Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Die Welle (2008)
Die Welle ist ein deutsches Filmdrama aus dem Jahr 2008. Jürgen Vogel spielt einen Lehrer, der seiner Schulklasse in einem von ihm konzipierten …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Vorlage
Die Welle ist ein deutsches Filmdrama von 2008 in deutscher Sprache. Der Film dauert 107 Minuten und ist in Deutschland und Österreich ab 12 Jahren freigegeben. Regie und Drehbuch stammen von Dennis Gansel; am Drehbuch wirkte außerdem Peter Thorwarth mit. Im Mittelpunkt steht ein Sozialexperiment, mit dem ein Lehrer seiner Klasse zeigt, wie autokratische, also auf straffer Führung und Gehorsam beruhende, faschistoide gesellschaftliche Strukturen entstehen können.
Die Handlung beruht auf dem Experiment „The Third Wave“, das der Lehrer Ron Jones 1967 an einer kalifornischen Schule durchführte. Weil seine Schüler nicht verstanden, wie der Nationalsozialismus möglich gewesen war, gründete Jones eine autoritär geführte Bewegung. Disziplin und Gemeinschaftsgefühl begeisterten viele Jugendliche; sogar Schüler aus anderen Klassen schlossen sich an. Jones beendete den Versuch am fünften Tag und erklärte die Parallelen zu nationalsozialistischen Jugendorganisationen.
Der Stoff wurde 1976 als Erzählung, 1981 als US-Fernsehfilm und ebenfalls 1981 als Roman von Morton Rhue verarbeitet. Die deutsche Ausgabe des Romans erschien 1984 und wurde mit mehr als 2,5 Millionen verkauften Exemplaren zu einer häufig verwendeten Schullektüre. Auch Theaterstücke und Rollenspiele griffen den Stoff auf.
Handlung des Films
Die Geschichte spielt in einer fiktiven deutschen Stadt in einem wohlhabenden sozialen Umfeld. Während einer Projektwoche zum Thema „Staatsformen“ erhält der beliebte Gymnasiallehrer Rainer Wenger statt seines bevorzugten Themas Anarchie das Thema Autokratie. Die Schüler halten die wiederholte Behandlung des Nationalsozialismus für langweilig und glauben, eine Diktatur sei im heutigen aufgeklärten Deutschland nicht mehr möglich. Wenger beginnt deshalb einen pädagogischen Selbstversuch.
Er verändert die Sitzordnung, verlangt, dass die Schüler zum Sprechen aufstehen und kurz antworten, und lässt sie im Gleichschritt marschieren. Aus diesen zunächst als Vorschläge dargestellten Übungen entsteht eine von ihm angeführte Bewegung. Ihre Grundsätze lauten „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“ und „Macht durch Handeln“. Weiße Hemden dienen als Erkennungsmerkmal und eine Art Uniform. Nach einer zunächst demokratischen Abstimmung erhält die Gruppe den Namen „Die Welle“. Ein Schüler entwirft ein Logo, außerdem wird eine gemeinsame Grußgeste eingeführt.
Die Bewegung wächst rasch über den Unterricht hinaus. Schüler aus anderen Kursen schließen sich an. Theaterproben werden strukturierter, die Wasserballmannschaft erhält mehr Zuschauer, und die Mitglieder beschützen einander. Sie sprühen das Logo an Wände und veranstalten eine spontane Feier. Der frühere Außenseiter Tim wird zum besonders fanatischen Anhänger und erklärt sich zu Wengers Leibwächter. Die freiheitlich gesinnte Karo erkennt dagegen zunehmend die Gefahren. Als sie Flugblätter gegen die Bewegung verteilt, wird sie von anderen Schülern angefeindet.
