Zum Inhalt springen
L

Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).

Dietrich Bonhoeffer — Der Theologe, der zum Verschwörer wurde | Dokumentation

Alexander Weiss1:52:11 55.049 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 662 Zeilen
Herunterladen
  1. Mit 21 Jahren legte er eine Doktorarbeit vor, die Karl Bart später ein theologisches Wunder nannte. Mit 27 sprach er im Deutschen Rundfunk als
  2. einer der ersten gegen den neuen Reichskanzler. Die Übertragung brach mitten im Satz ab. Seit 1998 steht seine steinerne Gestalt über dem
  3. Westportal der Westminsteri unter den zehn Mehrtürern der Neuzeit. Man sieht ihn vor sich. Ein hochgewachsener Mann mit runder Brille,
  4. der an Klavier einen Abschiedskoral spielt, während sein Bruder in den Krieg zieht. Wie wird aus einem behüteten
  5. Professorensohn ein Verschwörer? Und was bringt einen überzeugten Freund des Friedens dazu, den Tod eines Menschen zu wollen?
  6. Herzlich willkommen bei den Geschichten großer Persönlichkeiten. Mein Name ist Alexander Weiß. Heute begleiten wir Dietrich Bonnhöfer.
  7. Wer verstehen will, woher dieser Mann seine Festigkeit nahm, muss dorthin zurückgehen, wo alles begann. In ein Haus, in dem über beinahe jedes Thema
  8. gestritten wurde. Am Abend, wenn das Licht im Kinderzimmer gelöscht war, begann zwischen zwei Betten ein sonderbares Spiel. Die Zwillinge
  9. Dietrich und Sabine lagen wach und versuchten an einziges Wort zu denken: Ewigkeit. Sie hielten den Gedanken fest, solange
  10. sie konnten, bis ihnen schwindelig wurde und der Schlaf sie einholte. Sabine hat später aufgeschrieben, wie ernst Ihr Bruder dieses Spiel nahm. Es
  11. war für ihn kein kindlicher Zeitvertreib, sondern ein Versuch, etwas zu berühren, das sich nicht berühren ließ.
  12. Merkwürdig daran war vor allem das Haus, in dem diese Kinder aufwuchsen. Es war ein Haus der Wissenschaft, der Musik und der genauen Sprache. Man diskutierte am
  13. Tisch über Politik, über Medizin, über Literatur und man verlangte von jedem Kind, dass es seine Behauptungen begründen konnte. Über Gott jedoch wurde
  14. kaum gesprochen. Der Vater ging nicht in die Kirche. Die Familie gehörte nicht zu den Gemeinden, die man an Sonntagen in den Bänken sah. Und gerade in diesem
  15. Haus wuchs ein Junge heran, der sich vom Tod und von der Unendlichkeit nicht losreißen konnte. Geboren wurde er amen Februar 1906 in
  16. Breslau, damals eine der Großen Städte des Deutschen Reiches, heute die polnische Stadt Breslau, die Wrotzwa heißt. Dietrich kam 10 Minuten vor
  17. seiner Zwillingsswester Sabine zur Welt. Die beiden waren das sechste und siebte von acht Kindern. Vor ihnen die Brüder Karl Friedrich, Walter und Klaus sowie
  18. die Schwestern Ursula und Christine. Nach ihnen die jüngste Susanne. Es war eine große, laute, ungewöhnlich begabte Kinderschar und wer sie beschreiben
  19. wollte, sprach fast immer zuerst von den Eltern. Der Vater Karl Bonhöfer gehörte zu den bekanntesten Ärzten seiner Zeit. Er war Psychiater und Neurologe und
  20. leitete in Breslau die Klinik für Nerven und Geisteskrankheiten. Seine Fachwelt schätzte ihn als einen Mann, der Diagnosen nicht aus Systemen
  21. ableitete, sondern aus geduldiger Beobachtung. Modische Theorien lehnte er ab, den Lehren Sigmund Freuz begegnete er mit
  22. reservierter Skepsis. Diese Haltung prägte auch den Umgangston zu Hause. Gefühlsausbrüche galten wenig, unklare Formulierungen noch weniger.
  23. Wer in dieser Familie etwas sagte, sollte es genau sagen. Die Mutter Paula Bonhöfer, eine geborene von Hase, kam aus einer Welt, die auf
  24. den ersten Blick sehr weit von der des Vaters entfernt lag. Ihr Vater war Hofprediger Kaiser Wilhelms des II gewesen und hatte dieses
  25. Amt nach einem Zerwürfnis mit dem Hof niedergelegt. Über die genauen Umstände gehen die Überlieferungen auseinander. In der Familie erzählte man, es sei um
  26. die Haltung des Hofes gegenüber den Armen gegangen. Ihr Großvater war ein weithin geachteter Theologe in Jena. Paula selbst gehörte
  27. zu den wenigen Frauen ihrer Generation, die ein Lehrerinnenexamen ablegten. Sie war eine begabte Pädagogin und sie beschloss, ihre Kinder die ersten Jahre
  28. selbst zu unterrichten. Diese Entscheidung war kein Zufall. Paula Bonhöfer hielt wenig von der preußischen Volksschule mit ihrem Drill
  29. und ihrem auswendig Lernen. Sie richtete im Haus ein Schulzimmer ein, stellte Stundenpläne auf und arbeitete mit den Kindern an Sprachen, an Geschichte, an
  30. Naturkunde. Ihre Söhne und Töchter lernten früh, dass Bildung nicht in der Ansammlung von Wissen besteht, sondern in der
  31. Fähigkeit, Selbst zu urteilen. Ein Familienspruch, den die Kinder oft hörten, lautete sinngemäß: "Den Deutschen werde im Leben zweimal das
  32. Rückrad gebrochen." Zuerst in der Schule und dann beim Militär, womit sie die Neigung zur übertriebenen Stränge in der Erziehung meinte und ausdrücklich
  33. ablehnte. 1912 verließ die Familie Breslau. Karl Bonhöfer wurde nach Berlin berufen an die Charit auf den bedeutendsten
  34. psychiatrischen Lehrstuhl des Landes. Die Bonhöfers zogen zunächst in die Innenstadt und wenige Jahre später nach Grunewald in eine ruhige, von Kiefern
  35. durchsetzte Willengegend im Westen Berlins. Dort lebten Professoren, Juristen, Verleger. Die Nachbarn hießen Delbrück, Harnak, Plank. Wer in diesem
  36. Viertel aufwuchs, wuchs im Zentrum des deutschen Geisteslebens auf, ohne es besonders zu bemerken. Das Haus in der Wangenheimstraße war
  37. groß, aber nicht prunkvoll. Es gab einen Garten, einen Hausunterrichtsraum, ein Musikzimmer und eine Ordnung, die vom Frühstück bis zum Abendessen jeden
  38. Tag trug. Zusätzlich unterhielt die Familie ein Ferienhaus in Friedrichsbrunn im Harz, ein schlichtes Waldhaus ohne
  39. elektrisches Licht. Dort lebten die Kinder wochenlang draußen, sammelten Pilze, wanderten, lasen. Dirrich hat dieses Haus Zeit lebens geliebt. Noch in
  40. späteren Jahren nannte er es den Ort, an dem er sich zu Hause fühlte, mehr als in jeder Stadt. Musik war in diesem Haushalt keine Zierde, sondern eine
  41. Selbstverständlichkeit. Am Samstagabend wurde musiert, die Mutter sang, die Geschwister spielten Violine, Cello, Klavier.
  42. Dietrich saß am Flügel und er saß dort gut. Er las Partituren mühelos vom Blatt, begleitete die Lieder der Familie und komponierte kleine Stücke. Eine Zeit
  43. lang war die Familie überzeugt, dass aus ihm ein Musiker werden würde. Der Vater hätte das gelten lassen. Musik war eine ernsthafte Sache, keine Träumerei.
  44. Und dennoch bewegte den Jungen etwas anderes. Schon als Kind stellte er Fragen, die Erwachsene in Verlegenheit brachten. Was geschieht nach dem Tod? ob
  45. es einen Himmel gäbe, was das Wort Ewigkeit eigentlich bedeute. Er fragte nicht ängstlich, sondern hartnäckig, so wie er später auch theologische Probleme
  46. angehen sollte, als etwas, dass man nicht ruhen lassen darf, bevor man Klarheit hat. In einem Haus, in dem der Vater die Grenzen des Erkennbaren sehr
  47. eng zog, waren solche Fragen nicht unerwünscht. Sie fielen nur auf. Dazu kam ein zweites Bild aus der Kindheit, das die Familie gerne
  48. erzählte. Zu den liebsten Spielen des kleinen Dietrich gehörte es Taufen nachzuspielen. Der Urgroßvater und der Großvater hatten
  49. in der Familie die Taufen vollzogen und das Kind ahmte nach, was es gesehen hatte. In einem Haushalt, dessen Söhne Physik, Jura und Chemie im Sinn hatten,
  50. war das eine kleine stille Auffälligkeit. Niemand nahm sie damals ernst. Hier liegt das eigentliche Rätsel dieser
  51. Kindheit. Die Bonhöfers waren keine frommen Leute im landläufigen Sinn. Karl Bonnhöfer war, soweit man es beurteilen kann, religiös unentschieden. Vielleicht
  52. agnostisch, in jedem Fall zurückhaltend. Und zugleich achtete er den Glauben seiner Frau ohne jede Ironie. Der sonntägliche Kirchgang gehörte nicht zum
  53. Familienleben und trotzdem entstand in diesen Räumen ein Kind, dessen ganzes späteres Leben von der Frage nach Gott bestimmt sein sollte. Die Erklärung
  54. liegt nicht in der Kirche, sondern im Haus selbst. Denn Paula Bonhöfer betrieb ihre Frömigkeit nicht als Vereinswesen, sondern als tägliche Praxis. Sie las mit
  55. den Kindern biblische Geschichten. Sie sprach mit ihnen die Abendgebete. Sie feierte die kirchlichen Feste mit einer Sorgfalt, die den Kindern im Gedächtnis
  56. blieb. Ihre eigene Prägung stammte aus der Herrhutertradition, jener stillen innerlichen Bewegung, die auf persönliche Erfahrung und gelebte
  57. Gemeinschaft setzte, statt auf Amt und Institution. Zwei Erzieherinnen, die Paula ins Haus holte, kamen ebenfalls aus diesem
  58. Umkreis. Der Glaube war in der Wangenheimstraße also durchaus gegenwärtig, nur eben nicht als Institution, sondern als Atmosphäre.
  59. Damit lernte Dietrich Bonnhöfer schon als Kind eine Unterscheidung, die den Rest seines Lebens bestimmen sollte. Kirche als Einrichtung und Glaube als
  60. Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Was er später mit großem theologischem Aufwand begründen würde, dass Christentum nicht in Formeln, sondern in gelebt,
  61. hatte er in seiner eigenen Familie längst erfahren. Er hatte erlebt, dass Ernsthaftigkeit ohne Kirchgang möglich war und er hatte zugleich gespürt, dass
  62. etwas fehlte. Auch die väterliche Seite trug dazu bei. Die Großmutter Julie Bonhöfer, eine geborene Tafel, stammte aus einer
  63. schwäbischen Familie mit ausgeprägt liberaler und selbstbewusster Tradition. Sie war eine Frau von unbeirrbarer Geradheit, klein von Gestalt und
  64. unbeindruckt von Autoritäten. Ihre Enkel bewunderten sie. Von ihr lernten sie, daß man das Richtige tut, weil es richtig ist und nicht, weil es
  65. opportun erscheint. Eine Haltung, die sie noch als über neunzigjährige unter dramatischen Umständen unter Beweis stellen sollte. So entstand in diesem
  66. Haus eine seltene Mischung. Vom Vater kam die intellektuelle Redlichkeit, die Abneigung gegen große Worte und die Fähigkeit genau hinzusehen. Von der
  67. Mutter kam der Glaube als tägliche Übung und die Überzeugung, dass Bildung und Frömigkeit einander nicht ausschließen. Von der Großmutter kam der Mut, gegen
  68. die Mehrheit zu stehen und von den Geschwistern kam der Wettbewerb. In einer Runde von acht hochbegabten Kindern mußte man sich behaupten.
  69. Bemerkenswert ist, wie früh sich bei Dietrich eine Eigenschaft zeigte, die seine Familie halb bewundernd, halb spöttisch beschrieb, eine ungewöhnliche
  70. Festigkeit des Willhens. Er ließ sich schwer beeindrucken. Wenn er sich etwas vorgenommen hatte, blieb er dabei, auch gegen Widerstand, auch gegen Spott. Die
  71. älteren Brüder, alle auf naturwissenschaftlichen und juristischen Wegen, waren rasch bereit, den kleinen Bruder zu necken. Es half wenig. Wie
  72. sehr das Nachdenken über den Tod bei ihm mehr war als eine Kinderlaune, sollte sich bald zeigen, denn im August 1914 endete die behütete Welt der Grune
  73. Walder Willen, so plötzlich wie die Welt ganz Europas. Der Krieg zog in die Häuser ein, zunächst als Begeisterung, dann als Nachricht, dann als Verlust.
  74. Die Namen von Nachbarn, entfernten Verwandten und Freunden, erschienen in den Listen der Gefallenen, und die Fragen, die der Achtjährige im Dunkeln
  75. gestellt hatte, wurden zu Fragen der ganzen Familie. Später hat Dietrich Bonhöfer über diese Jahre geschrieben, es sei eine Zeit
  76. gewesen, in der Tod vor der Tür fast jedes Hauses stand und Einlass verlangte. Der Satz beschreibt Deutschland zwischen 1914 und 1918. Er
  77. beschreibt aber auch das Haus in der Wangenheimstraße, in dem man über alles sprechen konnte, in dem Gott jedoch selten vorkam und in
  78. dem Junge heranwuchs, der genau an dieser Stelle nicht locker lassen wollte. Am Abend vor der Abreise seines Bruders setzte sich der zwölfjährige
  79. Dietrich an den Flügel und spielte ein Lied, das er heimlich eingeübt hatte. Es hieß: "Nun, lasst uns gehen und treten." Und niemand in der Familie hatte ihn
  80. darum gebeten. Walter, 18 Jahre alt, hatte sich freiwillig gemeldet und sollte am nächsten Morgen an die Westfront. Sabine hat den Abend später
  81. beschrieben, das Zimmer, die versammelte Familie, den jüngeren Bruder am Instrument, der auf die einzige Weise Abschied nahm, die ihn zur Verfügung
  82. stand. Am folgenden Tag brachte man Walter zum Bahnhof. Als der Zug anfuhr, lief Paula Bonnhöfer ein Stück neben dem Wagen her
  83. und rief ihrem Sohn zu: "Es sei ja nur der Raum, der sie trenne." Die Kinder haben diesen Satz ihr Leben lang behalten. 14 Tage später traf die
  84. Nachricht ein, dass Walter an der Front gefallen war, getroffen von Granatsplittern, gestorben im Feldlazarett.
  85. Er war der zweite Sohn der Familie. Der Erste Weltkrieg hatte die Bonnhöfers zunächst so erreicht, wie fast alle Familien des deutschen
  86. Bildungsbürgertums. Es gab Landkarten an der Wand, Fähnchen für die Frontverläufe, Zeitungslektüre am Frühstückstisch.
