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Die Stadt in der Stadt
„Die Stadt in der Stadt“ ist ein Topos für polyzentrische Planungskonzepte innerhalb der städtebaulichen Disziplin, der ab Mitte der 1970er Jahre von …
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Kernidee und Bedeutung
„Die Stadt in der Stadt“ bezeichnet ein polyzentrisches Planungskonzept des Städtebaus. Es geht davon aus, dass eine Stadt nicht als einheitlicher, gleichförmiger Körper verstanden werden muss, sondern als Netzwerk eigenständiger, charakterstarker Einheiten. Diese Einheiten können Stadtviertel, Gebäudegruppen, kulturelle Einrichtungen oder andere räumlich und funktional erkennbare Bereiche sein. Als Netzwerk erzielen sie eine größere Wirkung als isolierte Einzelobjekte.
Seit Mitte der 1970er Jahre wurde der Begriff von europäischen Architekten verwendet und mit der Metapher des „Archipels“ verbunden. Ein Archipel besteht aus einzelnen Inseln, die durch einen gemeinsamen Raum miteinander verbunden sind. Übertragen auf die Stadt bedeutet dies: Mehrere „Stadtinseln“ liegen in einem größeren städtischen oder landschaftlichen Zusammenhang. Das Modell kann nicht nur für Stadtplanung, sondern auch für historische Analysen, Kunst, soziokulturelle Untersuchungen und globale Klimastrategien eingesetzt werden.
Im Unterschied zur Theorie der „Collage City“ von Colin Rowe und Fred Koetter, die 1978 veröffentlicht wurde und sich eher mit den Beziehungen zwischen Gebäuden, angrenzenden Strukturen und Freiräumen innerhalb einer Stadt beschäftigt, zielt die Archipel-Theorie auf Stadtteile im Gesamtgefüge. Sie arbeitet makroskopisch und polyzentrisch und verzichtet auf den Anspruch, die gesamte Stadt zu einer einheitlichen räumlichen Ordnung zu verbinden. Ziel ist vielmehr, durch mehrere eigenständige Elemente eine „Einheit in der Vielfalt“ zu erzeugen.
Historische Entwicklung zum grünen Städtearchipel
Die Grundvorstellung lässt sich bis zu typologischen Betrachtungen der Stadt zurückverfolgen. Stadtviertel können als Teile einer Gesamtstadt und einzelne Gebäude wiederum als „kleine Stadt“ verstanden werden. Leon Battista Alberti entwickelte in seiner zwischen 1443 und 1452 entstandenen Schrift De re aedificatoria ein Stadtbild, in dem öffentlicher Raum und Gebäude gleichrangig betrachtet werden. Eine ähnliche Sichtweise zeigt Giovanni Battista Nollis Romkarte von 1748. Giovanni Battista Piranesi stellte 1756 Rom als Zusammensetzung baulicher und topographischer Elemente dar.
Polyzentrische Strukturen finden sich auch in historischen Karten, in der Siedlungsgeschichte und in größeren Baukomplexen, die sich eigenständig aus einem Stadtgefüge herauslösen. Genannt werden unter anderem das teilweise verwirklichte Kaiserforum mit Hofburg und Museumsquartier in Wien sowie der Klosterkomplex innerhalb von St. Gallen. Eliel Saarinens Planung für „Gross-Helsinki“ von 1918 verband mehrere Zentren durch Verkehrsverbindungen. Alvar Aalto entwickelte von 1947 bis 1953 für Imatra den Masterplan einer „Waldstadt“ mit den drei weit auseinanderliegenden Zentren Imatrankoski, Tainionkoski und Vuoksenniska. Einheitliche Grünzüge verbanden die Siedlungen mit dem vorhandenen Wald.
Ein wichtiger Vorläufer der Archipelmetapher waren Guy Debords Kartensegmente von Paris aus dem Jahr 1957 beziehungsweise 1961. Sie zeigten eine fragmentierte Stadt, die durch gesellschaftliche Umstrukturierungen entstanden war, und bezogen auch die Wahrnehmungen der Bewohner verschiedener Stadtviertel ein.