Wenger verliert die Kontrolle und genießt zugleich seine Führungsrolle. Erst nach Gewalttaten gegen Gegner beschließt er, die Welle aufzulösen. Bei einer Vollversammlung hetzt er die Anhänger zunächst gegen einen Schüler auf und lässt ihn als Verräter auf die Bühne bringen. Anschließend fragt Wenger, ob sie ihn auch getötet hätten, wenn er dies befohlen hätte. Als er erklärt, dass alles nur ein Experiment gewesen und nun beendet sei, wollen einige Schüler das nicht akzeptieren. Tim zieht eine Pistole, schießt einen Mitschüler an und erschießt sich anschließend selbst. Die Jugendlichen sind traumatisiert; Wenger wird von der Polizei abgeführt und erkennt im Polizeiwagen das Ausmaß seines Experiments.
Entstehung und filmische Veränderungen
Das Drehbuch basiert auf einem Artikel von Ron Jones über sein Experiment. Die Filmrechte lagen bei Sony. Dennis Gansel schrieb zunächst ein Jahr allein am Drehbuch und holte anschließend Peter Thorwarth als Koautor hinzu. Die Handlung wurde aus dem Kalifornien der 1960er Jahre in das Deutschland der Gegenwart verlegt. Der Ort bleibt namenlos und soll stellvertretend für das ganze Land stehen.
Gansel wollte Jones’ Versuch nicht exakt nacherzählen, sondern zeigen, wie er im heutigen Deutschland ablaufen könnte. Deshalb veränderte er Figuren, Dialoge, Anfang und Ende. Aus dem Footballteam der Vorlage wurde eine Wasserballmannschaft, und Wenger ist zugleich Lehrer und Trainer. Besonders stark weicht der Film durch die eingeführte körperliche Gewalt und das blutige Ende von der ursprünglichen Versuchsanordnung ab. Ron Jones stand dem Film als Berater zur Verfügung und erklärte, die Darstellung komme den tatsächlichen Ereignissen „unglaublich nahe“.
Die zunächst befragte bayerische Filmförderung lehnte das Projekt ab, weil sie es stark am Roman von Morton Rhue maß und im Drehbuch keine eindeutige Haltung des Lehrers gegen autoritäres Denken erkannte. Als erste Förderinstitution stieg das Medienboard Berlin-Brandenburg ein. Es folgten unter anderem die Filmförderungsanstalt, der Deutsche Filmförderfonds und Constantin Film. Das Budget betrug 4,5 Millionen Euro, gedreht wurde an 38 Drehtagen im Juli und August 2007. Wichtigster Drehort war das moderne Marie-Curie-Gymnasium in Dallgow-Döberitz; weitere Aufnahmen entstanden unter anderem in Berlin und Potsdam.
Konzept und Gestaltung
Gansel verbindet die Handlung mit der Frage, ob intensive Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus tatsächlich vor autoritären Bewegungen schützt. Gerade die Überzeugung, so etwas könne nur anderen Menschen passieren, betrachtet er als Gefahr. Der Film zeigt deshalb keine offen problematische oder sozial zerrüttete Umgebung, sondern eine wohlhabende Gesellschaft und einen liberal auftretenden Lehrer. Nach Gansels Konzept beruht die Anziehungskraft der Welle auf dem allgemeinen Bedürfnis nach Zugehörigkeit; entscheidend ist, welches Ziel eine Gruppe verfolgt.
Der Film soll die Bewegung zunächst verführerisch erscheinen lassen, damit das Publikum ihre Anziehungskraft miterlebt. Wengers lockeres Auftreten erzeugt anfangs sogar die Erwartung einer Komödie. Die Handlung ist linear erzählt und durch die fünf Tage der Projektwoche gegliedert, deren Beginn jeweils eingeblendet wird. Parallelmontagen zeigen, wie unterschiedlich Schüler und Eltern dieselben Ereignisse wahrnehmen. Die Kamera verwendet Auf- und Untersichten, um Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Die Schlussversammlung erinnert in der Perspektive an Nazi-Wochenschauen, während die Graffiti-Aktion wie ein Musikvideo gestaltet ist.
