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Dietrich Bonhoeffer — Der Theologe, der zum Verschwörer wurde | Dokumentation
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 662 Zeilen
- Mit 21 Jahren legte er eine Doktorarbeit vor, die Karl Bart später ein theologisches Wunder nannte. Mit 27 sprach er im Deutschen Rundfunk als
- einer der ersten gegen den neuen Reichskanzler. Die Übertragung brach mitten im Satz ab. Seit 1998 steht seine steinerne Gestalt über dem
- Westportal der Westminsteri unter den zehn Mehrtürern der Neuzeit. Man sieht ihn vor sich. Ein hochgewachsener Mann mit runder Brille,
- der an Klavier einen Abschiedskoral spielt, während sein Bruder in den Krieg zieht. Wie wird aus einem behüteten
- Professorensohn ein Verschwörer? Und was bringt einen überzeugten Freund des Friedens dazu, den Tod eines Menschen zu wollen?
- Herzlich willkommen bei den Geschichten großer Persönlichkeiten. Mein Name ist Alexander Weiß. Heute begleiten wir Dietrich Bonnhöfer.
- Wer verstehen will, woher dieser Mann seine Festigkeit nahm, muss dorthin zurückgehen, wo alles begann. In ein Haus, in dem über beinahe jedes Thema
- gestritten wurde. Am Abend, wenn das Licht im Kinderzimmer gelöscht war, begann zwischen zwei Betten ein sonderbares Spiel. Die Zwillinge
- Dietrich und Sabine lagen wach und versuchten an einziges Wort zu denken: Ewigkeit. Sie hielten den Gedanken fest, solange
- sie konnten, bis ihnen schwindelig wurde und der Schlaf sie einholte. Sabine hat später aufgeschrieben, wie ernst Ihr Bruder dieses Spiel nahm. Es
- war für ihn kein kindlicher Zeitvertreib, sondern ein Versuch, etwas zu berühren, das sich nicht berühren ließ.
- Merkwürdig daran war vor allem das Haus, in dem diese Kinder aufwuchsen. Es war ein Haus der Wissenschaft, der Musik und der genauen Sprache. Man diskutierte am
- Tisch über Politik, über Medizin, über Literatur und man verlangte von jedem Kind, dass es seine Behauptungen begründen konnte. Über Gott jedoch wurde
- kaum gesprochen. Der Vater ging nicht in die Kirche. Die Familie gehörte nicht zu den Gemeinden, die man an Sonntagen in den Bänken sah. Und gerade in diesem
- Haus wuchs ein Junge heran, der sich vom Tod und von der Unendlichkeit nicht losreißen konnte. Geboren wurde er amen Februar 1906 in
- Breslau, damals eine der Großen Städte des Deutschen Reiches, heute die polnische Stadt Breslau, die Wrotzwa heißt. Dietrich kam 10 Minuten vor
- seiner Zwillingsswester Sabine zur Welt. Die beiden waren das sechste und siebte von acht Kindern. Vor ihnen die Brüder Karl Friedrich, Walter und Klaus sowie
- die Schwestern Ursula und Christine. Nach ihnen die jüngste Susanne. Es war eine große, laute, ungewöhnlich begabte Kinderschar und wer sie beschreiben
- wollte, sprach fast immer zuerst von den Eltern. Der Vater Karl Bonhöfer gehörte zu den bekanntesten Ärzten seiner Zeit. Er war Psychiater und Neurologe und
- leitete in Breslau die Klinik für Nerven und Geisteskrankheiten. Seine Fachwelt schätzte ihn als einen Mann, der Diagnosen nicht aus Systemen
- ableitete, sondern aus geduldiger Beobachtung. Modische Theorien lehnte er ab, den Lehren Sigmund Freuz begegnete er mit
- reservierter Skepsis. Diese Haltung prägte auch den Umgangston zu Hause. Gefühlsausbrüche galten wenig, unklare Formulierungen noch weniger.
- Wer in dieser Familie etwas sagte, sollte es genau sagen. Die Mutter Paula Bonhöfer, eine geborene von Hase, kam aus einer Welt, die auf
- den ersten Blick sehr weit von der des Vaters entfernt lag. Ihr Vater war Hofprediger Kaiser Wilhelms des II gewesen und hatte dieses
- Amt nach einem Zerwürfnis mit dem Hof niedergelegt. Über die genauen Umstände gehen die Überlieferungen auseinander. In der Familie erzählte man, es sei um
- die Haltung des Hofes gegenüber den Armen gegangen. Ihr Großvater war ein weithin geachteter Theologe in Jena. Paula selbst gehörte
- zu den wenigen Frauen ihrer Generation, die ein Lehrerinnenexamen ablegten. Sie war eine begabte Pädagogin und sie beschloss, ihre Kinder die ersten Jahre
- selbst zu unterrichten. Diese Entscheidung war kein Zufall. Paula Bonhöfer hielt wenig von der preußischen Volksschule mit ihrem Drill
- und ihrem auswendig Lernen. Sie richtete im Haus ein Schulzimmer ein, stellte Stundenpläne auf und arbeitete mit den Kindern an Sprachen, an Geschichte, an
- Naturkunde. Ihre Söhne und Töchter lernten früh, dass Bildung nicht in der Ansammlung von Wissen besteht, sondern in der
- Fähigkeit, Selbst zu urteilen. Ein Familienspruch, den die Kinder oft hörten, lautete sinngemäß: "Den Deutschen werde im Leben zweimal das
- Rückrad gebrochen." Zuerst in der Schule und dann beim Militär, womit sie die Neigung zur übertriebenen Stränge in der Erziehung meinte und ausdrücklich
- ablehnte. 1912 verließ die Familie Breslau. Karl Bonhöfer wurde nach Berlin berufen an die Charit auf den bedeutendsten
- psychiatrischen Lehrstuhl des Landes. Die Bonhöfers zogen zunächst in die Innenstadt und wenige Jahre später nach Grunewald in eine ruhige, von Kiefern
- durchsetzte Willengegend im Westen Berlins. Dort lebten Professoren, Juristen, Verleger. Die Nachbarn hießen Delbrück, Harnak, Plank. Wer in diesem
- Viertel aufwuchs, wuchs im Zentrum des deutschen Geisteslebens auf, ohne es besonders zu bemerken. Das Haus in der Wangenheimstraße war
- groß, aber nicht prunkvoll. Es gab einen Garten, einen Hausunterrichtsraum, ein Musikzimmer und eine Ordnung, die vom Frühstück bis zum Abendessen jeden
- Tag trug. Zusätzlich unterhielt die Familie ein Ferienhaus in Friedrichsbrunn im Harz, ein schlichtes Waldhaus ohne
- elektrisches Licht. Dort lebten die Kinder wochenlang draußen, sammelten Pilze, wanderten, lasen. Dirrich hat dieses Haus Zeit lebens geliebt. Noch in
- späteren Jahren nannte er es den Ort, an dem er sich zu Hause fühlte, mehr als in jeder Stadt. Musik war in diesem Haushalt keine Zierde, sondern eine
- Selbstverständlichkeit. Am Samstagabend wurde musiert, die Mutter sang, die Geschwister spielten Violine, Cello, Klavier.
- Dietrich saß am Flügel und er saß dort gut. Er las Partituren mühelos vom Blatt, begleitete die Lieder der Familie und komponierte kleine Stücke. Eine Zeit
- lang war die Familie überzeugt, dass aus ihm ein Musiker werden würde. Der Vater hätte das gelten lassen. Musik war eine ernsthafte Sache, keine Träumerei.
- Und dennoch bewegte den Jungen etwas anderes. Schon als Kind stellte er Fragen, die Erwachsene in Verlegenheit brachten. Was geschieht nach dem Tod? ob
- es einen Himmel gäbe, was das Wort Ewigkeit eigentlich bedeute. Er fragte nicht ängstlich, sondern hartnäckig, so wie er später auch theologische Probleme
- angehen sollte, als etwas, dass man nicht ruhen lassen darf, bevor man Klarheit hat. In einem Haus, in dem der Vater die Grenzen des Erkennbaren sehr
- eng zog, waren solche Fragen nicht unerwünscht. Sie fielen nur auf. Dazu kam ein zweites Bild aus der Kindheit, das die Familie gerne
- erzählte. Zu den liebsten Spielen des kleinen Dietrich gehörte es Taufen nachzuspielen. Der Urgroßvater und der Großvater hatten
- in der Familie die Taufen vollzogen und das Kind ahmte nach, was es gesehen hatte. In einem Haushalt, dessen Söhne Physik, Jura und Chemie im Sinn hatten,
- war das eine kleine stille Auffälligkeit. Niemand nahm sie damals ernst. Hier liegt das eigentliche Rätsel dieser
- Kindheit. Die Bonhöfers waren keine frommen Leute im landläufigen Sinn. Karl Bonnhöfer war, soweit man es beurteilen kann, religiös unentschieden. Vielleicht
- agnostisch, in jedem Fall zurückhaltend. Und zugleich achtete er den Glauben seiner Frau ohne jede Ironie. Der sonntägliche Kirchgang gehörte nicht zum
- Familienleben und trotzdem entstand in diesen Räumen ein Kind, dessen ganzes späteres Leben von der Frage nach Gott bestimmt sein sollte. Die Erklärung
- liegt nicht in der Kirche, sondern im Haus selbst. Denn Paula Bonhöfer betrieb ihre Frömigkeit nicht als Vereinswesen, sondern als tägliche Praxis. Sie las mit
- den Kindern biblische Geschichten. Sie sprach mit ihnen die Abendgebete. Sie feierte die kirchlichen Feste mit einer Sorgfalt, die den Kindern im Gedächtnis
- blieb. Ihre eigene Prägung stammte aus der Herrhutertradition, jener stillen innerlichen Bewegung, die auf persönliche Erfahrung und gelebte
- Gemeinschaft setzte, statt auf Amt und Institution. Zwei Erzieherinnen, die Paula ins Haus holte, kamen ebenfalls aus diesem
- Umkreis. Der Glaube war in der Wangenheimstraße also durchaus gegenwärtig, nur eben nicht als Institution, sondern als Atmosphäre.
- Damit lernte Dietrich Bonnhöfer schon als Kind eine Unterscheidung, die den Rest seines Lebens bestimmen sollte. Kirche als Einrichtung und Glaube als
- Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Was er später mit großem theologischem Aufwand begründen würde, dass Christentum nicht in Formeln, sondern in gelebt,
- hatte er in seiner eigenen Familie längst erfahren. Er hatte erlebt, dass Ernsthaftigkeit ohne Kirchgang möglich war und er hatte zugleich gespürt, dass
- etwas fehlte. Auch die väterliche Seite trug dazu bei. Die Großmutter Julie Bonhöfer, eine geborene Tafel, stammte aus einer
- schwäbischen Familie mit ausgeprägt liberaler und selbstbewusster Tradition. Sie war eine Frau von unbeirrbarer Geradheit, klein von Gestalt und
- unbeindruckt von Autoritäten. Ihre Enkel bewunderten sie. Von ihr lernten sie, daß man das Richtige tut, weil es richtig ist und nicht, weil es
- opportun erscheint. Eine Haltung, die sie noch als über neunzigjährige unter dramatischen Umständen unter Beweis stellen sollte. So entstand in diesem
- Haus eine seltene Mischung. Vom Vater kam die intellektuelle Redlichkeit, die Abneigung gegen große Worte und die Fähigkeit genau hinzusehen. Von der
- Mutter kam der Glaube als tägliche Übung und die Überzeugung, dass Bildung und Frömigkeit einander nicht ausschließen. Von der Großmutter kam der Mut, gegen
- die Mehrheit zu stehen und von den Geschwistern kam der Wettbewerb. In einer Runde von acht hochbegabten Kindern mußte man sich behaupten.
- Bemerkenswert ist, wie früh sich bei Dietrich eine Eigenschaft zeigte, die seine Familie halb bewundernd, halb spöttisch beschrieb, eine ungewöhnliche
- Festigkeit des Willhens. Er ließ sich schwer beeindrucken. Wenn er sich etwas vorgenommen hatte, blieb er dabei, auch gegen Widerstand, auch gegen Spott. Die
- älteren Brüder, alle auf naturwissenschaftlichen und juristischen Wegen, waren rasch bereit, den kleinen Bruder zu necken. Es half wenig. Wie
- sehr das Nachdenken über den Tod bei ihm mehr war als eine Kinderlaune, sollte sich bald zeigen, denn im August 1914 endete die behütete Welt der Grune
- Walder Willen, so plötzlich wie die Welt ganz Europas. Der Krieg zog in die Häuser ein, zunächst als Begeisterung, dann als Nachricht, dann als Verlust.
- Die Namen von Nachbarn, entfernten Verwandten und Freunden, erschienen in den Listen der Gefallenen, und die Fragen, die der Achtjährige im Dunkeln
- gestellt hatte, wurden zu Fragen der ganzen Familie. Später hat Dietrich Bonhöfer über diese Jahre geschrieben, es sei eine Zeit
- gewesen, in der Tod vor der Tür fast jedes Hauses stand und Einlass verlangte. Der Satz beschreibt Deutschland zwischen 1914 und 1918. Er
- beschreibt aber auch das Haus in der Wangenheimstraße, in dem man über alles sprechen konnte, in dem Gott jedoch selten vorkam und in
- dem Junge heranwuchs, der genau an dieser Stelle nicht locker lassen wollte. Am Abend vor der Abreise seines Bruders setzte sich der zwölfjährige
- Dietrich an den Flügel und spielte ein Lied, das er heimlich eingeübt hatte. Es hieß: "Nun, lasst uns gehen und treten." Und niemand in der Familie hatte ihn
- darum gebeten. Walter, 18 Jahre alt, hatte sich freiwillig gemeldet und sollte am nächsten Morgen an die Westfront. Sabine hat den Abend später
- beschrieben, das Zimmer, die versammelte Familie, den jüngeren Bruder am Instrument, der auf die einzige Weise Abschied nahm, die ihn zur Verfügung
- stand. Am folgenden Tag brachte man Walter zum Bahnhof. Als der Zug anfuhr, lief Paula Bonnhöfer ein Stück neben dem Wagen her
- und rief ihrem Sohn zu: "Es sei ja nur der Raum, der sie trenne." Die Kinder haben diesen Satz ihr Leben lang behalten. 14 Tage später traf die
- Nachricht ein, dass Walter an der Front gefallen war, getroffen von Granatsplittern, gestorben im Feldlazarett.