  87. Die älteren Kinder verfolgten die Meldungen mit Anteilnahme: "Die Jüngeren spielten Krieg im Garten." Die deutschen Kirchen hatten den Krieg
  88. beinahe geschlossen begrüßt. Von den Kanzeln hörte man: "Gott stehe auf der Seite des angegriffenen Vaterlandes." Ebenso hörte man es in England, in
  89. Frankreich und in Russland jeweils mit umgekehrten Vorzeichen. Die Bonnhöfers gehörten nicht zu den Lauten, aber auch sie zweifelten anfangs
  90. nicht daran, dass Deutschland sich verteidige. Mit den Jahren änderte sich der Ton in den Häusern. Aus Begeisterung wurde
  91. Gewöhnung, aus Gewöhnung Erschöpfung. Die Lebensmittel wurden knapp, die Kinder lernten Rüben zu schätzen und Dietrich entwickelte einen praktischen
  92. Ehrgeiz darin, für die Familie Vorräte zu organisieren. Zugleich wuchs die Zahl der Namen auf den Verlusten.
  93. Vättern vielen, Nachbarssöhne, Söhne von Kollegen des Vaters. In Grünewald standen die Häuser dicht beieinander und der Trauer fluhr an
  94. einer Tür war von der Straße auszusehen. Der Tod Walters veränderte die Familie im Kern. Paula Bonnhöfer, sonst die tragende Kraft des Hauses, brach
  95. zusammen und zog sich für Monate zu Nachbarn zurück. Sie war zeitweise nicht in der Lage, ihre Kinder zu unterrichten oder auch nur am gemeinsamen Leben
  96. teilzunehmen. Karl Bonhöfer, der Psychiater, dessen Beruf im Umgang mit seelischen Erschütterungen bestand, schwieg.
  97. Sein Tagebuch enthält für diese Tage nur wenige Zeilen. Erst Jahre später schrieb er, dass das Jahr 1918 einen Schatten hinterlassen habe, der
  98. nie wieder ganz gewichen sei. In diesem Haus, in dem man alles besprach, gab es nun einen Bereich, über den nicht gesprochen wurde. Zur Konfirmation
  99. erhielt Dietrich die Bibel seines gefallenen Bruders. Er hat sie sein Leben lang benutzt, bis in die Gefängniszelle hinein.
  100. Der Gegenstand ist mehr als eine Anekdote. Er zeigt, dass die Erinnerung an Walter für den Jüngeren nicht in einer allgemeinen Trauer aufging,
  101. sondern eine bestimmte Richtung bekam. Das Buch, das die Fragen nach Tod und Ewigkeit behandelte, war zugleich das Buch des Bruders.
  102. Was in Deutschland nach 1918 geschah, ging in eine andere Richtung. Millionen Männer kehrten aus den Schützengräben zurück, verstört,
  103. verbittert und in großer Zahl entfremdet von der Kirche. Die Geistlichkeit hatte den Krieg vier Jahre lang gesegnet. Nun stand sie vor Gemeinden, die ihre Söhne
  104. verloren hatten und den Segen nicht wiederkannten. [räuspern] Die Kirchen erlitten einen Ansehensverlust, von dem sie sich in der
  105. Weimarer Zeit nie erholten. Wer als junger Mensch dieser Jahre nach Sinn suchte, suchte ihn eher in der Politik, in der Kunst, in den Wissenschaften oder
  106. in neuen Weltanschauungen, selten in der Landeskirche. Genau in diesem Moment traf der 13-jährige Dietrich Bonnhöfer seine
  107. Entscheidung. Er erklärte der Familie, dass er Theologe werden wolle. Der Zeitpunkt lag kurz nach dem Tod Walters und die Ankündigung kam nicht als
  108. vorsichtige Überlegung, sondern als feststehender Entschluss. Die Reaktion war nicht feierlich. Die älteren Brüder lachten. Karl Friedrich, der Physiker
  109. und Klaus, der Jurist hielten die Kirche für eine überlebte Einrichtung, für eine Ansammlung bürgerlicher Konventionen ohne geistige Substanz. Sie sagten ihm
  110. sinngemäß: "Er verschwende sein Talent an eine langweilige, bedeutungslose Institution." Dietrich soll ruhig geantwortet haben,
  111. dann werde er sie eben reformieren. Der Vater zeigte sich befremdet. Er widersprach nicht offen. Zwang war in dieser Familie nicht üblich, aber er
  112. verbarg auch nicht, dass er sich für seinen begabten Sohn einen anderen Weg vorgestellt hatte. Damit steht ein Widerspruch im Raum, der sich nicht auf
  113. den ersten Blick auflöst. Der Krieg hatte eine ganze Generation von der Religion weggetrieben. In diesem Haus wurde ein Junge durch denselben Krieg zu
  114. ihr hingetrieben. Die Erklärung liegt nicht in Frömkeit im herkömmlichen Sinn, sondern in einer bestimmten Art mit dem Verlust
  115. umzugehen. Wer das verstehen will, muss auf die Jahre unmittelbar nach 1918 sehen. Deutschland verlor, das Kaiserreich brach zusammen. In Berlin
  116. kämpften Straßenzüge gegeneinander. Die Bonhöfers erlebten die Unruhen in unmittelbarer Nähe. Die Söhne hielten Wache am Haus. Es gab Schüsse in der
  117. Nachbarschaft. Karl Bonnhöfer, konservativ in seinen Gewohnheiten, unterstützte die neue Republik entschieden, weil er sie für die einzige
  118. vernünftige Ordnung hielt. Am Familientisch saßen weiterhin Professoren, Ärzte und Juristen und stritten über Verfassung, Reparation,
  119. Inflation. Über den Sinn des Sterbens sprach man dort nicht. Die Naturwissenschaft, der die Brüder folgten, hatte auf diese
  120. Frage keine Antwort und beanspruchte auch keine. Dietrich aber wollte genau diese Frage nicht liegen lassen. Für ihn war das
  121. Sterben Walters kein Anlass Gott abzuschreiben, sondern der Beweis dafür, dass es keine wichtigere Aufgabe gab, als über ihn Klarheit zu gewinnen. Er
  122. hat später mehrfach betont, dass der Tod nicht am Rand des Lebens stehe. sondern in seiner Mitte und dass ein Denken, das ihn ausklammert, an der Wirklichkeit
  123. vorbeigeht. Diese Überzeugung war bei ihm keine Theorie. Sie hatte ein Datum und einen Namen. Hinzukam ein zwaltes, weniger
  124. feierliches Motiv, das seine Biografen einhellig hervorheben. In einer Familie mit acht Kindern, in der die Älteren die glänzenden Wege der Väter beschritten,
  125. suchte der sechstgeborene ein eigenes Feld. Die Theologie war ein Gebiet, auf dem ihm keiner der Brüder überlegen sein
  126. konnte, weil keiner sich dafür interessierte. Der Ehrgeiz und die geistliche Ernsthaftigkeit lagen bei ihm dicht
  127. beieinander, und er hat das selbst später mit erstaunlicher Offenheit eingeräumt. In Briefen aus späteren Jahren spricht er von der Eitelkeit, die
  128. seinen Beruf von Anfang an begleitet habe und von dem langen Weg, sie in den Dienst zu nehmen. Auf der Seite seiner Entscheidung standen zudem die Ahnen.
  129. Der Großvater mütterlicherseits war Hofprediger gewesen. Der Urgroßvater, ein angesehener Theologe. Die Familie von Hase hatte eine gelehrte kirchliche
  130. Tradition, die in der Wangenheimstraße zwar wenig praktiziert, aber selbstverständlich respektiert wurde. Der Junge griff damit nicht ins Leere,
  131. sondern auf eine vorhandene Linie zurück, nur eben auf die Mütterliche und nicht auf die väterliche. Die Jahre bis zum Abitur verliefen
  132. äußerlich ruhig. Dietrich besuchte das Grunewaldgymnasium, eine humanistische Anstalt, an der Griechisch und Latein den Kern des
  133. Unterrichts bildeten. Er galt als hervorragender Schüler, sicher in den Sprachen, aufmerksam im Umgang mit Texten. Zeitzeugen berichten, dass ihm
  134. das Lernen leicht fiel und dass er dennoch mit großer Gründlichkeit arbeitete. Er blieb in der Klasse eher zurückhaltend, ohne unsicher zu wirken.
  135. Die Mischung aus Höflichkeit, Distanz und ruhigem Selbstbewusstsein, die später alle an ihm bemerkten, war schon dort ausgeprägt.
  136. Neben der Schule blieb die Musik. Er spielte weiterhin täglich Klavier, begleitete die Familienabende und beschäftigte sich mit Kompositionen.
  137. Die Frage, ob aus ihm ein Musiker werden solle, wurde ernsthaft erwogen und blieb einige Zeit offen. Er entschied sie selbst, indem er sie nicht mehr stellte.
  138. Die Musik behielt er als Sprache für das, was in setzen nicht zu sagen war, aber sein Beruf sollte sie nicht werden. Das Ferienhaus in Friedrichsbrunn
  139. spielte in diesen Jahren eine wachsende Rolle. Dort verbrachte er lange Wochen mit Wandern, Lesen und Schreiben. In der Abgeschiedenheit des Herzes entstand ein
  140. Bedürfnis nach Stille, das ihn nie mehr verließ und das später zu einem Grundzug seiner Fremmigkeit werden sollte. Die Meditation über einen biblischen
  141. Vers, die er als reifer Mann von seinen Studenten forderte, hat ihre Wurzel in diesen Sommern. Nach außen bestätigte sich der Entschluß
  142. von 1919 Jahr für Jahr. Er las bereits als Schüler theologische Werke, besuchte gelegentlich Vorlesungen und ließ sich in Gesprächen mit Erwachsenen nicht in
  143. die Rolle des Kindes drängen. Die Brüder hörten auf zu spotten, weil der Spott nichts bewirkte. Der Vater, dem Beharlichkeit imponierte, akzeptierte
  144. die Wahl schließlich ohne Enthusiasmus, aber ohne Vorbehalt. Damit klärt sich, warum aus dem Tod eines 18-jährigen Soldaten nicht
  145. Abwendung, sondern Zuwendung erwuchs. Für die Heimkehrer von der Front war die Kirche mitschuldig geworden, weil sie den Krieg gesegnet hatte. Sie wandten
  146. sich ab von einer Institution, die sie belogen sah. Dietrich Bonnhöfer wandte sich nicht dieser Institution zu, sondern der Frage, an der sie versagt
  147. hatte. Er entschied sich nicht für die Kirche, wie sie war, sondern für den Anspruch, den sie erhob und nicht einlöste.
  148. Sein Entschluss war deshalb richtig betrachtet, kein Rückzug ins fromme, sondern der erste Widerspruch seines Lebens. ausgesprochen mit 13 Jahren in
  149. einem Haus, in dem man ihn dafür auslachte. Im Frühjahr 1923 bestand er das Abitur. Im Alter von 17
  150. Jahren schrieb er sich für Theologie ein, zunächst in Tübingen, der Universität, an der auch sein Vater studiert hatte.
  151. Ein Jahr später wechselte er nach Berlin an die Friedrich Wilhelms Universität, deren theologische Fakultät als die Bedeutendste der Welt galt. Er kam
  152. dorthin nicht als Suchender, sondern als jemand, der seine Frage bereits kannte. Im Dezember stand in der Aula der Berliner
  153. Universität ein junger Mann, der aussah wie ein Student im Grundstudium und verteidigte eine Doktorarbeit von rund 400 Seiten. [räuspern]
  154. Er war 21 Jahre alt. Das Prädikat lautete Sumlaude, die höchste Auszeichnung, die eine deutsche Fakultät zu vergeben hatte.
  155. Die Arbeit trug den Titel Sanktorium Comunio, die Gemeinschaft der Heiligen und behandelte eine Frage, die an dieser Fakultät als weitgehend erledigt galt,
  156. die Frage danach, was die Kirche eigentlich ist. Bemerkenswert daran war nicht nur das Alter. Bemerkenswert war, dass der begabteste Schüler der
  157. berühmtesten liberalen theologischen Fakultät Europas eine Arbeit vorlegte, die deren Grundlagen in Zweifel zog. Die Berliner Fakultät war zu dieser Zeit
  158. ein Ort von außerordentlichem Rang. Ihr bedeutendster Vertreter Adolf von Harnak gehörte zu den großen Gelehrten des Jahrhunderts. Er hatte die Geschichte
  159. des frühen Christentums mit einer Genauigkeit erschlossen, die Maßstäbe setzte und er verkörperte eine Theologie, die sich als strenge
  160. historische Wissenschaft verstand. Ihr Ziel war es, hinter die Überlieferung zurückzugehen und den geschichtlichen Kern freizulegen.
  161. Das Ergebnis war ein Christentum, das sich vor allem als sittliche und kulturelle Kraft begriff. Jesus von Nazareth als Lehrer der Gottes und
  162. Nächsten Liebe, das Reich Gottes als Aufgabe menschlicher Sittlichkeit, die Kirche als Trägerin einer Bildungstradition. Bonöfer wohnte in
  163. Gronewald in unmittelbarer Nachbarschaft Hanax. Die beiden fuhren gelegentlich gemeinsam mit der Bahn zur Universität und sprachen dabei über Wissenschaft und
  164. Politik. Der junge Student verehrte den alten Gelehrten aufrichtig, arbeitete in dessen Seminar über Kirchengeschichte und schrieb Arbeiten, die Hanak
  165. ausdrücklich lobte. Der Lehrer hätte ihn gern als Kirchenhistoriker gesehen. Der Schüler entschied sich anders und beide wußten, warum.
