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Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer. deutscher evangelisch-lutherischer Theologe, Vertreter der Bekennenden Kirche (1906–1945). Artikel · Diskussion.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wer Bonhoeffer war
  2. 2. Ausbildung, Pfarramt und Kirchenkampf
  3. 3. Finkenwalde und Weg in den Widerstand
  4. 4. Haft und Hinrichtung
  5. 5. Grundzüge seiner Theologie
  6. 6. Nachwirkung und Erinnerung

Wer Bonhoeffer war

Dietrich Bonhoeffer (* 4. Februar 1906 in Breslau; † 9. April 1945 im KZ Flossenbürg) war ein lutherischer Theologe, Pfarrer und profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche. Er war am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt und wurde kurz vor Kriegsende auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers hingerichtet.

Bonhoeffer gilt als bedeutend, weil bei ihm theologisches Denken, kirchliches Handeln und politischer Widerstand eng zusammengehörten. Er betonte die Gegenwart Jesu Christi in der weltweiten Gemeinschaft der Christen, die Bedeutung der Bergpredigt und der Nachfolge Jesu sowie die Einheit von Glauben und Handeln. In seinen Gefängnisbriefen entwickelte er einflussreiche, aber fragmentarisch gebliebene Gedanken zu einer Kirche, die nach außen wirkt, solidarisch mit Bedürftigen ist und biblische Begriffe auch „nichtreligiös“ auslegt.

Ausbildung, Pfarramt und Kirchenkampf

Bonhoeffer wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Sein Vater Karl Bonhoeffer war Psychiater und Neurologe, seine Mutter Paula Bonhoeffer war Lehrerin und sorgte für eine christliche Erziehung. 1912 zog die Familie nach Berlin. Der Tod seines Bruders Walter im Ersten Weltkrieg prägte Bonhoeffers frühe Beschäftigung mit Tod und Ewigkeit. 1923 bestand er mit 17 Jahren das Abitur und begann ein Theologiestudium.

Er studierte in Tübingen, Berlin und später für ein Jahr am Union Theological Seminary in New York. In Berlin wurde er 1927 mit der Dissertation „Sanctorum Communio“ summa cum laude promoviert und habilitierte sich 1930 mit „Akt und Sein“. In New York lernte er praktische Gemeindearbeit in Harlem kennen, erlebte die Folgen der Weltwirtschaftskrise und kam durch Jean Lasserre stärker mit pazifistischen Gedanken in Berührung.

Nach seiner Rückkehr lehrte Bonhoeffer an der Berliner Universität, wurde am 15. November 1931 in der St.-Matthäus-Kirche in Berlin-Tiergarten zum Pfarrer ordiniert und arbeitete auch mit Jugendlichen und Konfirmanden in Berlin. Er war außerdem Jugendsekretär im ökumenischen Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen. Ökumene meint die Zusammenarbeit verschiedener christlicher Kirchen über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 stellte sich Bonhoeffer früh gegen zentrale Elemente der neuen Herrschaft. Am 1. Februar 1933 kritisierte er in einem Radiovortrag den nationalsozialistischen Führerkult; die Übertragung wurde abgebrochen. In seinem Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ formulierte er drei Aufgaben der Kirche: Sie solle den Staat nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns fragen, den Opfern jeder Gesellschaftsordnung unbedingt verpflichtet sein und unter Umständen „dem Rad selbst in die Speichen“ fallen. Damit ging er über viele kirchliche Stellungnahmen seiner Zeit hinaus, weil er nicht nur getaufte Christen jüdischer Herkunft, sondern das verfolgte Judentum insgesamt im Blick hatte.

1933 gründete er mit Martin Niemöller und anderen den Pfarrernotbund zum Schutz bedrohter Pfarrer jüdischer Herkunft. Diese Bewegung wurde ein wichtiges Bindeglied zur Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung der evangelischen Kirche durch die Deutschen Christen stellte. Die Deutschen Christen waren eine protestantische Bewegung, die nationalsozialistische Ideologie und Kirche verbinden wollte. Von 1933 bis 1935 arbeitete Bonhoeffer als Auslandspfarrer in London, blieb aber im Kirchenkampf engagiert und knüpfte enge Kontakte zu George Kennedy Allen Bell, dem anglikanischen Bischof von Chichester.