- Er war der zweite Sohn der Familie. Der Erste Weltkrieg hatte die Bonnhöfers zunächst so erreicht, wie fast alle Familien des deutschen
- Bildungsbürgertums. Es gab Landkarten an der Wand, Fähnchen für die Frontverläufe, Zeitungslektüre am Frühstückstisch.
- Die älteren Kinder verfolgten die Meldungen mit Anteilnahme: "Die Jüngeren spielten Krieg im Garten." Die deutschen Kirchen hatten den Krieg
- beinahe geschlossen begrüßt. Von den Kanzeln hörte man: "Gott stehe auf der Seite des angegriffenen Vaterlandes." Ebenso hörte man es in England, in
- Frankreich und in Russland jeweils mit umgekehrten Vorzeichen. Die Bonnhöfers gehörten nicht zu den Lauten, aber auch sie zweifelten anfangs
- nicht daran, dass Deutschland sich verteidige. Mit den Jahren änderte sich der Ton in den Häusern. Aus Begeisterung wurde
- Gewöhnung, aus Gewöhnung Erschöpfung. Die Lebensmittel wurden knapp, die Kinder lernten Rüben zu schätzen und Dietrich entwickelte einen praktischen
- Ehrgeiz darin, für die Familie Vorräte zu organisieren. Zugleich wuchs die Zahl der Namen auf den Verlusten.
- Vättern vielen, Nachbarssöhne, Söhne von Kollegen des Vaters. In Grünewald standen die Häuser dicht beieinander und der Trauer fluhr an
- einer Tür war von der Straße auszusehen. Der Tod Walters veränderte die Familie im Kern. Paula Bonnhöfer, sonst die tragende Kraft des Hauses, brach
- zusammen und zog sich für Monate zu Nachbarn zurück. Sie war zeitweise nicht in der Lage, ihre Kinder zu unterrichten oder auch nur am gemeinsamen Leben
- teilzunehmen. Karl Bonhöfer, der Psychiater, dessen Beruf im Umgang mit seelischen Erschütterungen bestand, schwieg.
- Sein Tagebuch enthält für diese Tage nur wenige Zeilen. Erst Jahre später schrieb er, dass das Jahr 1918 einen Schatten hinterlassen habe, der
- nie wieder ganz gewichen sei. In diesem Haus, in dem man alles besprach, gab es nun einen Bereich, über den nicht gesprochen wurde. Zur Konfirmation
- erhielt Dietrich die Bibel seines gefallenen Bruders. Er hat sie sein Leben lang benutzt, bis in die Gefängniszelle hinein.
- Der Gegenstand ist mehr als eine Anekdote. Er zeigt, dass die Erinnerung an Walter für den Jüngeren nicht in einer allgemeinen Trauer aufging,
- sondern eine bestimmte Richtung bekam. Das Buch, das die Fragen nach Tod und Ewigkeit behandelte, war zugleich das Buch des Bruders.
- Was in Deutschland nach 1918 geschah, ging in eine andere Richtung. Millionen Männer kehrten aus den Schützengräben zurück, verstört,
- verbittert und in großer Zahl entfremdet von der Kirche. Die Geistlichkeit hatte den Krieg vier Jahre lang gesegnet. Nun stand sie vor Gemeinden, die ihre Söhne
- verloren hatten und den Segen nicht wiederkannten. [räuspern] Die Kirchen erlitten einen Ansehensverlust, von dem sie sich in der
- Weimarer Zeit nie erholten. Wer als junger Mensch dieser Jahre nach Sinn suchte, suchte ihn eher in der Politik, in der Kunst, in den Wissenschaften oder
- in neuen Weltanschauungen, selten in der Landeskirche. Genau in diesem Moment traf der 13-jährige Dietrich Bonnhöfer seine
- Entscheidung. Er erklärte der Familie, dass er Theologe werden wolle. Der Zeitpunkt lag kurz nach dem Tod Walters und die Ankündigung kam nicht als
- vorsichtige Überlegung, sondern als feststehender Entschluss. Die Reaktion war nicht feierlich. Die älteren Brüder lachten. Karl Friedrich, der Physiker
- und Klaus, der Jurist hielten die Kirche für eine überlebte Einrichtung, für eine Ansammlung bürgerlicher Konventionen ohne geistige Substanz. Sie sagten ihm
- sinngemäß: "Er verschwende sein Talent an eine langweilige, bedeutungslose Institution." Dietrich soll ruhig geantwortet haben,
- dann werde er sie eben reformieren. Der Vater zeigte sich befremdet. Er widersprach nicht offen. Zwang war in dieser Familie nicht üblich, aber er
- verbarg auch nicht, dass er sich für seinen begabten Sohn einen anderen Weg vorgestellt hatte. Damit steht ein Widerspruch im Raum, der sich nicht auf
- den ersten Blick auflöst. Der Krieg hatte eine ganze Generation von der Religion weggetrieben. In diesem Haus wurde ein Junge durch denselben Krieg zu
- ihr hingetrieben. Die Erklärung liegt nicht in Frömkeit im herkömmlichen Sinn, sondern in einer bestimmten Art mit dem Verlust
- umzugehen. Wer das verstehen will, muss auf die Jahre unmittelbar nach 1918 sehen. Deutschland verlor, das Kaiserreich brach zusammen. In Berlin
- kämpften Straßenzüge gegeneinander. Die Bonhöfers erlebten die Unruhen in unmittelbarer Nähe. Die Söhne hielten Wache am Haus. Es gab Schüsse in der
- Nachbarschaft. Karl Bonnhöfer, konservativ in seinen Gewohnheiten, unterstützte die neue Republik entschieden, weil er sie für die einzige
- vernünftige Ordnung hielt. Am Familientisch saßen weiterhin Professoren, Ärzte und Juristen und stritten über Verfassung, Reparation,
- Inflation. Über den Sinn des Sterbens sprach man dort nicht. Die Naturwissenschaft, der die Brüder folgten, hatte auf diese
- Frage keine Antwort und beanspruchte auch keine. Dietrich aber wollte genau diese Frage nicht liegen lassen. Für ihn war das
- Sterben Walters kein Anlass Gott abzuschreiben, sondern der Beweis dafür, dass es keine wichtigere Aufgabe gab, als über ihn Klarheit zu gewinnen. Er
- hat später mehrfach betont, dass der Tod nicht am Rand des Lebens stehe. sondern in seiner Mitte und dass ein Denken, das ihn ausklammert, an der Wirklichkeit
- vorbeigeht. Diese Überzeugung war bei ihm keine Theorie. Sie hatte ein Datum und einen Namen. Hinzukam ein zwaltes, weniger
- feierliches Motiv, das seine Biografen einhellig hervorheben. In einer Familie mit acht Kindern, in der die Älteren die glänzenden Wege der Väter beschritten,
- suchte der sechstgeborene ein eigenes Feld. Die Theologie war ein Gebiet, auf dem ihm keiner der Brüder überlegen sein
- konnte, weil keiner sich dafür interessierte. Der Ehrgeiz und die geistliche Ernsthaftigkeit lagen bei ihm dicht
- beieinander, und er hat das selbst später mit erstaunlicher Offenheit eingeräumt. In Briefen aus späteren Jahren spricht er von der Eitelkeit, die
- seinen Beruf von Anfang an begleitet habe und von dem langen Weg, sie in den Dienst zu nehmen. Auf der Seite seiner Entscheidung standen zudem die Ahnen.
- Der Großvater mütterlicherseits war Hofprediger gewesen. Der Urgroßvater, ein angesehener Theologe. Die Familie von Hase hatte eine gelehrte kirchliche
- Tradition, die in der Wangenheimstraße zwar wenig praktiziert, aber selbstverständlich respektiert wurde. Der Junge griff damit nicht ins Leere,
- sondern auf eine vorhandene Linie zurück, nur eben auf die Mütterliche und nicht auf die väterliche. Die Jahre bis zum Abitur verliefen
- äußerlich ruhig. Dietrich besuchte das Grunewaldgymnasium, eine humanistische Anstalt, an der Griechisch und Latein den Kern des
- Unterrichts bildeten. Er galt als hervorragender Schüler, sicher in den Sprachen, aufmerksam im Umgang mit Texten. Zeitzeugen berichten, dass ihm
- das Lernen leicht fiel und dass er dennoch mit großer Gründlichkeit arbeitete. Er blieb in der Klasse eher zurückhaltend, ohne unsicher zu wirken.
- Die Mischung aus Höflichkeit, Distanz und ruhigem Selbstbewusstsein, die später alle an ihm bemerkten, war schon dort ausgeprägt.
- Neben der Schule blieb die Musik. Er spielte weiterhin täglich Klavier, begleitete die Familienabende und beschäftigte sich mit Kompositionen.
- Die Frage, ob aus ihm ein Musiker werden solle, wurde ernsthaft erwogen und blieb einige Zeit offen. Er entschied sie selbst, indem er sie nicht mehr stellte.
- Die Musik behielt er als Sprache für das, was in setzen nicht zu sagen war, aber sein Beruf sollte sie nicht werden. Das Ferienhaus in Friedrichsbrunn
- spielte in diesen Jahren eine wachsende Rolle. Dort verbrachte er lange Wochen mit Wandern, Lesen und Schreiben. In der Abgeschiedenheit des Herzes entstand ein
- Bedürfnis nach Stille, das ihn nie mehr verließ und das später zu einem Grundzug seiner Fremmigkeit werden sollte. Die Meditation über einen biblischen
- Vers, die er als reifer Mann von seinen Studenten forderte, hat ihre Wurzel in diesen Sommern. Nach außen bestätigte sich der Entschluß
- von 1919 Jahr für Jahr. Er las bereits als Schüler theologische Werke, besuchte gelegentlich Vorlesungen und ließ sich in Gesprächen mit Erwachsenen nicht in
- die Rolle des Kindes drängen. Die Brüder hörten auf zu spotten, weil der Spott nichts bewirkte. Der Vater, dem Beharlichkeit imponierte, akzeptierte
- die Wahl schließlich ohne Enthusiasmus, aber ohne Vorbehalt. Damit klärt sich, warum aus dem Tod eines 18-jährigen Soldaten nicht
- Abwendung, sondern Zuwendung erwuchs. Für die Heimkehrer von der Front war die Kirche mitschuldig geworden, weil sie den Krieg gesegnet hatte. Sie wandten
- sich ab von einer Institution, die sie belogen sah. Dietrich Bonnhöfer wandte sich nicht dieser Institution zu, sondern der Frage, an der sie versagt
- hatte. Er entschied sich nicht für die Kirche, wie sie war, sondern für den Anspruch, den sie erhob und nicht einlöste.
- Sein Entschluss war deshalb richtig betrachtet, kein Rückzug ins fromme, sondern der erste Widerspruch seines Lebens. ausgesprochen mit 13 Jahren in
- einem Haus, in dem man ihn dafür auslachte. Im Frühjahr 1923 bestand er das Abitur. Im Alter von 17
- Jahren schrieb er sich für Theologie ein, zunächst in Tübingen, der Universität, an der auch sein Vater studiert hatte.
- Ein Jahr später wechselte er nach Berlin an die Friedrich Wilhelms Universität, deren theologische Fakultät als die Bedeutendste der Welt galt. Er kam
- dorthin nicht als Suchender, sondern als jemand, der seine Frage bereits kannte. Im Dezember stand in der Aula der Berliner
- Universität ein junger Mann, der aussah wie ein Student im Grundstudium und verteidigte eine Doktorarbeit von rund 400 Seiten. [räuspern]
- Er war 21 Jahre alt. Das Prädikat lautete Sumlaude, die höchste Auszeichnung, die eine deutsche Fakultät zu vergeben hatte.
- Die Arbeit trug den Titel Sanktorium Comunio, die Gemeinschaft der Heiligen und behandelte eine Frage, die an dieser Fakultät als weitgehend erledigt galt,
- die Frage danach, was die Kirche eigentlich ist. Bemerkenswert daran war nicht nur das Alter. Bemerkenswert war, dass der begabteste Schüler der
- berühmtesten liberalen theologischen Fakultät Europas eine Arbeit vorlegte, die deren Grundlagen in Zweifel zog. Die Berliner Fakultät war zu dieser Zeit
- ein Ort von außerordentlichem Rang. Ihr bedeutendster Vertreter Adolf von Harnak gehörte zu den großen Gelehrten des Jahrhunderts. Er hatte die Geschichte
- des frühen Christentums mit einer Genauigkeit erschlossen, die Maßstäbe setzte und er verkörperte eine Theologie, die sich als strenge
- historische Wissenschaft verstand. Ihr Ziel war es, hinter die Überlieferung zurückzugehen und den geschichtlichen Kern freizulegen.
- Das Ergebnis war ein Christentum, das sich vor allem als sittliche und kulturelle Kraft begriff. Jesus von Nazareth als Lehrer der Gottes und
- Nächsten Liebe, das Reich Gottes als Aufgabe menschlicher Sittlichkeit, die Kirche als Trägerin einer Bildungstradition. Bonöfer wohnte in
- Gronewald in unmittelbarer Nachbarschaft Hanax. Die beiden fuhren gelegentlich gemeinsam mit der Bahn zur Universität und sprachen dabei über Wissenschaft und
- Politik. Der junge Student verehrte den alten Gelehrten aufrichtig, arbeitete in dessen Seminar über Kirchengeschichte und schrieb Arbeiten, die Hanak
- ausdrücklich lobte. Der Lehrer hätte ihn gern als Kirchenhistoriker gesehen. Der Schüler entschied sich anders und beide wußten, warum.