  166. Denn die historische Theologie hatte, so genau sie arbeitete, eine Schwäche, die der Weltkrieg schonlos offelegt hatte. Wenn Religion vor allem menschliche
  167. Erfahrung ist und der Glaube ein Ausdruck sittlicher Kultur, dann wird Gott leicht zur Bestätigung dessen, was ein Volk ohnehin für richtig hält. Genau
  168. das war zwischen 1914 und 1918 geschehen. In allen kriegführenden Ländern hatten Theologen ihren Gott für die eigene Sache in Anspruch genommen.
  169. Aus dem einen Gott waren Stammesgötter geworden. Ein Deutscher, ein Britischer, ein Französischer. Harnak selbst hatte den Aufruf deutscher
  170. Intellektueller vom Herbst 1914 mitgetragen. Ein Dokument, das eine ganze Generation von Studenten später als Bankrotterklärung ihrer Lehrer
  171. empfand. In dieser Lage erschien im Jahr 1919 ein Buch, das die Theologie erschütterte, der Kommentar zum Römerbrief eines bis
  172. dahin unbekannten Schweizer Gemeindepfarrers namens Karl Bart. Bart stellte die Verhältnisse auf den Kopf. Nicht der Mensch verfüge über Gott,
  173. sondern Gott über den Menschen. Gott sei nicht die Krönung menschlicher Kultur, sondern deren Richter. Er offenbare sich nicht im religiösen Gefühl, sondern in
  174. Jesus Christus und zwar so, dass alle menschlichen Ansprüche darin zerbrechen. Man hat später gesagt, dieses Buch sei wie ein Stein in den Spielplatz der
  175. Theologen gefallen. Von Höfer las Bart als Student, ohne ihn je gehört zu haben, und war getroffen. Was ihn überzeugte, war nicht ein Rückzug in die
  176. Frömigkeit. Davon hielt er nichts, sondern die intellektuelle Konsequenz. Wenn Gott wirklich Gott ist, kann er nicht das Echo unserer eigenen
  177. Überzeugungen sein. Diese Einsicht hatte politische Folgen, die zunächst niemand absah, die aber in den Jahren nach 1933 entscheidend werden sollten. Ein Gott,
  178. der sich nicht vereinnahmen lässt, kann von keiner Bewegung, keinem Staat und keinem Führer in Anspruch genommen werden.
  179. An der Berliner Fakultät war Bart nicht wohlgelitten. [räuspern] Man hielt ihn für unwissenschaftlich, für einen Prediger, der sich in die Wissenschaft
  180. verirrt hatte. Bon Höfer verteidigte ihn in Seminaren, geriet in Auseinandersetzungen mit seinen Lehrern und zog dennoch weiter deren Anerkennung
  181. auf sich. Sein Doktorvater wurde Reinhold Seeberg, ein Systematiker, der Barts Ansatz ablehnte. Es gehört zu den eigentümlichen Umständen dieser
  182. Dissertation, dass sie unter der Aufsicht eines Mannes entstand, dessen Position sie unterlief. Die Frage, die sich hier stellt, betrifft nicht das
  183. Talent. Talent hatte diese Familie im Überfluss. Die Frage ist, weshalb ein 20-Jähriger, dem alle Türen der etablierten Wissenschaft offensten, sich
  184. ausgerechnet gegen deren Grundlagen wandte und weshalb er dabei nicht bei Bad stehen blieb, sondern sofort weiterging. Denn Sanktorium Comunio ist
  185. kein Breferat. Die Arbeit stellt eine Frage, die Bad eher am Rande behandelte. Wenn Gott sich dem Menschen zuwendet,
  186. was bedeutet das für das Zusammenleben der Menschen? Bonhöfer beantwortet sie mit einem Satz, der zum Kern seines gesamten Denkens wurde. Die Kirche ist
  187. Christus als Gemeinde existierend, nicht ein Verein von Gleichgesinden, nicht eine Anstalt für religiöse Bedürfnisse, sondern die leibhaftige
  188. Gegenwart Christi in einer konkreten Gemeinschaft von Menschen. Der junge Verfasser verband dafür Theologie mit Soziologie, was seine Prüfer
  189. überraschte. Er las die Werke der zeitgenössischen Gesellschaftswissenschaft und fragte, wie Gemeinschaft überhaupt entsteht,
  190. worin sie sich von bloßer Gesellschaft unterscheidet und wie ein Ich zu einem Du kommt. Seine Antwort lautete, dass der Mensch
  191. erst in der Verantwortung für den anderen zur Person wird. Der Einzne, der sich selbst genügt, ist nicht frei, sondern verschlossen.
  192. Christliche Existenz bedeutet füreinander einzustehen, stellvertretend zu handeln, die Last des anderen zu tragen. Damit war ein Gedanke
  193. ausgesprochen, der wie eine akademische Feinheit klingt und es nicht wah. Wenn die Kirche wirklich Christus in Gestalt einer Gemeinde ist, dann ist ein
  194. Christentum, das sich auf die innere Überzeugung des Einzelnen zurückzieht, kein Christentum. Und dann ist eine Kirche, die sich
  195. spaltet, während ein Teil ihrer Glieder ausgeschlossen wird, in ihrem Wesen beschädigt. Bonhöfer hat diesen Gedanken bereits in der Dissertation angedeutet.
  196. Er fragte, was es bedeute, wenn die Gemeinschaft zerrissen werde, ob dann Christus selbst geteilt sei. Ebenso deutlich äußerte er sich zur sozialen
  197. Lage der Kirche seiner Zeit. Er bemerkte, die gegenwärtige Kirche sei bürgerlich und der beste Beweis dafür sei, daß die arbeitende Bevölkerung sich
  198. von ihr abgewandt habe, während Beamte, Handwerker und Kaufleute geblieben sein. Für einen Sohn aus Grunewald war das eine bemerkenswerte Beobachtung, auch
  199. wenn er die Welt, von der er sprach, noch kaum kannte. Karl Bart hat Santorum Comunio Jahre später ein theologisches Wunder genannt.
  200. Das Urteil ist oft zitiert worden und bedarf einer Einschränkung, die zur Redlichkeit gehört. Die Arbeit blieb zunächt weitgehend unbeachtet. Sie
  201. erschien erst 1931 im Druck, in kleiner Auflage und fand kaum Leser. Ihre Wirkung entfaltete sie erst nach dem Tod ihres Verfassers. Für Bonnhnhöfer selbst
  202. war die Promotion kein Abschluss, sondern eine Zwischenstation. Er wollte Pfarrer werden und die Ordination war in der preußischen
  203. Landeskirche vor dem 25. Lebensjahr nicht möglich. Er hatte also Zeit und er wusste, dass er sie brauchte. In seinen Aufzeichnungen aus diesen Monaten findet
  204. sich eine Nüchternheit, die man bei einem gefeierten Doktoranten nicht erwartet. Er hatte über die Gemeinschaft
  205. geschrieben und lebte selbst in einer sehr geschützten Welt. Er hatte über die Armen geschrieben und kannte keinen einzigen. Er hatte die Kirche als Ort
  206. der Wirklichkeit beschrieben und besuchte selbst selten einen Gottesdienst. Diese Spannung ist der Schlüssel zu
  207. allem, was folgte. Das Rätsel des jungen Bonnhöfer löst sich nicht in seiner Begabung, sondern in seiner Unzufriedenheit mit ihr. Er hatte
  208. bereits mit 21 Jahren durchschaut, dass die liberale Theologie an einer Wirklichkeit gescheitert war, die sie nicht vorhergesehen hatte. Und er hatte
  209. begriffen, dass jede Theologie an derselben Stelle scheitern kann. Deshalb wandte er sich nicht von der Wissenschaft ab, sondern verlangte von
  210. ihr, daß sie sich der Erfahrung aussetzt. Im Jahr 1928 legte er zusätzlich das erste
  211. theologische Examen ab. Damit war er nach den Regeln der Kirche Kandidat, nach den Regeln der Universität Doktor und nach seiner eigenen Einschätzung
  212. noch nichts. Als ich die Gelegenheit ergab, für ein Jahr als Vikar in eine deutschsprachige Auslandsgemeinde zu gehen, griff er sofort zu. Das Ziel lag
  213. weit entfernt von den Höhseälen, in denen man ihn ein Wunder genannt hatte. Eine Hafenstadt am Mittelmeer, eine Gemeinde von Kaufleuten und ein Alltag,
  214. der mit Wissenschaft nichts zu tun hatte. Ein junger Vikar in gutem Anzug ging durch die engen Gassen des Barzeloneser Hafenviertels und hörte
  215. einer Frau zu, die ihm erklärte, dass ihr Mann seit Monaten keine Arbeit habe und dass die Kinder abwechselnd zur Schule gingen, weil es nur ein paar
  216. Schuhe gab. Er verstand ihr Spanisch noch mühsam. Er hatte in Berlin über die Gemeinschaft der Heiligen promoviert und wußte in diesem Augenblick nicht, was er
  217. sagen sollte. Im Februar 1928 war Dietrich Bonnhöfer in Barcelona angekommen, um für ein Jahr als
  218. Hilfsprediger der deutschen evangelischen Gemeinde zu arbeiten. Die Stadt war damals die wirtschaftlich lebendigste Spaniens, eine Industrie und
  219. Hafenmetropole mit großen Gegensätzen. Es gab prächtige Boulevards und Willen der Textilindustriellen und es gab Viertel, in denen Familien in
  220. einem Raum lebten. Spanien wurde von der Militärdiktatur des Generals Primo de Rivera ridiert. Die sozialen Spannungen, die wenige Jahre später in den
  221. Bürgerkrieg münden sollten, waren in Barcelona mit Händen zu greifen. Die deutsche Gemeinde, der Bonnhnhöfer diente, bestand aus etwa 300 Personen,
  222. Kaufleuten, Ingenieuren, Vertretern deutscher Firmen und ihren Familien. Sie lebten in einer eigenen Welt mit deutscher Schule, deutschem Verein,
  223. deutschen Zeitungen und deutschen Geselligkeiten. Der Gemeindepfarrer Fritz Olbricht war ein freundlicher, praktischer Mann, der
  224. seinen jungen Mitarbeiter herzlich aufnahm und ihm ungewöhnlich viel Freiheit ließ. Bonhöfers Aufgaben waren die eines Vikars, Predigten,
  225. Kindergottesdienst, Hausbesuche, Religionsunterricht, Bestattungen. Er tat das gründlich und mit sichtbarem Erfolg. Der
  226. Kindergottesdienst, den er übernahm, wuchs binnen Monaten von einer Handvoll Kinder auf mehrere Dutzend. Er spielte mit den Jungen Fußball und Tennis. Er
  227. lernte Schach. Er saß in den Cafés und übte Spanisch. Er ging sogar in die Stierkampfarena und schrieb nach Hause, daß ihn die
  228. Zuschauer mehr beschäftigten als das Geschehen im Rund. Sein Alltag hatte damit wenig gemein mit dem Bild eines Gelehrten. Und doch schrieb er in dieser
  229. Zeit einige der bemerkenswertesten Texte seiner frühen Jahre. Für die Gemeinde hielt er Vorträge, unter anderem über das Wesen des Christentums und über
  230. Grundfragen einer christlichen Ethik. Die Zuhörer waren zum Teil Jugendliche. Wer diese Vorträge heute liest, staunt über die Reife einesjährigen
  231. und über einige Sätze, die er später selbst nicht mehr unterschrieben hätte, etwa Überlegungen zur Bindung des Menschen an sein Volk, wie sie im
  232. deutschen Protestantismus jener Jahre verbreitet waren. Bonhöfer war kein fertiger Mann, als er nach Barcelona kam. Er war ein Suchender, der
  233. Positionen ausprobierte. Die entscheidende Erfahrung dieses Jahres lag jedoch nicht in den Vorträgen. Sie lag in den Sprechstunden, [räuspern]
  234. denn zum Amt des Vikars gehörte die Betreuung deutscher Landsleute in Not. Barcelona ein Hafen und in Häfen stranden Menschen. Es kamen Matrosen
  235. ohne Schiff, entlassene Arbeiter, Reisende, denen das Geld ausgegangen war, Männer, die vor Schulden oder vor sich selbst geflohen waren, gelegentlich
  236. auch Betrüger, die von der Hilfsbereitschaft der Gemeinden lebten. Bonhöfer musste entscheiden, wer Unterstützung erhielt und wer nicht.
  237. Er lernte, daß Menschen lügen, daß Not und Anspruch sich nicht säuberlich trennen lassen und daß Barmherzigkeit ohne Urteilsvermögen wirkungslos bleibt.
  238. In Briefen an seine Familie beschrieb er diese Begegnungen mit einer Genauigkeit, die auffällt. Er berichtete von einem deutschen Tänzer, der im Elend saß, von
  239. einem Mann, der ihm eine erfundene Geschichte auftischte, von einer Frau, die aus einer verzweifelten Lage nicht [räuspern] mehr herausfand. Er hielt
  240. fest, was diese Menschen sagten, und er hielt fest, was er dabei empfand. Zum ersten Mal in seinem Leben stand die Theologie nicht in einem Buch, sondern
  241. vor ihm im Zimmer. An dieser Stelle entsteht ein Widerspruch, der ihn selbst beschäftigte. Er hatte vier Seiten über
  242. die Gemeinschaft geschrieben, in der ein Mensch für den anderen einsteht. Nun stellte er fest, dass er die Menschen, für die er einstehen sollte, nicht
  243. kannte. Er stammte aus einem Haus mit Hauspersonal, Ferienhaus und Musikzimmer. Armut war ihm ein Begriff aus
  244. Statistiken. [räuspern] In einem Brief hat er eingeräumt, daß er die Sprache dieser Menschen erst lernen müsse und er meinte damit nicht das Spanische.
