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Wirtschaftsinformatik

Die Wirtschaftsinformatik ist eine Wissenschaft, die sich mit Entwicklung und Anwendung von Informations- und Kommunikationssystemen in Wirtschaftsunternehmen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und wissenschaftliche Einordnung
  2. 2. Ziele, Systeme und Arbeitsfelder
  3. 3. Bezüge zu anderen Fachgebieten und typische Aufgaben
  4. 4. Entwicklung der Disziplin
  5. 5. Studium, Ausbildung und Beruf

Gegenstand und wissenschaftliche Einordnung

Wirtschaftsinformatik (WI) untersucht die Digitalisierung in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Sie entwickelt und nutzt Informations- und Kommunikationssysteme in Wirtschaftsunternehmen. Aus Sicht der Informatik ist sie Angewandte Informatik; zugleich verbindet sie besonders Betriebswirtschaftslehre und Informatik. Für Forschung, Lehre und Praxis sind außerdem Erkenntnisse aus Soziologie, Psychologie, Kybernetik, Systemtheorie und Nachrichtentechnik wichtig.

Als eigenständige Wissenschaft ist die Wirtschaftsinformatik vor allem im D-A-CH-Raum eingeordnet; international, besonders in den USA, heißt die verwandte Disziplin Information Systems (IS). WI ist eine Brücken- oder Schnittstellendisziplin, besitzt aber einen eigenen Aussagebereich: Sie betrachtet nicht nur den technischen Aufbau und die Nutzung von Informationssystemen, sondern auch deren wirtschaftlichen und soziologischen Einsatz. Sie erarbeitet Theorien, Methoden und Werkzeuge sowie intersubjektiv nachprüfbare Erkenntnisse, also Erkenntnisse, die andere nachvollziehen und überprüfen können.

Die Disziplin gilt vor allem als Realwissenschaft, hat aber Elemente einer Strukturwissenschaft. Weil sie Informationssysteme entwickelt, wird sie auch als Ingenieurwissenschaft verstanden; weil sie reale soziale und wirtschaftliche Systeme modelliert, kann sie ebenfalls als Sozialwissenschaft gelten. Informations- und Kommunikationssysteme müssen dabei nicht zwingend computergestützt sein. WI formuliert aus Modellen, Konzepten und Vorgehensweisen Anforderungen an Informationssysteme und erzeugt Informationsmodelle. Dabei stehen ökonomische Gesichtspunkte im Mittelpunkt. An Universitäten ist sie deshalb oft Wirtschafts- beziehungsweise Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zugeordnet, an Fachhochschulen etwa je zur Hälfte Informatik- oder wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen.

Ein wichtiges Ziel ist, aus Systemen ökonomisch verwertbare Daten, Informationen und Wissen zu gewinnen und diese durch Systeme bereitzustellen. Wissensmanagement hat insbesondere durch das Internet an Bedeutung gewonnen; E-Learning-Systeme und Wikis dienen der Wissensgenerierung, -verwaltung und -verbreitung. Bereits 2002 gab es an Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz über 200 Professuren für Wirtschaftsinformatik.

Ziele, Systeme und Arbeitsfelder

Die Wirtschaftsinformatik plant, entwickelt, implementiert, betreibt und verbessert Informations- und Kommunikationssysteme und untersucht ihren wirtschaftlichen Einsatz. Diese Systeme unterstützen formalisierte Geschäftsprozesse und strategische Entscheidungen in Unternehmen und öffentlicher Verwaltung. Nicht zum klassischen Arbeitsgebiet gehören beispielsweise Finite-Elemente-Systeme zur Berechnung technischer Bauteilspannungen oder allgemein verwendete Textverarbeitungsprogramme, die nicht dauerhaft in einem festgelegten formalen Rahmen eingesetzt werden.

Ziel ist ein realwissenschaftliches Verständnis von Einsatz, Akzeptanz, Management und Beherrschbarkeit von Informationssystemen. Langfristig wird eine Vollautomation angestrebt (Mertens '95), also ein vollständig automatisierter Betrieb. Ist sie nicht machbar oder nicht sinnvoll, bleibt Teilautomation: Die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine wird verändert, aber nicht vollständig automatisiert. Operative Systeme lassen sich in Administrations- und Dispositionssysteme unterscheiden.

Zentrale Arbeitsfelder sind Business Intelligence, Informationsmanagement, Informations- und Kommunikationssysteme, Internetökonomie und Prozessmanagement. Business Intelligence umfasst etwa betriebliches Datenmanagement, Data Warehouses, OLAP als multidimensionale Datenanalyse, Data-Mining und Process-Mining, Machine Learning, Künstliche Intelligenz, Data Science, Statistik, prädiktive Analytik, Operations Research, Entscheidungstheorie und Computersimulation. Informationsmanagement behandelt unter anderem IT-Governance, IT-Controlling, IT-Organisation, IT-Strategie, Unternehmensarchitektur, Enterprise-Content-Management, elektronische Archivierung, Information Retrieval und Wissensmanagement.