- Denn die historische Theologie hatte, so genau sie arbeitete, eine Schwäche, die der Weltkrieg schonlos offelegt hatte. Wenn Religion vor allem menschliche
- Erfahrung ist und der Glaube ein Ausdruck sittlicher Kultur, dann wird Gott leicht zur Bestätigung dessen, was ein Volk ohnehin für richtig hält. Genau
- das war zwischen 1914 und 1918 geschehen. In allen kriegführenden Ländern hatten Theologen ihren Gott für die eigene Sache in Anspruch genommen.
- Aus dem einen Gott waren Stammesgötter geworden. Ein Deutscher, ein Britischer, ein Französischer. Harnak selbst hatte den Aufruf deutscher
- Intellektueller vom Herbst 1914 mitgetragen. Ein Dokument, das eine ganze Generation von Studenten später als Bankrotterklärung ihrer Lehrer
- empfand. In dieser Lage erschien im Jahr 1919 ein Buch, das die Theologie erschütterte, der Kommentar zum Römerbrief eines bis
- dahin unbekannten Schweizer Gemeindepfarrers namens Karl Bart. Bart stellte die Verhältnisse auf den Kopf. Nicht der Mensch verfüge über Gott,
- sondern Gott über den Menschen. Gott sei nicht die Krönung menschlicher Kultur, sondern deren Richter. Er offenbare sich nicht im religiösen Gefühl, sondern in
- Jesus Christus und zwar so, dass alle menschlichen Ansprüche darin zerbrechen. Man hat später gesagt, dieses Buch sei wie ein Stein in den Spielplatz der
- Theologen gefallen. Von Höfer las Bart als Student, ohne ihn je gehört zu haben, und war getroffen. Was ihn überzeugte, war nicht ein Rückzug in die
- Frömigkeit. Davon hielt er nichts, sondern die intellektuelle Konsequenz. Wenn Gott wirklich Gott ist, kann er nicht das Echo unserer eigenen
- Überzeugungen sein. Diese Einsicht hatte politische Folgen, die zunächst niemand absah, die aber in den Jahren nach 1933 entscheidend werden sollten. Ein Gott,
- der sich nicht vereinnahmen lässt, kann von keiner Bewegung, keinem Staat und keinem Führer in Anspruch genommen werden.
- An der Berliner Fakultät war Bart nicht wohlgelitten. [räuspern] Man hielt ihn für unwissenschaftlich, für einen Prediger, der sich in die Wissenschaft
- verirrt hatte. Bon Höfer verteidigte ihn in Seminaren, geriet in Auseinandersetzungen mit seinen Lehrern und zog dennoch weiter deren Anerkennung
- auf sich. Sein Doktorvater wurde Reinhold Seeberg, ein Systematiker, der Barts Ansatz ablehnte. Es gehört zu den eigentümlichen Umständen dieser
- Dissertation, dass sie unter der Aufsicht eines Mannes entstand, dessen Position sie unterlief. Die Frage, die sich hier stellt, betrifft nicht das
- Talent. Talent hatte diese Familie im Überfluss. Die Frage ist, weshalb ein 20-Jähriger, dem alle Türen der etablierten Wissenschaft offensten, sich
- ausgerechnet gegen deren Grundlagen wandte und weshalb er dabei nicht bei Bad stehen blieb, sondern sofort weiterging. Denn Sanktorium Comunio ist
- kein Breferat. Die Arbeit stellt eine Frage, die Bad eher am Rande behandelte. Wenn Gott sich dem Menschen zuwendet,
- was bedeutet das für das Zusammenleben der Menschen? Bonhöfer beantwortet sie mit einem Satz, der zum Kern seines gesamten Denkens wurde. Die Kirche ist
- Christus als Gemeinde existierend, nicht ein Verein von Gleichgesinden, nicht eine Anstalt für religiöse Bedürfnisse, sondern die leibhaftige
- Gegenwart Christi in einer konkreten Gemeinschaft von Menschen. Der junge Verfasser verband dafür Theologie mit Soziologie, was seine Prüfer
- überraschte. Er las die Werke der zeitgenössischen Gesellschaftswissenschaft und fragte, wie Gemeinschaft überhaupt entsteht,
- worin sie sich von bloßer Gesellschaft unterscheidet und wie ein Ich zu einem Du kommt. Seine Antwort lautete, dass der Mensch
- erst in der Verantwortung für den anderen zur Person wird. Der Einzne, der sich selbst genügt, ist nicht frei, sondern verschlossen.
- Christliche Existenz bedeutet füreinander einzustehen, stellvertretend zu handeln, die Last des anderen zu tragen. Damit war ein Gedanke
- ausgesprochen, der wie eine akademische Feinheit klingt und es nicht wah. Wenn die Kirche wirklich Christus in Gestalt einer Gemeinde ist, dann ist ein
- Christentum, das sich auf die innere Überzeugung des Einzelnen zurückzieht, kein Christentum. Und dann ist eine Kirche, die sich
- spaltet, während ein Teil ihrer Glieder ausgeschlossen wird, in ihrem Wesen beschädigt. Bonhöfer hat diesen Gedanken bereits in der Dissertation angedeutet.
- Er fragte, was es bedeute, wenn die Gemeinschaft zerrissen werde, ob dann Christus selbst geteilt sei. Ebenso deutlich äußerte er sich zur sozialen
- Lage der Kirche seiner Zeit. Er bemerkte, die gegenwärtige Kirche sei bürgerlich und der beste Beweis dafür sei, daß die arbeitende Bevölkerung sich
- von ihr abgewandt habe, während Beamte, Handwerker und Kaufleute geblieben sein. Für einen Sohn aus Grunewald war das eine bemerkenswerte Beobachtung, auch
- wenn er die Welt, von der er sprach, noch kaum kannte. Karl Bart hat Santorum Comunio Jahre später ein theologisches Wunder genannt.
- Das Urteil ist oft zitiert worden und bedarf einer Einschränkung, die zur Redlichkeit gehört. Die Arbeit blieb zunächt weitgehend unbeachtet. Sie
- erschien erst 1931 im Druck, in kleiner Auflage und fand kaum Leser. Ihre Wirkung entfaltete sie erst nach dem Tod ihres Verfassers. Für Bonnhnhöfer selbst
- war die Promotion kein Abschluss, sondern eine Zwischenstation. Er wollte Pfarrer werden und die Ordination war in der preußischen
- Landeskirche vor dem 25. Lebensjahr nicht möglich. Er hatte also Zeit und er wusste, dass er sie brauchte. In seinen Aufzeichnungen aus diesen Monaten findet
- sich eine Nüchternheit, die man bei einem gefeierten Doktoranten nicht erwartet. Er hatte über die Gemeinschaft
- geschrieben und lebte selbst in einer sehr geschützten Welt. Er hatte über die Armen geschrieben und kannte keinen einzigen. Er hatte die Kirche als Ort
- der Wirklichkeit beschrieben und besuchte selbst selten einen Gottesdienst. Diese Spannung ist der Schlüssel zu
- allem, was folgte. Das Rätsel des jungen Bonnhöfer löst sich nicht in seiner Begabung, sondern in seiner Unzufriedenheit mit ihr. Er hatte
- bereits mit 21 Jahren durchschaut, dass die liberale Theologie an einer Wirklichkeit gescheitert war, die sie nicht vorhergesehen hatte. Und er hatte
- begriffen, dass jede Theologie an derselben Stelle scheitern kann. Deshalb wandte er sich nicht von der Wissenschaft ab, sondern verlangte von
- ihr, daß sie sich der Erfahrung aussetzt. Im Jahr 1928 legte er zusätzlich das erste
- theologische Examen ab. Damit war er nach den Regeln der Kirche Kandidat, nach den Regeln der Universität Doktor und nach seiner eigenen Einschätzung
- noch nichts. Als ich die Gelegenheit ergab, für ein Jahr als Vikar in eine deutschsprachige Auslandsgemeinde zu gehen, griff er sofort zu. Das Ziel lag
- weit entfernt von den Höhseälen, in denen man ihn ein Wunder genannt hatte. Eine Hafenstadt am Mittelmeer, eine Gemeinde von Kaufleuten und ein Alltag,
- der mit Wissenschaft nichts zu tun hatte. Ein junger Vikar in gutem Anzug ging durch die engen Gassen des Barzeloneser Hafenviertels und hörte
- einer Frau zu, die ihm erklärte, dass ihr Mann seit Monaten keine Arbeit habe und dass die Kinder abwechselnd zur Schule gingen, weil es nur ein paar
- Schuhe gab. Er verstand ihr Spanisch noch mühsam. Er hatte in Berlin über die Gemeinschaft der Heiligen promoviert und wußte in diesem Augenblick nicht, was er
- sagen sollte. Im Februar 1928 war Dietrich Bonnhöfer in Barcelona angekommen, um für ein Jahr als
- Hilfsprediger der deutschen evangelischen Gemeinde zu arbeiten. Die Stadt war damals die wirtschaftlich lebendigste Spaniens, eine Industrie und
- Hafenmetropole mit großen Gegensätzen. Es gab prächtige Boulevards und Willen der Textilindustriellen und es gab Viertel, in denen Familien in
- einem Raum lebten. Spanien wurde von der Militärdiktatur des Generals Primo de Rivera ridiert. Die sozialen Spannungen, die wenige Jahre später in den
- Bürgerkrieg münden sollten, waren in Barcelona mit Händen zu greifen. Die deutsche Gemeinde, der Bonnhnhöfer diente, bestand aus etwa 300 Personen,
- Kaufleuten, Ingenieuren, Vertretern deutscher Firmen und ihren Familien. Sie lebten in einer eigenen Welt mit deutscher Schule, deutschem Verein,
- deutschen Zeitungen und deutschen Geselligkeiten. Der Gemeindepfarrer Fritz Olbricht war ein freundlicher, praktischer Mann, der
- seinen jungen Mitarbeiter herzlich aufnahm und ihm ungewöhnlich viel Freiheit ließ. Bonhöfers Aufgaben waren die eines Vikars, Predigten,
- Kindergottesdienst, Hausbesuche, Religionsunterricht, Bestattungen. Er tat das gründlich und mit sichtbarem Erfolg. Der
- Kindergottesdienst, den er übernahm, wuchs binnen Monaten von einer Handvoll Kinder auf mehrere Dutzend. Er spielte mit den Jungen Fußball und Tennis. Er
- lernte Schach. Er saß in den Cafés und übte Spanisch. Er ging sogar in die Stierkampfarena und schrieb nach Hause, daß ihn die
- Zuschauer mehr beschäftigten als das Geschehen im Rund. Sein Alltag hatte damit wenig gemein mit dem Bild eines Gelehrten. Und doch schrieb er in dieser
- Zeit einige der bemerkenswertesten Texte seiner frühen Jahre. Für die Gemeinde hielt er Vorträge, unter anderem über das Wesen des Christentums und über
- Grundfragen einer christlichen Ethik. Die Zuhörer waren zum Teil Jugendliche. Wer diese Vorträge heute liest, staunt über die Reife einesjährigen
- und über einige Sätze, die er später selbst nicht mehr unterschrieben hätte, etwa Überlegungen zur Bindung des Menschen an sein Volk, wie sie im
- deutschen Protestantismus jener Jahre verbreitet waren. Bonhöfer war kein fertiger Mann, als er nach Barcelona kam. Er war ein Suchender, der
- Positionen ausprobierte. Die entscheidende Erfahrung dieses Jahres lag jedoch nicht in den Vorträgen. Sie lag in den Sprechstunden, [räuspern]
- denn zum Amt des Vikars gehörte die Betreuung deutscher Landsleute in Not. Barcelona ein Hafen und in Häfen stranden Menschen. Es kamen Matrosen
- ohne Schiff, entlassene Arbeiter, Reisende, denen das Geld ausgegangen war, Männer, die vor Schulden oder vor sich selbst geflohen waren, gelegentlich
- auch Betrüger, die von der Hilfsbereitschaft der Gemeinden lebten. Bonhöfer musste entscheiden, wer Unterstützung erhielt und wer nicht.
- Er lernte, daß Menschen lügen, daß Not und Anspruch sich nicht säuberlich trennen lassen und daß Barmherzigkeit ohne Urteilsvermögen wirkungslos bleibt.
- In Briefen an seine Familie beschrieb er diese Begegnungen mit einer Genauigkeit, die auffällt. Er berichtete von einem deutschen Tänzer, der im Elend saß, von
- einem Mann, der ihm eine erfundene Geschichte auftischte, von einer Frau, die aus einer verzweifelten Lage nicht [räuspern] mehr herausfand. Er hielt
- fest, was diese Menschen sagten, und er hielt fest, was er dabei empfand. Zum ersten Mal in seinem Leben stand die Theologie nicht in einem Buch, sondern
- vor ihm im Zimmer. An dieser Stelle entsteht ein Widerspruch, der ihn selbst beschäftigte. Er hatte vier Seiten über
- die Gemeinschaft geschrieben, in der ein Mensch für den anderen einsteht. Nun stellte er fest, dass er die Menschen, für die er einstehen sollte, nicht
- kannte. Er stammte aus einem Haus mit Hauspersonal, Ferienhaus und Musikzimmer. Armut war ihm ein Begriff aus
- Statistiken. [räuspern] In einem Brief hat er eingeräumt, daß er die Sprache dieser Menschen erst lernen müsse und er meinte damit nicht das Spanische.