Finkenwalde und Weg in den Widerstand

1935 kehrte Bonhoeffer nach Deutschland zurück und übernahm für die Bekennende Kirche die Ausbildung angehender Pastoren im Predigerseminar Zingsthof, das bald nach Finkenwalde in Pommern umzog. Dort bildete er insgesamt 112 Kandidaten aus. In dieser Zeit entstand das Buch „Nachfolge“, in dem Bonhoeffer seine Vorstellung von „teurer Gnade“ entwickelte: Gottes Gnade ist nicht billig zu haben, sondern führt in eine konkrete Nachfolge Christi, die etwas kosten kann.

1937 schloss der NS-Staat das Predigerseminar. Bonhoeffer führte die Ausbildung dennoch illegal als „Sammelvikariat“ weiter, bis die Gestapo 1940 auch hier eingriff. Seine Erfahrungen aus Finkenwalde verarbeitete er in „Gemeinsames Leben“.

Ab 1938 entstanden über seinen Schwager Hans von Dohnanyi Kontakte zu Widerstandskreisen um Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack und Ludwig Beck. Bonhoeffer versuchte zugleich, die ökumenische Bewegung in Europa gegen die Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten zu mobilisieren. 1939 reiste er in die USA, entschied sich aber gegen das Exil und kehrte nach Deutschland zurück, weil er seine Aufgabe im Widerstand in der Heimat sah.

Ab 1940 wurde Bonhoeffer in die Arbeit der militärischen Abwehr eingebunden. Offiziell stand er im Dienst der Abwehr, tatsächlich sollte er seine internationalen kirchlichen Kontakte für die Verschwörer nutzen, um Verbindungen zu den Alliierten herzustellen. Er war nach dem Artikel nicht an der Planung von Hitlerattentaten beteiligt, sondern wirkte als Verbindungsmann. 1940 erhielt er Redeverbot, 1941 Schreib- und Veröffentlichungsverbot. In seinem Elternhaus trafen sich Gegner des NS-Regimes. Die Frage des Tyrannenmordes, also ob ein Christ einen Gewaltherrscher töten dürfe, beantwortete Bonhoeffer in dieser konkreten Lage mit Ja und reflektierte sie in seinem unvollendeten Werk „Ethik“.

Haft und Hinrichtung

Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer zusammen mit Hans von Dohnanyi wegen „Wehrkraftzersetzung“ verhaftet und im Wehrmachtgefängnis Tegel inhaftiert. Ein Verfahren vor dem Volksgerichtshof wurde zunächst nicht eröffnet, unter anderem weil Personen mit Verbindungen zu Widerstandskreisen das Verfahren aufhalten konnten.

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 konnte die Gestapo Bonhoeffer keine direkte Beteiligung daran nachweisen. Im Frühherbst 1944 fand sie jedoch in einem Geheimarchiv der Abwehr Dokumente über Umsturzversuche und Aufzeichnungen über Verbrechen des NS-Regimes. Dadurch wurde die Beweislage gegen die Widerstandsgruppe der Abwehr und gegen Dohnanyi und Bonhoeffer schwerwiegender.

Am 8. Oktober 1944 wurde Bonhoeffer in den Keller der Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht. Am 17. Januar 1945 schrieb er seinen letzten Brief an seine Eltern. Anfang April 1945 wurde er in das KZ Flossenbürg überführt. In einer angeblichen Kriegsgerichtsverhandlung wurde er am 8. April 1945 zusammen mit Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack und Ludwig Gehre zum Tod durch den Strang verurteilt. Verteidiger waren nicht anwesend, Zeugen wurden nicht vernommen, ein Protokoll wurde nicht angefertigt.

Dietrich Bonhoeffer wurde am Morgen des 9. April 1945 gehängt. Der oft zitierte Bericht des SS-Lagerarztes Hermann Fischer-Hüllstrung schildert Bonhoeffer als ruhig betenden und gefassten Christen. Der Artikel weist aber auf erhebliche Zweifel an dieser Darstellung hin, unter anderem wegen der Person des Berichterstatters und wegen belegter Umstände der Hinrichtung.