Weitere Felder sind Anwendungssysteme, Kommunikationssysteme, Entscheidungsunterstützungs- und Controllingsysteme, Führungs- und Handelsinformationssysteme, Produktionsplanung und -steuerung sowie Kollaborationssysteme. Zur Internetökonomie gehören beispielsweise Enterprise Application Integration, serviceorientierte Architekturen, Webservices, Microservices, Cloud Computing, E-Business und Online-Marketing. Prozessmanagement umfasst Business Process Management, Arbeitsabläufe und Service Engineering. Wichtige weiterentwickelte Werkzeuge sind Daten-, Informations- und Referenzmodelle. E-Government, E-Learning, E-Health, Mobile-Business und Very Large Business Applications werden ebenfalls genannt; einige Unterbereiche sind jedoch noch eher Schlagwörter als klar abgegrenzte Forschungszweige.

2010 plädierten zehn Professoren im Memorandum zur gestaltungsorientierten Wirtschaftsinformatik für mehr Gestaltungsorientierung bei wissenschaftlicher Rigorosität. Etwa 111 weitere Professoren identifizierten sich damit zumindest teilweise. Das Memorandum fordert unter anderem Regeln für rigorose Forschung, Kriterien für Gutachten, Nachwuchsauswahl, Berufungen und die Bewertung von Forschenden und Institutionen. Europäische WI löst häufig reale Probleme mit konstruktivistischen beziehungsweise gestaltungsorientierten Forschungsprojekten. Amerikanische IS-Forschung ist dagegen oft behavioristisch, beschreibt also vor allem Probleme und Verhalten.

Bezüge zu anderen Fachgebieten und typische Aufgaben

Aus der Praktischen Informatik sind Betriebssysteme, Rechnernetze, Algorithmen, Datenstrukturen, Programmiersprachen, Software Engineering und Datenbanken besonders bedeutsam. Algorithmen und Datenstrukturen ermöglichen die Erstellung von Programmen wie Anwendungssystemen; Software Engineering umfasst Planung, Analyse und Design von Software. Datenbanken dienen der dauerhaften Datenspeicherung, der Persistenz.

Betriebswirtschaftlich verbindet WI operative Funktionsunterstützung mit strategischer Entscheidungsunterstützung. Operative Prozesse sollen möglichst gut unterstützt werden und zugleich Daten für strategische Entscheidungen liefern. Beispiele für operative Systeme sind Materialwirtschaft, Produktion, Logistik, Kassensysteme, Customer-Relationship-Management, Vertragsmanagement, Rechnungswesen, Projektmanagement, Datenaustausch zwischen Unternehmen (EDI), Routenplanung und branchenspezifische Geschäftsfunktionen. Strategische Unterstützung betrifft beispielsweise Kalkulation, Marketing, Personalwirtschaft, Controlling, Berichtswesen, Geschäftsprozessmodellierung, Unternehmensführung und versicherungsmathematische Systeme.

Weitere prägende Fächer sind Ingenieurwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Systemwissenschaft, Psychologie und Soziologie. Ein enger Bezug besteht zum Wirtschaftsingenieurwesen, besonders bei Materialwirtschaft, Produktionsplanung und -steuerung sowie Logistik. Umgekehrt beeinflusste WI andere Fächer: Computational Economics beziehungsweise Volkswirtschaftsinformatik nutzt einen Teil ihrer Methoden für volkswirtschaftliche Methoden. Sozialinformatik passt Methoden und Ansätze der WI an die Bedürfnisse Sozialer Arbeit und ihrer Dienstleistungseinrichtungen an.

Bei IT-Projekten treten häufig Probleme auf: unrealistische oder ausufernde Anforderungen; unangemessene Zeitplanung und fehlende Neuschätzungen; Qualitätstests nur als Stichprobe statt eines projektweiten Kontrollprozesses; geringe Teamproduktivität; mangelhafte Projektplanung und Änderungseinschätzung; fehlende zielbezogene Evaluierung anhand entscheidungsrelevanter Kriterien; sowie kulturelle Unterschiede. Bei einigen traditionellen ostasiatischen Kulturen können Probleme wegen der starken Bedeutung guter Beziehungen nicht ausdrücklich benannt oder verschleiert werden.

Entwicklung der Disziplin

Die Wirtschaftsinformatik ging aus Elektronischer Datenverarbeitung, betrieblicher beziehungsweise betriebswirtschaftlicher Datenverarbeitung und Betriebsinformatik hervor. Die englischsprachige Schwesterdisziplin Information Systems war historisch stärker auf behavioristische Fragen wie Nutzung und Akzeptanz von Informationssystemen ausgerichtet. Diese Unterschiede verschwinden zunehmend.