- Verschärft wurde dieser Widerspruch durch eine Beobachtung, die ihn zunehmend störte. Die deutsche Gemeinde lebte inmitten
- einer Stadt voller Not und nahm sie nicht wahr. Man traf sich, man feierte, man pflegte den Zusammenhalt der Kolonie und die spanische Wirklichkeit vor der
- Haustür blieb Kulisse. Es fehlte nicht an Anstand oder persönlicher Freundlichkeit, es fehlte an Berührung. Diese Gleichgültigkeit machte ihm mehr
- zu schaffen als das Elend selbst, weil sie ihn an die Kirche erinnerte, die er aus Deutschland kannte. geplekt, ehrbar und ohne Verbindung zu denen, die
- außerhalb standen. Zugleich veränderte sich sein Verhältnis zur eigenen Arbeit. Er stellte fest, dass ihn der Umgang mit Menschen Freude machte. Er, der als kühl
- und distanziert galt, entdeckte, dass er zuhören konnte und dass Menschen ihm vertrauten. Seine Predigten wurden anders. Sie verloren an akademischer
- Kunstfertigkeit und gewannen an Direktheit. In einer davon sagte er, das Christentum sei etwas erschütterndes und wer es
- harmlos mache, habe es nicht verstanden. In einer anderen sprach er darüber, dass Gott nicht dort zu suchen sei, wo der Mensch stark sei, sondern dort, wo er an
- seine Grenze komme. Die Reisen, die er unternahm, verstärkten diesen Eindruck. Er fuhr nach Madrid, sah die Bilder von Elgreco und Villasques, ging durch
- andalusische Städte und überquerte im Frühjahr 1929 die Meerenge nach Marokko. Diese Ausflüge waren keine
- Bildungsreisen im herkömmlichen Sinn. Er sah Länder, in denen die europäische Selbstverständlichkeit endete und Menschen, deren Leben mit dem Seinen
- keinen Berührungspunkt hatte. Für einen jungen Theologen, der bis dahin die Welt vor allem aus Büchern kannte, war das eine Erweiterung, deren Wirkung sich
- erst später zeigte. Im Februar 1929 bot ihm die Gemeinde an zu bleiben. Er lehnte ab. Die Entscheidung fiel ihm
- nicht leicht, denn er hing an dieser Arbeit und er wusste, dass ihn in Berlin die akademische Laufbahn erwartete, für die er sich noch keineswegs entschieden
- hatte. Aber er wollte die Habilitation abschließen und er wollte die Ordination, für die er noch zu jung war.
- Im Februar 1929 kehrte er nach Berlin zurück. Er nahm eine Assistentenstelle an der Universität an und schrieb innerhalb
- eines Jahres seine Habilitationsschrift Akt und Sein. Sie behandelte philosophisch die Frage, wie Gott dem menschlichen Denken zugänglich sein
- kann, ohne von ihm eingefangen zu werden. Im Sommer 1930 wurde er mit 24 Jahren Privatdozent an der Friedrich Wilhelms Universität, dort wo Harnak
- gelehrt hatte und wo man ihn seit Jahren als Ausnahmeerscheinung betrachtete. Damit klärt sich, was das Jahr in Spanien für ihn bedeutete. Er kam als
- Verfasser einer glänzenden Arbeit über die Gemeinschaft dorthin und kehrte mit der Erkenntnis zurück, daß er diese Gemeinschaft bis dahin nur gedacht
- hatte. Barcelona lieferte ihm keine neue Theologie. Seine Grundgedanken blieben, wie er sie in Berlin entwickelt hatte.
- Was sich änderte, war der Ort, an dem er sie prüfte. Er hatte erfahren, dass ein Satz über die Stellvertretung erst dann etwas wert ist, wenn jemand vor einem
- sitzt, für den man einstehen soll. Und er hatte erfahren, daß die größte Gefahr für eine Kirche nicht der Angriff von außen ist, sondern die Behaglichkeit
- im Inneren. In den Aufzeichnungen dieser Monate findet sich ein Gedanke, der zur Signatur seines weiteren Weges wurde.
- Der Christ, so notierte er sinngemäß, dürfe die Wirklichkeit nicht meiden, weil Gott selbst sie nicht gemieden habe.
- Wer diesen Satz ernst nahm, konnte auf Dauer nicht im Hörsaal bleiben. Bonhöfer nahm ihn ernst und ernte bereits, dass ihn das weiter von der akademischen
- Sicherheit wegführen würde, als seiner Familie lieb sein konnte. Die nächste Gelegenheit dazu bot sich rasch. Ein Stipendium für ein
- Studienjahr in einer Stadt, von der er wenig hielt und über die er sich gründlich täuschen sollte. An einem Sonntagmgen im Herbst 1930
- saß ein hochgewachsener Deutscher mit runder Brille in einer überfüllten Kirche an der 137. Straße in Halem. Um ihn herum standen 3000 Menschen auf,
- sangen, antworteten dem Prediger, klatschten, riefen. Er selbst lieb sitzen und verstand zunächst wenig. Er war promovierter Theologe, Privatdozent
- an der bedeutendsten Theologischen Fakultät Europas und er begriff in diesem Augenblick, dass er etwas sah, wofür seine Ausbildung ihm keine
- Kategorie geliefert hatte. Nach Amerika war Bonhöfer im September 1930 aufgebrochen an Bord des Dampfers Columbus. Er hatte ein Stipendium für
- ein Studienjahr am Union Theological Seminary in New York erhalten, einer Einrichtung im nördlichen Manhattan, die als Zentrum des liberalen amerikanischen
- Protestantismus galt. Für ihn war das keine Ausbildung mehr, sondern eine Gelegenheit. Er hatte seinen Doktorgrad, er hatte die Habilitation abgeschlossen
- und die Ordination war ihm bis zum 25. Lebensjahr ohnehin verwehrt. Also nutzte er die Zeit, um ein Land kennenzulernen, das ihn neugierig machte.
- Die erste Enttäuschung folgte schnell. Bonöfer beurteilte das theologische Niveau am Union Seminary vernichtend. In Briefen an die Familie und in seinem
- Bericht an die Kirchenbehörde schrieb er, dass dort über vieles gesprochen werde, nur nicht über Theologie. Die Studenten diskutierten soziale Fragen,
- wirtschaftliche Verhältnisse, Fragen der Erziehung und sie taten dies mit Ernst und Engagement. Aber die Frage nach Gott, nach Offenbarung, nach Sünde und
- Gnade schien ihnen entweder gleichgültig oder peinlich. Er bemerkte spättisch: "Man lache dort über die Fundamentalisten und halte damit die
- eigene Position bereits für begründet. Auch der bekannteste Lehrer des Hauses überzeugte ihn nicht. Reinhold Nibur galt als Begründer der amerikanischen
- Sozialethik und war ein glänzender Analytiker gesellschaftlicher Verhältnisse. Bonhöfer hörte bei ihm und blieb reserviert. Ihm fehlte bei Niebur
- die Ausrichtung auf Christus, die er bei Karl Bart gefunden hatte. Ein Christentum, das im Ergebnis ein Programm zur Verbesserung der
- Gesellschaft war, erschien ihm als Verlust des Eigentlichen. Bemerkenswert ist, daß Nieburs Denken später dennoch in seinem eigenen Werk Spuren
- hinterließ, gerade in der Überzeugung, dass Theologie diese Welt verändern soll. Es waren nicht die Vorlesungen, die das
- Jahr in Amerika prägten, sondern die Menschen. Bonhöfer schloss am Seminar Freundschaften, die seinen Weg bestimmten. Der Franzose Jean Lasser,
- ein überzeugter Pazifist, war für ihn eine Herausforderung besonderer Art. 12 Jahre nach dem Weltkrieg war eine Freundschaft zwischen einem Deutschen
- und einem Franzosen keine Selbstverständlichkeit. Die beiden diskutierten monatelang über die Bergpredigt.
- Lasserre stellte eine Frage, die Bonnhöfer nicht mehr losließ. In der lutherischen Tradition, in der er aufgewachsen war, galt die Bergpredigt
- als unerfüllbar. Ihre Funktion bestand darin, dem Menschen seine Sündhaftigkeit vor Augen zu führen. Niemand kann seinen Feind
- lieben, niemand kann auf Gewalt verzichten. Also erkennt der Mensch an dieser Forderung, dass er auf Gnade angewiesen ist. Auf staatlicher Ebene im
- Bereich von Recht und Krieg seien diese Gebote ausgesetzt. Lasserre bestritt das. Er sagte, die Bergpredigt sei kein Spiegel, sondern eine Anweisung.
- Jesus habe gemeint, was er sagte, und wer das Neue Testament einfach lese, könne an einem Krieg nicht teilnehmen. Bonhöfer wehrte sich zunächst, doch
- erkannte die Konsequenz des Arguments, und Konsequenz war das, was er an Gedanken am meisten schätzte. Von diesem Winter an war die Bergpredigt für ihn
- keine theologische Randfrage mehr, sondern der Text, an dem sich entscheidet, ob jemand Christ ist. Der Weg zu seiner späteren
- Friedensarbeit und zu dem Buch über die Nachfolge beginnt in diesen Gesprächen. Die zweite Freundschaft war die mit Albert Franklin Fischer, einem der
- wenigen schwarzen Studenten am Seminar, der aus Alabama stammte. Fischer arbeitete in der Abessinian Baptist Church in Harlem und nahm den deutschen
- Gast dorthin mit. Damit begann die Erfahrung, die Bonnhöfers Amerika zu einem Wendepunkt machte. Harlem war zu dieser Zeit das
- größte schwarze Stadtviertel der Vereinigten Staaten und ein Zentrum kulturellen Aufbruchs. Zugleich traf die Weltwirtschaftskrise die dortige
- Bevölkerung härter als jede andere. Die Arbeitslosigkeit lag um ein Vielfaches über dem Durchschnitt. Die Mieten waren höher als anderswo in der Stadt, die
- Wohnungen schlechter. Die rechtliche Lage der schwarzen Amerikaner war im Süden durch die Rassentrennensgesetze bestimmt und im Norden durch eine Praxis
- der Ausgrenzung, die keiner Gesetze bedürfte. Die Ebissan Baptist Church war ein mächtiges Steingebäude, das die Gemeinde selbst errichtet hatte, und
- ihre Mitglieder waren stolz darauf, daß es kein abgelegtes Gebäude einer weißen Gemeinde war. Auf der Kanzel stand Adam Clayon Paul
- der Ältere, ein Prediger von imposanter Gestalt und großer geistiger Kraft, der eine Gemeinde von mehreren tausend Menschen führte und zugleich
- Sozialarbeit im großen Stil organisierte, Speisungen, Arbeitsvermittlung, Unterstützung für Familien.
- Was Bonhöfer dort erlebte, hatte er in Europa nie gesehen. Es wurde nicht über den Glauben gesprochen, sondern aus ihm heraus. Die Gemeinde antwortete dem
- Prediger: "Die Musik war kein Beiwerk, sondern Verkündigung." Er hörte die Spirituals zum ersten Mal von denen, aus deren Geschichte sie
- stammten. Er schrieb nach Hause: "Hier könne man tatsächlich von Sünde und Gnade und der Liebe Gottes sprechen und hören, wenn auch in Formen, die man in
- Deutschland nicht gewohnt sei. Der Christus der schwarzen Predigt werde mit einer Leidenschaft verkündigt, die dem lehrhaften Ton der weißen Kirchen
- fehle." Entscheidend war jedoch, daß er sich nicht von der Begeisterung mitreißen ließ und dabei stehen blieb. Er war
- misstrauisch gegenüber bloßem Gefühl und er suchte hinter dem Eindruck die Substanz. Was er fand, war die Verbindung von Glaube und Lebenslage.
- Diese Menschen sangen von Befreiung, weil sie unfrei waren. Sie sprachen vom Kreuz, weil sie leiden kannten. Und ihre Kirche kümmerte sich um die
- Verhältnisse, unter denen sie lebten, weil niemand sonst es tat. Hier stellt sich die Frage, die dieses Jahr eigentlich beherrscht. Ein Gelehrter,
- der die amerikanische Theologie für flach hielt und dies unverblüht sagte, erkannte ausgerechnet bei Menschen ohne akademische Bildung den echten Glauben.
- Auf den ersten Blick widerspricht das seiner ganzen Haltung. Bonhöfer blieb nicht Zuschauer. Über Monate hinweg unterrichtete er in Halem die
- Sonntagsschule, besuchte Familien in ihren Wohnungen, nahm an Gemeindeveranstaltungen teil und verbrachte einen erheblichen Teil seiner
- Woche nördlich der 125. Straße. Er sammelte Schallplatten mit Spirituals und nahm sie später nach Deutschland mit. Zeitgenossen berichteten, er sei
- nicht als überlegener Europäer aufgetreten, sondern als jemand, der lernen wollte und der zugab, etwas nicht zu verstehen.
- Im Frühjahr 1931 unternahm er mit Fischer eine Reise in den Süden, unter anderem nach Washington. Dort sah er die
- Rassentrennung in ihrer gesetzlich geregelten Form. getrennte Eingänge, getrennte Wartesele, getrennte Schulen. Er erlebte, wie sein Begleiter in
- Lokalen abgewiesen wurde, in die er selbst ohne weiteres eintreten konnte. In seinen Aufzeichnungen hielt er fest, daß schwarze Sänger vor weißem Publikum
- begeisterten Beifall erhielten und dieselben Zuhörer ihnen gleiche Rechte verweigerten. Er nannte die Lage der schwarzen
- Bevölkerung das entscheidende Problem des Landes und sagte voraus, dass ich daran die Zukunft Amerikas entscheiden werde. Parallel dazu erreichten ihn
- Nachrichten aus Deutschland, die immer beunruhigender klangen. Bei den Reichstagswahlen im September 1930 war die nationalsozialistische Partei
- von 12 auf 107 Sitze gestiegen. Ein Ergebnis, das ihn in New York erreichte und dass er zunächst kaum einordnen konnte. Die Wirtschaftskrise verschärfte
- sich. Er notierte die Zahlen der Arbeitslosen und rechnete hoch, wie viele Menschen damit ohne Einkommen waren. Er schrieb: "Er wisßen nicht, wie
- Deutschland und der Einzelne dies überstehen sollten und fragte sich, ob die Kirche eine weitere Katastrophe überleben werde, wenn sie nicht etwas
- völlig anderes wde." Damit fügt sich zusammen, was in Harlem geschah. Bonöfer hatte in Berlin gelernt, dass die Kirche Christus als Gemeinde existierend ist.