  245. Verschärft wurde dieser Widerspruch durch eine Beobachtung, die ihn zunehmend störte. Die deutsche Gemeinde lebte inmitten
  246. einer Stadt voller Not und nahm sie nicht wahr. Man traf sich, man feierte, man pflegte den Zusammenhalt der Kolonie und die spanische Wirklichkeit vor der
  247. Haustür blieb Kulisse. Es fehlte nicht an Anstand oder persönlicher Freundlichkeit, es fehlte an Berührung. Diese Gleichgültigkeit machte ihm mehr
  248. zu schaffen als das Elend selbst, weil sie ihn an die Kirche erinnerte, die er aus Deutschland kannte. geplekt, ehrbar und ohne Verbindung zu denen, die
  249. außerhalb standen. Zugleich veränderte sich sein Verhältnis zur eigenen Arbeit. Er stellte fest, dass ihn der Umgang mit Menschen Freude machte. Er, der als kühl
  250. und distanziert galt, entdeckte, dass er zuhören konnte und dass Menschen ihm vertrauten. Seine Predigten wurden anders. Sie verloren an akademischer
  251. Kunstfertigkeit und gewannen an Direktheit. In einer davon sagte er, das Christentum sei etwas erschütterndes und wer es
  252. harmlos mache, habe es nicht verstanden. In einer anderen sprach er darüber, dass Gott nicht dort zu suchen sei, wo der Mensch stark sei, sondern dort, wo er an
  253. seine Grenze komme. Die Reisen, die er unternahm, verstärkten diesen Eindruck. Er fuhr nach Madrid, sah die Bilder von Elgreco und Villasques, ging durch
  254. andalusische Städte und überquerte im Frühjahr 1929 die Meerenge nach Marokko. Diese Ausflüge waren keine
  255. Bildungsreisen im herkömmlichen Sinn. Er sah Länder, in denen die europäische Selbstverständlichkeit endete und Menschen, deren Leben mit dem Seinen
  256. keinen Berührungspunkt hatte. Für einen jungen Theologen, der bis dahin die Welt vor allem aus Büchern kannte, war das eine Erweiterung, deren Wirkung sich
  257. erst später zeigte. Im Februar 1929 bot ihm die Gemeinde an zu bleiben. Er lehnte ab. Die Entscheidung fiel ihm
  258. nicht leicht, denn er hing an dieser Arbeit und er wusste, dass ihn in Berlin die akademische Laufbahn erwartete, für die er sich noch keineswegs entschieden
  259. hatte. Aber er wollte die Habilitation abschließen und er wollte die Ordination, für die er noch zu jung war.
  260. Im Februar 1929 kehrte er nach Berlin zurück. Er nahm eine Assistentenstelle an der Universität an und schrieb innerhalb
  261. eines Jahres seine Habilitationsschrift Akt und Sein. Sie behandelte philosophisch die Frage, wie Gott dem menschlichen Denken zugänglich sein
  262. kann, ohne von ihm eingefangen zu werden. Im Sommer 1930 wurde er mit 24 Jahren Privatdozent an der Friedrich Wilhelms Universität, dort wo Harnak
  263. gelehrt hatte und wo man ihn seit Jahren als Ausnahmeerscheinung betrachtete. Damit klärt sich, was das Jahr in Spanien für ihn bedeutete. Er kam als
  264. Verfasser einer glänzenden Arbeit über die Gemeinschaft dorthin und kehrte mit der Erkenntnis zurück, daß er diese Gemeinschaft bis dahin nur gedacht
  265. hatte. Barcelona lieferte ihm keine neue Theologie. Seine Grundgedanken blieben, wie er sie in Berlin entwickelt hatte.
  266. Was sich änderte, war der Ort, an dem er sie prüfte. Er hatte erfahren, dass ein Satz über die Stellvertretung erst dann etwas wert ist, wenn jemand vor einem
  267. sitzt, für den man einstehen soll. Und er hatte erfahren, daß die größte Gefahr für eine Kirche nicht der Angriff von außen ist, sondern die Behaglichkeit
  268. im Inneren. In den Aufzeichnungen dieser Monate findet sich ein Gedanke, der zur Signatur seines weiteren Weges wurde.
  269. Der Christ, so notierte er sinngemäß, dürfe die Wirklichkeit nicht meiden, weil Gott selbst sie nicht gemieden habe.
  270. Wer diesen Satz ernst nahm, konnte auf Dauer nicht im Hörsaal bleiben. Bonhöfer nahm ihn ernst und ernte bereits, dass ihn das weiter von der akademischen
  271. Sicherheit wegführen würde, als seiner Familie lieb sein konnte. Die nächste Gelegenheit dazu bot sich rasch. Ein Stipendium für ein
  272. Studienjahr in einer Stadt, von der er wenig hielt und über die er sich gründlich täuschen sollte. An einem Sonntagmgen im Herbst 1930
  273. saß ein hochgewachsener Deutscher mit runder Brille in einer überfüllten Kirche an der 137. Straße in Halem. Um ihn herum standen 3000 Menschen auf,
  274. sangen, antworteten dem Prediger, klatschten, riefen. Er selbst lieb sitzen und verstand zunächst wenig. Er war promovierter Theologe, Privatdozent
  275. an der bedeutendsten Theologischen Fakultät Europas und er begriff in diesem Augenblick, dass er etwas sah, wofür seine Ausbildung ihm keine
  276. Kategorie geliefert hatte. Nach Amerika war Bonhöfer im September 1930 aufgebrochen an Bord des Dampfers Columbus. Er hatte ein Stipendium für
  277. ein Studienjahr am Union Theological Seminary in New York erhalten, einer Einrichtung im nördlichen Manhattan, die als Zentrum des liberalen amerikanischen
  278. Protestantismus galt. Für ihn war das keine Ausbildung mehr, sondern eine Gelegenheit. Er hatte seinen Doktorgrad, er hatte die Habilitation abgeschlossen
  279. und die Ordination war ihm bis zum 25. Lebensjahr ohnehin verwehrt. Also nutzte er die Zeit, um ein Land kennenzulernen, das ihn neugierig machte.
  280. Die erste Enttäuschung folgte schnell. Bonöfer beurteilte das theologische Niveau am Union Seminary vernichtend. In Briefen an die Familie und in seinem
  281. Bericht an die Kirchenbehörde schrieb er, dass dort über vieles gesprochen werde, nur nicht über Theologie. Die Studenten diskutierten soziale Fragen,
  282. wirtschaftliche Verhältnisse, Fragen der Erziehung und sie taten dies mit Ernst und Engagement. Aber die Frage nach Gott, nach Offenbarung, nach Sünde und
  283. Gnade schien ihnen entweder gleichgültig oder peinlich. Er bemerkte spättisch: "Man lache dort über die Fundamentalisten und halte damit die
  284. eigene Position bereits für begründet. Auch der bekannteste Lehrer des Hauses überzeugte ihn nicht. Reinhold Nibur galt als Begründer der amerikanischen
  285. Sozialethik und war ein glänzender Analytiker gesellschaftlicher Verhältnisse. Bonhöfer hörte bei ihm und blieb reserviert. Ihm fehlte bei Niebur
  286. die Ausrichtung auf Christus, die er bei Karl Bart gefunden hatte. Ein Christentum, das im Ergebnis ein Programm zur Verbesserung der
  287. Gesellschaft war, erschien ihm als Verlust des Eigentlichen. Bemerkenswert ist, daß Nieburs Denken später dennoch in seinem eigenen Werk Spuren
  288. hinterließ, gerade in der Überzeugung, dass Theologie diese Welt verändern soll. Es waren nicht die Vorlesungen, die das
  289. Jahr in Amerika prägten, sondern die Menschen. Bonhöfer schloss am Seminar Freundschaften, die seinen Weg bestimmten. Der Franzose Jean Lasser,
  290. ein überzeugter Pazifist, war für ihn eine Herausforderung besonderer Art. 12 Jahre nach dem Weltkrieg war eine Freundschaft zwischen einem Deutschen
  291. und einem Franzosen keine Selbstverständlichkeit. Die beiden diskutierten monatelang über die Bergpredigt.
  292. Lasserre stellte eine Frage, die Bonnhöfer nicht mehr losließ. In der lutherischen Tradition, in der er aufgewachsen war, galt die Bergpredigt
  293. als unerfüllbar. Ihre Funktion bestand darin, dem Menschen seine Sündhaftigkeit vor Augen zu führen. Niemand kann seinen Feind
  294. lieben, niemand kann auf Gewalt verzichten. Also erkennt der Mensch an dieser Forderung, dass er auf Gnade angewiesen ist. Auf staatlicher Ebene im
  295. Bereich von Recht und Krieg seien diese Gebote ausgesetzt. Lasserre bestritt das. Er sagte, die Bergpredigt sei kein Spiegel, sondern eine Anweisung.
  296. Jesus habe gemeint, was er sagte, und wer das Neue Testament einfach lese, könne an einem Krieg nicht teilnehmen. Bonhöfer wehrte sich zunächst, doch
  297. erkannte die Konsequenz des Arguments, und Konsequenz war das, was er an Gedanken am meisten schätzte. Von diesem Winter an war die Bergpredigt für ihn
  298. keine theologische Randfrage mehr, sondern der Text, an dem sich entscheidet, ob jemand Christ ist. Der Weg zu seiner späteren
  299. Friedensarbeit und zu dem Buch über die Nachfolge beginnt in diesen Gesprächen. Die zweite Freundschaft war die mit Albert Franklin Fischer, einem der
  300. wenigen schwarzen Studenten am Seminar, der aus Alabama stammte. Fischer arbeitete in der Abessinian Baptist Church in Harlem und nahm den deutschen
  301. Gast dorthin mit. Damit begann die Erfahrung, die Bonnhöfers Amerika zu einem Wendepunkt machte. Harlem war zu dieser Zeit das
  302. größte schwarze Stadtviertel der Vereinigten Staaten und ein Zentrum kulturellen Aufbruchs. Zugleich traf die Weltwirtschaftskrise die dortige
  303. Bevölkerung härter als jede andere. Die Arbeitslosigkeit lag um ein Vielfaches über dem Durchschnitt. Die Mieten waren höher als anderswo in der Stadt, die
  304. Wohnungen schlechter. Die rechtliche Lage der schwarzen Amerikaner war im Süden durch die Rassentrennensgesetze bestimmt und im Norden durch eine Praxis
  305. der Ausgrenzung, die keiner Gesetze bedürfte. Die Ebissan Baptist Church war ein mächtiges Steingebäude, das die Gemeinde selbst errichtet hatte, und
  306. ihre Mitglieder waren stolz darauf, daß es kein abgelegtes Gebäude einer weißen Gemeinde war. Auf der Kanzel stand Adam Clayon Paul
  307. der Ältere, ein Prediger von imposanter Gestalt und großer geistiger Kraft, der eine Gemeinde von mehreren tausend Menschen führte und zugleich
  308. Sozialarbeit im großen Stil organisierte, Speisungen, Arbeitsvermittlung, Unterstützung für Familien.
  309. Was Bonhöfer dort erlebte, hatte er in Europa nie gesehen. Es wurde nicht über den Glauben gesprochen, sondern aus ihm heraus. Die Gemeinde antwortete dem
  310. Prediger: "Die Musik war kein Beiwerk, sondern Verkündigung." Er hörte die Spirituals zum ersten Mal von denen, aus deren Geschichte sie
  311. stammten. Er schrieb nach Hause: "Hier könne man tatsächlich von Sünde und Gnade und der Liebe Gottes sprechen und hören, wenn auch in Formen, die man in
  312. Deutschland nicht gewohnt sei. Der Christus der schwarzen Predigt werde mit einer Leidenschaft verkündigt, die dem lehrhaften Ton der weißen Kirchen
  313. fehle." Entscheidend war jedoch, daß er sich nicht von der Begeisterung mitreißen ließ und dabei stehen blieb. Er war
  314. misstrauisch gegenüber bloßem Gefühl und er suchte hinter dem Eindruck die Substanz. Was er fand, war die Verbindung von Glaube und Lebenslage.
  315. Diese Menschen sangen von Befreiung, weil sie unfrei waren. Sie sprachen vom Kreuz, weil sie leiden kannten. Und ihre Kirche kümmerte sich um die
  316. Verhältnisse, unter denen sie lebten, weil niemand sonst es tat. Hier stellt sich die Frage, die dieses Jahr eigentlich beherrscht. Ein Gelehrter,
  317. der die amerikanische Theologie für flach hielt und dies unverblüht sagte, erkannte ausgerechnet bei Menschen ohne akademische Bildung den echten Glauben.
  318. Auf den ersten Blick widerspricht das seiner ganzen Haltung. Bonhöfer blieb nicht Zuschauer. Über Monate hinweg unterrichtete er in Halem die
  319. Sonntagsschule, besuchte Familien in ihren Wohnungen, nahm an Gemeindeveranstaltungen teil und verbrachte einen erheblichen Teil seiner
  320. Woche nördlich der 125. Straße. Er sammelte Schallplatten mit Spirituals und nahm sie später nach Deutschland mit. Zeitgenossen berichteten, er sei
  321. nicht als überlegener Europäer aufgetreten, sondern als jemand, der lernen wollte und der zugab, etwas nicht zu verstehen.
  322. Im Frühjahr 1931 unternahm er mit Fischer eine Reise in den Süden, unter anderem nach Washington. Dort sah er die
  323. Rassentrennung in ihrer gesetzlich geregelten Form. getrennte Eingänge, getrennte Wartesele, getrennte Schulen. Er erlebte, wie sein Begleiter in
  324. Lokalen abgewiesen wurde, in die er selbst ohne weiteres eintreten konnte. In seinen Aufzeichnungen hielt er fest, daß schwarze Sänger vor weißem Publikum
  325. begeisterten Beifall erhielten und dieselben Zuhörer ihnen gleiche Rechte verweigerten. Er nannte die Lage der schwarzen
  326. Bevölkerung das entscheidende Problem des Landes und sagte voraus, dass ich daran die Zukunft Amerikas entscheiden werde. Parallel dazu erreichten ihn
  327. Nachrichten aus Deutschland, die immer beunruhigender klangen. Bei den Reichstagswahlen im September 1930 war die nationalsozialistische Partei
  328. von 12 auf 107 Sitze gestiegen. Ein Ergebnis, das ihn in New York erreichte und dass er zunächst kaum einordnen konnte. Die Wirtschaftskrise verschärfte
  329. sich. Er notierte die Zahlen der Arbeitslosen und rechnete hoch, wie viele Menschen damit ohne Einkommen waren. Er schrieb: "Er wisßen nicht, wie
  330. Deutschland und der Einzelne dies überstehen sollten und fragte sich, ob die Kirche eine weitere Katastrophe überleben werde, wenn sie nicht etwas
  331. völlig anderes wde." Damit fügt sich zusammen, was in Harlem geschah. Bonöfer hatte in Berlin gelernt, dass die Kirche Christus als Gemeinde existierend ist.
