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Erzählperspektive
Die Erzählperspektive eines erzählenden Textes (Epik) ist eine Antwort auf die Frage „Wo sieht und spricht der Erzähler?“ oder auch „Was kann der Erzähler …
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Grundidee und zentrale Begriffe
Die Erzählperspektive eines erzählenden Textes beantwortet vor allem die Fragen: „Wo sieht und spricht der Erzähler?“ und „Was kann der Erzähler wissen?“. Sie beschreibt, wie und aus welcher Sicht erzählt wird. Davon zu unterscheiden ist die Erzählform: Sie gibt an, wer erzählt beziehungsweise in welcher grammatischen Person erzählt wird. Auch die Erzählhaltung ist nicht dasselbe wie die Erzählperspektive.
Erzählungen geben Wirklichkeit niemals völlig voraussetzungslos wieder. Eine Erzählinstanz – das Subjekt, das ein Geschehen sprachlich vermittelt – wählt Ereignisse aus, ordnet sie zu einer Geschichte und stellt sie aus einem bestimmten Blickwinkel dar. Perspektive umfasst deshalb unter anderem Wahrnehmung, räumliche und zeitliche Position, Wissen, Nähe zu den Figuren und mögliche Wertungen. Der Autor erschafft den Erzähler, ist aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Ebenso darf die Absicht des Erzählers nicht automatisch als Absicht des Autors verstanden werden.
Die Erzählperspektive gehört zu den wichtigsten Kategorien der Narratologie, also der wissenschaftlichen Untersuchung von Erzählungen. Gérard Genette bezeichnet die Regelung des Wissens und Wahrnehmens als „Fokalisierung“. Er trennt dabei streng zwischen Modus („Wer sieht?“) und Stimme („Wer spricht?“). Schmid verwendet Erzählperspektive als Oberbegriff für den gesamten Vorgang des Wahrnehmens und sprachlichen Weitergebens eines Geschehens.
Literatur kann berichtend erzählen („telling“) oder den Eindruck eines unmittelbaren Zeigens erzeugen („showing“), etwa durch Dialoge und genaue Beschreibungen. Der Leser kann dadurch meinen, selbst am Geschehen teilzunehmen. Roland Barthes nennt dies „Wirklichkeitseffekt“, Genette „Mimesis-Illusion“. Perspektive bleibt dabei eine Metapher, weil Literatur ausschließlich mit Sprache arbeitet.
Merkmale zur Analyse
Bei der Untersuchung eines Erzähltextes ist zunächst zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden: Die Ebene des Dargestellten betrifft das „Was“, also Inhalt und erzählte Welt. Die Ebene der Darstellung betrifft das „Wie“, darunter Erzähler, Erzählperspektive, Form, Stil und Aufbau.
Wichtige Analysefragen sind: Steht der Perspektiventräger innerhalb oder außerhalb der erzählten Welt? Was nimmt er wahr? Wie viel weiß er über Handlung und Figuren? Nimmt der Erzähler selbst wahr oder übernimmt er die Wahrnehmung einer Figur? Wie groß ist seine Distanz zum Geschehen? Berichtet ein außerhalb der erzählten Welt stehender Erzähler aus eigener Sicht oder aus Figurenperspektive?
Mair (2016) beschreibt Perspektive als Auswahl, Präsentation und Wertung des Dargestellten. Zu ihren Parametern zählen Blickpunkt, Blickwinkel, Wahrnehmung, Wissenshorizont, Introspektion und Wertung. Dazu kommen Gegensätze wie extern oder intern, breit oder eng, fern oder nah, Erzähler- oder Figurenwahrnehmung, unbeschränktes oder beschränktes Wissen, Außen- oder Innensicht sowie neutrale oder nichtneutrale Wertung.
Ein Ich-Erzähler besitzt gewöhnlich einen eingeschränkten, subjektiven Standpunkt, weil er nicht alles über die erzählte Welt wissen kann. Ein auktorialer, also allwissender Erzähler hat dagegen grundsätzlich Zugang zu allen Informationen. Die Innenperspektive gehört zum homodiegetischen beziehungsweise diegetischen Erzähler: Er erzählt als Figur Selbsterlebtes. Der heterodiegetische beziehungsweise nichtdiegetische Erzähler berichtet in Außenperspektive über „Fremdes“, also über nicht selbst Erlebtes.