- In Barcelona hatte er erfahren, daß Theologie sich an Menschen bewähren muß. In Harlem sah er zum ersten Mal eine Gemeinde, auf die seine eigene
- Definition zutraf. Dort war die Kirche keine Einrichtung für sonntägliche Erbauung, sondern der Ort, an dem eine benachteiligte Gemeinschaft ihre Würde
- behauptete und füreinander einstand. Der Widerspruch löst sich also auf. Nicht die Theologie dieser Menschen überzeugte ihn, sondern die Tatsache,
- daß sie das lebten, was er theologisch für richtig hielt. Er erkannte in Harlem seine eigene Lehre wieder in einer Gestalt, die er nie erwartet hätte. Im
- Juni 1931 kehrte er nach Deutschland zurück. Freunde und Schüler bemerkten eine Veränderung, die schwer zu benennen war.
- Er sprach anders über die Bibel, nicht mehr nur als über einen Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als über einen Text, der den Leser
- anspricht und von ihm etwas verlangt. Er begann seine Studenten zu fragen, ob sie Jesus liebten. Eine Frage, die in einem deutschen theologischen Seminar
- jener Jahre als peinlich galt. Und er hatte Schallplatten im Gepäck, deren Musik in Deutschland niemand kannte. Am Nachmittag des. Februar 193
- saß ein 27-jähriger Privatdozent im Sendesaal des Berliner Rundfunks und las einen Vortrag über den Führerbegriff. Zwei Tage zuvor war Adolf Hitler zum
- Reichskanzler ernannt worden und das Land feierte. Der Redner sprach ruhig in dem sachlichen Ton der akademischen Vorlesung, und er sagte, dass ein
- Führer, der den Wünschen der Geführten nachgebe und sich von ihnen zum Idol machen lasse, aus dem Führer zum Verführer werde.
- Ein Führer, der sich und sein Amt zum Götzen mache, verspotte Gott. Bevor der Vortrag zu Ende war, brach die Übertragung ab. Was in diesem Augenblick
- geschah, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die eine Überlieferung, die Bonnhöfer selbst zunächt und die lange Zeit die
- Verbreitete war, spricht von einem Eingriff der Behörden. Eine andere Erklärung, die von Fachleuten vertreten wird, sieht die Ursache in der
- Sendetechnik und in einer Überschreitung der vorgesehenen Zeit. Belegt ist, dass Bonhöfer im Anschluss beunruhigt war. den Text vervielfältigte und an Freunde
- und Bekannte verschickte, damit er ungekürzt gelesen werden konnte. Ebenso belegt ist, dass er ihn wenige Wochen später öffentlich in erweiterter Form
- vortragen konnte. Die Umstände dieses Abbruchs sind weniger bedeutsam als die Tatsache, daß diese Sätze überhaupt gesprochen wurden. 48 Stunden nach der
- Machtübernahme zu einem Zeitpunkt, an dem der überwiegende Teil der deutschen Öffentlichkeit Hoffnung empfand. Diese Hoffnung hatte Gründe. Die Weimarer
- Republik war in den vorangegangenen drei Jahren praktisch gescheitert. Seit 1930 regierten Kanzler mit Notverordnungen, weil im Reichstag keine Mehrheit
- zustande kam. Die Weltwirtschaftskrise hatte im Winter 1932 etwa 6 Millionen Menschen ohne Arbeit
- gelassen. Rechnet man Angehörige hinzu, war ein erheblicher Teil der Bevölkerung ohne gesicherte Existenz. Auf den Straßen der Großstädte lieferten
- sich politische Verbände regelrechte Kämpfe. Viele Deutsche empfanden den Versier Vertrag als dauerhafte Demütigung.
- In dieser Lage erschien vielen ein starker Mann als Ausweg. Die evangelischen Kirchen waren gegenüber der neuen Bewegung besonders
- empfänglich. Sie hatten dem Kaiserreich nachgetrauert, der Republik mit Distanz gegenübergestanden und sahen im Nationalsozialismus
- die Rückkehr von Autorität, Ordnung und nationalem Selbstbewusstsein. Manche Pfarrer erklärten von der Kanzel Gott habe dem deutschen Volk in dieser
- Stunde einen Retter geschickt. Ein Amtsbruder schrieb: "Christus sei durch Adolf Hitler zu ihnen gekommen." Innerhalb der Kirche formierte sich eine
- Gruppierung, die sich deutsche Christen nannte und die Verbindung von Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung ausdrücklich anstrebte.
- Bonhöfer war zu diesem Zeitpunkt seit anderthalb Jahren zurück in Berlin. Er war im November 1931 ordiniert worden, lehrte als Privatdent
- an der Universität, betreute eine Konfirmantenklasse in einem Arbeiterviertel im Norden der Stadt und war zum Jugendsekretär im Weltbund für
- Freundschaftsarbeit der Kirchen gewählt worden. Auf einer ökumenischen Tagung in Cambridge hatte er im Sommer 1931
- gefordert, dass die Christenheit sich für eine wesentliche Verringerung der Rüstungen einsetzen müsse, für ein gerechtes Zusammenleben der Völker und
- für die Freiheit aller Nationen von militärischer Bedrohung. Seine Konfirmantenarbeit in Wedding verdient Beachtung, weil sie zeigt, wie
- ernst er seine eigenen Grundsätze nahm. Er übernahm eine Gruppe von etwa 50 Jungen aus einem der ärmsten Bezirke Berlins, die ihren vorherigen Pfahrer
- regelrecht aufgerieben hatten. Bonhöfer miet sich in der Nähe ein Zimmer, um erreichbar zu sein, lut die Jungen zu sich ein, spielte mit ihnen, kaufte
- einigen Kleidung und erzählte ihnen im Unterricht von Amerika. Die Klasse, die als unregierbar galt, blieb bei ihn zusammen. Am 7. April 1933
- erließ die Regierung das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Es sah vor, dass Beamte jüdischer Herkunft aus dem Staatsdienst zu
- entfernen sein. Innerhalb der Kirche entstand daraufhin die Forderung, diesen sogenannten Ari Paragraphen auf die Pfarrerschaft zu übertragen. Geistliche
- jüdischer Abstammung sollten ihre Ämter verlieren. getroffen wäre eine kleine Zahl von Pfarern gewesen. Doch die grundsätzliche Frage war ungeheuer.
- Die Kirche hätte damit ein Kriterium anerkannt, dass der Taufe widerspricht. Bereits am 1. April hatte es einen reichsweiten Boikott jüdischer Geschäfte
- gegeben. An diesem Tag machte sich Bonhöffers Großmutter Julie, damals über 90 Jahre alt, auf den Weg zu den Geschäften, in denen sie seit jeher
- einkaufte. Vor den Türen standen Angehörige der Sturmabteilung. Sie ließen die alte Dame passieren, weil
- ihnen offenbar nichts anderes einfiel. Sie kam mit ihren Einkäufen wieder heraus und erklärte: "Sie kaufe dort, wo sie immer gekauft habe." Die Familie hat
- diese Szene weitergegeben, weil sie in ihrer Schlichtheit alles enthielt, worauf es in diesen Jahren ankam. Im Hause Bonhöfer wurde die Lage
- nüchtern beurteilt. Paula Bonhöfer drängte darauf, daß die Kirche in der Judenfrage handle und fragte ihren Sohn und dessen Freunde, was denn nun
- geschehen sollle. Karl Bonhöfer beobachtete die neue Regierung mit dem Misstrauen eines Mannes, der sein Leben lang mit menschlichen Abgründen zu tun
- gehabt hatte. Die Familie war zudem unmittelbar betroffen. Sabine, die Zwillingsschwester, war mit dem Juristen Gerhard Leipholz verheiratet, der
- jüdischer Herkunft war. Im April 1933 legte Bonnhöfer vor einer Runde von Pfarrern einen Aufsatz vor, der den Titel "Die Kirche vor der Judenfrage"
- trug. Er entwickelte darin drei Möglichkeiten kirchlichen Handelns gegenüber dem Staat. Erstens könne die Kirche den Staat fragen, ob sein Handeln
- rechtmäßig sei, ob er also seine von Gott gegebene Aufgabe erfülle. Zweitens habe sie die Pflicht, den Opfern staatlichen Handelns beizustehen und
- zwar unbedingt auch dann, wenn diese Opfer nicht zur christlichen Gemeinde gehören. Drittens könne die Zeit kommen, in der es nicht genüge, die Opfer unter
- dem Rat zu verbinden, sondern in der man dem Rat selbst in die Speichen fallen müsse. Die Wirkung war beträchtlich und sie war nicht die erhoffte. Mehrere
- Zuhörer verließen den Raum. Der dritte Punkt widersprach der lutherischen Tradition, die sich stark auf das 13. Kapitel des Römerbriefes stützte und die
- Obrigkeit als von Gott eingesetzt betrachtete. Auch der zweite Punkt war für viele schwer zu ertragen, weil er die
- Verantwortung der Kirche über die eigenen Glieder hinaus ausdehnte. Bonhöfer gehörte damit zu den ersten Stimmen im deutschen Protestantismus,
- die eine grundsätzliche Verpflichtung gegenüber den Verfolgten formulierten. [räuspern] Der Aufsatz enthält auch Passagen, die
- aus der theologischen Tradition seiner Zeit stammen und über das Verhältnis von Israel und Kirche in einer Weise sprechen, die heute befremdet.
- Die Forschung hat darauf hingewiesen und dabei zugleich betont, daß die praktische Schlussfolgerung eindeutig war. Die Kirche muss handeln und sie
- muss den Verfolgten beistehen, unabhängig von deren Bekenntnis. Bonhöfer selbst hat seine Position in den folgenden Jahren weiterentwickelt
- und verschärft. Wenige Monate später erfuhr er, wie schwer die eigenen Grundsätze im Alltag wiegen. Der Vater seines Schwagers, Gerhard Leibholz,
- starb. Sabine bat ihren Bruder, die Beerdigung zu halten. Bonöfer wandte sich an seinen Superintendenten, der ihm davon abriet, weil der verstorbene Jude
- war und ein solcher Dienst Aufsehen erregen könnte. Er befolgte den Rat und sagte ab: "Dieser Entscheidung hat ihn nicht mehr losgelassen." Im November
- schrieb er aus London an seine Schwester und ihren Mann, dass ihn der Gedanke quähle, er habe nicht getan, worum sie ihn gebeten hatten. Er könne heute nicht
- mehr begreifen, was ihn damals bewogen habe. Er fragte, wie er in jenem Moment so ängstlich habe sein können, bat um Verzeihung für seine Schwäche und
- erklärte, er wüsse nun mit Sicherheit, dass er sich anders hätte verhalten müssen. Damit ist auch die Frage beantwortet, die über dem Beginn dieses
- Jahres steht. Ob die Rundfunkübertragung durch behördlichen Eingriff oder durch technische Umstände endete, lästt sich nicht endgültig entscheiden und beide
- Erklärungen haben ihre Fürsprecher. Bedeutsam ist etwas anderes. Der Mann, der dort am zweiten Tag der neuen Regierung vom Verführer sprach, war
- derselbe, der wenige Monate später aus Furcht einer Beerdigung fernblieb und sich dafür bis an sein Lebensende schämte. Seine Klarsicht war früh und
- ungewöhnlich. Sein Mut war es nicht von Anfang an. Er hat ihn sich erarbeitet, Schritt für Schritt. Und das erste dieser Lehrstücke bestand aus einem
- Versagen, dass er niemandem verschwieg. Ende Mai 1934 versammelten sich in einer Kirche im Wuppertaler Stadtteil Barmen 139
- Abgeordnete aus 18 deutschen Landeskirchen. Sie kamen aus lutherischen, reformierten und unjierten Gemeinden, die einander
- seit Jahrhunderten mit theologischem Misstrauen begegnet waren. Drei Tage lang berieten sie einen Text, den Wesentlichen der Schweizer Theologe Carl
- Bart entworfen hatte und am 31. Mai nahmen sie ihn an. Die barmer theologische Erklärung stellte in sechs Thesen fest, daß Jesus
- Christus das eine Wort Gottes sei, dem die Kirche zu gehorchen habe und dass sie keine anderen Ereignisse, Mächte oder Gestalten als Offenbarung
- anerkennen dürfe. In dem Dokument, das als die bedeutendste kirchliche Widerstandserklärung dieser Jahre gilt, stand kein Wort über die Juden.
- Der Weg nach Bammen begann mit dem Versuch, die evangelischen Kirchen Deutschlands unter einer einheitlichen staatsnahen Leitung zusammenzufassen.
- Bis dahin bestand der deutsche Protestantismus aus 28 selbstständigen Landeskirchen mit eigenen Verfassungen. Im Sommer 1933
- wurde eine deutsche evangelische Kirche geschaffen und bei den Kirchenwahlen im Juli errangen die deutschen Christen mit staatlicher Unterstützung eine
- überwältigende Mehrheit. Zum Reichsbischof wurde Ludwig Müller gewählt, ein Wehrkreispfarrer aus Königsberg, der Hitler persönlich
- verbunden war. Müller erklärte in seiner Antrittspredigt: "Der Kampf um die Kirche sei entschieden. Der Kampf um die Seele des Volkes beginne erst."