  332. In Barcelona hatte er erfahren, daß Theologie sich an Menschen bewähren muß. In Harlem sah er zum ersten Mal eine Gemeinde, auf die seine eigene
  333. Definition zutraf. Dort war die Kirche keine Einrichtung für sonntägliche Erbauung, sondern der Ort, an dem eine benachteiligte Gemeinschaft ihre Würde
  334. behauptete und füreinander einstand. Der Widerspruch löst sich also auf. Nicht die Theologie dieser Menschen überzeugte ihn, sondern die Tatsache,
  335. daß sie das lebten, was er theologisch für richtig hielt. Er erkannte in Harlem seine eigene Lehre wieder in einer Gestalt, die er nie erwartet hätte. Im
  336. Juni 1931 kehrte er nach Deutschland zurück. Freunde und Schüler bemerkten eine Veränderung, die schwer zu benennen war.
  337. Er sprach anders über die Bibel, nicht mehr nur als über einen Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als über einen Text, der den Leser
  338. anspricht und von ihm etwas verlangt. Er begann seine Studenten zu fragen, ob sie Jesus liebten. Eine Frage, die in einem deutschen theologischen Seminar
  339. jener Jahre als peinlich galt. Und er hatte Schallplatten im Gepäck, deren Musik in Deutschland niemand kannte. Am Nachmittag des. Februar 193
  340. saß ein 27-jähriger Privatdozent im Sendesaal des Berliner Rundfunks und las einen Vortrag über den Führerbegriff. Zwei Tage zuvor war Adolf Hitler zum
  341. Reichskanzler ernannt worden und das Land feierte. Der Redner sprach ruhig in dem sachlichen Ton der akademischen Vorlesung, und er sagte, dass ein
  342. Führer, der den Wünschen der Geführten nachgebe und sich von ihnen zum Idol machen lasse, aus dem Führer zum Verführer werde.
  343. Ein Führer, der sich und sein Amt zum Götzen mache, verspotte Gott. Bevor der Vortrag zu Ende war, brach die Übertragung ab. Was in diesem Augenblick
  344. geschah, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die eine Überlieferung, die Bonnhöfer selbst zunächt und die lange Zeit die
  345. Verbreitete war, spricht von einem Eingriff der Behörden. Eine andere Erklärung, die von Fachleuten vertreten wird, sieht die Ursache in der
  346. Sendetechnik und in einer Überschreitung der vorgesehenen Zeit. Belegt ist, dass Bonhöfer im Anschluss beunruhigt war. den Text vervielfältigte und an Freunde
  347. und Bekannte verschickte, damit er ungekürzt gelesen werden konnte. Ebenso belegt ist, dass er ihn wenige Wochen später öffentlich in erweiterter Form
  348. vortragen konnte. Die Umstände dieses Abbruchs sind weniger bedeutsam als die Tatsache, daß diese Sätze überhaupt gesprochen wurden. 48 Stunden nach der
  349. Machtübernahme zu einem Zeitpunkt, an dem der überwiegende Teil der deutschen Öffentlichkeit Hoffnung empfand. Diese Hoffnung hatte Gründe. Die Weimarer
  350. Republik war in den vorangegangenen drei Jahren praktisch gescheitert. Seit 1930 regierten Kanzler mit Notverordnungen, weil im Reichstag keine Mehrheit
  351. zustande kam. Die Weltwirtschaftskrise hatte im Winter 1932 etwa 6 Millionen Menschen ohne Arbeit
  352. gelassen. Rechnet man Angehörige hinzu, war ein erheblicher Teil der Bevölkerung ohne gesicherte Existenz. Auf den Straßen der Großstädte lieferten
  353. sich politische Verbände regelrechte Kämpfe. Viele Deutsche empfanden den Versier Vertrag als dauerhafte Demütigung.
  354. In dieser Lage erschien vielen ein starker Mann als Ausweg. Die evangelischen Kirchen waren gegenüber der neuen Bewegung besonders
  355. empfänglich. Sie hatten dem Kaiserreich nachgetrauert, der Republik mit Distanz gegenübergestanden und sahen im Nationalsozialismus
  356. die Rückkehr von Autorität, Ordnung und nationalem Selbstbewusstsein. Manche Pfarrer erklärten von der Kanzel Gott habe dem deutschen Volk in dieser
  357. Stunde einen Retter geschickt. Ein Amtsbruder schrieb: "Christus sei durch Adolf Hitler zu ihnen gekommen." Innerhalb der Kirche formierte sich eine
  358. Gruppierung, die sich deutsche Christen nannte und die Verbindung von Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung ausdrücklich anstrebte.
  359. Bonhöfer war zu diesem Zeitpunkt seit anderthalb Jahren zurück in Berlin. Er war im November 1931 ordiniert worden, lehrte als Privatdent
  360. an der Universität, betreute eine Konfirmantenklasse in einem Arbeiterviertel im Norden der Stadt und war zum Jugendsekretär im Weltbund für
  361. Freundschaftsarbeit der Kirchen gewählt worden. Auf einer ökumenischen Tagung in Cambridge hatte er im Sommer 1931
  362. gefordert, dass die Christenheit sich für eine wesentliche Verringerung der Rüstungen einsetzen müsse, für ein gerechtes Zusammenleben der Völker und
  363. für die Freiheit aller Nationen von militärischer Bedrohung. Seine Konfirmantenarbeit in Wedding verdient Beachtung, weil sie zeigt, wie
  364. ernst er seine eigenen Grundsätze nahm. Er übernahm eine Gruppe von etwa 50 Jungen aus einem der ärmsten Bezirke Berlins, die ihren vorherigen Pfahrer
  365. regelrecht aufgerieben hatten. Bonhöfer miet sich in der Nähe ein Zimmer, um erreichbar zu sein, lut die Jungen zu sich ein, spielte mit ihnen, kaufte
  366. einigen Kleidung und erzählte ihnen im Unterricht von Amerika. Die Klasse, die als unregierbar galt, blieb bei ihn zusammen. Am 7. April 1933
  367. erließ die Regierung das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Es sah vor, dass Beamte jüdischer Herkunft aus dem Staatsdienst zu
  368. entfernen sein. Innerhalb der Kirche entstand daraufhin die Forderung, diesen sogenannten Ari Paragraphen auf die Pfarrerschaft zu übertragen. Geistliche
  369. jüdischer Abstammung sollten ihre Ämter verlieren. getroffen wäre eine kleine Zahl von Pfarern gewesen. Doch die grundsätzliche Frage war ungeheuer.
  370. Die Kirche hätte damit ein Kriterium anerkannt, dass der Taufe widerspricht. Bereits am 1. April hatte es einen reichsweiten Boikott jüdischer Geschäfte
  371. gegeben. An diesem Tag machte sich Bonhöffers Großmutter Julie, damals über 90 Jahre alt, auf den Weg zu den Geschäften, in denen sie seit jeher
  372. einkaufte. Vor den Türen standen Angehörige der Sturmabteilung. Sie ließen die alte Dame passieren, weil
  373. ihnen offenbar nichts anderes einfiel. Sie kam mit ihren Einkäufen wieder heraus und erklärte: "Sie kaufe dort, wo sie immer gekauft habe." Die Familie hat
  374. diese Szene weitergegeben, weil sie in ihrer Schlichtheit alles enthielt, worauf es in diesen Jahren ankam. Im Hause Bonhöfer wurde die Lage
  375. nüchtern beurteilt. Paula Bonhöfer drängte darauf, daß die Kirche in der Judenfrage handle und fragte ihren Sohn und dessen Freunde, was denn nun
  376. geschehen sollle. Karl Bonhöfer beobachtete die neue Regierung mit dem Misstrauen eines Mannes, der sein Leben lang mit menschlichen Abgründen zu tun
  377. gehabt hatte. Die Familie war zudem unmittelbar betroffen. Sabine, die Zwillingsschwester, war mit dem Juristen Gerhard Leipholz verheiratet, der
  378. jüdischer Herkunft war. Im April 1933 legte Bonnhöfer vor einer Runde von Pfarrern einen Aufsatz vor, der den Titel "Die Kirche vor der Judenfrage"
  379. trug. Er entwickelte darin drei Möglichkeiten kirchlichen Handelns gegenüber dem Staat. Erstens könne die Kirche den Staat fragen, ob sein Handeln
  380. rechtmäßig sei, ob er also seine von Gott gegebene Aufgabe erfülle. Zweitens habe sie die Pflicht, den Opfern staatlichen Handelns beizustehen und
  381. zwar unbedingt auch dann, wenn diese Opfer nicht zur christlichen Gemeinde gehören. Drittens könne die Zeit kommen, in der es nicht genüge, die Opfer unter
  382. dem Rat zu verbinden, sondern in der man dem Rat selbst in die Speichen fallen müsse. Die Wirkung war beträchtlich und sie war nicht die erhoffte. Mehrere
  383. Zuhörer verließen den Raum. Der dritte Punkt widersprach der lutherischen Tradition, die sich stark auf das 13. Kapitel des Römerbriefes stützte und die
  384. Obrigkeit als von Gott eingesetzt betrachtete. Auch der zweite Punkt war für viele schwer zu ertragen, weil er die
  385. Verantwortung der Kirche über die eigenen Glieder hinaus ausdehnte. Bonhöfer gehörte damit zu den ersten Stimmen im deutschen Protestantismus,
  386. die eine grundsätzliche Verpflichtung gegenüber den Verfolgten formulierten. [räuspern] Der Aufsatz enthält auch Passagen, die
  387. aus der theologischen Tradition seiner Zeit stammen und über das Verhältnis von Israel und Kirche in einer Weise sprechen, die heute befremdet.
  388. Die Forschung hat darauf hingewiesen und dabei zugleich betont, daß die praktische Schlussfolgerung eindeutig war. Die Kirche muss handeln und sie
  389. muss den Verfolgten beistehen, unabhängig von deren Bekenntnis. Bonhöfer selbst hat seine Position in den folgenden Jahren weiterentwickelt
  390. und verschärft. Wenige Monate später erfuhr er, wie schwer die eigenen Grundsätze im Alltag wiegen. Der Vater seines Schwagers, Gerhard Leibholz,
  391. starb. Sabine bat ihren Bruder, die Beerdigung zu halten. Bonöfer wandte sich an seinen Superintendenten, der ihm davon abriet, weil der verstorbene Jude
  392. war und ein solcher Dienst Aufsehen erregen könnte. Er befolgte den Rat und sagte ab: "Dieser Entscheidung hat ihn nicht mehr losgelassen." Im November
  393. schrieb er aus London an seine Schwester und ihren Mann, dass ihn der Gedanke quähle, er habe nicht getan, worum sie ihn gebeten hatten. Er könne heute nicht
  394. mehr begreifen, was ihn damals bewogen habe. Er fragte, wie er in jenem Moment so ängstlich habe sein können, bat um Verzeihung für seine Schwäche und
  395. erklärte, er wüsse nun mit Sicherheit, dass er sich anders hätte verhalten müssen. Damit ist auch die Frage beantwortet, die über dem Beginn dieses
  396. Jahres steht. Ob die Rundfunkübertragung durch behördlichen Eingriff oder durch technische Umstände endete, lästt sich nicht endgültig entscheiden und beide
  397. Erklärungen haben ihre Fürsprecher. Bedeutsam ist etwas anderes. Der Mann, der dort am zweiten Tag der neuen Regierung vom Verführer sprach, war
  398. derselbe, der wenige Monate später aus Furcht einer Beerdigung fernblieb und sich dafür bis an sein Lebensende schämte. Seine Klarsicht war früh und
  399. ungewöhnlich. Sein Mut war es nicht von Anfang an. Er hat ihn sich erarbeitet, Schritt für Schritt. Und das erste dieser Lehrstücke bestand aus einem
  400. Versagen, dass er niemandem verschwieg. Ende Mai 1934 versammelten sich in einer Kirche im Wuppertaler Stadtteil Barmen 139
  401. Abgeordnete aus 18 deutschen Landeskirchen. Sie kamen aus lutherischen, reformierten und unjierten Gemeinden, die einander
  402. seit Jahrhunderten mit theologischem Misstrauen begegnet waren. Drei Tage lang berieten sie einen Text, den Wesentlichen der Schweizer Theologe Carl
  403. Bart entworfen hatte und am 31. Mai nahmen sie ihn an. Die barmer theologische Erklärung stellte in sechs Thesen fest, daß Jesus
  404. Christus das eine Wort Gottes sei, dem die Kirche zu gehorchen habe und dass sie keine anderen Ereignisse, Mächte oder Gestalten als Offenbarung
  405. anerkennen dürfe. In dem Dokument, das als die bedeutendste kirchliche Widerstandserklärung dieser Jahre gilt, stand kein Wort über die Juden.
  406. Der Weg nach Bammen begann mit dem Versuch, die evangelischen Kirchen Deutschlands unter einer einheitlichen staatsnahen Leitung zusammenzufassen.
  407. Bis dahin bestand der deutsche Protestantismus aus 28 selbstständigen Landeskirchen mit eigenen Verfassungen. Im Sommer 1933
  408. wurde eine deutsche evangelische Kirche geschaffen und bei den Kirchenwahlen im Juli errangen die deutschen Christen mit staatlicher Unterstützung eine
  409. überwältigende Mehrheit. Zum Reichsbischof wurde Ludwig Müller gewählt, ein Wehrkreispfarrer aus Königsberg, der Hitler persönlich
  410. verbunden war. Müller erklärte in seiner Antrittspredigt: "Der Kampf um die Kirche sei entschieden. Der Kampf um die Seele des Volkes beginne erst."