1976 verwendete Leon Krier den Ausdruck zunächst auf Englisch für seinen Entwurf „A City within a City“ zum neuen Quartier de la Villette. Im selben Jahr beschrieb Rem Koolhaas Gebäude im Entwurf des „Egg of Columbus Center“ in New York City als „a city within a city“. 1977 wurde „Die Stadt in der Stadt“ zum Arbeitstitel der ersten Berliner Sommerakademie der Cornell University. Oswald Mathias Ungers und Peter Riemann entwickelten dort für West-Berlin das Konzept eines „Grünen Städtearchipels“.
Ausgangspunkt war die politisch und wirtschaftlich schwierige Situation West-Berlins als schrumpfende Metropole nach dem Mauerbau. Die bestehende Stadtstruktur wurde mithilfe von Schwarzplänen subjektiv-analytisch in erkennbare Einheiten zerlegt und anschließend synthetisch neu zusammengesetzt. Diese Einheiten wurden als „minicities“ bezeichnet. Sie sollten erhalten und verstärkt werden, während begrünte Restflächen die Stadtinseln umgaben. Das Konzept plante damit erstmals nicht das Wachstum einer Metropole, sondern ihre kontrollierte Schrumpfung und gilt als einer der ersten großen theoretischen Ansätze zum Umgang mit „Shrinking Cities“.
Das Konzept wurde 1978 unter dem Titel „Cities within the city“ auf Englisch und Italienisch veröffentlicht. Weitere Darstellungen erschienen im IBA-Katalog „Idee – Prozess – Ergebnis“ von 1984 und im Katalog „La Ricostruzione della Citta`“ zur XVII. Triennale di Milano von 1985. 2013 veröffentlichten Florian Hertweck und Sébastien Marot das Manifest „The City in the City – Berlin: A Green Archipelago“ auf Deutsch, Englisch und Französisch. Dadurch setzte sich der Begriff der Archipel-Theorie weiter durch.
Übertragung auf andere Stadtplanungen
Nach ihrer Entstehung für West-Berlin wurde die Idee an andere Orte und Aufgaben angepasst. Sie war nun nicht mehr nur ein Denkbild für die Internationale Bauausstellung oder ein Modell für eine schrumpfende Stadt, sondern wurde auf städtebauliche, politische und gesellschaftliche Situationen übertragen.
1991 entwickelte Rem Koolhaas mit OMA für den Wettbewerb „Mission Grand Axe“ zur Gestaltung der Hauptachse von Paris westlich von La Défense eine verwandte Strategie. Thema waren das Verhältnis der Vororte zur Stadt, die Entwicklung des städtischen Gefüges, Monumentalität sowie städtische Dienstleistungen und Einrichtungen. OMA ging von einer maximalen wirtschaftlichen Lebensdauer von 25 Jahren für ein durchschnittliches zeitgenössisches Gebäude aus. Dadurch wurde ein „gigantischer Bereich theoretischer Leerstandsflächen“ sichtbar. Ein konzeptionelles und operatives Raster sollte schrittweise über das Wettbewerbsgebiet gelegt werden, sobald Gebäude das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichten. Erhaltenswerte Einheiten wie die Universität in Nanterre, Wogenskys Justizpalast und der Parc André Malraux sollten aufgenommen werden. La Défense sollte so ihren Enklavenstatus verlieren und Teil eines größeren Systems werden; CNIT, Grande Arche und Tour Fiat sollten als „Pariser Akropolis des 20. Jahrhunderts“ bestehen bleiben.
Das Berliner Kulturforum wurde ebenfalls im Zusammenhang mit der Stadt-in-der-Stadt-Idee diskutiert. Das „Planwerk Innenstadt Berlin“ entwickelte ab 1997 eine Strategie zur Reurbanisierung und Revitalisierung der Historischen Mitte und der City West. Das Kulturforum mit neun bedeutenden Kulturinstitutionen wurde 2015 als „öde Brache im Zentrum der Stadt“ kritisiert. Bemängelt wurde, dass dort eine erkennbare Stadtteilstruktur fehle und autonome Einzelobjekte ohne ausreichende Beziehung zueinander stünden. Nach dem Masterplan Kulturforum Berlin 2025 soll für den zentralen Stadtraum ein stimmiges und identitätsstiftendes Gesamtbild entstehen.
Die Kulturstiftung des Bundes griff die Frage schrumpfender Städte von 2006 bis 2008 in einem Projekt mit Ausstellungen in Bulgarien, den USA, Japan, Großbritannien und Deutschland erneut auf. Dabei standen identitätsstiftende Baustrukturen und der städtische Zusammenhang im Mittelpunkt.