- Im September beschloß die preußische Generalsynode, die in die Geschichte als braune Synode eingriagraphen für die Kirche. Pfarrer jüdischer
- Herkunft sollten aus dem Dienst entfernt werden. Bonhöfer, der als Delegierter nicht zugelassen war, verfasste gemeinsam mit Martin Niemöller einen
- Aufruf, der zur Gründung des Paranotbundes führte. Wer beitrat, verpflichtete sich, allein an Schrift und Bekenntnis gebunden zu
- sein und den bedrängten Amtsbrüdern beizustehen. Innerhalb weniger Monate unterschrieben mehr als 7000 Pfahrer. Die Mehrheit der etwa 18 000
- evangelischen Geistlichen tat es nicht. Nie Möller war eine bemerkenswerte Erscheinung. Im Weltkrieg war er U-Bootkommandant gewesen und mit hohen
- Auszeichnungen ausgezeichnet worden. Er war ein Nationalkonservativer, der die neue Regierung anfangs begrüßt hatte und sich erst am Eingriff des
- Staates in die Kirche ins Bewegung, die sich formierte, war politisch alles andere als einheitlich. Sie einte nicht die Ablehnung des Regimes, sondern die
- Sorge um die Freiheit der Kirche. Im November 1933 kam es zu einem Ereignis, das vielen Zögernden die Augen öffnete. Im Berliner
- Sportpalast versammelten sich rund 20.000 Anhänger der deutschen Christen. [räuspern] Ein Redner forderte das Alte Testament aus der Bibel zu entfernen,
- weil es jüdischen Ursprung sei und die Gestalt Jesu von allem jüdischen zu befreien. Die Empörung war so groß, dass die deutschen Christen einen erheblichen
- Teil ihres Anhangs verloren. Bonöfer war zu diesem Zeitpunkt bereits im Begriff, Deutschland zu verlassen. Im Oktober 1933
- trat er die Pfahrstelle zweier deutscher Auslandsgemeinden in London an, in Syddenham und in der City. Die Entscheidung war umstritten. Karl Bart
- schrieb ihm scharf: "Er solle mit dem nächsten Schiff zurückkommen, denn das Haus der Kirche brenne." Und ein deutscher Theologe habe jetzt in
- Deutschland zu sein. Bonhöfer verteidigte sich, ohne die Kritik zurückzuweisen. Seine Beweggründe waren zwiespältig und
- er hat das selbst so gesehen. In einem Brief an Bart schrieb er, er habe in radikaler Gegnerschaft zu allen seinen Freunden befunden. [räuspern]
- Seine Auffassungen hätten ihn immer weiter in die Vereinsamung getrieben und er habe keinen Grund gesehen, warum er die Dinge richtiger sehen solle so viele
- tüchtige und gute Pfarrer, zu denen er aufblicke. Dieser Satz zeigt einen Menschen, dessen Sicherheit nach außen größer war als nach innen. Die 18 Monate
- in England waren keine Flucht. Bonöfer betreute zwei kleine Gemeinden, führte einen umfangreichen Briefwechsel und telefonierte so oft mit Berlin, dass die
- Kosten seine Familie erschreckten. Vor allem aber gewann er einen Verbündeten von großem Gewicht, George Bell, den anglikanischen Bischof von
- Chitchester, der zu den führenden Gestalten der ökumenischen Bewegung gehörte und als Mitglied des Oberhauses politischen Zugang besaß. Bell
- unterrichtete sich bei Bonnhöfer über die Lage der deutschen Kirchen und die beiden verband bald eine Freundschaft, die bis zuletzt hielt.
- Die ökumenische Bewegung war für Bonnhöfer mehr als kirchliche Diplomatie. Er sah in ihr einzige Instanz, die über
- die Grenzen der Nationen hinweg von einer Wahrheit sprechen konnte, die keinem Volk gehörte. Im August 1934 sprach er auf einer ökumen Tagung im
- dänischen Fahrnö vor Vertretern aus vielen Ländern über die Kirche und die Völkerwelt. Er sagte, es gebe keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit,
- denn der Friede müsse gewagt werden. Er sei das große Wagnis und lasse sich niemals sichern. Frieden sei das Gegenteil von Sicherung. Das Fördern von
- Garantien bedeute Misstrauen und dieses Misstrauen bringe wiederum den Krieg hervor. Schlachten würden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott.
- In Fanö geschah zugleich etwas Kirchenpolitisch bedeutsames. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, die die Lage in Deutschland kritisch
- benannte und Bonhöfer wurde in den ökumenischen Rat gewählt. Die bekennende Kirche erhielt damit erstmals internationale Anerkennung als
- Gesprächspartner. Die Hoffnung, die Ökumäene werde die Reichskirche völlig fallen lassen, erfüllte sich dagegen nicht.
- Aus dieser Zeit stammt auch ein Plan, der nie zustande kam. Bonhöfer wollte nach Indien reisen, um bei Mohandas Gandhi den gewaltlosen Widerstand zu
- studieren. Bell verschaffte ihm eine Einladung und Gandy antwortete zustimmend. Bonhöfer verschob zugunsten einer
- Aufgabe in Deutschland und trat sie nie an. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, die über der warmer Erklärung steht. Ein Text, der als
- Bekenntnis gegen eine Diktatur gefeiert wird, schweigt über die Menschen, die von dieser Diktatur zuerst und am Här härtesten getroffen wurden. Die
- Erklärung war das, was sie zu sein beanspruchte, ein theologisches Bekenntnis. Sie richtete sich gegen die Behauptung, daß neben Jesus Christus
- noch andere Offenbarungsquellen anzuerkennen sein, gegen die Vermischung von Kirche und Staatsideologie und gegen die Unterwerfung der
- kirchlichen Ordnung unter politische Führung. Ihre Verfasser wollten den Bestand der Kirche als Kirche sichern und sie handelten in der Überzeugung,
- dass ohne diese Grundlage jede weitere Aussage haltlos wäre. Hinzu kam ein taktisches Kalkül. Eine Erklärung, die den Staat unmittelbar
- politisch angegriffen hätte, wäre von einem großen Teil der Delegierten nicht mitgetragen worden. Für Bonnhöfer, der an der Synode nicht teilnahm, blieb dies
- unbefriedigend. Als er anderthalb Jahre später aus England zurückkehrte und wieder in den Kirchenkampf eintrat, verschob sich seine Beurteilung immer
- deutlicher. Er hatte den Kampf zunächst ebenfalls als Kampf um die Freiheit der Kirche zur Verkündigung geführt. Nach und nach setzte sich bei ihm die
- Einsicht durch, dass die eigentliche Frage nicht die Freiheit der Kirche zum Predigen war, sondern ihre Freiheit, sich an die Seite der Opfer zu stellen.
- Später hat er den Satz geprägt: "Nur wer für die Juden schreie, dürfe auch greanisch singen." So beantwortet sich das Schweigen von
- Barmen nicht als Versäumnis einzelner Personen, sondern als Ausdruck dessen, wie weit die Erkenntnis im Frühjahr 1934 reichte. Die Erklärung war ein
- notwendiger erster Schritt und zugleich weniger als die Lage verlangte. Ihre Verfasser haben das teilweise selbst erkannt. Die bekennende Kirche hat es
- später in ihrem Schuldbekenntnis eingeräumt und Bonnhöfer, der Jüngste unter den führenden Köpfen dieser Bewegung, zog daraus die Folgerung, dass
- eine Kirche, die nur ihre eigene Existenz verteidigt, ihren Auftrag bereits verfehlt hat. Ein junger Kandidat der Theologie kam im
- Sommer 1935 in einem alten Gutshaus an der Pommerschen Ostseeküste an und suchte den Leiter der Ausbildungsstätte.
- Er sah eine Gruppe junger Männer im Garten und sprach einen von ihnen an, der aussah wie ein Student unter Studenten. Sportlich, hell, kaum älter
- als er selbst. Es war der Leiter. Dieser nahm ihn beiseite, führte ihn ein Stück vom Haus weg und stellte Fragen, die kein Professor stellte, woher er komme,
- was er erlebt habe, wie es seiner Familie gehe. Wenige Tage später bat er die Gruppe ihn nicht Herr Direktor zu nennen, sondern Bruder Bonnhöfer.
- Der junge Mann hieß Eberhard Betke. Er wurde Bonhöfers engster Freund, sein wichtigster Briefpartner. und später der Herausgeber seiner Schriften und sein
- Biograf. Ohne ihn wäre das Bild, das die Nachwelt von Dietrich Bonnhöfer besitzt, unvollständig geblieben.
- Die Einrichtung, in der die beiden sich begegneten, war eine Notlösung. Nachdem der Staat die theologische Ausbildung zunehmend kontrollierte und die
- bekennende Kirche ihren Nachwuchs nicht mehr den offiziellen Predigerseminaren anvertrauen wollte, richtete sie eigener Ausbildungsstätten ein. Bonhöfer im
- April 1935 aus London zurückgekehrt übernahm eine davon. Sie begann in Zingst auf der Halbinsel
- Fischland und zog im Juni in ein ehemaliges Privatschulgebäude in Finktenwalde bei Städtin. Das Haus war leer, feucht und heruntergekommen.
- Bücher, Möbel, Klavier und Lebensmittel kamen aus Spenden der umliegenden Gemeinden und Güter. Was Bonhöfer dort einrichtete, entsprach
- keinem in Deutschland üblichen Muster. Der Tag begann lange vor dem Frühstück mit einer gemeinsamen Andacht. Psalmen, ein Kapitel aus dem Alten und eines aus
- dem Neuen Testament, Gesang, Gebet, alles ohne Erklärung und ohne Auslegung. Danach folgte eine halbe Stunde Schweigen, in der jeder für sich
- denselben biblischen Vers bedachte, oft eine Woche lang denselben. Erst dann kam der Unterricht. Diese Meditation stieß bei den Kandidaten zunächst auf
- Widerstand. Sie waren an wissenschaftlicher Exegese gewöhnt, an Grammatik, Textkritik und historische Einordnung.
- Nun sollten sie einen Satz lesen und schweiden. Einige beschwerten sich, andere schliefen ein. Wieder andere hielten das Ganze für katholisch
- angehaucht und damit für verdächtig. Bonhöfer erklärte wenig und bestand darauf. Er sagte, "Ein Pfarrer, der die Bibel nur untersuche, aber sich von ihr
- nichts sagen lasse, werde in den kommenden Jahren nichts auszurichten haben." Der Tagesablauf war jedoch nicht
- klösterlich streng. Es wurde viel gelacht, Fußball gespielt, Tischtennis, Schach, im Sommer gebadet. Bonhöfer spielte Klavier oft stundenlang.
- Betke, der aus einer musikalischen Tradition kam, die im Hause Bonnhöfer kaum bekannt war, brachte ihn die Werke von Heinrich Schütz nahe und die beiden
- studierten sie gemeinsam. Aus dieser Beschäftigung wuchs die Freundschaft. Daneben erklangen die Spirituals aus Harlem, die Bonnhöfer auf
- Schallplatten mitgebracht hatte und die in Pommern niemand kannte. Er verlangte von den Kandidaten außerdem etwas, das ihnen fremder war als die
- Meditation, die Bruderbeichte, nicht die private Selbstprüfung, sondern das ausgesprochene Bekenntnis vor einem
- Mitbruder. Er selbst legte seine erste Beichte bei Betka ab, was für einen lutherischen Theologen und Vorgesetzten ein ungewöhnlicher Schritt war.
- Es ging ihm um die praktische Erfahrung dessen, was er seit seiner Dissertation vertrat, daß ein Mensch nicht allein Christ sein kann. Hier stellt sich die
- Frage, die über diesen Jahren steht. Bonhöfer hatte in Berlin gelehrt, war international bekannt, gehörte dem ökumen Rat an und stand mit Bischhöfen
- und Kirchenleitungen in Verbindung. Nun verbrachte er seine Zeit in einem entlegenen Haus in Pommern mit jungen Männern ohne Einfluß und ohne
- Aussichten. [räuspern] Die Umgebung erwies sich als Glücksfall. Der pomandel war überwiegend konservativ, kirchlich gebunden und dem
- neuen Regime gegenüber reserviert. Eine besondere Rolle spielte Rut von Kleist Rezzo, eine Gutsherrin von großer Bildung und ausgeprägtem theologischem
- Interesse. Sie unterstützte das Seminar mit Lebensmitteln und Geld, nahm ihre Enkelkinder zu den Gottesdiensten mit und Lud Bonnhöfer regelmäßig auf ihr Gut
- ein. Eine ihrer Enkelinnen berichtete später: "Alle seien von der Art seiner Predigt ergriffen gewesen, weil er selbst von
- dem, was er sagte, sichtbar ergriffen war." Zwischen der alten Dame und dem jungen Theologen entstand eine enge Freundschaft.
- Die politische Lage verschärfte sich inden von Monat zu Monat. Im September 1935 wurden die Nürnberger Gesetze verkündet,
- die deutschen Juden die Bürgerrechte entzogen und Eheschließungen mit ihnen verboten. Im August 1936 verlor Bonöfer die Lehrbefugnis an der
- Berliner Universität. Seine Schriften kamen auf die Listen unerwünschter Literatur. Im August 1937
- verfügte Heinrich Himmler als Chef der deutschen Polizei, der die Ausbildungsstätten der bekennenden Kirche für unzulässig erklärte. Während
- dieser Jahre entstanden in Finkenwalde die beiden Bücher, die Bonnhöfer zu Lebzeiten bekannt machten. Das erste erschien 1937
- unter dem Titel Nachfolge. Es geht von der Bergpredigt aus und stellt eine Unterscheidung in den Mittelpunkt, die seither in die theologische Sprache
- eingegangen ist, die zwischen billiger und teurer Gnade. Willige Gnade, schrieb er, sei die Gnade, die man sich selbst schenke. Sie sei die Predigt der
- Vergebung ohne Buße, die Taufe ohne Zucht der Gemeinde, das Abendmal ohne Bekenntnis der Sünde. Sie sei Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne
- den lebendigen Mensch gewordenen Jesus Christus. Die teure Gnade dagegen sei das Evangelium selbst. Sie kostte den
- Menschen das Leben. Sie habe Gott das Leben seines Sohnes gekostet. Und was Gott teuer gewesen sei, könne uns nicht billig sein.