  411. Im September beschloß die preußische Generalsynode, die in die Geschichte als braune Synode eingriagraphen für die Kirche. Pfarrer jüdischer
  412. Herkunft sollten aus dem Dienst entfernt werden. Bonhöfer, der als Delegierter nicht zugelassen war, verfasste gemeinsam mit Martin Niemöller einen
  413. Aufruf, der zur Gründung des Paranotbundes führte. Wer beitrat, verpflichtete sich, allein an Schrift und Bekenntnis gebunden zu
  414. sein und den bedrängten Amtsbrüdern beizustehen. Innerhalb weniger Monate unterschrieben mehr als 7000 Pfahrer. Die Mehrheit der etwa 18 000
  415. evangelischen Geistlichen tat es nicht. Nie Möller war eine bemerkenswerte Erscheinung. Im Weltkrieg war er U-Bootkommandant gewesen und mit hohen
  416. Auszeichnungen ausgezeichnet worden. Er war ein Nationalkonservativer, der die neue Regierung anfangs begrüßt hatte und sich erst am Eingriff des
  417. Staates in die Kirche ins Bewegung, die sich formierte, war politisch alles andere als einheitlich. Sie einte nicht die Ablehnung des Regimes, sondern die
  418. Sorge um die Freiheit der Kirche. Im November 1933 kam es zu einem Ereignis, das vielen Zögernden die Augen öffnete. Im Berliner
  419. Sportpalast versammelten sich rund 20.000 Anhänger der deutschen Christen. [räuspern] Ein Redner forderte das Alte Testament aus der Bibel zu entfernen,
  420. weil es jüdischen Ursprung sei und die Gestalt Jesu von allem jüdischen zu befreien. Die Empörung war so groß, dass die deutschen Christen einen erheblichen
  421. Teil ihres Anhangs verloren. Bonöfer war zu diesem Zeitpunkt bereits im Begriff, Deutschland zu verlassen. Im Oktober 1933
  422. trat er die Pfahrstelle zweier deutscher Auslandsgemeinden in London an, in Syddenham und in der City. Die Entscheidung war umstritten. Karl Bart
  423. schrieb ihm scharf: "Er solle mit dem nächsten Schiff zurückkommen, denn das Haus der Kirche brenne." Und ein deutscher Theologe habe jetzt in
  424. Deutschland zu sein. Bonhöfer verteidigte sich, ohne die Kritik zurückzuweisen. Seine Beweggründe waren zwiespältig und
  425. er hat das selbst so gesehen. In einem Brief an Bart schrieb er, er habe in radikaler Gegnerschaft zu allen seinen Freunden befunden. [räuspern]
  426. Seine Auffassungen hätten ihn immer weiter in die Vereinsamung getrieben und er habe keinen Grund gesehen, warum er die Dinge richtiger sehen solle so viele
  427. tüchtige und gute Pfarrer, zu denen er aufblicke. Dieser Satz zeigt einen Menschen, dessen Sicherheit nach außen größer war als nach innen. Die 18 Monate
  428. in England waren keine Flucht. Bonöfer betreute zwei kleine Gemeinden, führte einen umfangreichen Briefwechsel und telefonierte so oft mit Berlin, dass die
  429. Kosten seine Familie erschreckten. Vor allem aber gewann er einen Verbündeten von großem Gewicht, George Bell, den anglikanischen Bischof von
  430. Chitchester, der zu den führenden Gestalten der ökumenischen Bewegung gehörte und als Mitglied des Oberhauses politischen Zugang besaß. Bell
  431. unterrichtete sich bei Bonnhöfer über die Lage der deutschen Kirchen und die beiden verband bald eine Freundschaft, die bis zuletzt hielt.
  432. Die ökumenische Bewegung war für Bonnhöfer mehr als kirchliche Diplomatie. Er sah in ihr einzige Instanz, die über
  433. die Grenzen der Nationen hinweg von einer Wahrheit sprechen konnte, die keinem Volk gehörte. Im August 1934 sprach er auf einer ökumen Tagung im
  434. dänischen Fahrnö vor Vertretern aus vielen Ländern über die Kirche und die Völkerwelt. Er sagte, es gebe keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit,
  435. denn der Friede müsse gewagt werden. Er sei das große Wagnis und lasse sich niemals sichern. Frieden sei das Gegenteil von Sicherung. Das Fördern von
  436. Garantien bedeute Misstrauen und dieses Misstrauen bringe wiederum den Krieg hervor. Schlachten würden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott.
  437. In Fanö geschah zugleich etwas Kirchenpolitisch bedeutsames. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, die die Lage in Deutschland kritisch
  438. benannte und Bonhöfer wurde in den ökumenischen Rat gewählt. Die bekennende Kirche erhielt damit erstmals internationale Anerkennung als
  439. Gesprächspartner. Die Hoffnung, die Ökumäene werde die Reichskirche völlig fallen lassen, erfüllte sich dagegen nicht.
  440. Aus dieser Zeit stammt auch ein Plan, der nie zustande kam. Bonhöfer wollte nach Indien reisen, um bei Mohandas Gandhi den gewaltlosen Widerstand zu
  441. studieren. Bell verschaffte ihm eine Einladung und Gandy antwortete zustimmend. Bonhöfer verschob zugunsten einer
  442. Aufgabe in Deutschland und trat sie nie an. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, die über der warmer Erklärung steht. Ein Text, der als
  443. Bekenntnis gegen eine Diktatur gefeiert wird, schweigt über die Menschen, die von dieser Diktatur zuerst und am Här härtesten getroffen wurden. Die
  444. Erklärung war das, was sie zu sein beanspruchte, ein theologisches Bekenntnis. Sie richtete sich gegen die Behauptung, daß neben Jesus Christus
  445. noch andere Offenbarungsquellen anzuerkennen sein, gegen die Vermischung von Kirche und Staatsideologie und gegen die Unterwerfung der
  446. kirchlichen Ordnung unter politische Führung. Ihre Verfasser wollten den Bestand der Kirche als Kirche sichern und sie handelten in der Überzeugung,
  447. dass ohne diese Grundlage jede weitere Aussage haltlos wäre. Hinzu kam ein taktisches Kalkül. Eine Erklärung, die den Staat unmittelbar
  448. politisch angegriffen hätte, wäre von einem großen Teil der Delegierten nicht mitgetragen worden. Für Bonnhöfer, der an der Synode nicht teilnahm, blieb dies
  449. unbefriedigend. Als er anderthalb Jahre später aus England zurückkehrte und wieder in den Kirchenkampf eintrat, verschob sich seine Beurteilung immer
  450. deutlicher. Er hatte den Kampf zunächst ebenfalls als Kampf um die Freiheit der Kirche zur Verkündigung geführt. Nach und nach setzte sich bei ihm die
  451. Einsicht durch, dass die eigentliche Frage nicht die Freiheit der Kirche zum Predigen war, sondern ihre Freiheit, sich an die Seite der Opfer zu stellen.
  452. Später hat er den Satz geprägt: "Nur wer für die Juden schreie, dürfe auch greanisch singen." So beantwortet sich das Schweigen von
  453. Barmen nicht als Versäumnis einzelner Personen, sondern als Ausdruck dessen, wie weit die Erkenntnis im Frühjahr 1934 reichte. Die Erklärung war ein
  454. notwendiger erster Schritt und zugleich weniger als die Lage verlangte. Ihre Verfasser haben das teilweise selbst erkannt. Die bekennende Kirche hat es
  455. später in ihrem Schuldbekenntnis eingeräumt und Bonnhöfer, der Jüngste unter den führenden Köpfen dieser Bewegung, zog daraus die Folgerung, dass
  456. eine Kirche, die nur ihre eigene Existenz verteidigt, ihren Auftrag bereits verfehlt hat. Ein junger Kandidat der Theologie kam im
  457. Sommer 1935 in einem alten Gutshaus an der Pommerschen Ostseeküste an und suchte den Leiter der Ausbildungsstätte.
  458. Er sah eine Gruppe junger Männer im Garten und sprach einen von ihnen an, der aussah wie ein Student unter Studenten. Sportlich, hell, kaum älter
  459. als er selbst. Es war der Leiter. Dieser nahm ihn beiseite, führte ihn ein Stück vom Haus weg und stellte Fragen, die kein Professor stellte, woher er komme,
  460. was er erlebt habe, wie es seiner Familie gehe. Wenige Tage später bat er die Gruppe ihn nicht Herr Direktor zu nennen, sondern Bruder Bonnhöfer.
  461. Der junge Mann hieß Eberhard Betke. Er wurde Bonhöfers engster Freund, sein wichtigster Briefpartner. und später der Herausgeber seiner Schriften und sein
  462. Biograf. Ohne ihn wäre das Bild, das die Nachwelt von Dietrich Bonnhöfer besitzt, unvollständig geblieben.
  463. Die Einrichtung, in der die beiden sich begegneten, war eine Notlösung. Nachdem der Staat die theologische Ausbildung zunehmend kontrollierte und die
  464. bekennende Kirche ihren Nachwuchs nicht mehr den offiziellen Predigerseminaren anvertrauen wollte, richtete sie eigener Ausbildungsstätten ein. Bonhöfer im
  465. April 1935 aus London zurückgekehrt übernahm eine davon. Sie begann in Zingst auf der Halbinsel
  466. Fischland und zog im Juni in ein ehemaliges Privatschulgebäude in Finktenwalde bei Städtin. Das Haus war leer, feucht und heruntergekommen.
  467. Bücher, Möbel, Klavier und Lebensmittel kamen aus Spenden der umliegenden Gemeinden und Güter. Was Bonhöfer dort einrichtete, entsprach
  468. keinem in Deutschland üblichen Muster. Der Tag begann lange vor dem Frühstück mit einer gemeinsamen Andacht. Psalmen, ein Kapitel aus dem Alten und eines aus
  469. dem Neuen Testament, Gesang, Gebet, alles ohne Erklärung und ohne Auslegung. Danach folgte eine halbe Stunde Schweigen, in der jeder für sich
  470. denselben biblischen Vers bedachte, oft eine Woche lang denselben. Erst dann kam der Unterricht. Diese Meditation stieß bei den Kandidaten zunächst auf
  471. Widerstand. Sie waren an wissenschaftlicher Exegese gewöhnt, an Grammatik, Textkritik und historische Einordnung.
  472. Nun sollten sie einen Satz lesen und schweiden. Einige beschwerten sich, andere schliefen ein. Wieder andere hielten das Ganze für katholisch
  473. angehaucht und damit für verdächtig. Bonhöfer erklärte wenig und bestand darauf. Er sagte, "Ein Pfarrer, der die Bibel nur untersuche, aber sich von ihr
  474. nichts sagen lasse, werde in den kommenden Jahren nichts auszurichten haben." Der Tagesablauf war jedoch nicht
  475. klösterlich streng. Es wurde viel gelacht, Fußball gespielt, Tischtennis, Schach, im Sommer gebadet. Bonhöfer spielte Klavier oft stundenlang.
  476. Betke, der aus einer musikalischen Tradition kam, die im Hause Bonnhöfer kaum bekannt war, brachte ihn die Werke von Heinrich Schütz nahe und die beiden
  477. studierten sie gemeinsam. Aus dieser Beschäftigung wuchs die Freundschaft. Daneben erklangen die Spirituals aus Harlem, die Bonnhöfer auf
  478. Schallplatten mitgebracht hatte und die in Pommern niemand kannte. Er verlangte von den Kandidaten außerdem etwas, das ihnen fremder war als die
  479. Meditation, die Bruderbeichte, nicht die private Selbstprüfung, sondern das ausgesprochene Bekenntnis vor einem
  480. Mitbruder. Er selbst legte seine erste Beichte bei Betka ab, was für einen lutherischen Theologen und Vorgesetzten ein ungewöhnlicher Schritt war.
  481. Es ging ihm um die praktische Erfahrung dessen, was er seit seiner Dissertation vertrat, daß ein Mensch nicht allein Christ sein kann. Hier stellt sich die
  482. Frage, die über diesen Jahren steht. Bonhöfer hatte in Berlin gelehrt, war international bekannt, gehörte dem ökumen Rat an und stand mit Bischhöfen
  483. und Kirchenleitungen in Verbindung. Nun verbrachte er seine Zeit in einem entlegenen Haus in Pommern mit jungen Männern ohne Einfluß und ohne
  484. Aussichten. [räuspern] Die Umgebung erwies sich als Glücksfall. Der pomandel war überwiegend konservativ, kirchlich gebunden und dem
  485. neuen Regime gegenüber reserviert. Eine besondere Rolle spielte Rut von Kleist Rezzo, eine Gutsherrin von großer Bildung und ausgeprägtem theologischem
  486. Interesse. Sie unterstützte das Seminar mit Lebensmitteln und Geld, nahm ihre Enkelkinder zu den Gottesdiensten mit und Lud Bonnhöfer regelmäßig auf ihr Gut
  487. ein. Eine ihrer Enkelinnen berichtete später: "Alle seien von der Art seiner Predigt ergriffen gewesen, weil er selbst von
  488. dem, was er sagte, sichtbar ergriffen war." Zwischen der alten Dame und dem jungen Theologen entstand eine enge Freundschaft.
  489. Die politische Lage verschärfte sich inden von Monat zu Monat. Im September 1935 wurden die Nürnberger Gesetze verkündet,
  490. die deutschen Juden die Bürgerrechte entzogen und Eheschließungen mit ihnen verboten. Im August 1936 verlor Bonöfer die Lehrbefugnis an der
  491. Berliner Universität. Seine Schriften kamen auf die Listen unerwünschter Literatur. Im August 1937
  492. verfügte Heinrich Himmler als Chef der deutschen Polizei, der die Ausbildungsstätten der bekennenden Kirche für unzulässig erklärte. Während
  493. dieser Jahre entstanden in Finkenwalde die beiden Bücher, die Bonnhöfer zu Lebzeiten bekannt machten. Das erste erschien 1937
  494. unter dem Titel Nachfolge. Es geht von der Bergpredigt aus und stellt eine Unterscheidung in den Mittelpunkt, die seither in die theologische Sprache
  495. eingegangen ist, die zwischen billiger und teurer Gnade. Willige Gnade, schrieb er, sei die Gnade, die man sich selbst schenke. Sie sei die Predigt der
  496. Vergebung ohne Buße, die Taufe ohne Zucht der Gemeinde, das Abendmal ohne Bekenntnis der Sünde. Sie sei Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne
  497. den lebendigen Mensch gewordenen Jesus Christus. Die teure Gnade dagegen sei das Evangelium selbst. Sie kostte den
  498. Menschen das Leben. Sie habe Gott das Leben seines Sohnes gekostet. Und was Gott teuer gewesen sei, könne uns nicht billig sein.
