussorgskis Bilder einer Ausstellung und Eine Nacht auf dem kahlen Berge, Smetanas Die Moldau aus Mein Vaterland, Dvořáks Die Mittagshexe, Griegs Peer-Gynt-Suiten, Sibelius’ Finlandia op. 26, Nr. 7, Respighis Fontane di Roma sowie Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra (1896), Till Eulenspiegels lustige Streiche (1895), Ein Heldenleben (1899) und Eine Alpensinfonie (1915).
Typische Beispiele verdeutlichen das Verfahren besonders gut: In Bilder einer Ausstellung trägt jeder Satz den Titel eines von Victor Hartmann gemalten oder skizzierten Bildes. Die Moldau setzt unter anderem den Weg von der Quelle zum Fluss tonmalerisch um.
Programmmusik in der Moderne
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden weiterhin zahlreiche programmatische Werke. Nachromantische Beispiele sind sinfonische Dichtungen von Siegfried Wagner und Emil Nikolaus von Reznicek sowie Gustav Holsts Die Planeten und Arnold Bax’ Tintagel.
Auch die Moderne brachte bekannte Programmmusik hervor, obwohl die Werke stilistisch sehr verschieden sind: Mossolows Eisengießerei, Honeggers sinfonische Sätze Pacific 231 und Rugby sowie Messiaens Vingt regards sur l’enfant Jésus. Spätere Beispiele sind Mark-Anthony Turnages Three Screaming Popes für Orchester nach einer Bildvorlage von Francis Bacon und Peter Maxwell Davies’ Orchesterstück An Orkney Wedding (Eine Orkney-Hochzeit).