- Das zweite Buch Gemeinsames Leben entstand aus der Erfahrung des Hauses selbst und wurde 1939 veröffentlicht. Es beschreibt nüchtern und ohne
- Schwärmerei, wie christliche Gemeinschaft funktioniert, den gemeinsamen Tag, das Schweigen, das Gebet, den Dienst des Zuhörens, das
- Ertragen des anderen. Ein zentraler Gedanke lautet, dass derjenige, der sich eine Wunschvorstellung von Gemeinschaft macht
- und diese durchsetzen will, jede wirkliche Gemeinschaft zerstört. Beide Bücher sind bis heute in vielen Sprachen verbreitet. Im September 1937
- schloss die geheime Staatspolizei das Haus in Finkenwalde. Zu diesem Zeitpunkt hatten dort rund 100 Kandidaten ihrer Ausbildung erhalten.
- Bis zum Jahresende befanden sich 27 ehemalige Schüler in Haft. Bon Höfer gab nicht auf, sondern verlegte die Arbeit in die Illegalität.
- Er organisierte sogenannte Sammelvikariate in Hinterpommann, in Köslin und in Großchlönwitz, später in Sigurtshof.
- Dort lebten kleine Gruppen von Vikaren bei Landpfahrern, offiziell als Hilfskräfte gemeldet, tatsächlich in Ausbildung. Die Verhältnisse waren
- einfach bis ärmlich. In Siguzov gab es weder Strom noch fließendes Wasser. Bonhe verreiste zwischen den Standorten hin und her. und führte den Unterricht
- bis zum Frühjahr 1940 weiter, als auch dieser Rest von der Behörde untersagt wurde. Am 9. November 1938
- geschah in Deutschland und Österreich das, was später als Novemberpogrome bezeichnet wurde. Tausende jüdische Geschäfte wurden zerstört, hunderte
- Synagogen niedergebrannt oder geschändet, zahlreiche Menschen misshandelt, viele getötet. zehntausende in Lager verschleppt. Bonhöfer war in
- Pommern, als ihn die Nachrichten erreichten. In seiner Bibel unterstrich er beim Psalm 74 den Vers über die verbrannten Häuser Gottes im Lande und
- schrieb das Datum an den Rand. Die bekennende Kirche schwieg. Es gab einzelne Pfarrer, die protestierten und einzelne Gemeinden, die halfen. Als
- Ganzes äußerte sich die Bewegung nicht. Für Bonnhöfer war dies der endgültige Beweis dafür, dass die Auseinandersetzung, die er seit 5 Jahren
- führte, an der entscheidenden Stelle versagt hatte. Damit klärt sich, weshalb er die großen Bühnen verlassen hatte. Er war nicht nach Pommann gegangen, weil er
- sich aus dem Kirchenkampf zurückziehen wollte, sondern weil er ihn für verloren hielt, solange es keine Pfarrer gab, die ihm gewachsen waren. Die Kirche hatte in
- den entscheidenden Momenten geschwiegen, nicht aus Bosheit, sondern weil ihre Amtsträger nicht gelernt hatten, was ihr Auftrag im Ernstfall bedeutet.
- Bonhöfer wollte deshalb eine kleine Zahl von Männern heranbilden, die den Unterschied zwischen einem Amt und einer Berufung kannten. [räuspern] Er hat das
- selbst so ausgedrückt. Die Erneuerung der Kirche werde von einer neuen Art des gemeinsamen Lebens kommen, das mit dem alten Mönchtum
- nichts gemein habe, außer der Entschiedenheit nach der Bergpredigt zu leben. Der Preis dafür war hoch. Von den etwa 150 jungen Männern, die durch
- Finkenwalde und die Sammelvikariate gingen, fiel eine große Zahl im Krieg. Andere starben in Haft. Bonhöfer hat in den Kriegsjahren an sie geschrieben, an
- die Front und in die Lazarette. Und er hat die Rundbriefe geführt, in denen er den Überlebenden mitteilte, wer wieder nicht zurückgekommen war.
- Am 12. Juni 1939 legte ein Passagierschiff im Hafen von New York an. Unter den Ankommenden befand sich ein
- deutscher Theologe, den Freunde in Amerika mit erheblichem Aufwand in Sicherheit gebracht hatten. [räuspern] Man hatte ihm eine Stelle beschafft,
- eine Vortragsreihe organisiert, eine Aufgabe unter deutschen Flüchtlingen in Aussicht gestellt. Er war dem Wehrdienst entkommen, der Verhaftung, dem Krieg,
- der jeden Tag beginnen konnte. Noch am selben Abend schrieb er in sein Tagebuch, daß er nicht wüßse, warum er hier sei. Die Vorgeschichte war eine
- Kette von Bemühungen wohlmeinender Freunde. Bonhöffers Lage in Deutschland war seit Anfang 1938 zunehmend prä. Die geheime Staatspolizei
- hatte ihm den Aufenthalt in Berlin untersagt und ihm nur eine Ausnahme für Besuche bei den Eltern zugestanden. [räuspern] Redeverbot,
- Publikationsverbot, Verlust der Lehrbefugnis, das Ende der Ausbildungsarbeit. Sein Handlungsspielraum war fast
- erschöpft. Vor allem aber stand ein Datum bevor, dass er nicht umgehen konnte. Sein Jahrgang wurde zur Musterung aufgerufen.
- Als Pfarrer der bekennenden Kirche hätte er den Fahnenid auf Adolf Hitler leisten müssen und eine Verweigerung des Wehrdienstes wurde als
- Wehrkraftzersetzung behandelt und in aller Regel mit dem Tod bestraft. Im September 1938 war seine Zwillingsschwester Sabine mit
- ihrem Mann Gerhard Leibholz und den beiden Töchtern über die Schweiz nach England geflohen. Dietrich und sein Bruder Klaus hatten sie bis zur Grenze
- begleitet. Die Familie zerfiel damit räumlich, was sie über Jahrzehnte nicht gekannt hatte. Reinhold Niebur, der ehemalige Lehrer in
- New York, setzte im Frühjahr 1939 alle Hebel in Bewegung. Innerhalb weniger Wochen standen Einladungen, Finanzierung und Visum bereit. Bonnhöfer
- reiste über London, wo er sich von Sabine und von Bischof Bell verabschiedete und bestieg in Southampton das Schiff.
- Was in New York folgte, gehört zu den eindrücklichsten Selbstzeugnissen seines Lebens. Er wurde freundlich aufgenommen, wohnte im Union Theological Seminary,
- wurde von Kollegen betreut und mit Aufgaben versorgt und er notierte tag für Tag ein wachsendes Unbehagen. Er schrieb, dass er die Brüder in
- Deutschland nicht vergessen könne. Er schrieb, dass ihn quähle hier zu sitzen, während dort entschieden werde. Er schrieb über die Untätigkeit, über die
- eigene Unsicherheit, über das Gefühl, an einem Platz zu sein, der ihm nicht zustehe. Nach wenigen Tagen stand der Entschluss
- fest. Er teilte Nibur mit, dass er zurückkehren werde und begründete es in einem Schreiben, das zu den bekanntesten Zeugnissen seines Denkens gehört. "Er
- habe einen Fehler gemacht, nach Amerika zu kommen", schrieb er. Er müse diese schwierige Zeit der Geschichte seines Volkes mit den Christen Deutschlands
- durchleben. Er werde kein Recht haben, am Wiederaufbau des christlichen Lebens in Deutschland nach den Krieg mitzuwirken, wenn er die Prüfungen
- dieser Zeit nicht mit seinem Volk teile. Die Christen in Deutschland stünden vor der schrecklichen Wahl, entweder die Niederlage ihrer Nation zu wollen, damit
- die christliche Zivilisation überlebe, oder ihren Sieg und damit die Zerstörung dieser Zivilisation. Er wisse, welche dieser Möglichkeiten
- erwählen müsse, aber er könne diese Wahl nicht in Sicherheit treffen. Am 7. Juli 1939, nach 26 Tagen, trat er die Rückreise an.
- Es war eine der letzten regulären Überfahrten vor Kriegsbeginn. Sein Bruder Karl Friedrich, der Physiker, fuhr auf demselben Schiff. Am 1.
- September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Der zweite Weltkrieg begann. Nun wurde das Problem unausweichlich,
- dem Bonhöfer durch die Reise ausgewichen war. Die Lösung fand sich im Kreis seiner eigenen Familie. Hans von Donjani mit seiner Schwester
- Christine verheiratet, war Jurist und arbeitete im Amt Auslandabwehr, der militärischen Nachrichtendienstelle des Oberkommandos der Wehrmacht unter
- Admiral Wilhelm Kanares. Donjani hatte bereits als Mitarbeiter im Reichsjustizministerium begonnen, Aufzeichnungen über Verbrechen
- des Regimes zu sammeln. Er sorgte dafür, daß sein Schwager als Mitarbeiter der Abwehr geführt wurde und damit vom Wehrdienst befreit war. Die
- offizielle Begründung war einleuchtend. Bonnhilfer verfügte über ein internationales Netz kirchlicher Beziehungen, das kein anderer deutscher
- Theologe in dieser Dichte besaß. Er kannte Bischöpfe in England, in Skandinavien, in der Schweiz. Ein Nachrichtendienst konnte an solchen
- Verbindungen Interesse haben. Es dauerte einige Zeit, bis die Behörden dieser Argumentation akzeptierten. Von Anfang 1940 an war Bonnhöfer eingetragener
- Mitarbeiter der Abwehr und wurde offiziell von der Wehrpflicht zurückgestellt. Was die Öffentlichkeit nicht wusste, war
- die Doppelnatur dieser Dienststelle. Die Abwehr unter Canares und seinem Stellvertreter Hans Oster war zum Sammelpunkt derjenigen geworden, die den
- Sturz des Regimes betrieben. Von dort aus liefen Verbindungen zu Militärs, Diplomaten und Beamten. [räuspern] Bonhöfer reiste im Auftrag der
- Dienststelle in die Schweiz, nach Italien, nach Schweden und nach Norwegen. Offiziell zur Nachrichtenbeschaffung
- tatsächlich als Kurier der Verschwörung. Die bedeutendste dieser Reisen führte ihn im Mai 1942 nach Seguna in Schweden. Dort traf er
- George Bell, den englischen Bischof, der sich zufällig im Land aufhielt. Bonhöfer nannte ihm die Namen führender Verschwörer und legte die Pläne für
- einen Umsturz offen. Er bat B B B Bell, die britische Regierung zu unterrichten und zu klären, ob die Alliierten mit einer deutschen Regierung nach Hitler
- verhandeln würden. Bell trug die Sache im Oberhaus und beim Außenminister vor. Die Antwort war ablehnend. Die Reinigung Deutschlands sei eine deutsche
- Angelegenheit. Zusagen im voraus sei nicht zu erwarten. Bell nannte das Schweigen der britischen Regierung später einen bitteren Schlag.
- Ebenfalls in diese Zeit fällt die Beteiligung an dem, was unter dem Namen Unternehmen 7 bekannt wurde. Donani, Canaris, Oster und andere schleusten
- eine Gruppe von jüdischen Verfolgten aus Deutschland heraus, indem sie sie formal als Agenten der Abwehr führten und mit Reisepapieren in die Schweiz brachten.