  499. Das zweite Buch Gemeinsames Leben entstand aus der Erfahrung des Hauses selbst und wurde 1939 veröffentlicht. Es beschreibt nüchtern und ohne
  500. Schwärmerei, wie christliche Gemeinschaft funktioniert, den gemeinsamen Tag, das Schweigen, das Gebet, den Dienst des Zuhörens, das
  501. Ertragen des anderen. Ein zentraler Gedanke lautet, dass derjenige, der sich eine Wunschvorstellung von Gemeinschaft macht
  502. und diese durchsetzen will, jede wirkliche Gemeinschaft zerstört. Beide Bücher sind bis heute in vielen Sprachen verbreitet. Im September 1937
  503. schloss die geheime Staatspolizei das Haus in Finkenwalde. Zu diesem Zeitpunkt hatten dort rund 100 Kandidaten ihrer Ausbildung erhalten.
  504. Bis zum Jahresende befanden sich 27 ehemalige Schüler in Haft. Bon Höfer gab nicht auf, sondern verlegte die Arbeit in die Illegalität.
  505. Er organisierte sogenannte Sammelvikariate in Hinterpommann, in Köslin und in Großchlönwitz, später in Sigurtshof.
  506. Dort lebten kleine Gruppen von Vikaren bei Landpfahrern, offiziell als Hilfskräfte gemeldet, tatsächlich in Ausbildung. Die Verhältnisse waren
  507. einfach bis ärmlich. In Siguzov gab es weder Strom noch fließendes Wasser. Bonhe verreiste zwischen den Standorten hin und her. und führte den Unterricht
  508. bis zum Frühjahr 1940 weiter, als auch dieser Rest von der Behörde untersagt wurde. Am 9. November 1938
  509. geschah in Deutschland und Österreich das, was später als Novemberpogrome bezeichnet wurde. Tausende jüdische Geschäfte wurden zerstört, hunderte
  510. Synagogen niedergebrannt oder geschändet, zahlreiche Menschen misshandelt, viele getötet. zehntausende in Lager verschleppt. Bonhöfer war in
  511. Pommern, als ihn die Nachrichten erreichten. In seiner Bibel unterstrich er beim Psalm 74 den Vers über die verbrannten Häuser Gottes im Lande und
  512. schrieb das Datum an den Rand. Die bekennende Kirche schwieg. Es gab einzelne Pfarrer, die protestierten und einzelne Gemeinden, die halfen. Als
  513. Ganzes äußerte sich die Bewegung nicht. Für Bonnhöfer war dies der endgültige Beweis dafür, dass die Auseinandersetzung, die er seit 5 Jahren
  514. führte, an der entscheidenden Stelle versagt hatte. Damit klärt sich, weshalb er die großen Bühnen verlassen hatte. Er war nicht nach Pommann gegangen, weil er
  515. sich aus dem Kirchenkampf zurückziehen wollte, sondern weil er ihn für verloren hielt, solange es keine Pfarrer gab, die ihm gewachsen waren. Die Kirche hatte in
  516. den entscheidenden Momenten geschwiegen, nicht aus Bosheit, sondern weil ihre Amtsträger nicht gelernt hatten, was ihr Auftrag im Ernstfall bedeutet.
  517. Bonhöfer wollte deshalb eine kleine Zahl von Männern heranbilden, die den Unterschied zwischen einem Amt und einer Berufung kannten. [räuspern] Er hat das
  518. selbst so ausgedrückt. Die Erneuerung der Kirche werde von einer neuen Art des gemeinsamen Lebens kommen, das mit dem alten Mönchtum
  519. nichts gemein habe, außer der Entschiedenheit nach der Bergpredigt zu leben. Der Preis dafür war hoch. Von den etwa 150 jungen Männern, die durch
  520. Finkenwalde und die Sammelvikariate gingen, fiel eine große Zahl im Krieg. Andere starben in Haft. Bonhöfer hat in den Kriegsjahren an sie geschrieben, an
  521. die Front und in die Lazarette. Und er hat die Rundbriefe geführt, in denen er den Überlebenden mitteilte, wer wieder nicht zurückgekommen war.
  522. Am 12. Juni 1939 legte ein Passagierschiff im Hafen von New York an. Unter den Ankommenden befand sich ein
  523. deutscher Theologe, den Freunde in Amerika mit erheblichem Aufwand in Sicherheit gebracht hatten. [räuspern] Man hatte ihm eine Stelle beschafft,
  524. eine Vortragsreihe organisiert, eine Aufgabe unter deutschen Flüchtlingen in Aussicht gestellt. Er war dem Wehrdienst entkommen, der Verhaftung, dem Krieg,
  525. der jeden Tag beginnen konnte. Noch am selben Abend schrieb er in sein Tagebuch, daß er nicht wüßse, warum er hier sei. Die Vorgeschichte war eine
  526. Kette von Bemühungen wohlmeinender Freunde. Bonhöffers Lage in Deutschland war seit Anfang 1938 zunehmend prä. Die geheime Staatspolizei
  527. hatte ihm den Aufenthalt in Berlin untersagt und ihm nur eine Ausnahme für Besuche bei den Eltern zugestanden. [räuspern] Redeverbot,
  528. Publikationsverbot, Verlust der Lehrbefugnis, das Ende der Ausbildungsarbeit. Sein Handlungsspielraum war fast
  529. erschöpft. Vor allem aber stand ein Datum bevor, dass er nicht umgehen konnte. Sein Jahrgang wurde zur Musterung aufgerufen.
  530. Als Pfarrer der bekennenden Kirche hätte er den Fahnenid auf Adolf Hitler leisten müssen und eine Verweigerung des Wehrdienstes wurde als
  531. Wehrkraftzersetzung behandelt und in aller Regel mit dem Tod bestraft. Im September 1938 war seine Zwillingsschwester Sabine mit
  532. ihrem Mann Gerhard Leibholz und den beiden Töchtern über die Schweiz nach England geflohen. Dietrich und sein Bruder Klaus hatten sie bis zur Grenze
  533. begleitet. Die Familie zerfiel damit räumlich, was sie über Jahrzehnte nicht gekannt hatte. Reinhold Niebur, der ehemalige Lehrer in
  534. New York, setzte im Frühjahr 1939 alle Hebel in Bewegung. Innerhalb weniger Wochen standen Einladungen, Finanzierung und Visum bereit. Bonnhöfer
  535. reiste über London, wo er sich von Sabine und von Bischof Bell verabschiedete und bestieg in Southampton das Schiff.
  536. Was in New York folgte, gehört zu den eindrücklichsten Selbstzeugnissen seines Lebens. Er wurde freundlich aufgenommen, wohnte im Union Theological Seminary,
  537. wurde von Kollegen betreut und mit Aufgaben versorgt und er notierte tag für Tag ein wachsendes Unbehagen. Er schrieb, dass er die Brüder in
  538. Deutschland nicht vergessen könne. Er schrieb, dass ihn quähle hier zu sitzen, während dort entschieden werde. Er schrieb über die Untätigkeit, über die
  539. eigene Unsicherheit, über das Gefühl, an einem Platz zu sein, der ihm nicht zustehe. Nach wenigen Tagen stand der Entschluss
  540. fest. Er teilte Nibur mit, dass er zurückkehren werde und begründete es in einem Schreiben, das zu den bekanntesten Zeugnissen seines Denkens gehört. "Er
  541. habe einen Fehler gemacht, nach Amerika zu kommen", schrieb er. Er müse diese schwierige Zeit der Geschichte seines Volkes mit den Christen Deutschlands
  542. durchleben. Er werde kein Recht haben, am Wiederaufbau des christlichen Lebens in Deutschland nach den Krieg mitzuwirken, wenn er die Prüfungen
  543. dieser Zeit nicht mit seinem Volk teile. Die Christen in Deutschland stünden vor der schrecklichen Wahl, entweder die Niederlage ihrer Nation zu wollen, damit
  544. die christliche Zivilisation überlebe, oder ihren Sieg und damit die Zerstörung dieser Zivilisation. Er wisse, welche dieser Möglichkeiten
  545. erwählen müsse, aber er könne diese Wahl nicht in Sicherheit treffen. Am 7. Juli 1939, nach 26 Tagen, trat er die Rückreise an.
  546. Es war eine der letzten regulären Überfahrten vor Kriegsbeginn. Sein Bruder Karl Friedrich, der Physiker, fuhr auf demselben Schiff. Am 1.
  547. September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Der zweite Weltkrieg begann. Nun wurde das Problem unausweichlich,
  548. dem Bonhöfer durch die Reise ausgewichen war. Die Lösung fand sich im Kreis seiner eigenen Familie. Hans von Donjani mit seiner Schwester
  549. Christine verheiratet, war Jurist und arbeitete im Amt Auslandabwehr, der militärischen Nachrichtendienstelle des Oberkommandos der Wehrmacht unter
  550. Admiral Wilhelm Kanares. Donjani hatte bereits als Mitarbeiter im Reichsjustizministerium begonnen, Aufzeichnungen über Verbrechen
  551. des Regimes zu sammeln. Er sorgte dafür, daß sein Schwager als Mitarbeiter der Abwehr geführt wurde und damit vom Wehrdienst befreit war. Die
  552. offizielle Begründung war einleuchtend. Bonnhilfer verfügte über ein internationales Netz kirchlicher Beziehungen, das kein anderer deutscher
  553. Theologe in dieser Dichte besaß. Er kannte Bischöpfe in England, in Skandinavien, in der Schweiz. Ein Nachrichtendienst konnte an solchen
  554. Verbindungen Interesse haben. Es dauerte einige Zeit, bis die Behörden dieser Argumentation akzeptierten. Von Anfang 1940 an war Bonnhöfer eingetragener
  555. Mitarbeiter der Abwehr und wurde offiziell von der Wehrpflicht zurückgestellt. Was die Öffentlichkeit nicht wusste, war
  556. die Doppelnatur dieser Dienststelle. Die Abwehr unter Canares und seinem Stellvertreter Hans Oster war zum Sammelpunkt derjenigen geworden, die den
  557. Sturz des Regimes betrieben. Von dort aus liefen Verbindungen zu Militärs, Diplomaten und Beamten. [räuspern] Bonhöfer reiste im Auftrag der
  558. Dienststelle in die Schweiz, nach Italien, nach Schweden und nach Norwegen. Offiziell zur Nachrichtenbeschaffung
  559. tatsächlich als Kurier der Verschwörung. Die bedeutendste dieser Reisen führte ihn im Mai 1942 nach Seguna in Schweden. Dort traf er
  560. George Bell, den englischen Bischof, der sich zufällig im Land aufhielt. Bonhöfer nannte ihm die Namen führender Verschwörer und legte die Pläne für
  561. einen Umsturz offen. Er bat B B B Bell, die britische Regierung zu unterrichten und zu klären, ob die Alliierten mit einer deutschen Regierung nach Hitler
  562. verhandeln würden. Bell trug die Sache im Oberhaus und beim Außenminister vor. Die Antwort war ablehnend. Die Reinigung Deutschlands sei eine deutsche
  563. Angelegenheit. Zusagen im voraus sei nicht zu erwarten. Bell nannte das Schweigen der britischen Regierung später einen bitteren Schlag.
  564. Ebenfalls in diese Zeit fällt die Beteiligung an dem, was unter dem Namen Unternehmen 7 bekannt wurde. Donani, Canaris, Oster und andere schleusten
  565. eine Gruppe von jüdischen Verfolgten aus Deutschland heraus, indem sie sie formal als Agenten der Abwehr führten und mit Reisepapieren in die Schweiz brachten.