Mitte der 1950er Jahre wurden erste EDV-Lehrveranstaltungen in betriebswirtschaftliche Studiengänge aufgenommen. 1958 gründete Ernst Peter Billeter das Institut für Automation und Unternehmensforschung an der Universität Freiburg. Bernhard Hartmann veröffentlichte 1961 Betriebswirtschaftliche Grundlagen der automatisierten Datenverarbeitung, das erste wissenschaftliche Werk, das ein spezifisches Problemfeld der späteren Wirtschaftsinformatik dokumentierte. Es folgten unter anderem 1963 Erwin Grochlas BIFOA in Köln, 1966 seine Monografie Automation und Organisation sowie Peter Mertens' Habilitationsschrift Die zwischenbetriebliche Kooperation und Integration bei der automatisierten Datenverarbeitung. Ab 1974 richteten TU Darmstadt, Johannes Kepler Universität Linz, TU Wien und Fachhochschule Furtwangen Studiengänge Wirtschaftsinformatik ein.

Als wichtige Organisationen entstanden 1975 die Wissenschaftliche Kommission Betriebsinformatik, seit 1987 Wissenschaftliche Kommission Wirtschaftsinformatik (WKWI), 1983 der Fachbereich 5 Wirtschaftsinformatik der Gesellschaft für Informatik und 1988 der Arbeitskreis Wirtschaftsinformatik an Fachhochschulen (AKWI). Seit 1990 erscheint die wissenschaftliche Zeitschrift WIRTSCHAFTSINFORMATIK. 1993 begann die jährliche Internationale Tagung Wirtschaftsinformatik beziehungsweise Multikonferenz Wirtschaftsinformatik (MKWI). Die erste Fakultät mit „Wirtschaftsinformatik“ im Namen entstand 2001 in Bamberg; 2004 wurde ERCIS in Münster gegründet. Seit den frühen 2000er Jahren entwickelte sich die Verwaltungsinformatik für die öffentliche Verwaltung.

In den 1970er und 1980er Jahren investierten Unternehmen stark in IT, ohne die erwarteten Produktivitätssteigerungen zu erreichen; aggregierte Produktivitätswachstumsraten sanken real sogar. Robert Solow formulierte 1987: „Wir sehen das Computer-Zeitalter überall außer in den Produktivitätsstatistiken.“ Als Gründe nennt der Artikel Messfehler, zeitliche Verzögerungen der IT-Wirkung sowie Managementfehler und eine fehlende Abstimmung von Betrieb und IT.

Studium, Ausbildung und Beruf

Wirtschaftsinformatik wird in Deutschland, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz an Universitäten, Fachhochschulen und Dualen Hochschulen angeboten. Im Wintersemester 2022/2023 lag das Fach in Deutschland mit 66.132 Studierenden auf Rang 9 der beliebtesten Studienfächer. Seit 1999 können Bachelor of Science, Master of Science, Bachelor of Arts und Master of Arts erworben werden; sie ersetzen die früheren Diplome. Ein regulärer Bachelor dauert 6 bis 8 Semester, ein anschließender Master 2 bis 4 Semester. Praxis- oder Auslandssemester können vorgesehen sein. Das Universitätsdiplom hatte eine Regelstudienzeit von 9 bis 10 Semestern, praktisch oft mindestens 11 Semester.

Es gibt integrierte Bachelor-Master-Formen in vier Jahren, berufsbegleitende Präsenz- und Fernstudiengänge sowie zunehmend duale Studiengänge. In Österreich ist auch der Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) nach 10 Theoriesemestern in Bachelor-Master-Struktur möglich. Unterrichtssprache ist meist Deutsch; fremdsprachige, meist englische Angebote können einen englischsprachigen Credit-Point-Anteil oder ein vollständig englisches Studium verlangen. Auch als Schwerpunkt innerhalb von Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftspädagogik, Informatik, Informationswissenschaft, Volkswirtschaftslehre oder Wirtschaftsingenieurwesen ist WI studierbar. Nach Diplom oder Master ist eine Promotion zum Doktor oder Ph.D. möglich, meist in WI, aber auch etwa in Betriebswirtschaftslehre, Informatik oder Volkswirtschaftslehre.

In Deutschland bieten Fach- und Berufsfachschulen meist zweijährige Ausbildungen zum Staatlich geprüften Wirtschaftsinformatiker, Staatlich geprüften Informatiker – Fachrichtung Wirtschaft oder Staatlich geprüften Assistenten für Informatik an. Handwerkskammern bieten Weiterbildungen zum Wirtschaftsinformatiker (HWK) oder Betriebswirt für Informationstechnik (HWK). In Österreich ist WINF beziehungsweise Digital Business Pflichtfach an berufsbildenden Schulen. In der Schweiz bestehen Bachelorangebote, die Lehre Entwickler/in Digitales Business EFZ sowie Weiterbildungen mit eidg. Fachausweis, zum/zur dipl. Wirtschaftsinformatiker/-in HF und Fachhochschulstudiengänge.

Hochschulabsolventen können als Doktorand forschen, wofür üblicherweise ein Master nötig ist. In Unternehmen arbeiten sie häufig in strategischer oder operativer IT-Beratung, etwa in IT-Strategie, IT-Portfoliomanagement, Unternehmensarchitektur, Analyse, Design, Tests, Abnahme IT-basierter Lösungen oder Projektmanagement. Weitere Tätigkeiten sind CIO, Chief Architect, Projektleiter, IT-Stratege, Enterprise Architect, Solution Architect, Testmanager, Business Analyst und Geschäftsprozessmodellierer.

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