- 14 Menschen wurden auf diese Weise gerettet. Bonhöfer half bei der Vorbereitung mit. Die Devisenüberweisungen, die dabei nötig
- waren, gerieten später in das Blickfeld der Ermittler und wurden zum Ausgangspunkt seiner Verhaftung. Hier liegt der Widerspruch, der Bonnhöfer
- selbst am schwersten zu schaffen machte. Der Mann, der in Fanö gefordert hatte, den Frieden zu wagen, der von Jean Lasser gelernt hatte, daß die
- Bergpredigt ernst gemeint ist, der jahrelang als Vertreter einer kirchlichen Friedensarbeit aufgetreten war, wusste nun von Plänen zur Tötung
- eines Menschen und deckte sie. Er hat diese Spannung nie durch eine bequeme Theorie aufgelöst. Er hat auch nie behauptet, daß ein solches Handeln
- schuldlos sei. Sein Ausgangspunkt war ein anderer. In den Aufzeichnungen, aus denen später das unvollendete Werk Ethik
- zusammengestellt wurde, schrieb er: "Der Wille Gottes sei kein von vorne rein feststehendes System von Regeln, sondern in jeder Lage neu und anders, weshalb
- der Mensch immer wieder von neuem prüfen müsse, was der Wille Gottes sei." Nicht die Frage, wie man gut sei, sei die entscheidende, sondern die Frage, was in
- dieser Stunde gefordert ist. Für die Lage, in der er stand, benutzte er einfaches Bild. Wenn man in einem Wagen sitze, dessen
- Fahrer im Begriff sei, in eine Menschenmenge auf dem Gehweg zu fahren, dann genüge es nicht, hinterher für die Opfer zu beten. Man müsse dem Fahrer in
- das Steuer greifen. Aus diesem Gedanken ergab für ihn die Möglichkeit, dass ein Christ Schuld auf sich nehmen muss, statt sich durch
- Untätigkeit reinzuhalten. Er nannte das die Übernahme der Verantwortung und er sprach dabei ausdrücklich davon, dass der Handelnde
- sich Gott ausliefere und auf Vergebung angewiesen bleibe. Über den Umfang seiner tatsächlichen Beteiligung gehen die Darstellungen auseinander. Manche
- Autoren haben ihn zu einer zentralen Figur der Verschwörung erklärt. Die neuere Forschung urteilt zurückhaltender. Bonhöfer war Mitwisser,
- Kurier und Vermittler zu ausländischen Kirchenkreisen, nicht Planer eines Attentats. Zugleich war er, wie Weggefährten übereinstimmend
- berichteten, der Seelsorger dieses Kreises, an den sich Männer wandten, die ihren Eidbrechen, lügen und töten mussten und dafür eine geistliche
- Verantwortung suchten. Zu Weihnachten 1942 schrieb er für seine engsten Mitverschworenen einen Text, der den
- Titel "Nach 10 Jahren trug, eine Bilanz eines Jahrzehns unter der Herrschaft des Regimes. Er hielt darin fest, dass sie gelernt hätten, die großen Ereignisse
- der Weltgeschichte einmal von unten zu sehen, aus der Perspektive der Ausgeschlossen der Verdächtigten, [räuspern]
- der Misshandelten, kurz aus der Sicht der Leidenden. Bloßes Abwarten und Zusehen sei kein christliches Verhalten. Christen würden zum Mitleiden und zum
- Handeln gerufen. Er stellte auch die Frage, ob Menschen, die schweigende Zeugen böser Taten gewesen seien, die die Kunst der Verstellung gelernt hätten
- und durch Erfahrung misstrauisch geworden sein, überhaupt noch brauchbar sein. Die Decke, die man dem neuen Häftling in der Zelle im
- Militäruntersuchungsgefängnis Berlin Tegel reichte, war so verschmutzt, dass er sie tagelang nicht benutzte, obwohl es kalt war. Er lag auf
- der Pritsche, hörte das Weinen und Schreien aus den Nachbarzellen und aß in den ersten Tagen kaum. In seinem ersten Brief an die Eltern schrieb er wenige
- Tage später: "Sie sollten ganz sicher sein, dass es ihm gut gehe. Die Unannehmlichkeiten, die man gewöhnlich mit dem Gefängnisleben verbinde, die
- körperlichen Entbehrungen machten ihm kaum etwas aus. Verhaftet worden war Dietrich Bonnhöfer am 5. April 1943. Am selben Tag hatten Beamte der geheimen
- Staatspolizei in der Abwehr Hans von Don Jani festgenommen, Papiere, in dessen Schreibtisch führten zum Schwager. Am Nachmittag kam Karl Bonnhöfer aus dem
- Nachbarhaus herüber und sagte seinem Sohn: "Zwei Herren wollten ihn sprechen." Dietrich ging hinüber, ruhig, wie Angehörige berichteten, als jemand,
- der seit Jahren mit diesem Tag gerechnet hatte. Die Anklage lautete zunächst nicht auf Hochverrat. ermittelt wurde wegen Wehrkraftersetzung
- und wegen der Devisenvorgänge im Zusammenhang mit der Rettungsaktion für die 14 jüdischen Verfolgten. Der Vorwurf: Er habe seine Stellung in der
- Abwehr genutzt, um Pfarrern den Wehrdienst zu ersparen und um Auslandsreisen für kirchliche statt Nachrichtendienstliche Zwecke zu
- unternehmen, wog schwer genug. Von der Verschwörung gegen Hitler wußten die Ermittler zu diesem Zeitpunkt nichts. Drei Monate zuvor hatte sich
- Bonhöfer mit Maria von Wedemeer verlobt. Sie war die Enkelin von Rut von Kleist Retzo, 18 Jahre jünger als er und hatte in kurzer Zeit Vater und Bruder im Krieg
- verloren. Die Verbindung war in der Familie nicht unumstritten gewesen, schon wegen des Altersunterschieds und wegen der Zeitumstände.
- Vonöfer selbst hatte seinen Kandidaten in Finkenwalde geraten, in solchen Jahren nicht an Verlobung und Heirat zu denken. Er schrieb ihr: "Sie seien
- anders zusammengewachsen, als sie es gedacht und gewünscht hätten. Doch die Zeiten seien ungewöhnlich und würden es bleiben, und alles hänge daran, dass sie
- im Wesentlichen eins sein und beieinander blieben." Am 5. April, dem Tag der Verhaftung, notierte Maria in ihrem Tagebuch: "Sie
- habe das Gefühl, dass etwas sehr schlimmes geschehen sei, ohne zu wissen, was." Sie durfte ihn erst nach drei Monaten
- besuchen, unter Aufsicht, mit der Auflage laut zu sprechen und ihn nicht zu berühren. Als die halbe Stunde vorbei war und beide zu verschiedenen Türen
- hinausgehen sollten, drehte sie sich um, lief zurück und fiel ihm um den Hals, bevor jemand eingreifen konnte. Tegel wurde für Monate der Ort, an dem
- Bonnhöfer lebte, schrieb und dachte. Anfangs war er streng isoliert. Nach einigen Wochen verbesserten sich die Bedingungen, auch weil der Kommandant
- des Gefängnisses ein entfernter Bekannter der Familie war. Bonhöfer gewann das Vertrauen mehrerer Wachleute. Einer von ihnen, ein
- Feldwebel namens Knobloch, schmuggelte über Monate Briefe hinaus und hinein, ohne Bezahlung anzunehmen, und bot ihm später sogar an, gemeinsam mit ihm zu
- fliehen. So entstand ein Briefwechsel, der die Grundlage für das Bild des Gefangenen bildet. Ein Teil ging offiziell an die
- Eltern, ein anderer unzensiert an Eberhard Betke. Die Familie entwickelte darüber hinaus ein Verständigungssystem in Büchern. Unter einzelnen Buchstaben
- wurde mit dem Bleistift ein winziger Punkt gesetzt, meist auf jeder zweiten Seite, sodass sich aus einem ganzen Band einige Sätze ergaben. Auf diesem Weg
- gllichen die Angehörigen ihre Aussagen für die Verhöre miteinander ab. Bonhöfer nutzte die Zeit mit ungewöhnlicher Disziplin. Er las die
- Bibel fortlaufend durch, wie er schrieb, und war bis zum Buch Hiob gelangt, das ihm besonders nah stand. Die Psalmen las er täglich wie seit Jahren und erkannte
- und liebte sie mehr als jedes andere Buch. Daneben las er Literatur, Geschichte, Naturwissenschaft. Er versuchte sich an einem Roman und an
- einem Drama, beides blieb Fragment. Und er schrieb Briefe von großer theologischer Dichte, in denen Gedanken auftauchten, die später unter dem Titel
- Widerstand und Ergebung veröffentlicht wurden. In diesen Briefen findet sich der Gedanke einer Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist,
- die an den weltlichen Aufgaben des Lebens teilnimmt und den Menschen jeden Beruf sagt, was es heißt, in Christus zu leben. Er sprach von einem
- religionslosen Christentum und meinte damit nicht die Aufgabe des Glaubens, sondern die Abkehr von einer Frömigkeit, die sich in einen privaten Innenraum
- zurückzieht und die Welt sich selbst überlässt. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass sich damit seine Sicht auf die
- Gestalt der Kirche wandelte, nicht aber seine Christologie. Er schrieb auch von den Erlebnissen der Zelle, von einer Inschrift eines
- Vorgängers über der Tür. In hundert Jahren sei alles vorbei, von einer Amsel im Gefängnishof, die morgens schön sang.
- Während der Luftangriffe auf Berlin saß er mit anderen im Keller und betreute Mitgefangene, die die Nerven verloren. Und er schrieb ein Gedicht, indem er
- fragte, wer er sei. Andere sagten ihm, er trage die Tage des Unglücks, gelassen, lächelnd und stolz, wie einer, der zu siegen gewohnt sei. Er selbst
- wußte sich unruhig, voller Sehnsucht, matt und leer, im Beten, im Denken und im Tun. schwach und bereit von allem Abschied zu nehmen.
- Die Frage, ob er der sei, den die anderen sehen, oder der, den er von sich selbst kannte, ließ er offen und beendete das Gedicht mit dem Satz: "Wer
- er auch sei, Gott kenne ihn und er sei sein." An dieser Stelle liegt das Rätsel, das Mitgefangene und Bewacher gleichermaßen
- beschäftigte. Ein Mann in Todesgefahr mit einer Verlobten draußen, die er kaum sehen durfte, mit Angehörigen in denselben
- Gefängnissen, verbreitete um sich herum Ruhe. Am 20. Juli 1944 zündete oberst Klaus Schenk Graf von
- Staufenberg im Führer Hauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen eine Bombe. Hitler überlebte. Die Verfolgung, die einsetzte, erfasste
- tausende. Etwa 5000 Menschen wurden hingerichtet. Im September wurden in Zossen Akten der Abwehr entdeckt, die den Umfang der Verschwörung offenlegten
- und Bonnhnhöfers Verbindungen dokumentierten. [räuspern] Damit war seine Lage entschieden. Im Oktober kam er in das Kellergefängnis der geheimen
- Staatspolizei in der Prinz Albrechtstraße. Die vorbereitete Flucht sagte er ab, weil er Repressalien gegen seine Familie
- befürchtete. Am 7. Februar 1945, einen Tag nach seinem 39. Geburtstag wurde er nach Buchenwald verlegt, später
- nach Regensburg und Schönberg. Auf den Transporten in Lastwagen zusammengedrängt, sprach er mit den Mitgefangenen, hielt auf Bitten Anda und
- stand denen bei, die zusammenbrachen. Der britische Offizier Pain Best, der mit ihm transportiert wurde, hielt fest, Bonfer sei anders gewesen, ruhig und
- gelöst, und seine Seele habe in der Verzweiflung der Gefangenschaft geleuchtet. Er sei einer der ganz wenigen Menschen, denen Gott wirklich
- und nahe gewesen sei. Am 8. April 1945, einem Sonntag, hielt Bonnhöfer in Schönberg auf Bitten der Mitgefangenen eine Andacht.
- Kurz darauf wurde er abgeholt. Beim Hinausgehen bat er Best, dem Bischof von Chitchester, eine Nachricht zu übermitteln und sagte, dies sei das Ende
- für ihn der Beginn des Lebens. Noch in der Nacht fand im Konzentrationslager Flossenburg ein Standgerichtsverfahren statt. Verurteilt
- wurden Admiral Canaris, General Oster, Bonnhöfer und weitere Beteiligte. Der Lagerarzt, der die Vollstreckung begleitete, schrieb ein Jahrzehn später
- auf, was er gesehen hatte. Durch die halbgeöffnete Tür einer Baracke habe er Pastor Bonnhöfer gesehen, wie er noch in
- Häftlingskleidung auf dem Boden kniete und innbrünstig zu seinem Gott betete. Die Art, wie dieser Mann gebetet habe, so ergriffen und so gewiss, dass Gott
- ihn höre, habe ihn tief bewegt. Auch am Richtplatz habe er noch ein Gebet gesprochen und sei dann gefasst die Stufen zum Galden hinaufgestiegen.
- In fast 50 Jahren ärztlicher Tätigkeit habe er kaum einen Menschen so ergeben sterben sehen. Am Morgen des 9. April 1945
- wurde Dietrich Bonnhöfer im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Am selben Tag starben Canaris und Oster.
- Hans von Donani war bereits einen Tag zuvor im Lagersachsenhausen getötet worden. In der Nacht zum 23. April wurden in Berlin Klaus Bonnhöfer und
- Rüdiger Schleicher, Bruder und Schwager, erschossen. Vier Wochen nach dem 9. April war der Krieg in Europa zu Ende. Die Familie
- erfuhr es erst im Sommer. Die Eltern hörten in Berlin eine Rundfunkübertragung des britischen Senders, einen Gedenkgottesdienst für
- Dietrich Bonnhöfer aus London, den Bischof Bell gehalten hatte. Angehörige haben den Augenblick beschrieben, indem Paula Bonhöfer sagte: "Dietrich sei
- tot." Damit ist auch beantwortet, woher die Ruhe kam, die alle an ihm bemerkten. Sie war keine Verdrängung und keine natürliche Unerschockenheit.
- Die Gedichte aus der Zelle zeigen einen Mann, der Angst kannte. Bereits 1934 hatte er in einer Predigt gesagt: "Der Tod sei das Tor zur Heimat, die Hütte
- der Freude, das ewige Reich des Friedens. Ohne den Glauben sei er [räuspern] Hölle, Nacht und Kälte. Doch eben dies
- sei das Wunderbare, daß der Glaube ihn verwandeln könne. Was ihn trug, war nicht Tapferkeit, sondern die Überzeugung, dass diese Sätze zutrafen.
- Er hatte 11 Jahre vor Flossenbg beschrieben, wie er sterben würde. Sein Werk erschien überwiegend nach seinem Tod, herausgegeben von Eberhard Betke,
- der die Briefe aufbewahrt und geordnet hatte. Nachfolge, gemeinsames Leben, Ethik und die Gefängnisbriefe wurden in zahlreiche
- Sprachen übersetzt und gehören zu den meist gelesenen theologischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Maria von Wedemier ging nach dem Krieg in die Vereinigten
- Staaten, studierte Mathematik und veröffentlichte den Briefwechsel erst spät. Karl und Paula Bonhöfer erlebten das
- Kriegsende in Berlin und starben in den 50er Jahren. Im Juli 1998 wurden über dem Westportal der Westminsteri in London zehn Standbilder
- enthüllt, die an Meertürer des 20. Jahrhunderts erinnern. Eine der Figuren zeigt Dietrich Bonnhöfer. Damit endet die Geschichte eines Mannes, der aus
- einem Haus kam, in dem über Gott kaum gesprochen wurde und der sein Leben an die Frage setzte, was der Glaube im Ernstfall bedeutet. Ich danke Ihnen sehr
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