Ein literarischer „point of view“ kann ganze Szenen oder einen vollständigen Text bestimmen. Er ist daher nicht mit dem filmischen Point-of-View-Shot gleichzusetzen, der eine einzelne Einstellung aus dem Blickwinkel einer Figur bezeichnet. Erzählerische Perspektive betrifft außerdem nicht nur das Wahrgenommene, sondern auch die Entscheidung, was auf welche Weise berichtet wird.
Stanzels Erzählsituationen
Franz K. Stanzels typologisches Modell untersucht drei Merkmale: die Perspektive als Innen- oder Außenperspektive, die Person als Identität oder Nichtidentität von Erzähler und Figur sowie den Modus. Beim Modus wird danach gefragt, ob eine Erzählerfigur deutlich hervortritt oder ob eine Reflektorfigur im Mittelpunkt steht. Eine Reflektorfigur ist meist die Hauptfigur, durch deren Wahrnehmung sich die Geschichte entfaltet.
Stanzel unterscheidet drei Grundtypen:
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In der Ich-Erzählsituation ist der Erzähler eine Figur der Handlung, steht deutlich im Vordergrund, besitzt eine begrenzte Perspektive und weist eine große emotionale Nähe zum Geschehen auf.
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Die auktoriale Erzählsituation arbeitet mit einem gewissermaßen allwissenden und distanzierten Erzähler. Er kann verschiedene Zeitebenen überblicken und sich unmittelbar an den Leser wenden.
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In der personalen Erzählsituation steht eine Reflektorfigur innerhalb des Geschehens im Vordergrund. Ein erklärender Erzähler tritt nicht hervor.
Ein typisches Beispiel für personales Erzählen ist die erlebte Rede. Dabei lässt sich keine klar abgegrenzte Erzählerstimme von der Figurenrede unterscheiden. Der Erzähler ist nicht mit der Figur identisch, nimmt aber eine Innenperspektive ein.
Gelegentlich wird außerdem ein „neutraler“ Erzähler genannt. Er bleibt scheinbar unsichtbar und nicht wertend, kommentiert das Geschehen nicht, überblickt weder Vergangenheit noch Zukunft und schildert nur äußerlich Wahrnehmbares. Diese Form findet sich besonders bei vorherrschender direkter Rede und häufig im Drama. In der heutigen Literaturwissenschaft spielt sie jedoch kaum eine Rolle; Stanzel selbst revidierte den Begriff. Allgemein können Erzähltexte auch widersprüchliche Standorte, etwa Innen- und Außenperspektive zugleich, miteinander verbinden. Typologien sind deshalb nützliche Orientierungshilfen, können konkrete Texte aber nicht immer vollständig erfassen.
Modelle von Genette und Schmid
Genette trennt den Modus des Erzählens von der Stimme. Zum Modus gehören Fokalisierung und Distanz: Fokalisierung bezeichnet den Umfang des Wissens über Figuren und erzählte Welt; Distanz oder Nähe zeigt sich unter anderem in der Verwendung direkter oder indirekter Rede. Die Stimme betrifft die Diegese, also das Verhältnis des Erzählers zur erzählten Welt.
Der Erzähler kann als Figur zur Handlung gehören oder außerhalb von ihr stehen. Beide Fälle können mit einer Innen- oder Außensicht verbunden sein. Daraus ergeben sich vier Möglichkeiten: Ein Held erzählt die von innen analysierte eigene Geschichte; ein Zeuge schildert als Figur von außen beobachtete Ereignisse; ein außenstehender Erzähler berichtet von außen beobachtete Ereignisse; oder ein allwissender Erzähler analysiert Ereignisse von innen.
Schmid (2005) definiert Erzählperspektive „als der von inneren und äußeren Faktoren gebildete Komplex von Bedingungen für das Erfassen und Darstellen eines Geschehens“. Für ihn gibt es keine Erzählung ohne Perspektive. Er unterscheidet zwei Grundmöglichkeiten: Bei der personalen oder figuralen Perspektive übernimmt der Erzähler die individuelle, subjektive Sicht einer oder mehrerer Figuren. Bei der narrationalen Perspektive übernimmt er die Figurensicht nicht vollständig, sondern besitzt eine eigene Perspektive. Daher kennt Schmids Modell keine neutrale Perspektive.