Schnelle harte Schnitte, eine rasante Kameraführung und treibende Rockmusik verstärken die Dynamik. Am Ende wechselt der Film stärker in Wengers subjektive Wahrnehmung. Lange Zeitlupenaufnahmen spiegeln seine Selbstvorwürfe, nachdem er abgeführt wurde. Das drastische Ende soll das Publikum nach der langen Verführung schockieren und eine eindeutige Gegenposition zur autoritären Bewegung schaffen.
Bewertung und Kontroversen
Die deutsche Kritik war deutlich gespalten. Einig war man sich vor allem über die schauspielerischen Leistungen. Jürgen Vogel wurde als glaubwürdig und ideal besetzt beurteilt; Frederick Lau erhielt als Tim besondere Anerkennung. Die Figurenzeichnung und die Inszenierung wurden dagegen unterschiedlich bewertet.
Kritiker bemängelten, die psychologische Entwicklung komme zu kurz. Wenger und die Schüler wirkten teilweise wie Klischees oder klar zugewiesene Typen. Besonders Karos Wandel von einer Mitmachenden zur entschlossenen Gegnerin sei nicht ausreichend begründet. Auch die schnelle Begeisterung der Schüler und Wengers eigenes Hineingleiten in die Führungsrolle erschienen einigen Rezensenten wenig glaubhaft. Andere verteidigten die klare Kategorisierung, weil ein solches Experiment eindeutig definierte Rollen und Bedingungen brauche.
Umstritten war außerdem das Ende. Einige hielten die Tötung und den Suizid für eine unnötige Orientierung an Schulmassakern, da Jones’ Experiment bereits ohne Blut die Entstehung eines Alltagsfaschismus gezeigt habe. Andere lobten die Erschütterung, die dadurch ausgelöst werde. Positiv wurde bewertet, dass der Film die Faszination der Bewegung spürbar mache, ohne dem Publikum fertige Antworten zu geben.
Auch die Versuchsanordnung selbst wurde kritisiert. Einige hielten die Übertragung aus den USA nach Deutschland für historisch und gesellschaftlich nicht überzeugend oder fanden, der Film erkläre Gemeinschaftsgefühl zu undifferenziert als gefährlich. Andere sahen darin eine klare Analyse, wie eine Gemeinschaft das Individuum unterwerfen kann, und empfahlen den Film für den Unterricht. Ausländische Kritiken lobten teilweise die realistischen jungen Darsteller und die universelle Bedeutung, bemängelten aber unter anderem die abrupten Verhaltensänderungen und eine zu akademische oder zu banale Inszenierung.
Veröffentlichung und Auszeichnungen
Die Welle startete mit 279 Kopien am 13. März 2008 in Deutschland und am 14. März in Österreich. In Deutschland erreichte der Film 2,5 Millionen Kinobesucher. Zum Kinostart erschien die Broschüre „Material für den Unterricht“, die Lehrkräfte bei der Vor- und Nachbereitung eines Kinobesuchs unterstützen sollte. Außerdem wurde ein offizieller Roman zum Film von Kerstin Winter veröffentlicht.
Beim Deutschen Filmpreis 2008 gewann Frederick Lau den Preis für die Beste männliche Nebenrolle. Der Film erhielt außerdem den Filmpreis in Bronze in der Kategorie Spielfilm; Ueli Christen war für den Schnitt nominiert. Jürgen Vogel wurde beim Europäischen Filmpreis 2008 als Bester Darsteller nominiert. Auf dem Sundance Film Festival lief der Film in der Sektion World Cinema – Dramatic, erhielt dort aber keine Auszeichnung. Für den deutschen Auslands-Oscar war er in der engeren Auswahl, unterlag jedoch Der Baader Meinhof Komplex.
Im April 2018 wurde bekannt, dass Rat Pack Filmproduktion im Auftrag von Netflix eine auf dem Film basierende Serie mit dem Titel Wir sind die Welle produzieren werde.