  566. 14 Menschen wurden auf diese Weise gerettet. Bonhöfer half bei der Vorbereitung mit. Die Devisenüberweisungen, die dabei nötig
  567. waren, gerieten später in das Blickfeld der Ermittler und wurden zum Ausgangspunkt seiner Verhaftung. Hier liegt der Widerspruch, der Bonnhöfer
  568. selbst am schwersten zu schaffen machte. Der Mann, der in Fanö gefordert hatte, den Frieden zu wagen, der von Jean Lasser gelernt hatte, daß die
  569. Bergpredigt ernst gemeint ist, der jahrelang als Vertreter einer kirchlichen Friedensarbeit aufgetreten war, wusste nun von Plänen zur Tötung
  570. eines Menschen und deckte sie. Er hat diese Spannung nie durch eine bequeme Theorie aufgelöst. Er hat auch nie behauptet, daß ein solches Handeln
  571. schuldlos sei. Sein Ausgangspunkt war ein anderer. In den Aufzeichnungen, aus denen später das unvollendete Werk Ethik
  572. zusammengestellt wurde, schrieb er: "Der Wille Gottes sei kein von vorne rein feststehendes System von Regeln, sondern in jeder Lage neu und anders, weshalb
  573. der Mensch immer wieder von neuem prüfen müsse, was der Wille Gottes sei." Nicht die Frage, wie man gut sei, sei die entscheidende, sondern die Frage, was in
  574. dieser Stunde gefordert ist. Für die Lage, in der er stand, benutzte er einfaches Bild. Wenn man in einem Wagen sitze, dessen
  575. Fahrer im Begriff sei, in eine Menschenmenge auf dem Gehweg zu fahren, dann genüge es nicht, hinterher für die Opfer zu beten. Man müsse dem Fahrer in
  576. das Steuer greifen. Aus diesem Gedanken ergab für ihn die Möglichkeit, dass ein Christ Schuld auf sich nehmen muss, statt sich durch
  577. Untätigkeit reinzuhalten. Er nannte das die Übernahme der Verantwortung und er sprach dabei ausdrücklich davon, dass der Handelnde
  578. sich Gott ausliefere und auf Vergebung angewiesen bleibe. Über den Umfang seiner tatsächlichen Beteiligung gehen die Darstellungen auseinander. Manche
  579. Autoren haben ihn zu einer zentralen Figur der Verschwörung erklärt. Die neuere Forschung urteilt zurückhaltender. Bonhöfer war Mitwisser,
  580. Kurier und Vermittler zu ausländischen Kirchenkreisen, nicht Planer eines Attentats. Zugleich war er, wie Weggefährten übereinstimmend
  581. berichteten, der Seelsorger dieses Kreises, an den sich Männer wandten, die ihren Eidbrechen, lügen und töten mussten und dafür eine geistliche
  582. Verantwortung suchten. Zu Weihnachten 1942 schrieb er für seine engsten Mitverschworenen einen Text, der den
  583. Titel "Nach 10 Jahren trug, eine Bilanz eines Jahrzehns unter der Herrschaft des Regimes. Er hielt darin fest, dass sie gelernt hätten, die großen Ereignisse
  584. der Weltgeschichte einmal von unten zu sehen, aus der Perspektive der Ausgeschlossen der Verdächtigten, [räuspern]
  585. der Misshandelten, kurz aus der Sicht der Leidenden. Bloßes Abwarten und Zusehen sei kein christliches Verhalten. Christen würden zum Mitleiden und zum
  586. Handeln gerufen. Er stellte auch die Frage, ob Menschen, die schweigende Zeugen böser Taten gewesen seien, die die Kunst der Verstellung gelernt hätten
  587. und durch Erfahrung misstrauisch geworden sein, überhaupt noch brauchbar sein. Die Decke, die man dem neuen Häftling in der Zelle im
  588. Militäruntersuchungsgefängnis Berlin Tegel reichte, war so verschmutzt, dass er sie tagelang nicht benutzte, obwohl es kalt war. Er lag auf
  589. der Pritsche, hörte das Weinen und Schreien aus den Nachbarzellen und aß in den ersten Tagen kaum. In seinem ersten Brief an die Eltern schrieb er wenige
  590. Tage später: "Sie sollten ganz sicher sein, dass es ihm gut gehe. Die Unannehmlichkeiten, die man gewöhnlich mit dem Gefängnisleben verbinde, die
  591. körperlichen Entbehrungen machten ihm kaum etwas aus. Verhaftet worden war Dietrich Bonnhöfer am 5. April 1943. Am selben Tag hatten Beamte der geheimen
  592. Staatspolizei in der Abwehr Hans von Don Jani festgenommen, Papiere, in dessen Schreibtisch führten zum Schwager. Am Nachmittag kam Karl Bonnhöfer aus dem
  593. Nachbarhaus herüber und sagte seinem Sohn: "Zwei Herren wollten ihn sprechen." Dietrich ging hinüber, ruhig, wie Angehörige berichteten, als jemand,
  594. der seit Jahren mit diesem Tag gerechnet hatte. Die Anklage lautete zunächst nicht auf Hochverrat. ermittelt wurde wegen Wehrkraftersetzung
  595. und wegen der Devisenvorgänge im Zusammenhang mit der Rettungsaktion für die 14 jüdischen Verfolgten. Der Vorwurf: Er habe seine Stellung in der
  596. Abwehr genutzt, um Pfarrern den Wehrdienst zu ersparen und um Auslandsreisen für kirchliche statt Nachrichtendienstliche Zwecke zu
  597. unternehmen, wog schwer genug. Von der Verschwörung gegen Hitler wußten die Ermittler zu diesem Zeitpunkt nichts. Drei Monate zuvor hatte sich
  598. Bonhöfer mit Maria von Wedemeer verlobt. Sie war die Enkelin von Rut von Kleist Retzo, 18 Jahre jünger als er und hatte in kurzer Zeit Vater und Bruder im Krieg
  599. verloren. Die Verbindung war in der Familie nicht unumstritten gewesen, schon wegen des Altersunterschieds und wegen der Zeitumstände.
  600. Vonöfer selbst hatte seinen Kandidaten in Finkenwalde geraten, in solchen Jahren nicht an Verlobung und Heirat zu denken. Er schrieb ihr: "Sie seien
  601. anders zusammengewachsen, als sie es gedacht und gewünscht hätten. Doch die Zeiten seien ungewöhnlich und würden es bleiben, und alles hänge daran, dass sie
  602. im Wesentlichen eins sein und beieinander blieben." Am 5. April, dem Tag der Verhaftung, notierte Maria in ihrem Tagebuch: "Sie
  603. habe das Gefühl, dass etwas sehr schlimmes geschehen sei, ohne zu wissen, was." Sie durfte ihn erst nach drei Monaten
  604. besuchen, unter Aufsicht, mit der Auflage laut zu sprechen und ihn nicht zu berühren. Als die halbe Stunde vorbei war und beide zu verschiedenen Türen
  605. hinausgehen sollten, drehte sie sich um, lief zurück und fiel ihm um den Hals, bevor jemand eingreifen konnte. Tegel wurde für Monate der Ort, an dem
  606. Bonnhöfer lebte, schrieb und dachte. Anfangs war er streng isoliert. Nach einigen Wochen verbesserten sich die Bedingungen, auch weil der Kommandant
  607. des Gefängnisses ein entfernter Bekannter der Familie war. Bonhöfer gewann das Vertrauen mehrerer Wachleute. Einer von ihnen, ein
  608. Feldwebel namens Knobloch, schmuggelte über Monate Briefe hinaus und hinein, ohne Bezahlung anzunehmen, und bot ihm später sogar an, gemeinsam mit ihm zu
  609. fliehen. So entstand ein Briefwechsel, der die Grundlage für das Bild des Gefangenen bildet. Ein Teil ging offiziell an die
  610. Eltern, ein anderer unzensiert an Eberhard Betke. Die Familie entwickelte darüber hinaus ein Verständigungssystem in Büchern. Unter einzelnen Buchstaben
  611. wurde mit dem Bleistift ein winziger Punkt gesetzt, meist auf jeder zweiten Seite, sodass sich aus einem ganzen Band einige Sätze ergaben. Auf diesem Weg
  612. gllichen die Angehörigen ihre Aussagen für die Verhöre miteinander ab. Bonhöfer nutzte die Zeit mit ungewöhnlicher Disziplin. Er las die
  613. Bibel fortlaufend durch, wie er schrieb, und war bis zum Buch Hiob gelangt, das ihm besonders nah stand. Die Psalmen las er täglich wie seit Jahren und erkannte
  614. und liebte sie mehr als jedes andere Buch. Daneben las er Literatur, Geschichte, Naturwissenschaft. Er versuchte sich an einem Roman und an
  615. einem Drama, beides blieb Fragment. Und er schrieb Briefe von großer theologischer Dichte, in denen Gedanken auftauchten, die später unter dem Titel
  616. Widerstand und Ergebung veröffentlicht wurden. In diesen Briefen findet sich der Gedanke einer Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist,
  617. die an den weltlichen Aufgaben des Lebens teilnimmt und den Menschen jeden Beruf sagt, was es heißt, in Christus zu leben. Er sprach von einem
  618. religionslosen Christentum und meinte damit nicht die Aufgabe des Glaubens, sondern die Abkehr von einer Frömigkeit, die sich in einen privaten Innenraum
  619. zurückzieht und die Welt sich selbst überlässt. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass sich damit seine Sicht auf die
  620. Gestalt der Kirche wandelte, nicht aber seine Christologie. Er schrieb auch von den Erlebnissen der Zelle, von einer Inschrift eines
  621. Vorgängers über der Tür. In hundert Jahren sei alles vorbei, von einer Amsel im Gefängnishof, die morgens schön sang.
  622. Während der Luftangriffe auf Berlin saß er mit anderen im Keller und betreute Mitgefangene, die die Nerven verloren. Und er schrieb ein Gedicht, indem er
  623. fragte, wer er sei. Andere sagten ihm, er trage die Tage des Unglücks, gelassen, lächelnd und stolz, wie einer, der zu siegen gewohnt sei. Er selbst
  624. wußte sich unruhig, voller Sehnsucht, matt und leer, im Beten, im Denken und im Tun. schwach und bereit von allem Abschied zu nehmen.
  625. Die Frage, ob er der sei, den die anderen sehen, oder der, den er von sich selbst kannte, ließ er offen und beendete das Gedicht mit dem Satz: "Wer
  626. er auch sei, Gott kenne ihn und er sei sein." An dieser Stelle liegt das Rätsel, das Mitgefangene und Bewacher gleichermaßen
  627. beschäftigte. Ein Mann in Todesgefahr mit einer Verlobten draußen, die er kaum sehen durfte, mit Angehörigen in denselben
  628. Gefängnissen, verbreitete um sich herum Ruhe. Am 20. Juli 1944 zündete oberst Klaus Schenk Graf von
  629. Staufenberg im Führer Hauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen eine Bombe. Hitler überlebte. Die Verfolgung, die einsetzte, erfasste
  630. tausende. Etwa 5000 Menschen wurden hingerichtet. Im September wurden in Zossen Akten der Abwehr entdeckt, die den Umfang der Verschwörung offenlegten
  631. und Bonnhnhöfers Verbindungen dokumentierten. [räuspern] Damit war seine Lage entschieden. Im Oktober kam er in das Kellergefängnis der geheimen
  632. Staatspolizei in der Prinz Albrechtstraße. Die vorbereitete Flucht sagte er ab, weil er Repressalien gegen seine Familie
  633. befürchtete. Am 7. Februar 1945, einen Tag nach seinem 39. Geburtstag wurde er nach Buchenwald verlegt, später
  634. nach Regensburg und Schönberg. Auf den Transporten in Lastwagen zusammengedrängt, sprach er mit den Mitgefangenen, hielt auf Bitten Anda und
  635. stand denen bei, die zusammenbrachen. Der britische Offizier Pain Best, der mit ihm transportiert wurde, hielt fest, Bonfer sei anders gewesen, ruhig und
  636. gelöst, und seine Seele habe in der Verzweiflung der Gefangenschaft geleuchtet. Er sei einer der ganz wenigen Menschen, denen Gott wirklich
  637. und nahe gewesen sei. Am 8. April 1945, einem Sonntag, hielt Bonnhöfer in Schönberg auf Bitten der Mitgefangenen eine Andacht.
  638. Kurz darauf wurde er abgeholt. Beim Hinausgehen bat er Best, dem Bischof von Chitchester, eine Nachricht zu übermitteln und sagte, dies sei das Ende
  639. für ihn der Beginn des Lebens. Noch in der Nacht fand im Konzentrationslager Flossenburg ein Standgerichtsverfahren statt. Verurteilt
  640. wurden Admiral Canaris, General Oster, Bonnhöfer und weitere Beteiligte. Der Lagerarzt, der die Vollstreckung begleitete, schrieb ein Jahrzehn später
  641. auf, was er gesehen hatte. Durch die halbgeöffnete Tür einer Baracke habe er Pastor Bonnhöfer gesehen, wie er noch in
  642. Häftlingskleidung auf dem Boden kniete und innbrünstig zu seinem Gott betete. Die Art, wie dieser Mann gebetet habe, so ergriffen und so gewiss, dass Gott
  643. ihn höre, habe ihn tief bewegt. Auch am Richtplatz habe er noch ein Gebet gesprochen und sei dann gefasst die Stufen zum Galden hinaufgestiegen.
  644. In fast 50 Jahren ärztlicher Tätigkeit habe er kaum einen Menschen so ergeben sterben sehen. Am Morgen des 9. April 1945
  645. wurde Dietrich Bonnhöfer im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Am selben Tag starben Canaris und Oster.
  646. Hans von Donani war bereits einen Tag zuvor im Lagersachsenhausen getötet worden. In der Nacht zum 23. April wurden in Berlin Klaus Bonnhöfer und
  647. Rüdiger Schleicher, Bruder und Schwager, erschossen. Vier Wochen nach dem 9. April war der Krieg in Europa zu Ende. Die Familie
  648. erfuhr es erst im Sommer. Die Eltern hörten in Berlin eine Rundfunkübertragung des britischen Senders, einen Gedenkgottesdienst für
  649. Dietrich Bonnhöfer aus London, den Bischof Bell gehalten hatte. Angehörige haben den Augenblick beschrieben, indem Paula Bonhöfer sagte: "Dietrich sei
  650. tot." Damit ist auch beantwortet, woher die Ruhe kam, die alle an ihm bemerkten. Sie war keine Verdrängung und keine natürliche Unerschockenheit.
  651. Die Gedichte aus der Zelle zeigen einen Mann, der Angst kannte. Bereits 1934 hatte er in einer Predigt gesagt: "Der Tod sei das Tor zur Heimat, die Hütte
  652. der Freude, das ewige Reich des Friedens. Ohne den Glauben sei er [räuspern] Hölle, Nacht und Kälte. Doch eben dies
  653. sei das Wunderbare, daß der Glaube ihn verwandeln könne. Was ihn trug, war nicht Tapferkeit, sondern die Überzeugung, dass diese Sätze zutrafen.
  654. Er hatte 11 Jahre vor Flossenbg beschrieben, wie er sterben würde. Sein Werk erschien überwiegend nach seinem Tod, herausgegeben von Eberhard Betke,
  655. der die Briefe aufbewahrt und geordnet hatte. Nachfolge, gemeinsames Leben, Ethik und die Gefängnisbriefe wurden in zahlreiche
  656. Sprachen übersetzt und gehören zu den meist gelesenen theologischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Maria von Wedemier ging nach dem Krieg in die Vereinigten
  657. Staaten, studierte Mathematik und veröffentlichte den Briefwechsel erst spät. Karl und Paula Bonhöfer erlebten das
  658. Kriegsende in Berlin und starben in den 50er Jahren. Im Juli 1998 wurden über dem Westportal der Westminsteri in London zehn Standbilder
  659. enthüllt, die an Meertürer des 20. Jahrhunderts erinnern. Eine der Figuren zeigt Dietrich Bonnhöfer. Damit endet die Geschichte eines Mannes, der aus
  660. einem Haus kam, in dem über Gott kaum gesprochen wurde und der sein Leben an die Frage setzte, was der Glaube im Ernstfall bedeutet. Ich danke Ihnen sehr
  661. herzlich, daß Sie mich auf diesem Weg begleitet haben. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich über ein Gefallenzeichen und über Ihr
  662. Abonnement dieses Kanals.

Zum Nachlesen