Schmids Unterscheidung kann mit diegetischem und nichtdiegetischem Erzählen kombiniert werden. Ein narrational nichtdiegetischer Erzähler gehört nicht zur erzählten Welt und entwickelt eine eigene, von der Figurenwahrnehmung unabhängige Perspektive. Ein personal diegetischer Erzähler ist selbst die wahrnehmende Figur. Ein personal nichtdiegetischer Erzähler gehört nicht zur erzählten Welt, erzählt aber aus der Sicht einer Reflektorfigur und kann deren Inneres darstellen. Ein narrational diegetischer Erzähler übernimmt die Sicht seines früheren, erzählten Ich.
Schmid untersucht fünf Perspektivparameter: Die räumliche Perspektive betrifft den Standort des wahrnehmenden Subjekts. Die zeitliche Perspektive fragt, ob der Erzähler die zeitliche Position einer Figur übernimmt oder Abstand zu ihr hält. Die sprachliche Perspektive zeigt, ob er Ausdrucksweise und Sprache der Figur verwendet oder seine eigene Sprache spricht. Die perzeptive Perspektive betrifft die Übereinstimmung oder Abweichung der Sicht- und Denkweisen von Erzähler und Figur. Die ideologische Perspektive untersucht Werte und Haltungen: Der Erzähler kann die Wertungen einer Figur übernehmen oder eigene Wertungskriterien entwickeln.
Schmids personale Perspektive ähnelt Genettes interner Fokalisierung, ist aber nicht identisch mit ihr. Bei interner Fokalisierung besitzt der Erzähler denselben Wissensstand wie die Figur, kann sich jedoch wertend von ihr unterscheiden. Schmids personale Perspektive schließt eine solche distanzierte Betrachtung aus.
Erzählperspektive im Film
Auch Filme können Geschichten mittelbar im „narrativen Modus“ oder scheinbar unmittelbar im „dramatischen Modus“ darstellen. Dennoch werden die Ereignisse stets durch eine vermittelnde Instanz geordnet und präsentiert. Diese Vermittlung kann durch eine erkennbare Erzählerfigur oder durch filmische Mittel erfolgen.
Ein personalisierter Erzähler ist an eine Filmfigur gebunden und sichtbar oder hörbar. Er kann innerhalb oder außerhalb der Geschichte stehen, führt die Zuschauer durch das Geschehen und kann es kommentieren oder reflektieren. Ein Film kann aber auch ohne identifizierbare Erzählerfigur erzählen. Dann lenken unter anderem Kameraarbeit, Tontechnik und Schrifteinblendungen die Wahrnehmung und erzeugen eine narrative Ordnung.
Die Diegese beschreibt auch im Film das Verhältnis des Erzählers zur erzählten Welt. Ein homodiegetischer Erzähler gehört zur Filmgeschichte und kann Hauptfigur, Nebenfigur oder Beobachter sein. Ein heterodiegetischer Erzähler steht außerhalb der erzählten Welt und kann nicht in das Geschehen eingreifen. Entsprechend lassen sich heterodiegetische Formen, bei denen der Erzähler nicht zur Filmwelt gehört, intradiegetische Formen, bei denen er Teil der Filmwelt ist, und autodiegetische Formen unterscheiden, bei denen der Erzähler zugleich Protagonist beziehungsweise Hauptdarsteller ist. Der Begriff eignet sich ebenfalls zur Beschreibung von Rahmenerzählungen.
Beim Voiceover wird eine Stimme über eine andere Tonaufnahme oder eine Filmszene gelegt. Sie wird als Erzählerstimme wahrgenommen, die vergangene oder gegenwärtige Ereignisse erläutert, kommentiert und einen Standpunkt erkennen lassen kann. Bei einer internen Erzählperspektive spricht eine Figur, die am Geschehen beteiligt ist oder war. Bei einer externen Erzählperspektive spricht ein Off-Erzähler aus einer Position außerhalb des Geschehens.
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