Archipele, Enklaven und Klimaräume
2015 wurde eine Verbindung zwischen dem Berliner Stadtarchipel und den Enklaven des Distrikts Koch Bihar hergestellt. Die Karte veranschaulichte politische und wirtschaftliche Grenzstreitigkeiten zwischen Indien und Pakistan sowie daraus entstandene Bevölkerungsverschiebungen. Während das Berliner Modell ein bewusst geplanter architektonischer Entwurf war, entstanden die Enklaven als geopolitisch erzwungene „Städte in der Stadt“. Eine ähnliche Aktualität wurde für den Gazastreifen und das Westjordanland festgestellt. Beide Gebiete wurden mit West-Berlin zwischen 1945 und 1990 verglichen, befinden sich jedoch nicht in einer Situation sinkender, sondern wachsender Bevölkerung.
2018 wurde die Metapher des „grünen Archipels“ auf die Beziehung von Meeres- und Küstenlandschaften übertragen. Festland und Wasserlandschaft können einen kreativen Gegensatz bilden. Schwimmende Strategien, etwa in Anlehnung an Kikutakes „Marine City“ von 1958 und den „Shallow Sea Type Community“, wurden als Fortsetzung eines bestehenden Land- und Inselnetzwerks beschrieben. Ein solches Netzwerk kann auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren, die sich aus Tourismus und Migration ergeben.
Die ursprüngliche Idee eines von Grünflächen umgebenen Netzes aus „minicities“ verband Stadtraum und Grünraum. Im Zusammenhang mit städtischen Wärmeinseln wurde daraus die Vorstellung, isolierte städtische Mikroklimata bewusst zu gestalten. Eine urbane Wärmeinsel bezeichnet dabei ein besonders aufgeheiztes Stadtgebiet. In der Stadtplanung geht es zunehmend nicht mehr nur um das Klima einzelner Gebäude, sondern auch um das Stadtklima und die urbane Hitze.
Die Ausstellung „Emerging Ecologies“ im Museum of Modern Art von 2023 zeigte Reaktionen US-amerikanischer Architekten auf die Umweltkrise der 1960er und 1970er Jahre. Auch das europäische Modell des Berliner „Green Archipelago“ wurde einbezogen. Für die damaligen Architekten standen Umwelt und Natur allerdings nicht im Mittelpunkt; die Grünflächen dienten im Rahmen des Schrumpfungsprozesses vor allem als notwendiges „Bindemittel“, das den ausgewählten Stadtinseln Kontur gab.
Urban-rurale und soziale Übertragungen
Die Archipelperspektive wird auch auf das Verhältnis von Stadt und Land angewendet. Um räumliche Entwicklungen zu beschreiben, soll das Stadt-Land-Kontinuum abgebildet und zugleich in unterscheidbare Bereiche gegliedert werden. Ein Beispiel ist die „Urban-Rural-Typologie“ der Statistik Austria vom Januar 2025. Stadt und Land können wirtschaftlich miteinander vernetzt sein; außerdem müssen sich landschafts- und stadtgestalterische Planungen an der vorhandenen Topographie orientieren. Solche Systeme sind polyvalent und multilokal: Ihre Elemente erfüllen mehrere Funktionen und sind eher gleichrangig als hierarchisch angeordnet.
Auch im soziokulturellen Bereich steht der Archipel für Multilokalität. Damit ist nicht nur die Nutzung verschiedener Orte gemeint, sondern die Verbindung mehrerer angeeigneter Lebensorte, die für bestimmte Akteure Bedeutung besitzen. Zwischen diesen Orten bestehen unterschiedlich intensive politische oder individuelle Beziehungen. Die „Inseln“ sind die erlebten Lebensorte; das „Meer“ dazwischen besteht aus ungenutzten oder nicht unmittelbar erlebten Räumen sowie aus mobilen und immobilen Durchgangsstationen, zum Beispiel Zugabteilen und Bahnhöfen. Die Archipelperspektive ermöglicht es, Multilokalität in einem umfassenderen theoretischen Rahmen zu betrachten.
Eine solche multilokale Lebensweise kann Ortswechsel zum Arbeiten und Wohnen voraussetzen. Unter dem Begriff Dislozierung ist diese Aufteilung auf verschiedene Orte insbesondere beim Militär, in militärähnlichen Strukturen, in Unternehmen mit Filialnetzen und bei Behörden bekannt.