Grundzüge seiner Theologie

Im Zentrum von Bonhoeffers Theologie steht Jesus Christus. Von Christus her verstand er Kirche, Ethik und christliches Leben. Christsein bedeutete für ihn nicht nur religiöse Innerlichkeit, sondern Beten und „Tun des Gerechten“ unter den Menschen. Die Kirche ist für ihn Leib Christi, Gemeinschaft der Nachfolger Christi und von Gott zur Solidarität mit der Welt beauftragt.

Bonhoeffer wandte sich gegen eine scharfe Trennung von Kirche und Welt. In seiner „Ethik“ lehnte er ein Denkmodell ab, das hier Kirche und dort Welt, hier Evangelium und dort Gesetz voneinander trennt. Weil Gott in Christus Mensch geworden sei, gebe es nicht zwei getrennte Wirklichkeiten, sondern nur diese eine Welt. Daraus folgt sein bekannter Gedanke: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Seine Ethik setzt bei konkreten Situationen an. Die Kirche solle nicht abstrakte Prinzipien verkünden, sondern Gebote, „die heute wahr sind“. Bonhoeffer wusste, dass Menschen sich sowohl durch Tun als auch durch Unterlassen schuldig machen können. Deshalb verband er verantwortliches Handeln mit dem Vertrauen auf Gottes Gnade. In der „Nachfolge“ kritisierte er eine „billige“ Gnade, die Sakramente und kirchliche Zugehörigkeit ohne ernsthaften Ruf zur Nachfolge verteilt.

In der Haft entwickelte Bonhoeffer Gedanken zu einem „religionslosen Christentum“. Damit meinte er nicht einen Glauben ohne Gott, sondern eine Weise, im Diesseits von Gott zu reden und zu leben, ohne Gott als Lückenbüßer für menschliche Schwäche oder Unwissenheit zu benutzen. Der Satz „Vor Gott und mit Gott leben wir ohne Gott“ fasst diese Spannung zusammen. Diese Gedanken blieben fragmentarisch und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg sehr unterschiedlich gedeutet.

Wichtige Texte aus seiner Haft sind auch die Gedichte „Stationen auf dem Wege zur Freiheit“ und „Von guten Mächten“. „Stationen auf dem Wege zur Freiheit“ verbindet Zucht, Tat, Leiden und Tod. „Von guten Mächten“, am 19. Dezember 1944 als Weihnachtsgruß an seine Verlobte Maria von Wedemeyer und seine Familie geschickt, wurde später eines seiner bekanntesten Gedichte.

Nachwirkung und Erinnerung

Nach 1945 war Bonhoeffers Bewertung zunächst nicht einheitlich. Teile der evangelischen Kirche sahen politischen Widerstand kritisch und stellten andere Märtyrer stärker heraus. Später wurde Bonhoeffer jedoch zunehmend als christlicher Märtyrer, Theologe und Widerstandskämpfer anerkannt.

Juristisch blieb seine Verurteilung lange problematisch: 1956 wertete der Bundesgerichtshof das SS-Standgerichtsverfahren als dem damaligen Recht entsprechend. Dabei wurde unter anderem übersehen, dass Bonhoeffer als Mitarbeiter des Amtes Ausland/Abwehr eigentlich der Wehrmachtsgerichtsbarkeit unterstand und das SS-Standgericht selbst nach NS-Regeln nicht zuständig gewesen wäre. Erst durch das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege wurden solche NS-Unrechtsurteile für nichtig erklärt und Bonhoeffer formell für unschuldig erklärt.

Bonhoeffers Gedanken wirkten international weiter: in Diskussionen über Frieden und Wiederaufrüstung, im Konziliaren Prozess der Friedensbewegung der 1980er Jahre, in Befreiungstheologien in Lateinamerika, in Südafrika während der Apartheid und in Polen bei christlichen Intellektuellen, die Widerstand gegen Unterdrückung theologisch begründen wollten.

Heute wird Bonhoeffer von der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, der Church of England, der Church in Wales und der Episcopal Church als Märtyrer und bedeutender Theologe verehrt; sein Gedenktag ist der 9. April. Auch die Römisch-katholische Kirche führt ihn im Deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Schulen, Kirchen, Gemeindehäuser, Straßen und Gedenkorte tragen seinen Namen. Zugleich weist der Artikel darauf hin, dass Bonhoeffer auch propagandistisch vereinnahmt wird, besonders in rechtsgerichteten Kreisen in den Vereinigten Staaten, wogegen Kirchenvertreter 2024 öffentlich protestierten.

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